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Artikel von K. Göring-Eckardt

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Katrin Göring-Eckardt

Katrin Göring-Eckardt

ist Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Von wegen verträumte Weltverbesserer

von Katrin Göring-Eckardt am 12. Oktober 2011

Petra Pinzlers Buch „Immer mehr ist nicht genug – Vom Wachstumswahn zum Bruttosozialglück“ ist ein Appell an die Politiker, schreibt Katrin Göring-Eckardt in ihrer Rezension: Akzeptiert, dass den Menschen Lebenszufriedenheit einfach wichtig ist.


Wer heute Kritik am Wachstumsimperativ äußert, stößt schnell auf Widerstände, ja auf Ablehnung. Zu tief hat sich das neoliberale Dogma vom Wachstum als höchstes politisches, wirtschaftliches und damit gesellschaftliches Ziel in den Köpfen vieler Menschen verankert. Dabei sind seit dem Erscheinen der berühmten Studie „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome 1972 bereits fast 40 Jahre vergangen, in denen wir weiterhin munter auf eben jenes Wachstum gesetzt haben – bis an die Grenzen und darüber hinaus. Die Folgen sind gravierende Umweltschäden, zunehmender Ressourcenmangel, soziale Spannungen. Selbst die grassierende Finanz- und Schuldenkrise hat ihre Ursachen in einem völlig überspannten Wirtschaften von Banken, Unternehmen, ja von ganzen Staaten. Es ist an der Zeit, die Diskussion über die Grenzen des Wachstums wieder aufzunehmen und zu beleben.



Petra Pinzler leistet mit ihrem Buch „Immer mehr ist nicht genug – Vom Wachstumswahn zum Bruttosozialglück“ einen wichtigen Beitrag dazu. Die Autorin bietet einen guten Überblick über die verschiedenen Perspektiven auf das Thema: von der Frage des Verhältnisses von Wachstum und individuellem, privatem Glück bis hin zum Klimawandel; von sozialer Ungleichheit bis hin zur Verantwortung der Politik.



Der Enquete-Kommission am Deutschen Bundestag mit dem etwas sperrigen Namen „Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft“ widmet Pinzler ein ganzes Kapitel. Anfangs eher belächelt, ist diese Kommission Ausdruck eines Wandels, in der Bevölkerung, in der Wissenschaft und, wenn auch noch zu langsam, in der Politik. Es ist ein Wandel in der Frage, wie die Menschen in diesem Land, in dieser Gesellschaft glücklich sein können, wie sie leben wollen und welche Prioritäten sie haben. Das sind keineswegs „softe“ Themen für politische Warmduscher und verträumte Weltverbesserer. Es sind fundamentale Fragen für die Zukunft von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Selbst große Teile der Wissenschaft haben inzwischen erkannt, dass die Aussagekraft des leicht messbaren Bruttoinlandprodukts bzw. dessen jährliches Wachstum kein ausreichender Indikator für die Zufriedenheit der Menschen ist. Im Gegenteil: Obwohl Deutschland im Gegensatz zu seinen Nachbarn bisher ziemlich gut aus der Krise gekommen ist und die Wirtschaft wieder brummt, sind die Menschen immer unzufriedener. Es scheint ihnen also um etwas anderes zu gehen als um immer mehr materiellen, gesellschaftlichen Wohlstand, als um die Steigerung des Bruttoinlandprodukts – für viele ohnehin eine abstrakte Größe.

Es gilt herauszufinden, was es sein kann und wie es zu erreichen ist.

„Immer mehr ist nicht genug“ stellt entsprechend auch Politiker vor die Aufgabe, sich diesem Mentalitätswandel zu stellen und neue Antworten zu finden. Das ist angesichts des jahrzehntelangen Wachstumsprimats, das auch von den meisten Politikerinnen und Politikern verinnerlicht wurde, eine Aufgabe, die nicht ohne erhebliche Widerstände erfüllt werden kann. Die Beharrungskräfte sind groß. Und doch ist es höchste Zeit, sich auf den Weg zu machen, zu werben und zu überzeugen, dass es so nicht weitergehen kann, nicht weitergehen soll. Petra Pinzlers Buch kann dabei eine wertvolle Hilfe sein, wenn es gilt, gerade auch in der Politik zu sensibilisieren und den Volksvertretern klarzumachen, dass zukünftig Zustimmung zu Politik auch mit davon abhängt, ob wir erkennen, was die Zufriedenheit der Menschen steigert.




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