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Artikel von D. Weyand

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David Weyand

David Weyand

lebt und arbeitet als freier Journalist in Berlin.

Wo kütt dat Geld her?

von David Weyand am 10. November 2011

„Zeit für Gerechtigkeit!“ - V. Bei der Podiumsdiskussion „Gesundheit für alle Menschen“ debattierten Thomas Pogge und Karin Roth über ein gerechteres globales Gesundheitssystem. Mit dabei: Unser Autor David Weyand.


Panel in der FES: „Es fehlt ein großer Batzen Geld“

„Wo kütt dat Geld her?“ – fragte die Kölnerin Ingrid Matthäus-Maier zum Abschluss ihrer Eingangsrede. Die ehemalige Bundestagsabgeordnete und Ex-Vorsitzende der KfW hatte zuvor auf die große Bedeutung von Gesundheit in Gerechtigkeitsdiskursen hingewiesen. Menschen in Ländern des globalen Südens hätten eine deutlich geringere Lebenserwartung, dort sei die Kindersterblichkeit sehr hoch und es gebe zu wenig medizinische Innovationen bei Krankheiten, von denen besonders arme Menschen betroffen sind. Wie und von wem in Zukunft global Medikamente und Gesundheitsdienstleistungen finanziert und bereitgestellt werden sollten, war das zentrale Thema der folgenden Diskussion.

Der Philosoph, Armuts- und Gerechtigkeitsforscher Thomas Pogge wies auf die Diskrepanz zwischen einem idealen Gesundheitssystem und der Realität hin. Ein optimales System würde jedem Patienten Zugang zu notwendigen Medikamenten ermöglichen, unabhängig von seiner Herkunft und seinem Einkommen. Forschungsgelder würden in Innovationen fließen, die den größten Gesundheitsnutzen versprächen.

Wenig überraschend: die Realität sieht anders aus. Einen universellen Zugang zu Medikamenten gibt es nicht. Forschung und damit Innovationen sind wegen ungleicher ökonomischer Möglichkeiten auf wenige, reiche Länder fokussiert. Zudem gehen die Kosten für Lobbyarbeit, Patentrechte, Marketing und Rechtsverfahren der Pharmaindustrie in die Preise ein. „Ein großer Batzen Geld, der für die Erforschung neuer Medikament fehlt“, sagt Thomas Pogge. Die Folge: In den weniger entwickelten Staaten sterben täglich 50.000 Menschen - ein Drittel aller Todesfälle! - vorzeitig durch Krankheiten wie Durchfall, Malaria, Tuberkulose, Hepatitis oder HIV.

Als Alternative schlägt Pogge den „Health Impact Fund“ (HIF) vor, einen überwiegend von Staaten finanzierten und auf Leistung basierenden Vergütungsmechanismus. Pharmafirmen könnten sich entscheiden, ob sie ihre Produkte auf dem normalen Markt oder in einem alternativen Markt , dem HIF, anbieten wollen. Entscheiden sie sich für den HIF, wären sie verpflichtet, ihr Produkt weltweit zum geringstmöglichen Preis zu verkaufen. Als Ausgleich bekäme das Unternehmen eine Vergütung, die sich an der Verringerung der Krankheitslast bemessen würde, für die das Produkt verantwortlich ist. Klingt kompliziert, ist es laut Pogge aber nicht. Für die Friedrich-Ebert-Stiftung hat er sein Konzept ausführlich dargelegt.

Die Vorteile des HIF: Auch Arme könnten sich Medizin leisten und würden von positiven Gesundheitseffekten profitieren. Für Krankheiten, die überwiegend Arme betreffen, würden mehr Forschungsgelder ausgegeben. Pharmafirmen würden sich neue Märkte eröffnen und hätten ein Interesse an der flächendeckenden Verbreitung ihrer Produkte. Und auch Staaten würden profitieren, weil die Ausgaben für Gesundheit effizienter verteilt und die negativen gesellschaftlichen Folgen von Krankheiten reduziert würden. Als Anschubfinanzierung wären sechs Milliarden US-Dollar notwendig. Neben Staaten könnten langfristig auch private Geldgeber dazukommen. Ein Pilotprojekt in Indien soll bald beweisen, dass der HIF in der Praxis funktioniert. Institutionell könnte der HIF auch in den bereits bestehenden „Global Funds“ andocken.

Christian Wagner-Ahlfs, Med4all-Campaign, äußerte sich kritisch zum HIF. Zwar lobte er Pogges Ansatz, weil der den gesundheitlichen Nutzen in den Fokus stelle und eine globale Perspektive einnähme. Dennoch sieht er einen zentralen Konflikt: Zwischen privaten Unternehmens- und öffentlichen Gesundheitsinteressen. Seine Forderung: Vor allem die Forschung muss stärker öffentlicher Verantwortung unterliegen, als es der HIF vorsieht. Dazu müsste der Patentschutz gelockert werden.

Einen Ausgleich zwischen beiden Positionen forderte die Bundestagsabgeordnete Karin Roth (SPD). Wie Wagner-Ahlfs ist sie der Meinung, dass medizinische Forschung eine wichtige öffentliche Aufgabe bleibe. Doch dürfe das Kooperationen mit Privaten vor allem ab der kostenintensiven klinischen Testphase nicht ausschließen. Die Zusammenarbeit müsste aber an Bedingungen geknüpft werden. Der HIF – sie selbst sitzt im Beirat – stehe nicht im Widerspruch zu einem starken öffentlichen Forschungsinteresse, sondern sei eine sinnvolle Ergänzung. Man dürfe ihn nicht gleich verdammen, sondern müsse „Schnittpunkte suchen“. Wichtig sei aber die Einbeziehung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), über die die Gesundheitssysteme der Staaten reformiert werden müssten. „Allein das Medikamentenangebot zu verbessern, reicht nicht“.

Auch Hasbullah Thabrany, Professor für öffentliche Gesundheit an der Universität von Indonesien, unterstützt die Grundidee des HIF. In Indonesien probiere man dessen Mechanismen auf nationaler Ebene bereits aus: Mit Pharmafirmen werden Vereinbarungen über Preise getroffen und die Wirksamkeit von Medikamenten überprüft, bevor sie in die nationale Medikamentenliste aufgenommen werden.

Ob der HIF die globalen Gesundheitsprobleme wird lösen können, ist schwer vorauszusehen. Theoretisch klingt das Konzept vielversprechend, jetzt muss aber erst das Pilotprojekt überzeugen. Dass die Pharmakonzerne wirklich bereit sind, sich den Bedingungen des HIF zu unterwerfen und ihre bisherige Marktmacht aufzugeben, bleibt fraglich. Ebenso, wie einheitlich die Staatengemeinschaft hinter dem Projekt steht. Haben Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer wirklich dieselben Interessen? Ist Ländern mit einer traditionell starken Pharmaindustrie wie Deutschland an Strukturveränderungen und möglicherweise sogar Einschränkungen im Gesundheitsmarkt gelegen? Fest steht, dass Staaten ein grundlegendes Interesse an der Entwicklung von Medikamenten und des medizinischen Fortschritts haben sollten. Deshalb dürfen sie die Verantwortung für medizinische Forschung nicht aus der Hand geben.




1 Kommentare:

h. krummhaar

h. krummhaar am 09. April 2012 um 12:06 Uhr

Ja, wo kommt das Geld her, wenn schon hier bei uns der Ethikrat darüber diskutiert, welche medizinischen Mittel nicht mehr gewährt werden sollten.


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