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Artikel von C. Süß und F. Lennert

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Clara Süß

Clara Süß

studiert Politik- und Kommunikationswissenschaften an der TU Dresden. Während der Semesterferien macht sie ein Praktikum im Berliner Think Tank "Das Progressive Zentrum" und beim Debattenmagazin "Berliner Republik"

Felix Lennert

Felix Lennert

ist Stipendiat der Stiftung Mercator und der BAPP im Projekt "Die Zukunft des Sozialstaats" am Progressiven Zentrum in Berlin. Er hat Bildungs- und Sozialpolitik im Master of Public Policy an der Hertie School in Berlin und Wirtschaft und Philosophie in Montreal studiert. Felix ist Initiator und Co-Organisator der politischen Filmserie "Cinema Politica Berlin".

Wie macht man eine „Politik des guten Lebens“?

von Clara Süß und Felix Lennert am 01. Oktober 2013

Eine reformorientierte Gesellschaftspolitik steht im Zentrum medialer Aufmerksamkeit und politischer Bemühungen. Welche Impulse der Capability Ansatz dafür geben kann, diskutierten Prof. Dr. Jürgen Volkert, Dr. Ortrud Leßmann, Dr. Joachim Rock und Fedor Ruhose in der Friedrich-Ebert-Stiftung.


Das Fortschrittsforum bietet eine Plattform für den Austausch von Ideen und Impulsen für ein nachhaltiges und progressives Fortschrittsmodell - so auch am vergangen Dienstag, an dem die vier geladene Gäste unter der Moderation von Prof. Dr. Matthias Schmidt von der Beuth Hochschule für Technik über den Befähigungsansatz oder Capability Approach von Amartya Sen und Martha Nussbaum sowie dessen Anwendbarkeit in der praktischen Politik sprachen.

Zu Beginn der Veranstaltung stellte Prof. Dr. Jürgen Volkert, Lehrender an der Hochschule Pforzheim, den Befähigungsansatz als Analyserahmen nationaler Gesellschaftspolitik und die Grundzüge des Ansatzes vor: Der Fokus des Capability Approach liege, statt auf den formal jedem Menschen zugesicherten Freiheiten, auf den real für ihn umsetzbaren Möglichkeiten. In diesem Zusammenhang spreche man auch von "Functionings", dem Leben, das ein Mensch tatsächlich erreicht hat, und von "Capabilities", den Verwirklichungschancen der jeweiligen Möglichkeiten. Das Individuum handele als Agent, treffe also aktiv Entscheidungen, die nicht nur das Eigeninteresse berühren müssen.

Die Capabilities sind entscheidend für das persönliche Glück und Wohlbefinden

Relevant für die Politik seien dabei vor allem die Verwirklichungschancen, so Volkert. Diese seien durch verschiedene vielschichtige Faktoren determiniert: Individuelle Potentiale wie finanzielle Mittel oder die Güterausstattung spielen genauso ein Rolle wie die persönlichen Umwandlungsfaktoren, zu denen das Geschlecht, Bildung, Gesundheit oder auch das Alter zählen. Außerdem sei die soziale, kulturelle und ökonomische Umwelt ebenfalls eine nicht zu vernachlässigende Komponente, die sich in den sogenannten gesellschaftlich bedingten Chancen und den sozialen Umwandlungsfaktoren niederschlagen.

Insgesamt ergebe sich daraus ein Capability Set, also eine Zusammenstellung all jener Chancen und Möglichkeiten, die einer Person zur Verfügung stehen. Die tatsächlich daraus umgesetzten Handlungen führen zu einem jeweiligen Functioning, dessen positive oder negative Bewertung ist die Ursache für die persönliche Zufriedenheit und das individuelle Wohlbefinden.

Anschließend ging Frau Dr. Ortrud Leßmann auf die Bedeutung von Arbeit auf das gute Leben ein. Laut Amartya Sen, dem Begründer des Befähigungsansatzes, spiele Arbeit auf verschiedene Weisen eine Rolle für das persönliche Wohlergehen - Einkommen, Produktion und Anerkennung. Diese drei Aspekte können sich jeweils sowohl mittelbar als auch unmittelbar auf den Menschen auswirken. Am Beispiel der Arbeitslosigkeit wird dieser Einfluss auch empirisch messbar: Sowohl das Selbstvertrauen und das Selbstbild als auch die Gesundheit des Betroffenen werden beeinflusst und können sich wiederum negativ auf zukünftige Chancen auswirken.

Potential noch weiter erschließbar

Wie aber lässt sich der Capability Approach praktisch umsetzen und welche Schlussfolgerungen kann die Politik daraus ziehen? Allgemein sei feststellbar, so die beiden Sprecher, dass die Potentiale des Ansatzes noch lange nicht ausgeschöpft seien - er könne den Raum für politische Diskurse, aber auch die direkte Beteiligung der Betroffenen bieten und ermögliche eine multivariate Analyse im Zusammenhang mit materiellen Mitteln oder der Umwelt. Da der Ansatz aber sämtliche Verwirklichungschancen der Individuen miteinschließe, sei er sehr multidimensional und somit schwer eindeutig interpretierbar. Daraus, dass er die persönlichen Freiheiten der Menschen miteinschließe, ergebe sich außerdem ein weiteres Problem: Wie kann man dieser Variable gerecht werden, wie sie erfassen und eindeutig messbar machen? Dr. Joachim Rock, der im Namen des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes sprach, fasste zusammen: Mit Hilfe des Capability Approaches könne viel Gutes erreicht werden, er berge aber auch viele Gefahren, die es zu erkennen gilt. Der Capability Approach, so Volkert, setze in der Theorie einen Individualismus voraus, den die Politik praktisch nicht umsetzen könne - er müsse deswegen vor allem zur Analyse und Differenzierung eingesetzt werden. Dem stimmte Fedor Ruhose, Mitarbeiter des Ministeriums für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie des Landes Rheinland-Pfalz, zu. Der Capability Approach sei besonders dann nützlich, wenn es um die Wirkung und Evaluation von bestimmten sozialstaatlichen Angeboten gehe.

Die Teilnehmer waren sich darin einig, dass der Befähigungsansatz eine Orientierung geben kann, wenn es um Antworten auf die Frage nach einer Politik des guten Lebens geht. Das Potenzial sei hier noch bei weitem nicht ausgeschöpft. Für eine zeitgemäße Umsetzung bedarf es aber einer genauen Problemanalyse und einer kritischen Diskussion, vor allem unter Einbezug der umsetzenden und betroffenen Menschen.




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