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Julian Lenz

Julian Lenz

Julian Lenz studiert im Masterstudiengang Sozialpolitik am Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen. Derzeit ist er Praktikant im Progressiven Zentrum.

Idealtypus zur Zukunft der Arbeit gesucht

von Julian Lenz am 20. März 2013

Wie sollte eine zukunftsfähige Arbeitswelt gestaltet werden? Was sind die Voraussetzungen für nachhaltige Lebensstile und wie sehen die Bedingungen für nachhaltigen Konsum aus? Dazu stellte die Projektgruppe Arbeitswelt, Konsum und Lebensstile der Enquete-Kommission am Montag ihren Bericht vor.


Frauen sind noch immer überproportional häufig in Teilzeit beschäftigt und das obwohl sich eine hohe Anzahl von Frauen wünscht, ihre Arbeitszeiten erhöhen zu können. Männer präferieren hingegen zu einem großen Teil eine 40 Stunden-Woche, müssen jedoch häufig bis zu 48 Stunden arbeiten. Aber auch der Wunsch nach Teilzeitarbeit ist unter der männlichen Erwerbsbevölkerung größer als dies derzeit tatsächlich der Fall ist, so die Ergebnisse einer Studie von Jörg Althammer zu den Arbeitszeitpräferenzen. "Wenn wir dann darüber sprechen, wie muss man Erwerbsarbeit in der Zukunft organisieren, dann ist es offensichtlich, dass man sagen muss, wir müssen das neu verteilen," forderte daher Prof. Dr. Anke Hassel, Mitglied der Projektgruppe 5 Arbeitswelt, Konsum und Lebensstile der Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" bei der abschließenden Sitzung der Projektgruppe. Eine nachhaltige Arbeitswelt müsse so gestaltet werden, dass Frauen die Möglichkeit geboten wird, mehr zu arbeiten, und gleichzeitig Männer ihre Arbeitszeit reduzieren können.

Um den Arbeitsprozess von politischen Grabenkämpfen fern zu halten, hatten sich die Parteien in der Projektgruppe auf drei unterschiedliche Gestaltungsmodelle zukunftsfähiger Arbeit geeinigt - ohne eine direkte Bewertung vorzunehmen. Prof. Hassel vertrat die Annahmen des zweiten Idealtyps, der t Erwerbsarbeit und Vollbeschäftigung als zentrale Aspekte für die künftige Gestaltung der Arbeitswelt sieht. , Dies sei einerseits für die Beschäftigen selbst von zentraler Bedeutung und andererseits für die sozialen Sicherungssysteme auf diesen Annahmen basieren. Da eine vollkommene Umgestaltung der sozialen Absicherung nicht möglich sei, spielten auch in diesem Kontext Erwerbsarbeit und Vollbeschäftigung eine zentrale Rolle. Der zugrundeliegende Impetus dieses Typs lautet daher zwar immer noch Vollbeschäftigung, allerdings in qualitativ hochwertiger Arbeit, was eine umfangreiche Umorganisation der gegenwärtigen Arbeitswelt bedeute. Ein besonderer Fokus liegt hier auf der geschlechtergerechten Gestaltung von Erwerbsarbeit, sowie einer Erhöhung der Lebensqualität der Beschäftigten und einem möglichst belastungsarmen Arbeitsplatz. Dieser Idealtypus von zukunftsfähiger Beschäftigung ist erst während des Arbeitsprozess der Projektgruppe entstanden und ist in gewisser Weise ein Bindeglied zwischen den weiteren zwei Gestaltungsmodellen, die in der Enquete-Kommission vertreten werden. Zum ersten einer Ausweitung des Arbeitsvolumens vor dem Hintergrund des demographischen Wandels mit Hilfe einer Aktivierung allen vorhanden Potenzials, einer Erhöhung der Arbeitszeit und eine Flexibilisierung und Deregulierung des Arbeitsmarktes sowie des Sozialversicherungssystems. Zum zweiten, einem vollständig neuen Verständnis von Arbeit, bei dem Erwerbsarbeit und Nicht-Erwerbsarbeit einher gehen, der Trend der Vermarktlichung gestoppt werden soll und in dessen Zentrum gesellschaftliche Umverteilung als Impetus steht.

In der Projektgruppe hatte man sich bewusst darauf geeinigt nach dem Motto "we agree that we disagree" die Hauptargumentationslinien aller Strömungen in der Enquete-Kommission abzubilden. Diese Arbeitsweise traf bei allen Mitgliedern der Gruppe auf große Zustimmung: "Was uns hier gelungen ist, nämlich diese Konfliktlinien einmal sauber heraus zu arbeiten und damit auch eine ganz andere Grundlage für die politische Debatte zu schaffen, ist sehr eindrucksvoll", befand etwa Prof. Dr. Ulrich Schneidewind, Projektpate des Arbeitskapitels. Einigkeit herrschte darüber, dass eine verbesserte und nachhaltigere Bildungs- und Ausbildungssituation für eine zukunftsfähige Arbeitswelt notwendig ist. Außerdem soll ein Ausbau der öffentlichen Kinderbetreuung die Erwerbstätigkeit von Frauen fördern. Die dahinterliegenden normativen Begründungszusammenhänge unterscheiden sich jedoch wiederrum je nach Idealtyp.

Eng verknüpft mit der Gestaltung einer künftigen Arbeitswelt sind auch die weiteren Themenbereiche der Projektgruppe - Konsum und Lebensstile. Wenn allen Menschen qualitativ gute Arbeitsbedingungen ermöglicht werden, befähigt sie dies wiederrum zu einem nachhaltigen Konsumverhalten und zu einem Lebensstil, der weder die Lebenschancen vonMitmenschen noch künftige Generationen einschränkt. Die gesellschaftliche Debatte über nachhaltigen Konsum müsse gestärkt werden, genauso wie die Verankerung des Nachhaltigkeitsgedankens in der Bildung, so Waltraud Wolf, MdB. Auch hier habe es unterschiedliche Ansätze gegeben: Auf der einen Seite wurde argumentiert, dass die Ursache für nicht nachhaltigen Konsum im Konsumentenverhalten zu suchen sei. Auf der anderen Seite, dass die Verbraucher mit den Anforderungen an einen nachhaltigen Konsum schlicht überfordert seien, da ihnen neben Zeit und den richtigen Informationen auch das richtige Angebot fehlte.

Obwohl die Arbeit der Projektgruppe erst vor einem Jahr begonnen hatte und daher von einem knappen Zeitrahmen geprägt war, zogen die Mitglieder insgesamt ein positives Fazit. So auch die Vorsitzende der Projektgruppe, Sabine Leidig, MdB: Sie glaube, dass die Arbeit für alle, die in der Projektgruppe mitgewirkt haben, bereichernd war: "Wir hatten das große Glück ein Themenfeld zu bearbeiten, das sehr, sehr lebensnah ist. Wir hatten im Unterschied zu Aufgabenstellungen der anderen Projektgruppen im Grunde die Perspektive der Menschen vor Augen, die Perspektive der Lebensqualität."




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