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Artikel von W. Gründinger

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Wolfgang Gründinger

Wolfgang Gründinger

ist freier Journalist und Autor und promoviert an der Berlin Graduate School of Social Sciences zur Rolle der Interessengruppen in der Energiepolitik. 

Die jungen Wilden

von Wolfgang Gründinger am 12. März 2012

Beim „Open Space“ der FES haben Jugendliche über Armut, Teilhabe und persönliches Glück diskutiert. Und konkrete Vorschläge für eine bessere und gerechtere Gesellschaft gemacht. Wolfang Gründinger über ein gelungenes Experiment.


Teilnehmende bei Open-Space: wieder an Träume glauben.

Hier geht es zum ausführlichen Veranstaltungsbericht der Friedrich-Ebert-Stiftung mit mehr Bildern.

Statt um Goethe und Kurvendiskussion ging es am vergangenen Mittwoch um Ideen und Visionen einer besseren Welt: Rund 180 Schülerinnen und Schüler folgten der Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Open Space Wie wollen wir leben?. Heute steht auf dem Stundenplan: Wie soll unsere Gesellschaft in zwanzig Jahren aussehen? Welche Werte sind wichtig? Wie wollen wir unser Miteinander gestalten?

Das sind die Fragen, für die es keine fertigen Antworte gibt - und über die in Zeiten der Europa-, Demokratie- und Wirtschaftskrise neu nachgedacht werden muss. Die nachrückende Generation hat noch fast ihr ganzes Leben vor sich, und bringt neue Perspektiven in womöglich veraltete Vorstellungen von dem, was wir unter Wohlstand verstehen. Es tut daher gut, junge Men­schen zu fragen, wie sie leben wollen.

Beim Open Space waren die Jugendlichen die Experten: Was sie erarbeiten, soll in die Beratungen der Enquete-Kommission und in die Arbeiten des Fortschrittsforums einfließen. Das Besondere: Sie haben keine vorgegebene Agenda, sondern bestimmen in selbst, welche Themen sie besprechen wollen und welche nicht.

Schnell tun sich die jungen Leute in Workshops zusammen und strömen an die Pinnwände aus, die im Saal aufgestellt sind. Die Debatte kann beginnen: Von den großen Fragen, wie Friedenssicherung und der Gerechtigkeit zwischen Arm und Reich, bis hin zu Anliegen in eigener Sache, wie die Gestaltung der Schule oder die Legalisierung von Cannabis, bringen die Schülerinnen und Schüler eine breit gefächerte Palette an Themen auf die Tagesordnung. Frieden, Freiheit, weniger Armut - das ist ihnen wichtig. Aber sie äußern auch ganz persönliche Wünsche: viele sagen, sie möchten unabhängig, selbstbestimmt und glücklich leben können.

Ein Workshop beschäftigt sich mit Vegetarismus und artgerechter Tierhaltung. Andere sprechen über die Rolle des Autos in der Gesellschaft: Ist es ein Statussymbol? Oder bringt es mehr Probleme, als es Nutzen schafft? Wieder andere diskutieren, wie unsere Demokratie lebendiger und transparenter gemacht werden kann, und einigen sich auf einen Katalog an konkreten Vorschlägen, von der Einführung von Internetabstimmungen bis hin zu schärferen Regeln für Parteispenden und der Offenlegung der Nebenjobs von Politikern. Währenddessen sucht eine andere Gruppe an der nächsten Pinnwand nach neuen Maßstäben für Wohlstand anstelle des alten Bruttoinlandsprodukts. Selbst unangenehme ethische Fragen, wie die Sterbehilfe, lassen die Jugendlichen nicht außen vor.

Die Pinnwände im Saal sind rasch vollgeschrieben mit Ideen, Denkanstößen, Vorschlägen. Es gibt schließlich viel zu sagen. Beim Mittagessen - es gibt Pasta - wird rege weiter debattiert. Erstaunlich ist die faire und demokratische Debattenkultur, die ohne formelle Regeln auskommt. Jeder wird gleichberechtigt gehört, jede Meinung respektiert. Anstelle unverrück­barer Dogmen gehen die Jugendlichen pragmatisch vor: Ihnen ist wohl bewusst, dass es einzig selig machende Patentrezepte nicht gibt. Eindrucksvoll wägen sie das Pro und Contra ab, entscheiden sich trotz Bedenken für die als besser empfundene Alternative, und geben bisweilen zu: Das ist alles nicht einfach, aber irgendwo muss man ja anfangen.

Gleich mehrere Workshops beschäftigen sich mit Grundkonzepten wie Toleranz, Wertschätzung und Glück. Jeder Mensch will glücklich sein, so die Überzeugung. An eine allgültige Formel glauben die jungen Leute nicht: „Jeder muss in sich hineinschauen, wie er glücklich wird, sagt eine Teilnehmerin. Dennoch glauben die Jugendlichen, dass bestimmte Bedingungen wichtig sind: ein gutes soziales Umfeld (Liebe, Familie, Freunde, Halt und Sicherheit), Freiheit (Spaß im Leben) und Ziele (Beruf, Erfolg). Ihre Empfehlung: Nicht nur an sich denken, sich gegenseitig wertschätzen, und an seine Träume glauben.

Das Freiheitsverständnis der Jugendlichen keinesfalls auf den Markt verengt. Das schlägt sich nieder in der Meinung zum Internet: Eine Zensur lehnen die Jugendlichen im Workshop Demokratie ab. Die Freiheit des Menschen ist unantastbar, lautet das Credo, dem sich der Workshop zur Drogenpolitik verpflichtet sieht - und der konsequent eine bewusste Aufklärung über Sucht und Drogen einfordert anstatt pauschaler Verbote.

Im Workshop zur Gestaltung der Schule sprudelt es vor konkreten Ratschlägen - schließlich sind die Schülerinnen und Schüler hier im Alltag direkt betroffen. Die große Revolution bleibt allerdings aus; vielmehr wünschen sich die Jugendlichen pragmatisch bessere Lernbedingungen: höhere Hygiene für die Sanitäranlagen, schönere Klassenräume und kleinere Klassenstärken, mehr Schließfächer und Schulbusse, besseres Essen in der Kantine, kein Handyverbot in den Pausen, freiwilliges Aussuchen der Nebenfächer und die Abschaffung von Noten. Für was brauche ich den Satz des Pythagoras? Das wird mir nie erklärt. Zurzeit lerne ich für die Schule, nicht fürs Leben, kritisiert einer. In der Schule fühlen sich die jungen Menschen oft gegängelt - und fordern mehr freie Selbstbestimmung. Und sie sind der Meinung, dass sie sich als Schülerinnen und Schüler selbst für ihre Rechte und Interessen einsetzen müssen.

Nach einem halben Tag differenzierter und tiefgehender Diskussionen in mehr als einem Dutzend Workshops haben die Schülerinnen und Schüler ihre Anliegen unser künftiges Miteinander formuliert. Den jungen Menschen ist keinesfalls einerlei, was um sie herum geschieht. Sie sagen ihre Meinung - und wollen gehört werden.




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