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Hendrikje Grunow

Hendrikje Grunow

studiert Interdisziplinäre Lateinamerikastudien an der FU Berlin.

Das Private ist politisch

von Hendrikje Grunow am 08. November 2011

Zeit für Gerechtigkeit! - II. Hendrikje Grunow berichtet über die Diskussionsrunde: „Solidarität in der Ungleichheit? Gerechtigkeit aus feministischer Sicht“


Der Saal in der Landesvertretung der Hansestadt Bremen ist fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Hauptsächlich Frauen unterschiedlichen Alters, und eine Handvoll Männer haben sich eingefunden, um an der Fishbowl-Diskussion über Solidarität in der Ungleichheit teilzunehmen.

Frau Prof. Dr. Randzio-Plath verdeutlich in ihrem einleitenden Worten, dass die aufgehende Schere zwischen Arm und Reich nicht der einzige Bereich sei, in dem Ungleichheit deutlich würde. Der Primat der Politik habe gegenüber den Märkten verloren. Während Gurken und Kinderspielzeuge reguliert würden, wären die Finanzmärkte davon nicht betroffen. Dabei habe gerade die Nahrungsmittelspekulation oft verheerende Folgen insbesondere für Frauen in den Ländern des sogenannten Globalen Südens. Die Vorsitzende des Marie-Schlei-Vereins betont, wie wichtig darum die Hilfe zur Selbsthilfe sei. Frauen müssten selbst entscheiden dürfen, was für sie gerecht ist. Die die steigende Partizipation von Frauen in öffentlichen Ämtern und politischen Prozessen spiegele sich leider nicht wieder in einer gesteigerten Teilnahme von Männern an der Reproduktionsarbeit.

Mit dieser Einführung umriss Prof. Dr. Randzio-Plath bereist die wesentlichen Punkte der Diskussion: Die Rolle der Frauenbewegung(en) im Kampf für soziale Rechte, die Ökonomisierung des Diskurses und der nötige Wandel der Sozialstrukturen zur gleichberechtigten Reproduktionsarbeit.

Schnell wird deutlich, dass es die eine Stimme der Frauenbewegung nicht gibt. Die Moderatorin Cosima Schmitt von der ZEIT erhält sehr unterschiedliche Antworten auf ihre Fragen nach den inhaltlichen Schwerpunkten der Bewegungen in den Ländern der Gäste. So erklärt Flouridah Awuor Ogutu vom Centre for Partenership and Civic Engagement in Kenia, dass es vor allem darum gehen müsse, Frauen ein neues Selbstbewusstsein zu vermitteln. Gleichzeitig stünde man vor der Schwierigkeit, die Einstellungen der Männer in Bezug auf Frauen in Führungspositionen zu verändern und diesbezügliche Ängste abzubauen. Die Vermittlung eines neuen Frauenbildes müsse bereits in der Schulbildung anfangen. Die Frage danach, was sozial akzeptables Verhalten von emanzipierten Frauen sei, werde ständig neu verhandelt. Dies werde durch verschiedene Strategien auf der grassroots-Ebene, in der Bildung und durch Lobbyismus für „Frauenthemen“ angesprochen.

Auch in Brasilien stellt sich die Frage nach veränderten Rollenbildern. Diana Aguiar von der Association for Women’s Rights in Development spricht über die Notwendigkeit zur Veränderung von Sozialstrukturen. Solange Elternschaft in erster Linie als Mutterschaft verstanden werde, blieben Gender-Ungerechtigkeiten bestehen. Sie betont jedoch, dass Frauen über dieses Thema hinaus in sozialen Bewegungen eine große Rolle spielten. So seien sie wesentliche Akteure in den Protesten gegen die Kommodifizierung der Umwelt, insbesondere bei vielen Staudammprojekten im Amazonasgebiet. Gemeinsam mit indigenen Gruppen bildeten sie hier die Speerspitze des Protests gegen Ausverkauf und Privatisierung natürlicher Ressourcen. Die Folgen bekämen letztlich insbesondere diese beiden Gruppen dramatisch zu spüren.

Dagegen scheint der deutsche Diskurs zwischen gleichstellungspolitischen Debatten und feministischer Theorieentwicklung vor allem auf ökonomischer Ebene geführt zu werden. Frauen in Führungsposition werden als besonderer Mehrwert schmackhaft gemacht, Gender- und Diversitymainstreaming als Werkzeuge in der Unternehmensführung propagiert.

Alexander Nöhring vom GenderKompetenzZentrum kritisiert, dass Investitionen und Konjunkturprogramme vor allem in sogenannte Männerdomänen wie die Automobilindustrie fließen würden. Auch das Konstrukt der Bedarfsgemeinschaft trage auf behördlicher Ebene nicht dazu bei, diskriminatorische Praktiken abzubauen. Da aber jungen Karrierefrauen jeder Gedanke der Solidarität abhanden gekommen sei, stehe für ihn vor allem die vorurteilsbewusste Erziehung im Mittelpunkt. Im Zuge dessen müssten Hierarchien nicht im Bereich Gender abgebaut werden, um zu einer globalen Anti-Diskriminierungsbewegung zu wachsen.

Auch Dr. Christa Wichterich vom NRO-Frauenforum sieht den Facettenreichtum der Frauenbewegung. Während aber die Occupy-Bewegung soziale Ungleichheiten berücksichtige und kritisiere, habe die Frauenbewegung hier noch Nachholbedarf. Dieses „Wir" habe nur einen kleinen gemeinsamen Nenner. Klassen- und genderübergreifend seien das vor allem die Themen Gewalt und politische Einflussnahme. Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung wäre einer dieser Ansatzpunkte. Frauen dürften nicht länger als flexible Zuverdiensterbringerinnen gedacht werden und insbesondere die Sorgearbeit müsse stärker aufgewertet und besser vergütet werden.

Die Krise der Reproduktionsarbeit ist eines der Felder, auf denen Genderungerechtigkeiten zu Tage treten. Es steht in Verbindung mit weiteren Feldern, wie der zunehmenden Ökonomisierung des Diskurses und dem Kampf für soziale und ökonomische Grundrechte. Die Familienstrukturen sind ein erster Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse. Und darum eint die Podiumsgäste am Ende vielleicht vor allem ein Gedanke: Das Private ist nach wie vor politisch.




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