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Judith Althaus

Judith Althaus

ist Trainee im Referat Globale Politik und Entwicklung der Friedrich-Ebert-Stiftung. Zuvor arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Büro der FES in Ost-Jerusalem, Palästina.

Auf der Suche nach Alternativen

von Judith Althaus am 19. Juni 2012

Nachhaltigkeit re-loaded? Auf dem Weg zum Rio+20-Gipfel. Sigmar Gabriel diskutierte u.a. mit Vandana Shiva und Chico Whitaker.


Rund 400 Gäste verfolgten am Dienstag, den 5. Juni 2012, in der hochkarätig besetzten Berliner Kalkscheune eine leidenschaftliche geführte Debatte um die Frage "Nachhaltigkeit - reloaded?". Von der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) und oxfam Deutschland in Form einer Fishbowl organisiert, gab die Veranstaltung Raum für Beiträge aus einem breiten Spektrum von Akteuren: Aktivistinnen und Gewerkschafter, Politiker, Unternehmer und Wissenschaftlerinnen beteiligten sich an der Diskussion.

Eine ähnlich facettenreiche Zusammensetzung wünschte sich Dr. Roland Schmidt, Geschäftsführer der FES, für den UN-Nachhaltigkeitsgipfel in Brasilien vom 20.-22. Juni 2012, der an diesem Abend zugleich Anlass für die Diskussion um den Begriff der Nachhaltigkeit im Vorfeld von Rio+20 bot.

Zum Auftakt formulierte Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung drei grundlegende Herausforderungen, welche eine nachhaltige Entwicklung weltweit erschweren: den Klimawandel, die Verknappung fossiler Ressourcen und die Bevölkerungsentwicklung. In diesem Zusammenhang brachte er den Begriff einer "Großen Transformation", wie sie auch vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) verwendet wird, ins Spiel: Der Bericht des Beirats macht die dringende Notwendigkeit einer post-fossilen Wirtschaftsweise deutlich und zeigt zugleich die Machbarkeit der Wende zur Nachhaltigkeit auf anhand von zehn konkreten Maßnahmenbündeln auf.

Den Gedanken von Transformation und Veränderung nahmen die Diskutanten gerne auf. Dr. Vandana Shiva, Trägerin des Alternativen Nobelpreises, erklärte, dass während global Versuche der weiteren Deregulierung gemacht würden, auf Bevölkerungsebene die Forderung nach einem Paradigmenwechsel laut würde. Aus Sicht der Bevölkerung werde eine Stärkung demokratischer Politik vis-à-vis der Allmacht der Märkte benötigt; international verbindlichen Vereinbarungen müssten eine stärkere Regulierung zum Wohl der Mehrheit der Weltbevölkerung ermöglichen. In diesem Zusammenhang müssten die Themen Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit stärker miteinander verknüpft werden.

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel schloss sich Vandana Shivas Forderung an und bekräftige, dass Nachhaltigkeit in ihren drei Dimensionen, ökologisch, ökonomisch und sozial, begriffen werden müsse. Die Aussichten für Erfolge auf dem Rio+20-Gipfel jenseits eines Formelkompromisses zur Besitzstandswahrung bemaß der SPD-Vorsitzende jedoch als gering. Als uneingeschränkt positiv bewertete er lediglich die hohe Aufmerksamkeit der Zivilgesellschaft, die den Entwicklungen in Rio mit starkem Engagement folge.

Zukiswa Nomwa, Klimazeugin aus Südafrika, nahm den Faden zivilgesellschaftlichen Engagements auf und unterstrich die Bedeutung von Aktivismus auf Graswurzelebene: "Menschen leben und passen sich an die veränderten Umweltbedingungen an - unabhängig von internationalen Abkommen. Was bedeutet Nachhaltigkeit für sie? Sie sind es, denen wir zuhören müssen!" Es gelte, keine Patentrezepte zu schreiben, sondern auch auf indigene Kenntnisse zu setzen.

Auch in Hinblick auf immaterielle Lebensstile kann ein Blick über den Tellerrand "westlicher" Werte und Lebensweisen hilfreich sein. Für die Ko-Vorsitzende der Right Livelihood Award Foundation Monika Griefahn bedeutet ein positives Besetzen des Begriffs Nachhaltigkeit weniger in Kategorien von Verlust und Verzicht zu denken, sondern die Lust an nachhaltigen Lebensstilen wiederzuentdecken. Wichtig sei, so ergänzte Vandana Shiva, "zwischen erzwungener Entbehrung und gewählter Simplizität" zu unterscheiden.

Für Chico Whitaker, Träger des Alternativen Nobelpreises aus Brasilien, liegt der Schlüssel zu einem nachhaltigeren Lebensstil im Durchbrechen der Logik von Konsum und Wachstum. Es gebe derzeit schlichtweg "kein Gegenmodell zum hegemonialen Wachstumsmodell, das auf künstlich geschaffenen Konsumlüsten basiert." Der Wachstumsmechanismus reproduziere sich fortlaufend selbst.

Für Sigmar Gabriel ist daher eine Abkehr vom traditionellen westlichen Industrialisierungsmodell des 19. Jahrhunderts unabdingbar. Es müsse eine gemeinsame Alternative, "ein glaubwürdiges soziales und ökonomisches Entwicklungsmodell gefunden werden, an das mehr Menschen glauben als an das Modell von Davos." Ein Schritt in diese Richtung sei die individuelle Entscheidung, nicht nur weniger, sondern vor allem anders zu konsumieren, um ein qualitativ besseres Leben zu führen.

Der Weg zu einem alternativen Entwicklungsmodell mag beschwerlich sein, aber eine couragierte Debatte mit überzeugenden Vorkämpfern auf dem Feld der Nachhaltigkeit erfüllte an diesem Abend den Wunsch, den Chico Whitaker für die Verhandlungen in Rio äußert: die Hoffnung nicht verlieren.




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