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Artikel von L. Schulze

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Lennart Schulze

Lennart Schulze

studiert  Soziologie, Politik und Wirtschaft in Friedrichshafen. Während der Semesterferien im Sommer 2013 arbeitet er im Berliner Think Tank "Das Progressive Zentrum".

 

 

Aktivieren? Befähigen? Chancen Erweitern!

von Lennart Schulze am 31. Juli 2013

Was lässt sich aus dem „Capability Approach“ von Sen und Nussbaum für die Sozialstaatspolitik ableiten? Darüber diskutierten Professor Wolfgang Schroeder, Dr. Peter Bartelheimer und Professorin Andrea Bührman im Rahmen des Fortschrittsforums in der Friedrich-Ebert-Stiftung.


Als "Chancenansatz" und nicht als "Befähigungsansatz" wollte Dr. Peter Bartelheimer vom Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) die Thesen Amartya Sens übersetzt wissen, um zu betonen, dass es nicht um individuelle Defizitbeschreibungen gehe, sondern die individuellen Verwirklichungschancen im Mittelpunkt stehen. Im Mittelpunkt steht für ihn die Frage "Wie können Chancen für das Individuum maximiert werden und wie kann es maximale Teilhabe in der Gesellschaft erreichen?"

Ausgehend von ihren Ressourcen (Güter, Dienstleistungen, soziale Rechte) versuchen Individuen ihr Maximum an Teilhabe zu erreichen. Beeinflusst werden sie hierbei von institutionellen und gesellschaftlichen Bedingungen und ihrem persönlichen Potential.

Probleme ergeben sich allerdings dabei, diese Theorie operationalisierbar zu machen. Um dies zu leisten, müsse zuerst ein Maßstab definiert werden, der Gleichheit und Verwirklichungschancen messbar macht. Nur so könne Ungleichheit erkannt werden und gegebenenfalls zum Handeln zwingen. Doch, wie lassen sich beispielsweise Vielfalt und Ungleichheit unterscheiden? Probleme ergeben sich auch dabei, nicht wahrgenommene Entscheidungswege der Individuen in das Modell einzubeziehen.

Ziel einer kohärenten Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik sei es, als institutioneller und gesellschaftlicher Einflussfaktor die Individuen bei der Erreichung von maximaler Teilhabe zu unterstützen. Zu klären sei allerdings , wie staatliche Interventionen im Lebenslauf des Einzelnen letztendlich wirken.

Aktivierende Arbeitsmarktpolitik vs. chancenorientierter Ansatz

Die aktivierende Arbeitsmarktpolitik stellt die Integration in den Arbeitsmarkt um jeden Preis in den Mittelpunkt und greift bei Ablehnung von Angeboten auch zu Sanktionen. Die persönliche Dimension wird dabei nicht spezifisch beachtet.

Der Chancenansatz stellt die individuelle Befähigung des Individuums in den Mittelpunkt. Dem Einzelnen soll es zum Beispiel ermöglicht werden, den Job zu finden, den er auch wirklich sucht. Dem Individuum steht es selbst offen zu entscheiden, welchen Job es als positiv für seinen Lebenslauf erachtet.

Reality Check: Der Ansatz in der Praxis

Professor Wolfgang Schroeder, Staatssekretär im brandenburgischen Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen und Familie betonte aus Sicht des Praktikers ebenfalls die Gegensätzlichkeit des Chancen- und Aktivierungsansatzes. Letzterer sei allerdings als Status quo jedoch sehr viel weiter verbreitet - aus unterschiedlichsten Gründen: Zum einen seien die Hartz IV Reformen und der Umbau der Bundesagentur für Arbeit klar darauf ausgerichtet gewesen, Arbeitskräfte möglichst effektiv zu vermitteln. Zum anderen hätten die Beschäftigten in den Jobcentern keine sozialpsychologische Ausbildung und wechselten häufig die Position und könnten so weder eine langfristige Beziehung zu den Arbeitssuchenden aufbauen, noch eine nachhaltige Hilfestellung leisten.

Auch deshalb schlägt Wolfgang Schroeder vor, den Chancen- und Aktivierungsansatz zu kombinieren, auch wenn dabei innere Widersprüche bewältigt werden müssten.

Einerseits sollten langfristige und persönliche Coachings in den Jobcentern ermöglicht werden um eine persönliche Betreuung zu gewährleisten. Auch die Entwicklung von Projekten öffentlicher Beschäftigung, die den Fokus auf individuelle Befähigung legen, könnten Hilfreich zur Integration in den Arbeitsmarkt sein.

Andererseits sei die Etablierung eines reinen Chancenarbeitsmarktregimes unrealistisch, weil die Si Situation auf dem Arbeitsmarkt einfach zu angespannt sei.

Dennoch sei es wichtig, den Chancenansatz in die Arbeitsmarktpolitik hineinzutragen: Nur so werde die Schuld der Arbeitslosigkeit nicht mehr alleinig beim Individuum gesucht, sondern die Wechselwirkung von Individuum und Gesellschaft als Ansatzpunkt betrachtet.




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