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Artikel von H. Rogall

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Holger Rogall

Holger Rogall

ist Professor für Nachhaltige Ökonomie an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR), Leiter des Instituts für Nachhaltige Ökonomie (INa) und Mitglied in der Arbeitsgruppe Wirtschaft&Wachstum im Fortschrittsforum.

Zwischen Wachstumswahn und Verzicht. Teil 2.

von Holger Rogall am 29. Februar 2012

Im zweiten Teil erläutert Holger Rogall, wie wir nachhaltig wirtschaften können. Selektives Wachstum, starke ökologische Leitplanken und absolute Entkopplung sind die Stichwörter. Ob das aber global gelingt, hängt mal wieder an der Politik.


Was die Menschen meinen

Bürgerinnen und Bürger habe eine widersprüchliche Haltung zum Wachstum - so die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage von TNS Emnid im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Einerseits glaubt eine Mehrheit der Befragten, 61%, nicht daran, dass mehr Wachstum unmittelbaren Einfluss auf ihre Lebensqualität habe. Lebensqualität speise sich viel mehr aus Quellen wie Gesundheit, Familie und Autonomie. Gleichzeitig geben aber 93% an, dass wirtschaftliches Wachstum insgesamt "wichtig" oder "sehr wichtig" sei für gesamtgesellschaftliche Lebensqualität. Auch Meinhard Miegel verweist in seinem Buch Exit auf eine Befragung, der zufolge 73% der Teilnehmenden davon überzeugt sind, dass Deutschland ohne wirtschaftliches Wachstum nicht überleben könne.

Schrumpfen wird also nicht Lösung angesehen, auch nicht in den relativ wohlhabenden Industriegesellschaften. Und in den neuen Verbrauchsstaaten, also beispielsweise in Asien, wird diese Debatte ganz anders wahrgenommen. Nämlich als ein Versuch der Industriegesellschaften, ihr eigenes Wohlstandsmodell anderen Staaten vorzuenthalten. Die Alternative zum Wachstumsparadigma heißt daher nicht Nullwachstum. Vielmehr muss es um eine neues Paradigma der Nachhaltigkeit gehen.

Klug und nachhaltig wachsen

Viele Vertreter der Nachhaltigen Ökonomie fordern eine wirtschaftliche Entwicklung in den Grenzen der natürlichen Tragfähigkeit, mit Erhard Eppler, ein "selektives Wachstum". Sie verfolgen das Ziel, innerhalb der kommenden 40 Jahre, moderate Wachstumsraten vorausgesetzt, ausreichend hohe ökologische, ökonomische und sozial-kulturelle Standards für alle Menschen zu erreichen. Der globale und nationale Ressourcenverbrauch soll mit Hilfe der drei Strategiepfade der Nachhaltigen Ökonomie - Effizienz, Konsistenz, Suffizienz - global absolut um 50%, in den Industrieländern um 80-95%, gesenkt werden. Durch eine solche nachhaltige Transformation der globalen Volkswirtschaften würde die wirtschaftliche Entwicklung der natürlichen Tragfähigkeit untergeordnet.

Hierfür müssen die Rahmenbedingungen mittels politischer und rechtlicher Instrumente geändert werden - es geht um neue ökologische Leitplanken. Um die Grenzen der Natur nicht zu überschreiten, muss die folgende Formel für nachhaltiges Wirtschaften eingehalten werden: Die Steigerung der Ressourcenproduktivität muss ständig größer sein als die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts. Der absolute Ressourcenverbrauch sinkt so Jahr für Jahr, es findet eine sogenannte absolute Ent­koppelung statt.

Die Einhaltung der Nachhaltigkeitsformel - die langfristig für alle Länder gelten und auch importierte Güter einbeziehen muss - könnte in Deutschland das Statistische Bundesamt mittels der Indikatoren der Umweltökonomischen Gesamtrechnung (UGR) überprüfen. Hierbei empfehlen wir, einen global wirkenden Steuerungsmechanismus einzuführen, der die Einhaltung der Formel sicherstellt. Das könnte beispielsweise durch Abgaben oder Naturnutzungszertifikate erreicht werden. Hierdurch würde auch der zu erwartende Rebound-Effekt und eine zwischenzeitliche Änderung der politischen Prioritäten begrenzt werden (für weitere Ausführungen: Rogall 2011). Der dann erfolgende nachhaltige Umbau der Volkswirtschaften würde zunächst eine deutliche Steigerung der Wertschöpfung und Beschäftigung sowie eine Senkung der Materialkosten zur Folge haben. Vertreter der Nachhaltigen Ökonomie sprechen in diesem Zusammenhang von einer Green Economy.

Absolute Entkopplung?

Tim Jackson und andere Wachstumskritiker halten es für unmöglich, bei wirtschaftlichem Wachstum weniger Ressourcen zu verbrauchen. Stimmt das? Wie steht es denn um den absoluten Ressourcenverbrauch Deutschlands? Das Ergebnis mag viele vielleicht überraschen. Schaut man auf die Indikatoren der Umweltgesamtrechnung des Statistischen Bundesamtes (UGR), hält Deutschland die Nachhaltigkeitsformel seit 1990 ein (vergleiche Tabelle 1). Es ist also bei moderatem Wachstum möglich, weniger Ressourcen zu verbrauchen. Studien des Wuppertal-Instituts und des Ökoinstituts mit dem Fraunhofer ISI-Institut bestätigen diese Aussage: Trotz der Rebound-Effekte kann durch kluge Steuerung eine absolute Entkopplung erreicht werden (Distelkamp 2010: 49).

Das ist also die gute Nachricht: Die Formel für nachhaltiges Wirtschaften kann für eine bestimmte Zeit eingehalten werden – mit verstärktem Einsatz politisch-rechtlicher Instrumente, moderaten Wachstumsraten und der Umsetzung der drei Strategiepfade. Die schlechte ist: wir müssen noch weniger Ressourcen verbrauchen. Bleiben die bisherigen Trends unverändert, werden wir die gesetzten Ziele nicht erreichen (siehe auch den neusten Fortschrittsbericht der Bundesregierung von 2012). International ist die Situation noch wesentlich dramatischer: Die globale Ressourcenproduktivität ist in den letzten 20 Jahren um 25 % gestiegen, das globale BIP aber um ganze 82% gewachsen. Ohne eine globale Änderung der Politik also keine Chance, die Nachhaltigkeitsformel einzuhalten. 

Ein exponentielles Wachstum des Ressourcenverbrauchs ist weder wünschenswert noch dauerhaft möglich. Was wir brauchen ist ein nachhaltiger Umbau der Volkswirtschaften, neue, naturschonende Wachstumspfade in den Schwellen- und Entwicklungsländern sowie nachhaltigere Produkte und Techniken. Dieser Transformationsprozess erfordert, dass einige Sektoren deutlich ausgebaut werden, andere aber schrumpfen werden. So könnte es dann aussehen, ein neues Paradigma der Nachhaltigkeit. 

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Teil 1: Zwischen Wachstumswahn und Verzicht. 

Mehr Informationen zur Nachhaltigen Ökonomie




3 Kommentare:

A. Siemoneit

A. Siemoneit am 02. Mrz 2012 um 11:43 Uhr

Lieber Herr Rogall,
sind in den obigen Zahlen nur die direkten Verbräuche innerhalb der deutschen Grenzen berücksichtigt, oder sind auch die Effekte durch Importwaren und Exportwaren enthalten? Wir Deutsche haben nämlich eine ganze Menge Ressourcenverbrauch und Naturvernichtung ins Ausland ausgelagert, von Kunststoffprodukten über Rindfleisch bis hin zu hochreinem Silizium, um nur einige Beispiele zu nennen. Das betrifft alle Punkte, insbesondere aber Punkt 2. Könnten Sie hier noch etwas präziser werden?
Herzliche Grüße
Andreas Siemoneit


H. Rogall

H. Rogall am 27. Mrz 2012 um 10:56 Uhr

Lieber Herr Siemoneit,

nach der deutschen UGR (Umweltgesamtrechnung) wird die Nachhaltigkeitsformel (absolute Senkung des Ressourcenverbrauchs trotz moderatem Wachstum) für alle Indikatoren der UGR seit der Jahrtausendwende eingehalten. Hiergegen wird eingewendet, dass Deutschland zunehmend Vorprodukte importiert, deren ökologische Rucksäcke im Ausland bleiben (pro Kilogramm importierter Güter ca. 5 Kilogramm). Allerdings müssen hiervon die ökologischen Rucksäcke der Exporte abgezogen werden (pro Kilogramm ausgeführter Waren ca. 6 Kilogramm Rohstoffe).

Das Statistische Bundesamt kommt zu dem Fazit, dass der inländische Materialverbrauch einschließlich direkter und indirekter Im- und Exporte zwischen 2000 und 2008 um insgesamt 18,5% abgenommen hat (Statistisches Bundesamt 2010/11b: 14). Diese Aussage gilt auch für die Befürchtung, klimaschädliche Emissionen würden ins Ausland verlagert (sog.
Carbon-Leakage-Effekt). Neuere Studien kommen zu dem Ergebnis, dass 5-20% der THG-Minderungen einzelner Industriestaaten aus der Verlagerung stammen (BMU, UBA 2011/09: 11). Eine Senkung des Ressourcenverbrauchs ist also auch bei einem (allerdings nur moderaten) Wachstum möglich (durchschnittlich 1,7% pro Jahr, 1990-2008, durch die steigenden Wachstumsraten in 2010 stiegen auch wieder der Energieverbrauch und die THG-Emissionen, allerdings war das auch witterungsbedingt; Statistisches Bundesamt 2012/02: 7 und 11).

Diese Aussage wird durch Studien des Wuppertal-Instituts (WI) sowie des Ökoinstituts mit dem Fraunhofer ISI-Instituts (FhG-ISI) bestätigt. Die Wissenschaftler des WI kommen in ihren Unter¬suchungen zu dem Ergebnis, dass trotz der Rebound-Effekte durch politisch-rechtliche Instrumente eine absolute Abkopplung erreicht werden kann (Distelkamp u.a. 2010: 49). Die Wissenschaftler des Ökoinstituts und des FhG-ISI konnten in ihrer Studie zeigen, dass in verschiedenen Energiesektoren der absolute Energieverbrauch trotz Wachstums gesenkt werden konnte (z.B. der Endenergiewärmebedarf der Haushalte trotz Wachstum der Wohnfläche; UBA 2011/07: 5). Dennoch ist die erzielte Reduk¬tion noch nicht ausreichend. Bei gleichbleibender Entwicklung können die Minderungsziele nicht erreicht werden.

Viele Grüße

Holger Rogall


A. Siemoneit

A. Siemoneit am 08. April 2012 um 20:55 Uhr

Vielen Dank für die Antwort. Vielleicht könnte man die ganze Entkopplungsdebatte auch in einem Satz zusammenfassen:

Ein Fortschritt, den man genau messen, zählen und erklären muss, weil man ihn sonst nicht wahrnimmt, ist keiner.


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