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Gert G. Wagner

Gert G. Wagner

ist Vorstandsmitglied des DIW Berlin, Vorsitzender des Rats für Sozial- und Wirtschaftsdaten und war Sachverständiger der Enquete-Kommission

Wir brauchen mehr als nur bessere Statistiken

von Gert G. Wagner am 18. Februar 2013

Gert G. Wagner erklärt das von der Enquete-Kommission verabschiedete Wohlstandstableau und die Relevanz dessen Indikatoren. Er macht deutlich das politisch relevante Wohlstands-Indikatoren mehr erfordern als nur bessere Statistiken und das ein Anti-BIP an den Menschen vorbei ginge.


Der Deutsche Bundestag hat Ende des Jahres 2010 eine "Enquete-Kommission" zum Thema "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" eingerichtet, die Anfang letzter Woche einen Vorschlag zur Messung von Wohlstand und Lebensqualität vorgestellt hat. Ausgangspunkt dieser Studien-Kommission (so die deutsche Übersetzung einer Enquete) ist die Tatsache, dass das "Bruttoinlandsprodukt", kurz BIP, seit langem in Verruf geraten ist. Denn es beschränkt sich auf die Messung wirtschaftlichen Wachstums und es wird immer mehr bezweifelt, dass sich daraus Rückschlüsse auf die Lebensqualität ziehen lassen. Und da Wirtschaftswachstum in der Tat mit zunehmender Einkommensungleichheit und Umweltbelastungen einhergehen kann, und dies oft auch tatsächlich zu beobachten ist, muss man sagen, dass das BIP "Nachhaltigen Wohlstand" nicht misst.

Das Ergebnis der Enquete-Kommission hat aber alle enttäuscht, die sich die Abschaffung des BIP und damit gleich die Abschaffung jeglicher Wachstumspolitik gewünscht haben. Ein Anti-BIP wird nämlich nicht vorgeschlagen, stattdessen ein um neun weitere statistische Kennziffern (Indikatoren) ergänztes BIP ("BIPplus"). Aber die Enquete war trotzdem erfolgreich, denn es werden auch bislang nicht diskutierte Maßnahmen ins Spiel gebracht, die dafür sorgen sollen, dass statistische Tatsachen und Indikatoren im politischen Alltag wirklich ernst genommen werden (müssen). So wird vorgeschlagen, dass die Bundesregierung nicht mehr nur einen "Jahreswirtschaftsbericht" vorlegt, sondern jährlich die Entwicklung aller zehn Indikatoren in einem einzigen Bericht, einer Art "Jahreswohlstandsbericht", zusammenfasst. Gewiss: Dieser wird die Welt nicht verändern, aber eine dadurch ausgelöste breite gesellschaftliche Diskussion kann mehr bewirken als ein Anti-BIP.

Mehr als ein Indikator

Die ganze Enquete-Kommission ist - über alle Fraktionsgrenzen hinweg - davon überzeugt, dass nicht ein einziger alternativer Indikator zum BIP sinnvoll ist, sondern ein kleiner Satz von Indikatoren, der den ökonomischen, sozialen und ökologischen Wohlstand und deren Nachhaltigkeit auch im internationalen Kontext darstellen soll. Uneinigkeit gibt es über die Anzahl der Indikatoren (zehn oder nur drei, vier oder fünf?), aber nicht über den Grundsatz. Denn würde man eine Reihe von Teil-Indikatoren auf "einen Nenner" bringen wollen, müsste man die Teil-Indikatoren gewichten. Also die Frage beantworten, wie groß der Einfluss des BIP bzw. Einkommens auf den Wohlstand ist; und wie viel Einfluss Staatsverschuldung, Erwerbstätigkeit, Bildung, Gesundheit, Demokratie, Treibhausgas-Ausstoß, Stickstoff-Überschuss und Artenvielfalt haben. Ganz gleich, welches Gewicht solchen Werten letztlich zugesprochen würde: Eine demokratisch legitimierte Einigkeit darüber kann es nicht geben. Denn über die Bedeutung einzelner Politikfelder wird - unvermeidbar und zu recht - ständig gestritten. Würde ein zusammengefasster Indikator gesetzlich definiert und amtlich berechnet, wäre dies ein zutiefst undemokratisches Verfahren. Deshalb schlägt die Enquete-Kommission mit großer Mehrheit die oben genannten zehn Leit-Indikatoren vor. Jeder Betrachter kann dann nach der Bedeutung, die er einzelnen Werten zumisst, einen Gesamt-Indikator berechnen. Diese "Aggregation" ist heutzutage im Internet problemlos möglich.

Zu den zehn Indikatoren für die Felder "Materieller Wohlstand", "Soziales und gesellschaftliche Teilhabe" und "Ökologische Nachhaltigkeit" in Deutschland kommen neun "Warnlampen". Die Warnlampen leuchten, wenn etwa die Ungleichheit der Vermögensverteilung steigt oder Spekulationsblasen entstehen. Weitere Lampen warnen vor der Verfehlung wichtiger weltweiter Umweltziele. Dies ist gegenwärtig der Fall und die Warnlampen machen dies überdeutlich. Die Mehrheit der Enquete ist sich sicher, dass durch eine größere, wenn auch deutlich begrenzte Zahl von Indikatoren die Öffentlichkeit nicht überfordert, sondern ernst genommen wird. Journalisten sind in der Lage, in ihrer Berichterstattung über Wachstum Schwerpunkte jenseits des BIP-Wachstums zu setzen. Und Fachpolitiker finden konkrete Anknüpfungspunkte statt abstrakter Konzepte.

Wichtig sind der Enquete-Kommission auch zwei methodische "Fußnoten". Zum ersten: Es muss bei der Präsentation der Indikatoren ganz deutlich gemacht werden, wo die Grenzen der Aussagekraft liegen und dass bei einzelnen Indikatoren kleine und kleinste Veränderungen, die nicht statistisch aussagekräftig sind, nicht überinterpretiert werden dürfen. Die dazu notwendigen methodischen Erläuterungen zu systematischen Schwächen und Stichprobenfehlern werden die Öffentlichkeit auch keineswegs verwirren. Vielmehr werden die Indikatoren durch diese Zusatzinformationen erst wirklich aussagekräftig. Die Relevanz einer solchen methodischen Information zeigt sich etwa am Beispiel diverser Armutsberichte, wo kleinste Veränderungen von Armuts-Indikatoren immer wieder Verwirrung in der Öffentlichkeit stiften.

Zum zweiten betont die Enquete, dass eine ganze Reihe statistischer Erhebungen auch in Deutschland verbessert werden sollten, um die Indikatoren möglichst aussagekräftig zu machen und vor allem, um sie aktuell berechnen zu können. Dabei wird ganz besonders auf die Statistiken für Einkommen und Vermögen hingewiesen, die bislang nur mit großen Zeitverzögerungen von zwei Jahren oder mehr vorliegen.

Auch die ökologischen Statistiken können verbessert werden. Dabei sollten, so wurde diskutiert, insbesondere um Im- und Exporte bereinigte Werte berechnet werden.

Empirie zur Relevanz

In einer repräsentativen Blitz-Umfrage bei 1022 Bürgerinnen und Bürgern hat TNS Infratest ermittelt, dass die von der Enquete-Kommission ausgewählten zehn Dimensionen des "Wohlstands" in der Tat lebensweltlich relevant sind und von den Befragten als wichtig angesehen werden. Mit folgenden Fragen wurde die zehn Dimensionen in der Befragung leicht zu verständlich vorgestellt:

"Die Politik kümmert sich ja um viele Bereiche, die sowohl die persönliche Lage der Menschen direkt betreffen als auch die generelle Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft. Ich nenne Ihnen nun 10 Bereiche und Sie sagen mir bitte für jeden, ob er Ihrer Meinung nach in der Politik in Deutschland eine wichtige oder keine so wichtige Rolle spielen soll. Bitte nutzen Sie dazu eine Skala von null bis zehn. '0' bedeutet, dass der Bereich in der Politik 'gar nicht wichtig' sein soll und keine besonders Rolle spielen sollte. '10' bedeutet, dass der Bereich in der Politik 'sehr wichtig' sein soll und eine sehr große Rolle spielen sollte. Mit den Werten dazwischen können Sie Ihre Meinung abstufen.

Wie wichtig ist Ihnen, dass die deutsche Politik sich um folgende Themen kümmert:

  1. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland
  2. Die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen
  3. Die Staatsverschuldung
  4. dass möglichst viele Leute genug Arbeit haben
  5. dass die Lebenserwartung der Menschen weiter zunimmt
  6. mehr Schüler einen weiterführenden Schul- oder Ausbildungsabschluss machen
  7. dass Demokratie und Freiheit in Deutschland erhalten bleiben
  8. der Ausstoß von schädlichen Treibhausgasen, die wir produzieren, reduziert wird
  9. der schädliche Stickstoffüberschuss, den wir produzieren, abgebaut wird
  10. das Artensterben gestoppt und die Vielfalt der Arten erhalten wird.

Bei den ersten drei Bereichen wurde also keine Richtung vorgegeben, da offenkundig nicht alle Menschen mehr oder weniger Einkommen (als leicht verständlicher und eng mit dem BIP zusammenhängender Bereich), Ungleichheit und Staatsverschuldung wollen. Bei den sieben weiteren Bereichen ist eindeutig, was anstrebenswert ist und deswegen wurde - zur Vereinfachung der Beantwortung der Fragen - eine Richtung vorgegeben.

Das wichtigste Ergebnis ist: wie zu erwarten war streuen die Abgaben sehr deutlich. Zwar gibt fast niemand für die Bedeutung einer Dimension die niedrigsten Werte zwischen null und vier an, aber die Antworten verteilen sich auf die Spanne von fünf bis zehn. Der durchschnittliche Wert für die Bedeutung der zehn Bereiche liegt etwa bei acht. Alle Bereiche werden also als relevant angesehen. Aber es gibt bemerkenswerte Unterschiede zwischen den Lebensbereichen. Das heißt, dass es keinen Sinn macht, wenn man einen Gesamtindikator berechnen würde. Er kann niemals die Präferenzen aller Menschen ausdrücken.

Der niedrigste Durchschnittswert wird für den Bereich "weiter zunehmende Lebenserwartung" gegeben (6,6). Hier könnte sich das Problem zeigen, dass die Menschen wissen, dass zusätzliche Lebensjahre oft mit Krankheit und Leid verbunden sind. Insofern ist die "Warnlampe", die die Enquete für den Bereich Gesundheit vorschlägt, genau richtig gewählt. Diese Warnlampe soll nämlich leuchten, wenn die Zahl der gesunden Lebensjahre rückläufig ist.

Die größte Bedeutung wird der Aussage, dass Demokratie und Freiheit in Deutschland erhalten bleiben zugemessen (Durchschnittswert 9,4). Dies ist ein gegenüber fast allen anderen Bereichen signifikant höherer Durchschnittswert; lediglich die Bedeutung der Aussage, dass möglichst viele Leute genug Arbeit haben reicht daran heran (9.2). Diese beiden Bereiche sind damit die mit Abstand bedeutsamsten. Das Durchschnittseinkommen (so wurde das BIP operationalisiert) liegt mit einem Mittelwert von 7,4 deutlich darunter und auch die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen wird als Thema weniger wichtig genommen. Der Mittelwert von 8,0 ist durchschnittlich. Nicht weit darüber liegt mit 8,3 auch die Staatsverschuldung, die also keineswegs an der Spitze der Bedeutsamkeit liegt. Hingegen von leicht überdurchschnittlicher durchschnittlicher Bedeutung ist die Forderung, dass mehr Schüler einen weiterführenden Schul- oder Ausbildungsabschluss machen (8,5).

Wie zu erwarten war, wird den Ökologie-Indikatoren kein überragendes Gewicht gegeben. Zwar kann die Menschheit bei weiter steigendem Ausstoß von Treibhausgasen und einem Stickstoffüberschuss als Art nicht überleben. Aber dieses Problem liegt irgendwo in der Zukunft und es wird heute von vielen nicht als drängend angesehen. Die Mittelwerte der Bedeutung liegen für die drei Ökologie-Bereiche bei 8,1, d. h. beim Durchschnitt.

Implementation von "BIPplus"

Bessere Statistik allein reicht nicht um dem BIP seine große öffentliche und politische Bedeutung zu nehmen. Um ein über das BIP hinausgehendes Indikatoren-Tableau wirkmächtig zu machen, muss es vor allem auch von der Politik ernst genommen werden. Ob dies geschieht, hängt nicht nur von der sachlichen Aussagefähigkeit der einzelnen Indikatoren ab, sondern auch von dem "institutionellen Umfeld", in das ein solches Tableau eingebettet ist. Die wahrscheinlich wichtigste Voraussetzung für Wirkmächtigkeit dürfte sein, dass das Bundeskanzleramt - am besten im Rahmen einer gesetzlichen Verpflichtung - künftig jährlich zu dem Indikatoren-Tableau in ressortübergreifender Weise Stellung bezieht. Damit wird die Wirtschaftspolitik nicht überfrachtet, sondern relativiert. Und genau darum geht es.

Konsequenterweise sollte ein solcher "Jahreswohlstandsbericht" auch die Stellungnahmen, die zuvor von einschlägigen Sachverständigenräten abgegeben werden, reflektieren. In diesem Zusammenhang sollten die Regierungsberichte und Sachverständigenräte auf ihre Funktionalität geprüft werden. Das betrifft insbesondere den "Armuts- und Reichtumsbericht" (BMAS), den "Kinder- und Jugendbericht" (BMFSFJ), den "Familienbericht" (BMFSFJ), den "Altenbericht" (BMFSFJ) und den "Wohngeld- und Mietenbericht" (BMVBS). Nach Überzeugung etlicher Mitglieder der Enquete-Kommission sollte in diesem Zusammenhang auch die Einrichtung eines unabhängigen "Sachverständigenrats für nachhaltige Lebensqualität" geprüft werden. Dieser könnte mehr Licht in das Dickicht der vielen Berichte bringen: Es läge nahe, zumindest die Regierungsberichte zu "Armut und Reichtum" sowie zum "Wohngeld und Mieten" durch den Bericht des unabhängigen Sachverständigenrats für nachhaltige Lebensqualität zu ersetzen.

Der Beitrag ist eine überarbeitete Version von Beiträgen des Autors, die am 1. Februar in der "Süddeutschen Zeitung" und am 3. Februar 2013 in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" erschienen sind.




2 Kommentare:

B. Ehlert

B. Ehlert am 26. Februar 2013 um 08:58 Uhr

Zu diesem Beitrag von Gert Wagner möchte ich eine Kritik zu bedenken geben. Es wird in dem Beitrag argumentiert:

„Denn würde man eine Reihe von Teil-Indikatoren auf „einen Nenner“ bringen wollen, müsste man die Teil-Indikatoren gewichten. […] Ganz gleich, welches Gewicht solchen Werten letztlich zugesprochen würde: Eine demokratisch legitimierte Einigkeit darüber kann es nicht geben. Denn über die Bedeutung einzelner Politikfelder wird – unvermeidbar und zu recht – ständig gestritten. Würde ein zusammengefasster Indikator gesetzlich definiert und amtlich berechnet, wäre dies ein zutiefst undemokratisches Verfahren. Deshalb schlägt die Enquete-Kommission mit großer Mehrheit die oben genannten zehn Leit-Indikatoren vor.“
Und weiter: „Das heißt, dass es keinen Sinn macht, wenn man einen Gesamtindikator berechnen würde. Er kann niemals die Präferenzen aller Menschen ausdrücken.“

Meine Kritik an dieser Argumentation betrifft zunächst die Aussage, dass ein gesetzlich definierter und amtlich berechneter zusammengefasster Indikator ein zutiefst undemokratisches Verfahren ist, weil es darin nicht Präferenzen aller Menschen ausdrückt.

Eine pluralistische Gesellschaft kann nicht als Gesellschaft funktionieren und bestehen, wenn alle Interessen gleichermaßen Berücksichtigung finden, schon deswegen nicht, da diese Interessen zum großen Teil gegeneinander gerichtet sind. Daher gibt es Wahlen, bei denen einer bestimmten Gruppe oder Koalition für eine bestimmte Zeit die Macht der Führung und Gestaltung übertragen wird. Diese Macht der Führung, Gestaltung und Entscheidung muss dann auch zum Wohle der gesamten Gesellschaft ausgeübt werden, und zwar darin stets gegen die speziellen Interessen von mehr oder weniger großen Teilen der Gesellschaft. Das gehört zum Wesen der Demokratie.

Ein neuer Indikator zur Wohlstandsmessung ist nun grundsätzlich nichts anderes als eine Gestaltungsmaßnahme, die genau wie die eines Gesetzes von der gewählten Gruppe oder Koalition zum Erhalt und zur harmonischen Weiterentwicklung der Gesellschaft beschlossen bzw. vorher von einer Enquete-Kommission empfohlen wird. Auch hier gilt, wie bei jedem anderen zu beschließenden Gesetz, dass der Beschluss „niemals die Präferenzen aller Menschen ausdrückt“, und dass auch danach ständig weiter darüber gestritten wird. Doch deswegen ist der Beschluss einer Gestaltungsmaßnahme, egal ob Gesetz oder jetzt eines Wohlstandsindikators, gerade nicht ein „zutiefst undemokratisches Verfahren“, sondern ganz im Gegenteil ein zutiefst demokratisches Verfahren. In der Zusammenfassung der verschiedenen und sich widersprechenden Interessen und Präferenzen zu einer einheitlichen und von allen zu befolgenden Regelung liegt gerade die Grundaufgabe der demokratischen Politik als Führung einer pluralistischen Gesellschaft.

In einer pluralistischen Gesellschaft muss es daher in bestimmten lebenswichtigen Bereichen diese einheitlichen Regelungen und Entscheidungen geben, wenn der Zusammenhalt und damit die Existenz der pluralistischen Gesellschaft gewahrt bleiben soll. Es kann nicht sein, dass sich etwa im Straßenverkehr oder bei der Besteuerung jeder gemäß seiner Präferenzen die für ihn passende Regelung aussuchen kann. Ich meine, dass zu diesen lebenswichtigen Bereichen, die einer einheitlichen und für alle gültigen Regelung bedürfen, auch ein Indikator gehört, über den die Veränderung des Wohlstandes der Gesellschaft einheitlich und verbindlich gemessen und bestimmt wird. Es ist vor allem für den Zusammenhalt der Gesellschaft wichtig, dass die Veränderung des Wohlstandes der Gesellschaft in einem einzigen einfachen Gesamtindikator ausgedrückt wird, den jeder sofort ohne weitere Berechnungen und Interpretationen versteht, so dass das Bewusstsein erhalten bleibt, dass es „uns“ als Gesellschaft schlechter oder besser geht.

Wenn sich jeder wie vorgeschlagen erst mit Hilfe des Internets anhand seiner individuellen Präferenzen seinen individuellen Gesamtindikator berechnet, so erhält bei gleicher Faktenlage der eine einen sehr großen Gesamtwohlstandsindikator, der wohlgemerkt für das gesamte Volk gilt, der andere aber einen sehr niedrigen. Abgesehen davon, dass dadurch alles verkompliziert wird, trägt das auch zur Spaltung der Gesellschaft bei, statt dass versucht wird, eine pluralistische Gesellschaft so weit wie möglich zu einen, und zwar durch einheitliche Regelungen, Maßstäbe und Ziele. Die Entzweiung betrifft so nicht nur die Wege, wie ein gemeinsames Ziel verwirklicht werden kann, sondern nun auch die Maßstäbe und Ziele selbst. Es wäre in etwa damit zu vergleichen, als könnte sich im Straßenverkehr jeder seine zulässige Höchstgeschwindigkeit innerhalb einer Ortschaft selbst ermitteln, je nach dem, was ihm persönlich wichtiger ist, das Gefühl und die Zeitersparnis einer höheren Geschwindigkeit oder die Höhe der Unfallzahlen. Das ist gerade nicht demokratisch, auch wenn es auf den ersten Blick so erscheinen mag.

Es mag sinnvoll sein, einen Indikator, der die Veränderung des Wohlstandes der Gesellschaft wiedergibt, daneben oder danach in die Teilbereiche Wirtschaft, Soziales und Ökologie oder noch weiter aufzusplitten. Doch eine bloße große Aufsplittung, bei der sich jeder das Passende aussuchen kann, bzw. die sich jeder nach seinem persönlichen Interesse und Vorteil sowie nach persönlicher Bedeutung oder Gewichtung erst selbst zu einer Gesamtaussage zusammenrechnen soll oder kann, wird in dieser undurchsichtigen Weise besonders für die davon letztlich Benachteiligten zu einer Ablehnung führen, und zwar zu einer Ablehnung des Systems, das bestimmte lebensnotwendige Gestaltungsprozesse oder Maßstäbe nicht mehr auf einfache und nachvollziehbare Weise entscheiden und vermitteln kann, d.h. es wird letztlich zu einem weiteren Demokratieverdruss führen. Nach dieser Argumentation ist ein fehlender Gesamtindikator so selbst ein Indikator, nämlich für ein wachsendes Auseinanderdriften der Gesellschaft.

An einem anschaulichen Beispiel dargestellt: Ein Vertreter der Wirtschaft setzt bei seiner persönlichen Berechnung des Wohlstandsindikators im Internet die Bedeutung für die Bereiche Soziales und Ökologie sehr niedrig an oder berücksichtigt sie überhaupt nicht und vertritt dann seine Interessen in den Medien mit dem so erhaltenen Ergebnis, nämlich dass es auch bei Berücksichtigung der sozialen und ökologischen Bereiche durch den neuen Wohlstandsindikator der Gesellschaft bestens geht. Wie nimmt das jemand durch die Medien auf, der wie viele andere etwa von seiner Vollzeitstelle nicht leben kann und der auf die Einführung des neuen Wohlstandsindikators zur Beseitigung der sozialen Probleme große Hoffnungen in die Demokratie gesetzt hat?


B. Ehlert

B. Ehlert am 27. Februar 2013 um 13:07 Uhr

In dem Beitrag von Gert G. Wagner steht der Satz: „Um ein über das BIP hinausgehendes Indikatoren-Tableau wirkmächtig zu machen, muss es vor allem auch von der Politik ernst genommen werden.“

Warum ein neuer Wohlstandsmaßstab unter den gegebenen Bedingungen in letzter Konsequenz nicht wirkmächtig und von der Politik nicht wirklich ernst genommen werden kann, ist u.a. in einem SPIEGEL-Gespräch (7-2013) mit dem Historiker Hans-Ulrich Wehler zu finden, in dem es unter dem Titel „Extreme Verzerrung“ um das Auseinanderdriften von Arm und Reich geht. Dort heißt es in einer Aussage:

„Wehler: Immerhin stagnieren seit rund zehn Jahren die Reallöhne.....
SPIEGEL: ….was unser globale Wettbewerbsfähigkeit eher erhöht hat – loben viele Fachleute im In- und Ausland.“

In einem ungeregelten oder deregulierten Wettbewerb bringt jeder soziale oder ökologische Fortschritt einen Wettbewerbsnachteil mit sich, einfach deswegen, weil das mit Kosten verbunden ist. Darum kann ein neuer Wohlstands- oder Fortschrittsmaßstab letztlich nicht mehr als eine gutgemeinte Absichtserklärung darstellen.
Das heißt nicht, dass dieser neue Maßstab nicht ein erster Schritt in die richtige Richtung ist, doch ehrlicherweise sollten dabei auch seine Grenzen in einer zunehmend globalisierten Wirtschaft, in der es keine wirklichen Regeln gibt, genannt und aufgezeigt werden.


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