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Artikel von C. Kroll

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Christian Kroll

Christian Kroll

forscht an der London School of Economics über

Happiness, Sozialkapital und Lebensqualität.

„Wir brauchen kein Ministerium für Freundschaft“

von Christian Kroll am 30. April 2012

Im Interview spricht Christian Kroll über die Vermessung von Glück, die Eigenarten der deutschen Zufriedenheitsdiskussion und die Auswirkungen verbesserter Indikatoren auf Politik und Parteien.


Herr Kroll, würden Sie sich als einen zufriedenen Menschen bezeichnen?

Ja. Im Großen und Ganzen hat es das Leben bislang gut mit mir gemeint. Danke der Nachfrage. 



Sie forschen zu der Messung von Lebenszufriedenheit. Welche Faktoren sind entscheidend, damit Menschen sich selbst als zufrieden bezeichnen?

Es gibt eine rasant wachsende Zahl von relevanten Forschungsergebnissen zum subjektiven Wohlergehen der Menschen. Exemplarisch zu betonen ist Zweierlei: Erstens, dass die Qualität menschlicher Beziehungen einen großen Einfluss auf unsere Lebenszufriedenheit hat. Zweitens ist der zufriedenheitsmindernde Effekt von Arbeitslosigkeit nachhaltig und geht weit über die damit verbundenen finanziellen Einbußen hinaus. Also: Sinn stiftende Arbeit und soziales Kapital sind von zentraler Bedeutung.



Im Rahmen der von Premierminister David Cameron angestoßenen Initiative „Measuring National Well-Being" entwickeln Sie Indikatoren zur Messung des nationalen Wohlergehens in Großbritannien. Welche der dort entwickelten Empfehlungen lassen sich auf Deutschland übertragen?

Ich denke, dass Großbritannien und Deutschland derzeit mit ganz ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sind. Daher ist vieles übertragbar. Beide Länder erkennen, dass es ein „Weiter so!“ nach der Finanzkrise nicht geben darf. Wir brauchen einen neuen Konsens dafür, was gesellschaftliches Wohlergehen und Fortschritt ausmacht. Deshalb sind Gremien wie das unsere, die deutsche Enquete-Kommission und das Fortschrittsforum so wichtig. Die französische Stiglitz-Kommission hat es auf den Punkt gebracht: „What we measure affects what we do.“ Wir müssen also fragen: “What do we want to get done”. Was ist uns als Gesellschaft wichtig? Wie können wir Erfolge und Misserfolge politischer Maßnahmen in Zukunft verlässlich messen? Der britische Vorschlag dazu wird Ende Oktober offiziell vorgestellt.



Welches sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen bei der Entwicklung eines solchen Indikatoren-Systems in Deutschland? 

Beim Beobachten der Debatte in Deutschland fällt mir auf, dass Teile der politischen Öffentlichkeit den notwendigen Bewusstseinswandel noch nicht vollzogen haben. Rund um den Globus suchen Konservative wie Nicolas Sarkozy und David Cameron, ebenso wie Progressive wie Barack Obama, nach neuen Maßzahlen für gesellschaftlichen Fortschritt jenseits des Bruttoinlandsprodukts – Indikatoren, die die wahre Lebensqualität der Menschen abbilden und ins Zentrum der Politik gehören. Es wäre wünschenswert, dass solche Positionen auch in der deutschen Politik mehrheitsfähig werden, statt am BIP-Wachstum als der primären Kategorie festzuhalten. Die Bevölkerung ist da meines Erachtens schon weiter. In der Tat wird von Deutschland als Europas größter Volkswirtschaft ein wichtiges Signal ausgehen in der Frage, ob wir die richtigen Schlussfolgerungen aus der Finanzkrise ziehen. Und ob wir es schaffen, neue Fortschrittsindikatoren ohne die Schwächen des BIP zu finden.



Ist es nicht etwas zu viel verlangt für statistische Kenngrößen, wahre Lebensqualität abzubilden? 

Die Aufgabe ist in der Tat ambitioniert. Aber sie ist nicht nur machbar, sondern auch alternativlos. Wir können und dürfen unser politisches Handeln nicht länger hauptsächlich nach der Summe der produzierten Waren und Dienstleistungen (also dem BIP) ausrichten.



In Ihrer Studie „Die Neuvermessung von Fortschritt und Wohlergehen“ argumentieren Sie, dass die Verwendung von Indikatoren zum Wohlergehen eine neue Kultur der Rechenschaft in der Politik erzeuge und die Politik versachliche. Handelt es sich hierbei wirklich um einen Automatismus?

Keineswegs. Um die positiven Effekte der aktuellen Debatte nicht in der Hektik des politischen Alltagsgeschäfts verpuffen zu lassen, ist es unbedingt notwendig, die bisherigen Absichtserklärungen in der Institutionenstruktur zur Sozialberichterstattung fest zu verankern. Der von dem Ökonomen Gert G. Wagner vorgeschlagene „Sachverständigenrat für Fragen der nachhaltigen Lebensqualität“ im deutschen Bundeskanzleramt wäre eine hervorragende Möglichkeit dafür. Dieser könnte Bürger wie auch Politik über Entwicklungen in Bezug auf als wichtig erachtete Dimensionen des Wohlergehens informieren. Er könnte außerdem evidenzbasierte Politikempfehlungen abgeben und systematische Gesetzesfolgenabschätzungen zur Lebensqualität vornehmen.



Und welche Auswirkungen hätte die Einführung solcher Indikatoren für die deutschen Parteien? 

Für Parteien ergäben sich eine Reihe von Konsequenzen. Sie können über die Fortschrittsdebatte eigene übergeordnete Narrative entwickeln, beispielsweise für ihre jeweiligen Steuer- und Abgabenkonzepte. So würden auch die Trennlinien zwischen den Parteien wieder klarer erkennbar werden. Und im besten Fall kann die Diskussion um Lebensqualität und Fortschritt dem Politikverdruss entgegenwirken und wieder mehr Menschen für Fragen des Zusammenlebens begeistern. 



Was für ein Indikatoren-System wünschen Sie sich für Deutschland? 

Ich wünsche mir neue Maßzahlen des Fortschritts, die das Wohlergehen der Menschen ins Zentrum rücken. Wirtschaftliches Wachstum ist dabei ein Einflussfaktor, am Ende jedoch nur Mittel zum Zweck. Das Wohlergehen der Menschen wird primär beeinflusst von unserer Wohnumgebung einschließlich einer intakten Umwelt, gesundheitlicher Versorgung, Arbeit und gesellschaftlicher Teilhabe, der persönlichen finanziellen Situation sowie der Qualität unseres Miteinanders. Diese Faktoren sollten im Indikatoren-System ihren Ausdruck finden. Die Politik kann aber keine Glücksgarantien geben und sollte dies auch nicht tun – wir brauchen kein Ministerium für Freundschaft. Eigenverantwortung bleibt zentral. Jedoch müssen wir uns in Zukunft systematisch fragen, inwiefern existierende und kommende Politikmaßnahmen im Einklang oder Widerspruch mit den genannten Faktoren stehen.

Das Interview führte Frederik Beck




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