0 +0 +

Artikel als PDF | Artikel drucken

Artikel von F. Luks

Archiv: Alle Artikel

Fred Luks

Fred Luks

beschäftigt sich seit langem in Forschung, Lehre und Management mit nachhaltiger Entwicklung. Zurzeit arbeitet er als Leiter des Kompetenzzentrums für Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsuniversität Wien. Anfang 2014 erscheint bei Metropolis sein neues Buch "Öko-Populismus".

Wie weiteres Wachstum wirklich wirkt. Oder: Time to say goodbye

von Fred Luks am 04. November 2013

Wenn es zu viel verlangt ist, in Wahlkampfzeiten große Fragen wie die Krise des Wachstumsmodells anzufassen, dann muss spätestens jetzt – während der Regierungsbildung – das Offensichtliche thematisiert werden: Es ist langfristig wohlstandsgefährdend, ungebrochen auf Wachstum zu setzen.


Der Sozialdemokrat Gerhard Schröder erfindet eine "neoliberale" Reformagenda. Grüne beschließen Militäreinsätze. Die Konservative Angela Merkel bricht mit der Atomenergie hat keine Probleme mit der "Homo-Ehe". Alte Zuordnungen scheinen nicht mehr zu gelten, überall brechen bestehende Fronten auf. Überall? Nein, auf einem Feld besteht über das gesamte Parteienspektrum hinweg eine Einigkeit, die außerhalb von Diktaturen verstören muss: Alle, wirklich alle wollen Wirtschaftswachstum. Mehr Wirtschaftswachstum. "Nachhaltig" zwar oder "grün" oder "qualitativ", aber das Ziel "Wirtschaftswachstum" in Frage zu stellen, bringt kein relevanter Politiker übers Herz oder über die Lippen.

Dass Wirtschaftswachstum überaus unwirtschaftlich sein kann, ist für die meisten politisch handelnden Personen schlicht denkunmöglich. Dabei mehren sich die Anzeichen, dass wir aktuell genau das erleben: ein Wachstum der Wirtschaft, dass oft wirtschaftlich unvernünftig ist, weil die Kosten zusätzlichen Wachstums höher sind als der erzielte Nutzen. Die Umwelt ächzt unter immer höheren Material- und Energieverbräuchen. Der Klimawandel ist nur ein dramatisches Beispiel, an dem sich die ökologischen Grenzen weiterer Expansion zeigen. Die Hoffnung auf "Entkopplung" - mehr Wohlstand mit weniger Umweltverbrauch durch technische Innovationen - ist bisher genau das: nur eine Hoffnung. Empirisch zeigt sich, dass die Industrieländer von einer notwendigen drastischen Reduktion ihres Material- und Energieverbrauches äußerst weit entfernt sind. Gleichzeitig lässt sich eine Entkopplung ganz anderer Art beobachten: Lebensqualität und Wirtschaftsleitung bewegen sich schon lange nicht mehr im Gleichschritt; ab einem bestimmten Wohlstandsniveau wird der Beitrag eines steigenden Bruttoinlandsprodukts zur Lebensqualität fragwürdig.

Das hat sich bereits so weit herumgesprochen, dass sogar Publikationen wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung und der Economist über ökologische und soziale Grenzen der Expansion schreiben und sich ernsthaft die Frage stellen, wie es weitergehen kann mit dem Wachstum. Der Deutsche Bundestag hat sich bekanntlich eine Enquete-Kommission zum Thema geleistet. In Österreich befasst sich die Initiative "Wachstum im Wandel" unter Beteiligung mehrerer Ministerien mit Fragen nach Sinn und Möglichkeit weiterer Expansion. Und doch: Sowohl im deutschen Bundestagswahlkampf als auch in dem Kampagnen zur österreichische Nationalratswahl war das Thema "Wachstumskritik" völlig unsichtbar. Wenn Wachstum Thema war, dann nur als unabdingbare Voraussetzung für weiteren Wohlstand. Dass Wachstum durchaus wohlstandsgefährdend sein kann, wenn es die ökologischen Grundlagen des wirtschaftlichen Erfolgs und des sozialen Ausgleichs erodieren lässt, war nicht zu hören. Man scheint nicht den Mut zu haben, das Volk mit "unbequemen Wahrheiten" zu behelligen - denn dass die Menschen in den Parteien von der erwähnten Wachstumskritik noch nie etwas gehört haben, kann wohl ausgeschlossen werden. Das ist Populismus: In übersichtlichen Zeiten wird eine einfache "Lösung" präsentiert, die zwar lange funktioniert hat, heute aber an ihre ökologischen, sozialen und eben auch wirtschaftlichen Grenzen stößt. Wir erleben eine Politik des Aufschubs, die zwangsläufig anstehende Veränderungen nicht einmal zur Sprache bringt.

Dabei ist das Gefühl, dass es nicht wie bisher weitergehen kann, ja weit verbreitet. "Business as usual" gibt es nicht mehr. Das gilt für Staaten ebenso wie für Unternehmen und die einzelnen Bürgerinnen und Bürger. Das sorgt für Unsicherheit - gewiss nicht der unwichtigsten Grund dafür, dass so viele Menschen "Mutti" ihre Stimme gegeben haben in der Hoffnung, dass jemand den Laden im Griff hat und schon dafür sorgen wird, dass es nicht allzu schlimm kommt. Wenn es zu viel verlangt ist, in Wahlkampfzeiten große Fragen wie die Krise des Wachstumsmodells anzufassen, dann muss spätestens jetzt - während das Regierungsprogramm Gestalt annimmt - das Offensichtliche wenigstens thematisiert werden: dass es langfristig unklug und wohlstandsgefährdend ist, weiterhin ungebrochen auf Wachstum zu setzen. Wahrscheinlich ist dieses Szenario leider nicht, denn die meisten politisch Verantwortlichen leiden - siehe oben - an dem, was Herman Daly einmal "Wachstumsmanie" genannt hat: dem weitgehend unreflektierten Glauben an eine universelle Problemlösungskraft eines steigenden Bruttoinlandsprodukts.

Eine der größten Nachhaltigkeitsprobleme ist die massive Einschränkung der politischen Phantasie, die mit dieser Manie einhergeht. Und das Diskursniveau sinkt nochmals, wenn nicht wenige Wachstumskritiker das Kind mit dem Bade ausschütten und gleichsam unter "Wachstumsphobie" leiden: der Überzeugung, dass Wachstum immer und überall schlecht ist. Dass ist ebenso populistisch wie naiver Wachstumsglaube - und darüber hinaus wenig zielführend in einer Situation, die dringend erfordert, über Entwicklungs- und Fortschrittsmodelle nachzudenken, die über das Wachstum hinausweisen. Wie sehr auch die Wachstumskritik am Wachstum klebt, zeigt sich an Wortungetümen wie der "Postwachstumsökononomie". Wachstumsphobie kann Wachstumsmanie aber nicht ersetzen. Was es braucht, ist eine kritische Reflexion des Wachstumsziels und noch viel mehr einen Diskurs darüber, wie nachhaltiger Wohlstand in einer arbeitsteiligen und kompetitiven Weltwirtschaft erreicht werden kann.

Gewiss: Diese Forderung gibt es seit Jahrzehnten. Aber heute hat der Diskurs über Nachhaltigkeit und Wachstum eine solche gesellschaftliche Breite, die es zumindest wahrscheinlicher macht, damit auch diejenigen zu erreichen, die für die Gestaltung ordnungspolitischer Rahmenbedingungen zuständig sind. Die Enquete-Kommission war trotz aller Probleme ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Ein nächster wichtiger Schritt wäre, wenn die dort erörterten Fragen in die Tagespolitik Eingang fänden. Einfache Lösungen gibt es nicht (schon das eine wichtige Botschaft an das Wahlvolk). Aber wie wäre es, wenn die Chefin der kommenden großen Koalition in ihrer Regierungserklärung darüber spricht, dass die Zeiten sich geändert haben und dass das Wachstumsversprechen brüchig geworden ist? Wir sind längst in eine neue Phase des Wirtschaftens eingetreten - es wird Zeit, dass dies endlich auch auf Regierungsebene öffentlich zum Thema gemacht wird.

Drei konkrete Beispiele für Aussagen, die sich in diesem Sinne in der nächsten Regierungserklärung finden könnten: 1. Nichts spricht dafür, dass Klimaschutzziele und Wachstumsambitionen miteinander in Einklang zu bringen sind. 2. Unzählige Studien zeigen, dass in reichen Ländern eine Steigerung der Wirtschaftsleistung nicht notwendigerweise positiv auf die Lebensqualität auswirkt. 3. Der demographische Wandel wird für fundamentale Umwälzungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens sorgen. Es wäre aus Nachhaltigkeitssicht höchst wünschenswert, diese und andere "unbequeme Wahrheiten" nicht nur im vertraulichen Gespräch zu erörtern, sondern die Bürgerinnen und Bürger damit zu konfrontieren - darin läge gegenüber der heutigen Situation, in der mit Blick auf Wachstum letztlich "business as usual" versprochen wird, gewiss eine deutliche Verbesserung.

Das ist nicht utopisch. Utopisch ist der Glaube, dass Deutschland und Europa sich dauerhaft gut entwickeln können, ohne Alternativen zum Wachstumsparadigma vorzuhalten. Zur Frage, ob man das für möglich halten kann, sei Leon Blum zitiert: "Ich glaube es, weil ich es hoffe."




0 Kommentare:

Bisher keine Kommentare zu diesem Artikel.