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Artikel von W. Streeck

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Wolfgang Streeck

Wolfgang Streeck

ist Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln und Mitglied der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftli­chen Fakultät der Universität zu Köln.

Wachstum nach dem Finanzkapitalismus?

von Wolfgang Streeck am 14. Mai 2012

Bisher wurde Wachstum meist über Schulden finanziert. Diese Zeiten sollen jetzt vorbei sein. Unklar ist aber, woher neues Wachstum kommen könnte. Wolfgang Streeck bringt Ordnung in eine unübersichtliche Debatte.


Nur mit Wachstum, so heißt es von allen Seiten, kann die Schulden- und Fiskalkrise überwunden werden. Doch über nichts sind die "Experten" so uneins wie darüber, wo Wachstum herkommen soll. Seit den siebziger Jahren sind die Wachstumsraten in den reichen Industrieländern mehr oder weniger stetig zurückgegangen; dieser Trend müsste umgekehrt werden. In den Neunzigern sah es eine Zeitlang so aus, als könne dies gelingen; aber was damals vor allem wuchs, waren der Finanzsektor und die Verschuldung der privaten Haushalte. Von 1999 an war es dann eine nie dagewesene Geldschwemme, die zur Blasenbildung insbesondere bei Immobilien führte. In den neun Jahren bis 2008 stieg die Geldmenge im Euroraum um 110 Prozent, das Sozialprodukt (Inflationsbereinigt) aber nur um 50 Prozent; in den USA waren die Zahlen noch dramatischer. Dann kam der Crash.

Nichts scheint heute so dringlich wie die Beendigung dessen, was Ralf Dahrendorf in einem seiner letzten Aufsätze als "Pumpkapitalismus" bezeichnet hat. Dazu bedarf es einer Regulierung der Finanzmärkte, die die Möglichkeit der Banken beschränkt, Kredite zu vergeben, etwa durch drastische Erhöhungen der Eigenkapitalquote. Zugleich müssen Kreditnehmer daran gehindert werden, zu viele Schulden zu machen, damit das Vertrauen in deren Abzahlung nicht ein weiteres Mal implodieren kann. Die "Schuldenbremsen", die nun überall in Europa eingeführt werden sollen, sollen dies auch für die öffentliche Verschuldung durchsetzen. Kann es aber in reifen Industriegesellschaften höheres Wachstum überhaupt geben, vor allem, wenn die Geld- und Kreditproduktion auf ein nachhaltiges Niveau zurückgeführt werden muss? Die letzten anderthalb Jahrzehnte lassen daran Zweifel aufkommen.

Wachstum durch Sparen?

Auch auf kürzere Sicht sind die Wachstumsaussichten alles andere als gewiss. Keiner weiß wirklich, wie insbesondere in den Krisenländern des Mittelmeerraums neues Wachstum zustande kommen soll. Die einen setzen auf Austerität: die Konsolidierung der Staatsfinanzen, unter anderem durch Entlassung von Staatsangestellten, Senkung der Löhne, "Reformen" der Sozialsysteme, allgemeine Deregulierung - die übliche neoliberale "Angebotspolitik", die möglichen Investoren Vertrauen einflößen will. Aber woher soll dann die Nachfrage kommen, ohne die jedes Angebot ins Leere geht? Die andern fordern "Wachstumsimpulse" zusätzlich zu den Sparmaßnahmen; die Rede ist von einem "Marshall-Plan" oder Ausbildungsprogrammen für arbeitslose Jugendliche. Wie schnell wirken die, wenn überhaupt? Der Aufbau von Wettbewerbsfähigkeit durch Investitionen von außen in Infrastruktur und Ausbildung ist teuer und dauert lange; im Osten Deutschlands war er in zwei Jahrzehnten nur begrenzt erfolgreich, im italienischen Süden in sechs Jahrzehnten so gut wie gar nicht.

Nicht alle Länder sind gleich gut in der Lage, aus der Schuldenkrise "herauszuwachsen". Deutschland könnte sich, wenn die Nachfrage der Chinesen und Amerikaner nach Audis und BMWs lange genug anhält (und wohl auch nur dann), vielleicht tatsächlich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen. Bei Griechenland, Spanien und Portugal dagegen, und in Zukunft, wenn sie einmal der EU beigetreten sein werden, bei Albanien, dem Kosovo, Bosnien und Serbien, müsste man fragen, in welchen Sektoren diese Länder überhaupt wettbewerbsfähig werden könnten, zumal in einer Währungsunion, die ihnen eine Abwertung verbietet. Wo soll Industriepolitik, wenn es sie jenseits neoliberaler Deregulierung überhaupt geben soll, in diesen Ländern ansetzen, auch in Anbetracht der Wachstumsreserven in Exportländern wie Deutschland? Tourismus und Sonnenenergie - wird gewöhnlich entgegnet. Würde das reichen, in Konkurrenz mit der Türkei, Tunesien, Marokko, um Hilfszahlungen von Norden nach Süden unnötig zu machen bzw. Forderungen nach ihnen verstummen zu lassen?

Hinzu kommen grundsätzlichere Fragen, die sich heute selbst Ökonomen aufdrängen. Was meinen wir, wenn wir von Wachstum sprechen? Ist Wirtschaftswachstum nur dann vorhanden, wenn wir Wirtschaft mit Geldwirtschaft gleichsetzen? Nur wo für etwas gezahlt wird, erscheint es im Kontensystem der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Die Wirtschaft wächst, wenn mehr Kinder in der Kita aufgezogen werden, weil Gebühren, Löhne und Steuern anfallen; sie wächst nicht oder schrumpft, wenn mehr Kinder in der Familie betreut werden. Sie wächst, wenn wir eine Tiefkühlpizza in den Ofen schieben statt den Pizzateig selber zu kneten, und sie wächst nicht, wenn wir uns entscheiden, weniger Geld zu verdienen, um uns mehr um Familie, Freunde und Nachbarn zu kümmern. Wenn wir dem Nachbarn den Rasen mähen und er uns dafür Äpfel von seinem Baum pflücken lässt, entsteht kein Wachstum; wenn der Nachbar einen Gärtner beschäftigt und wir unsere Äpfel im Supermarkt kaufen, entsteht Wachstum. Ob das Selbstgemachte oder geldlos Getauschte besser oder schlechter ist als das Ge- oder Verkaufte, spielt in den Konten, mit denen wir unsere Wirtschaftsleistung messen, keine Rolle.

Geld und Wachstum

Wachstum, landläufig definiert, ist zu einem guten Teil nichts anderes als Umwandlung nichtmonetärer in monetäre Transaktionen. Das kann, muss aber nicht unbedingt wohlfahrtsteigernd sein. Oft ist es ja gerade das Unbezahlbare und Unbezahlte, das Menschen glücklich macht; und wie eine moderne Geldwirtschaft sich verselbständigen und dabei für die Gesellschaft hoch riskant werden kann, erleben wir momentan. Hier setzt denn auch das gestiegene Interesse an neuen, alternativen Geldkonzepten an, ebenso wie eine neue oder erneuerte Wachstumskritik. Tatsächlich ziehen alle Gesellschaften der Kommerzialisierung Grenzen, indem sie Güter und Dienste identifizieren, die nicht gegen Geld gehandelt werden dürfen. Viel spricht dafür, dass die Festsetzung solcher Grenzen umso wichtiger wird, je höher entwickelt eine Geld- und Marktwirtschaft ist; man erinnere sich an die gewerkschaftlichen Forderungen der 1980er Jahre nach der 35-Stunden-Woche, zur Wiedergewinnung "freier", nicht verkaufter und entlohnter Zeit.

"Gut" ist Wachstum allerdings fast immer für Staat und Unternehmen: für den ersteren, weil er nur monetarisierte Leistungen besteuern kann, und für die letzteren, weil Mehrwert und Gewinn nur erzielbar sind, wenn Geld im Spiel ist (Marx: G→W→G'). Dann ist es auch egal, ob das "Sozialprodukt" durch kostspieligere Reparaturen von Unfallautos steigt, durch steigende Umsätze privater Sicherheitsdienste als Folge steigender Kriminalität, durch eingebauten Verschleiß in Waschmaschinen oder durch Energieverschwendung. Auch Gewerkschaften, die sich um die Finanzierung sozialer Sicherungssysteme sorgen müssen, können vergessen, dass weniger Wachstum nicht notwendig weniger gesellschaftlichen Nutzen bedeuten muss. Dann werden sie beispielsweise in Einheitsfront mit den Arbeitgebern eine Steigerung der Erwerbsquote um jeden Preis und geradezu um ihrer selbst willen betreiben (Mütter mit Kleinkindern!) oder beispielsweise fordern, dass Nachbarschaftshilfe als Schwarzarbeit bekämpft wird. Probleme wie diese sind Ausgangspunkte der immer populärer werdenden Kritik der neuen Wohlfahrts- oder "Glücks"-Ökonomie an der in den Nachkriegsjahren etablierten Art der Messung des Sozialprodukts und seines Wachstums.

Ein zweiter Ansatz der neuen Wachstumskritik geht von dem Umstand aus, dass, kurz formuliert, die Wachstumsrate einer Volkswirtschaft nicht dasselbe ist wie ihr Zuwachs. Ein Sozialprodukt von 100 Euro nimmt bei einer Wachstumsrate von drei Prozent im Jahr um drei Euro zu; geht das Wachstum aber auf dem demselben Niveau weiter, beträgt der Zuwachs 20 Jahre später wegen des Zinseszinseffekts fast das Doppelte: 5,30 Euro, und bei vier Prozent mehr als das Doppelte: 8,43 Euro. Bei konstanten Wachstumsraten wächst der absolute Zuwachs exponentiell - was die Frage aufwirft, wie lange so etwas eigentlich weitergehen kann. Gibt es Grenzen des Wachstums - in der Ressourcenausstattung unseres Planeten oder der Marktfähigkeit des Menschen? Von solchen war und ist immer wieder die Rede, und vielleicht geht das langfristige Sinken der Wachstumsraten seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ja schon auf sie zurück. Möglicherweise würde es ja auch reichen, wenn wir jedes Jahr denselben absoluten Zuwachs hätten, bei dann sinkenden Wachstumsraten. Allerdings löst schon der bloße Gedanke daran Angst und Schrecken aus: bei profitsuchenden Unternehmen, bei Regierungen, die ihre Haushalte sanieren und Verteilungskonflikte bewältigen wollen, und bei Sozialversicherungsanstalten aller Art.

Die Grenzen des Wachstumsmodells

Noch radikaler ist der Gedanke, dass wir vielleicht überhaupt kein Wachstum mehr brauchen. Die ökonomische Standardtheorie unterstellt, dass die Bedürfnisse des Menschen als Konsumenten nach oben unendlich sind. Aber wenn man sieht, wie viel Aufwand heute betrieben werden muss, um neue Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen zu erzeugen - durch eine immer raschere "Produktinnovation" und kostspieligere Werbung - dann können einem Zweifel kommen. Die Furcht, dass die Märkte der reichen Gesellschaften sich eines Tages als gesättigt herausstellen könnten, sitzt jedenfalls tief - und ebenso die Ängste, die sich mit der immer weiter um sich greifenden Erkenntnis verbinden, dass eine Ausdehnung der in Westeuropa und den USA geltenden Konsumnormen auf die gesamte Weltbevölkerung schon wegen der Endlichkeit der Natur völlig ausgeschlossen ist.

Andererseits: was soll man aus dem Umstand machen, dass frühere Vorhersagen von Marktsättigung und Wachstumsende sich nicht bewahrheitet haben? Nach den beiden Ölkrisen gab es eine weitverbreitete Endzeitstimmung. Dann aber begann die mikroelektronische Revolution, die alle damals bekannten Maschinen und Gebrauchsgüter entwertete und einen völlig unvorhergesehenen, gigantischen Nachfrageschub in Gang setzte. Ihr folgte die Revolutionierung der Finanzmärkte, die die nächste Nachfragewelle durch die reichen Gesellschaften des Westens schwappen ließ. Heute gibt es die - bis jetzt - explosiv wachsende Konsumgesellschaft Chinas. Mit Artikel 3 des Rheinischen Grundgesetzes könnte man versucht sein zu sagen: "Et hät noch emmer joot jejange". Aber muss man nicht fürchten, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es auch weiterhin gut geht, in dem Maße abnimmt, wie man sich darauf verlässt?

Vielen kommen heute jene Stimmen immer vernünftiger vor, die nach Entschleunigung, Null- oder gar Minus-Wachstum rufen und uns eine Lebensweise mit mehr Bescheidenheit und weniger Zeit-, Material- und Gesellschaftsverbrauch nahelegen - einschließlich einer neuen Konsumkultur, mit der wir uns auf andere, weniger materialistische Formen des Wohlstands hin um freuen würden, auf Ferien zuhause oder am Steinhuder Meer statt auf Mallorca. Führt man sich dann allerdings die unglaublich gestiegene Unbescheidenheit am oberen Rand der Gesellschaft und die geradezu obszön gewachsene soziale Ungleichheit vor Augen, muss einem dies sofort völlig unrealistisch und geradezu naiv erscheinen. Wieso soll sich ein Automobilarbeiter mit weniger zufrieden geben, wenn sein oberster Chef gerade ein Jahresgehalt von 17 Millionen Euro eingesackt hat? Da wird Wachstum dann wieder mindestens zur Verhinderung von Verteilungskämpfen unentbehrlich - was freilich nicht heißt, dass es Wachstum auch dann noch geben wird, wenn das Doping der kapitalistischen Wirtschaft mit synthetischem Geld bis auf weiteres nicht mehr möglich ist.

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Dieser Artikel ist zuerst erschienen in: Gegenblende, Mai/Juni 2012




3 Kommentare:

W. Kindsmüller

W. Kindsmüller am 17. Mai 2012 um 08:29 Uhr

Wolfgang Streecks Darstellung stimme ich zu. Wir brauchen einen gesellschaftlichen Verständigungsprozess über zwei Fragen: Erstens: Was verstehen wir unter Wohlstand und wann sind wir wirklich reich? Darauf wird es ganz unterschiedliche Antworten geben, weil die Menschen nicht gleich sind. Aber es wird sich vor allem heraus stellen, dass die ökonomischen und sozialen Bedingungen heute nicht so beschaffen sind,die Vorstellung vieler Mensch zu unterstützen, in ihrem Sinne reich zu werden. Dies gilt jedenfalls für den größer werdenden Teil, die ihr Glück und ihre Freiheit jenseits der materiellen Güter in Zeitreichtum, Reichtum an sozialen Beziehungen oder Wissen und Erkenntnis sehen. Eine Gesellschaft, die sich dem Wachstumsdiktat verschrieben hat, weil sie Konsum als den alleinigen Weg zum Glück begreift, wird stets versuchen, die verbliebenen, nicht ökonomisierten Nischen des Lebens zu kolonialisieren. Dies bedeutet nichts anderes, als Menschen einer Selbsttätigkeit zu enteignen, um ihnen anschließend eine Ware verkaufen zu können.
Dies führt uns zur zweiten Frage: Welche Grenzen der Ökonomisierung und Kommerzialisierung unseres Lebens sind notwendig, um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen? Vordringlich ist es die Finanzmärkte einzuhegen. Zugleich aber auch ist zu klären,wie weit wir unseren Körper und unsere sozialen Bedürfnisse zum Gegenstand der Kommerzialisierung machen wollen. Gleiches gilt für Bildung und unsere Ernährung. In diesem Zusammenhang müssen wir uns auch kritisch mit der Verabsolutierung der Erwerbsarbeit auch durch Gewerkschaften und SPD befassen und andere Formen der Arbeit zu rehabilitieren und durch die Gesellschaft zu ermöglichen.


A. Siemoneit

A. Siemoneit am 23. Mai 2012 um 14:27 Uhr

Lieber Herr Streeck,

vielen Dank für Ihre „klaren Zweifel“. Dazu folgende Anmerkungen:

1. Die Popularität des Wachstums ist gleichzeitig sein stärkstes „Argument“, eine unwiderlegbare „Wahrheit durch Konsens“. Ursache ist ein gigantischer „Lock-in-Effekt“ der ganzen Gesellschaft, in der jeder existentiell darauf angewiesen ist, dass es so weitergeht. Die Marktwirtschaft wurde ersetzt durch eine Sachzwangwirtschaft für Wirtschaft, Politik und Sozialsysteme. Wie in jedem guten Teufelskreis gibt es keinen Ausgang, solange die teilweise perversen Anreize für Wachstum nicht angegangen werden. Somit werden wir ein Ende der Spirale voraussichtlich nur durch Implosion erleben, da eine Gesellschaft sich noch nie willentlich „deprivilegiert“ hat (Harald Welzer).

2. Ölkrisen und andere „Endzeitstimmungen“ haben nicht zur Wachstumswende geführt, weil sie nicht zum Energie- und Materialkollaps geführt haben. Ursache der Ölkrisen war „nur“ die Marktmacht der OPEC. Einen plötzlichen materiellen Zusammenbruch wird es vermutlich nie geben, sondern eher eine schleichende Verwüstung der Welt.

3. Ein finanzieller Zusammenbruch wird hingegen immer wahrscheinlicher, weil die mit den großen Geldmengen verbundenen Leistungserwartungen nie mehr erfüllt werden können. Eine Vollgeld-Reform (www.monetative.de) wäre ein guter Ansatz für die Kontrolle über die Geldmenge.

4. Für Verteilungskämpfe ist Wachstum völlig entbehrlich, zum Verteilen ist genug da. Wer Ja sagt zur Machtbegrenzung in der Demokratie, muss auch Ja sagen zur Machtbegrenzung in der Wirtschaft: Vermögensobergrenzen wären ein liberaler Weg.

„Es kommt nicht darauf an, viel und immer mehr zu regeln, sondern möglichst wenig, das aber ordnungspolitisch richtig, im Sinne einer gesetzlichen Verfasstheit der Märkte.“ (Joseph Huber)


E. Stiefel

E. Stiefel am 31. Mai 2012 um 18:23 Uhr

Um es vorweg zu nehmen: ich gehöre zu denen, die dem etablierten Drang zu fortgesetztem Wirtschaftswachstum die größte Skepsis entgegenbringen. Dafür gibt es viele Gründe, und den meisten Argumenten der Wachstumskritiker stimme ich vorbehaltlos zu. Gleichwohl ist zu beklagen, dass der male bias unserer ökonomischen Sicht- und Denkweisen eine differenzierte Betrachtung der offenen Grenze zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit bisher weitgehend verhindert.

Im Auftrag der FES errechnete die Prognos AG erkleckliche Wachstumsimpulse durch einen Ausbau sozialer Dienstleistungen. Personenbezogene Arbeit gehorcht anderen Gesetzlichkeiten als die Produktion von Sachgütern, sie verbraucht weniger Ressourcen und verursacht weniger Schäden an Umwelt und Natur. Nach Lage der Dinge werden zusätzliche Arbeitsplätze in diesem Sektor auf allen Qualifikationsstufen vorrangig mit Frauen besetzt. Hier liegt ein hohes Potential an zusätzlicher Kaufkraft auch und vor allem für (Frauen)Haushalte, die in besonderem Maß von Armut bedroht sind. Es wäre töricht, im Namen von Bescheidenheit und Genügsamkeit solche Chancen nicht zu nutzen.

Wir brauchen ein Wirtschaftsmodell, das auf ein Gleichgewicht von materiellen und immateriellen Gütern und die ökonomische Selbständigkeit aller Erwachsenen ausgerichtet ist. Der weithin ungebrochene Bezug der Wachstumsdiskussion auf die industrielle Produktion von Konsumgütern verkennt, dass für die Wirtschaftsweise des 21. Jahrhunderts neue Parameter gefunden werden müssen.