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Artikel von D. Schäfer und B. Young

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Dorothea Schäfer

Dorothea Schäfer

ist Forschungsdirektorin für Finanzmärkte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und Mitglied des Fortschrittsforums. 

Brigitte Young

Brigitte Young

ist Professorin für Politikwissenschaft, Internationale und Vergleichende Politische Ökonomie an der Universität Münster und Mitglied des Fortschrittsforums.

Von wegen privat

von Dorothea Schäfer und Brigitte Young am 10. Februar 2012

Die Stabilität des Finanzsystems ist ein globales öffentliches Gut. Nimmt man diese Definition ernst, braucht es eine fair ausgehandelte Neuordnung der Märkte. Und eine Institution, die Finanzprodukte zertifiziert und so Verbraucherinnen schützt.


Wie wollen wir leben? Zur Lebensqualität eines Menschen gehört ein relativ hohes Maß an Angstfreiheit in körperlicher aber auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Keinen Krieg fürchten zu müssen, erhöht Wohlstand und Lebensqualität. Vertrauen in das Banken- und Finanzsystem stärkt das persönliche Sicherheitsgefühl. Wir wollen uns nicht jeden Tag aufs Neue fragen müssen, ob unser Geld bei Großbank X in einer Woche noch abrufbar ist, ob wir in sechs Monaten noch mit den selben Münzen bezahlen wie heute oder ob unsere Altersvorsorge einer galoppierenden Inflation anheim fällt. Die globale Finanzkrise hat vielen Bürgerinnen und Bürgern das Vertrauen in das Finanzsystem genommen und das Gefühl der Sicherheit in Gelddingen zu einem Gefühl der Angst gemacht. Diese Entwicklung muss wieder umgekehrt werden. Mehr Lebensqualität erfordert daher auch ein anderes Finanzsystem.

Seit der Ära von Margret Thatcher und Ronald Reagan Ende der 1970er Jahre wurden Finanzmärkte dereguliert und liberalisiert. Finanzmarktakteure haben mit zunehmender Deregulierung die globalen Finanzmärkte mit privaten Eigentumsrechten versehen und der breiten Öffentlichkeit damit den Zugang zu sicheren Sparanlagen entzogen. Finanzmärkte verfügen mittlerweile über eigene institutionelle Apparate, eigene private Netzwerke und Beziehungsgeflechte sowie Handlungsmöglichkeiten, die die Demokratie und die demokratischen Institutionen untergraben können. Ohne demokratische Kontrolle und öffentliche Teilhabe wurden Anreize geschaffen, die die Gier und den Egoismus der privaten Finanzmarktakteure förderte, der dann die ganze Finanzwelt in den Abgrund stürzte.

Finanzstabilität als globales öffentliches Gut

Mittlerweile jedoch hat sich die Erkenntnis Bahn gebrochen, dass Finanzstabilität ein globales öffentliches Gut ist. Finanzmärkte sind keine „privaten Güter“, die mit eindeutigen Eigentumsrechten versehen und ausschließend sowie ausschließlich gestaltet werden können. Finanzmärkte sind Infrastruktureinrichtungen, die im öffentlichen Bereich allen gleichsam zum Gebrauch zur Verfügung stehen müssen. Zwar betreffen Finanzkrisen alle unterschiedslos. Aber sie treffen die mit kleinen Vermögen härter als die, die über ausreichend private oder nationale Mittel verfügen, um sich gegen Krisen, Risiken und Unsicherheiten abzusichern. Die Bereitstellung von öffentlichen fairen Regelungen zur Stabilität der Finanzmärkte muss somit im Zentrum multilateraler und regionaler Verhandlungen stehen. Das Prinzip der Gerechtigkeit verlangt, dass der Prozess der Reformverhandlungen fair gehandhabt wird.

Drei Aspekte sind hierfür zentral. Erstens ist ein globales Mitspracherecht der Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft bei der Gestaltung der Finanzarchitektur notwendig.  Partizipation unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen und Akteure stärkt nicht nur das Prinzip der Fairness, sondern erhöht auch die Legitimation der Ergebnisse. Zweitens muss eine gerechte Netto-Nutzenverteilung sichergestellt werden: zwischen den Finanzeliten, den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Kräften sowie zwischen und innerhalb von Staaten. Ein Haupthindernis hierbei sind die globalen Ungleichgewichte, die durch den Dollar als weltweite Reservewährung entstanden sind. Um dieses Hindernis zu beseitigen, regt die Stiglitz-Kommission auch die Bildung eines neuen globalen Reservesystems an.

Drittens schließlich brauchen wir eine Financial Products Safety Commission zur Zertifizierung von Finanzprodukten. Wenn nämlich die globale Öffentlichkeit die Finanzmärkte mitgestalten kann und durch einen Zertifizierungsprozess über die Risiken von Finanzprodukten informiert ist, wird das Vertrauen in die Finanzmärkte nachhaltig gestärkt.    

Zertifizierung schafft Vertrauen

Wie die Finanzkrise jüngster Zeit so drastisch vorgeführt hat, ist entscheidend, Bürgerinnen und Bürger über die entsprechenden Risiken von Anlagen frühzeitig aufzuklären. Viele kleine Anleger haben ihre Ersparnisse für spätere Pensionsansprüche in unsichere Produkte investiert, die sich dann als wertlos herausstellten. In anderen Worten: Der Zugang zu sicheren Finanzprodukten wurde der Öffentlichkeit dadurch erschwert, dass sie zu risikoreichen Anlagen überredet wurden, die von den Beratern oft selbst nicht verstanden wurden. Hinzu kam, dass der Verkauf der Produkte häufiger geprägt war von hohen Provisionsversprechungen für die Banken und deren Berater als von den Präferenzen der Kunden für solide Anlagen. Durch spill-over-Effekte wurden andere Länder, die nicht direkt an der Krise beteiligt waren, in den Strudel der Ereignisse gerissen. Auch die Realökonomie in vielen Entwicklungsländern wurde so stark belastet.

Zurzeit existiert keine internationale Institution für die Zertifizierung von Finanzprodukten. Es wäre zu überlegen, hierfür eine neue internationale Organisation zu gründen. Die Stiglitz-Kommission beispielsweise empfiehlt die Einrichtung einer Financial Products Safety Commission, die Finanzprodukte auf ihre Risiken prüft und dann entscheidet, ob sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Durch eine solche Zertifizierung und Kontrolle würde sichergestellt, dass die angebotenen Finanzprodukte mit den vereinbarten Regeln, Standards und Normen auch tatsächlich kompatibel sind. Ein mögliches Vorbild hierfür wäre die US Food und Drug Administration (FDA), die 1927 zum Schutz und zur Förderung der öffentlichen Gesundheit gegründet wurde. Die FDA kontrolliert die Sicherheit und Wirksamkeit von menschlichen und tierischen Arzneimitteln, biologischen Produkten, Medizinprodukten, Lebensmitteln und Strahlen emittierenden Geräten. Wichtig ist, dass diese Kontrolle alle pharmazeutischen Produkte umfasst – egal ob in den USA hergestellt oder importiert.

Die Stabilität der Finanzmärkte als ein global public good zu definieren, impliziert, dass eine Zertifizierung für Finanzprodukte unerlässlich ist. Andere Branchen, wie z.B. die Nahrungsmittelindustrie oder die Pharmabranche, bedienen sich ebenfalls neuer und komplexer Innovationen. Allerdings sichern sich Unternehmen und Kunden durch gesetzliche Vorgaben und strenge Kontrollen gegen schädliche Innovationen ab. Bei pharmazeutischen Produkten etwa wird die Öffentlichkeit mittels Tests und Prüfung der Produkte durch unabhängige Sachverständige und durch eine kontrollierte Zulassung geschützt. Kein Arzt würde ein Arzneimittel verschreiben, das nicht vorher einem rigorosen Test unterzogen wurde.

Komplexe Wertpapiere sind nicht anders zu bewerten. Eine der wichtigsten Forderungen sollte daher sein, dass Finanzprodukte auch eine Testphase durchlaufen müssen. Nur dann sollten sie lizensiert und in den Umlauf gebracht werden. So könnten faire Preisbildung und neue Methoden des Risikomanagements entwickelt werden. Die Zertifizierungsagentur von Finanzprodukten könnte damit wesentlich zur Angstfreiheit der Bürger und Bürgerinnen in wirtschaftlicher Hinsicht beitragen, und ein wichtiger Baustein zur Sicherung der Lebensqualität sein.

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Dieser Text basiert auf dem Artikel: Brigitte Young und Dorothea Schäfer (2011). Globale Finanzmärkte: Fairness und Gerechtigkeit. Arbeitspapier für das Fortschrittsforum, 6.12.2011.




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