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Artikel von A. Siemoneit

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Andreas Siemoneit

Andreas Siemoneit

ist Physiker und Wirtschafts-Ingenieur. Er lebt in Berlin.

Stellt die Systemfrage

von Andreas Siemoneit am 19. Januar 2012

Der Kapitalismus ist völlig aus der Bahn, meint unser Leser Andreas Siemoneit. Wir brauchen eine andere Art der Marktwirtschaft. Ein neuer Eigentumsbegriff, Vermögensobergrenzen und ein striktes Nachhaltigkeitspostulat könnten die Eckpfeiler sein. Ein Angebot.


Die Welt der Wirtschaft dreht sich immer schneller: Ein entfesselter Finanzmarkt, Investoren, die Grundstücke und Rohstoffe hamstern, steigender Ressourcenverbrauch, Millionen Arbeitslose und ein ruinöser Wettbewerb der Nationen sind nur einige Stichwörter der Negativspirale.

Warum sind die bewährten liberalen Prinzipien

  • Freiheit des Einzelnen
  • Demokratie
  • Marktwirtschaft
  • „Leistung soll sich lohnen”
  • Zurückhaltung des Staates

anscheinend nicht in der Lage, unsere ökologischen und sozialen Grundlagen zu bewahren? Ist das nur unsere „angeborene Gier”? Demokratie und Marktwirtschaft werden als Konzepte von verschiedenen Seiten zunehmend in Frage gestellt – kann man sie noch einmal „rehabilitieren”?

Selbstverständlich. Es ist eigentlich ganz einfach. Mit genau diesen liberalen Prinzipien kann man nämlich auch zu einem Gesellschaftsmodell kommen, in dem Vernunft und Mäßigung auf einmal zum Natürlichen werden. Es ist liberal, denn es würdigt die Freiheit des Einzelnen. Es ist humanistisch, denn es berücksichtigt die menschlichen Konflikte zwischen kurzfristigen und langfristigen Interessen. Es ist der Versuch herauszufinden, was Demokratie so edel und Marktwirtschaft so unwiderstehlich macht, und ob man das nicht noch einmal anders kombinieren kann.

Es gibt zwei gegensätzliche gesellschaftliche Botschaften:

Die Botschaft der freien Marktwirtschaft

Denke unternehmerisch. Maximiere Deinen Gewinn. Verbinde Dein persönliches Wachstum mit dem Wachstum der Wirtschaft. Bleibe wettbewerbsfähig. Suche Gelegenheiten zum Investieren. Steigere den Umsatz. Senke die Kosten. Sei nie zufrieden mit dem Erreichten.

Die Botschaft der Mäßigung

Mäßige Dich. Handle vernünftig. Wirtschafte nachhaltig. Schütze die Umwelt. Senke den Ressourcenverbrauch. Teile Deinen Reichtum. Nimm Rücksicht auf die Schwächeren. Geld ist nicht alles. Sei zufrieden mit dem, was Du hast.

Das Problem ist: Die Botschaft der freien Marktwirtschaft ist viel lauter als die der Mäßigung. Wir haben unzählige Maßnahmen getroffen, um der Botschaft der freien Marktwirtschaft Gehör zu verschaffen, aber nur eine Handvoll für die Botschaft der Mäßigung. Und wir verschaffen der Botschaft der freien Marktwirtschaft über viele übergeordnete Prinzipien Geltung, der Botschaft der Mäßigung jedoch vorwiegend über nachgelagerte Gesetze und Verordnungen. Das führt zu einem grotesken Ungleichgewicht:

  • Wir sind in einer Spirale aus Produktion und Konsum gelandet, weil unser Wirtschaftssystem das Unternehmertum geradezu entfesselt und die Konsumenten zum Konsum drängt. Gewinne werden privatisiert und Kosten vergesellschaftet. Das ist nicht gottgegeben, sondern durch verschiedene Prinzipien so gestaltet.
  • Ebenso ist eine ständige Steigerung der Produktivität nicht „natürlich”, sondern basiert praktisch ausschließlich auf der ungehemmten Ausbeutung der natürlichen Ressourcen. Der Gesamteffekt von Produktivitätssteigerung und Arbeitsteilung ist schon seit langem für die Gesellschaft insgesamt negativ.
  • Viele derzeit diskutierte „Lösungen” versuchen, nur die wildesten Auswüchse zu begrenzen, ohne die Frage nach den tieferen Gründen zu stellen. Die Wirtschaft soll zum Maßhalten gezwungen werden. Das führt zu einem undurchschaubaren Geflecht von Vorschriften sowie ganz unangenehmen moralischen Appellen.

Es wird daher nicht reichen, Plädoyers für neue Leitbilder zu halten, neue Formen der Arbeit zu diskutieren oder den Gestaltungswillen der Politik einzufordern, solange überwältigende Anreize und praktische Subventionen im Gesellschaftsmodell existieren, die zu Reichtum, Machtkampf, Wettbewerb und Ressourcenverschwendung auffordern – kurz: Zu Maßlosigkeit und Unvernunft. Die Idee der Leistungsgesellschaft „Wer mehr leistet, bekommt auch mehr” wurde pervertiert in die Idee der Wettbewerbsgesellschaft „Wirtschaft ist Kampf, und es gibt Gewinner und Verlierer”. Der Mensch könnte viel vernünftiger sein, wenn man ihm nur eine Chance geben würde.

Wie kann man die Systemfrage stellen, ohne liberale Prinzipien aufzugeben? Millionen von Menschen mit unterschiedlichsten Interessen kann man nicht dazu bringen, an einem Strang zu ziehen. Statt dessen darf man die Kräfte bestimmter Stränge nicht zu stark werden lassen. Das Stichwort zur Sicherung der Freiheit lautet „Machtbegrenzung” und die Aufgabe lautet, diese in der Wirtschaft ohne Willkür zu realisieren.

Die notwendigen Prinzipien der Umgestaltung umfassen im wesentlichen folgende Punkte, die allesamt fest auf einer liberalen Grundlage stehen:  

  • Marktwirtschaft und Demokratie sind das Gleiche. Es sind die beiden Seiten der Medaille „Leben in Gemeinschaft”. Nur mit Marktwirtschaft kann man die wirtschaftliche Freiheit des Einzelnen realisieren, aber sie darf nicht grenzenlos sein. In der Politik waren wir schon mutiger und haben die Macht der Repräsentanten demokratisch begrenzt. Notwendige Voraussetzung war die Erfahrung der politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Das müssen wir jetzt in der Marktwirtschaft nachholen, um nicht vollends in eine ökologische und soziale Katastrophe des 21. Jahrhunderts abzugleiten. Machtbegrenzung bedeutet in der Marktwirtschaft eine absolute Obergrenze für Vermögen.
  • Aus dem Grundsatz „Leistung soll sich lohnen” kann man ableiten, dass leistungslose Einkommen, die einfach nur aufgrund von Eigentum erzielt werden, nicht zulässig sind. Einkommen dürfen nur aufgrund einer eigenhändig erbrachten Leistung erzielt werden. Kein Grundstück wurde je von Menschen erschaffen, kein nichterneuerbarer Rohstoff je von Menschen produziert. Dieses „Menschheitserbe” darf demzufolge nicht den Marktgesetzen unterliegen. Damit erhält man einen veränderten Eigentumsbegriff.
  • Demokratie bedeutet auch die Berücksichtigung der zukünftigen Generationen, und zwar nicht nur der nächsten 50 Jahre. Wir haben genug Rohstoffe aus der Erde geholt, und mit dem, was wir haben, müssen wir sorgsam umgehen. Das führt zu einem absoluten Nachhaltigkeitspostulat: 100 % Recycling oder 100 % Abbaubarkeit („Cradle to cradle”), keine zusätzlichen nichterneuerbaren Rohstoffe verbrauchen, Produktverantwortung des Herstellers über die gesamte Produktlebensdauer (umfassende Rücknahmepflicht).

Auf dieser Basis könnte man zu einer neuen Gesellschaftsordnung kommen, die gutes Leben nicht primär über den Konsum definiert. Angebotsdenken würde ersetzt durch Nachfrageorientierung. Die konkrete Ausgestaltung könnte wieder getrost den Kräften des Marktes überlassen werden, der dann sozusagen auf eine Vernunft-Diät gesetzt ist. Es könnte die Bewahrung von Demokratie und Marktwirtschaft sein – eine humanistische Marktwirtschaft.

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