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Artikel von A. Siemoneit

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Andreas Siemoneit

Andreas Siemoneit

ist Physiker und Wirtschafts-Ingenieur. Er lebt in Berlin.

Real existierende Marktwirtschaft

von Andreas Siemoneit am 12. April 2012

Wird die Marktwirtschaft ihren liberalen Ansprüchen gerecht? Nicht wirklich, schreibt unser Leser Andreas Siemoneit. Tatsächlich werden ständig wirtschaftliche Kosten auf die Gesellschaft abgewältzt. Kein Wunder, wenn so ein System auch an Überzeugungskraft verliert.


Mit dem Begriff des „real existierenden Sozialismus” wird das Auseinanderklaffen von marxistischem Anspruch und Realität in den sozialistischen Staaten bezeichnet. Die fundamentale Krise der Marktwirtschaft wurde auf Fortschrittsforum.de bereits thematisiert, beispielsweise von Marc Saxer, Alexander Lorch oder auch in meinem letzten Text. Dieser Artikel beleuchtet nun die Frage, inwieweit wir uns eigentlich an unser eigenes Modell halten: Wird denn die nüchterne Realität der Marktwirtschaft dem liberalen Anspruch gerecht?

Der Markt ist eine uralte Erfindung. Er dient seit jeher dem wirtschaftlichen Austausch und damit der gesellschaftlichen Wohlfahrt. Wenn jeder autark leben und alle für das Leben erforderlichen Güter selbst herstellen könnte, bräuchte man diesen wirtschaftlichen Austausch nicht. Arbeitsteilung und Spezialisierung zugunsten einer Produktivitätssteigerung führen jedoch zu mehr Wohlstand – aber auch zu der Notwendigkeit, den Austausch der so erzeugten Güter zu regeln, um den Interessen aller Beteiligten gerecht werden zu können.

Die „gerechte” Verteilung von privat hergestellten Gütern erzeugt ein komplexes Spannungsfeld, in welchem zweiseitige Tauschgeschäfte, meist Ware gegen Geld, aus verschiedenen Gründen am effizientesten erscheinen. Auf der Warenseite machen insbesondere die persönlichen Vorlieben und Abneigungen sowohl bei der Produktion als auch beim Konsum zentrale Steuerungen schwierig bis unmöglich. Neben dem Gebrauchsnutzen ist gesellschaftliche Kommunikation mit Hilfe des sogenannten Statuskonsums Teil unseres sozialen Austauschs und somit auch unseres Wohlstandes. Auf der Entlohnungsseite spielen Faktoren wie Eigennutz, aber auch der Wunsch nach sozialer Anerkennung von individueller Leistung eine Rolle. Daneben gibt es Gerechtigkeitsgefühl sowie ein soziales Mitgefühl gegenüber Schwächeren. Sicherheit und Vorsorge sind über den Tag hinaus reichende Bedürfnisse.

Einen „gerechten Wert” für solche Güter festzusetzen, ist schier unmöglich. Daher hat sich der Marktpreis als „bestmöglicher Ersatz für Wert” durchgesetzt. Das Marktmodell des Liberalismus basiert im Wesentlichen auf drei Säulen: Der Sicherheit, dass einem die erbrachte Leistung nicht einfach weggenommen wird, also Leistungsprinzip und die Idee des Eigentums. Der Übernahme von Verantwortung und des wirtschaftlichen Risikos – inklusive der Möglichkeit zu scheitern. Und schließlich der großen Handlungsfreiheit in allen anderen Aspekten.

Damit erhält man ein robustes System, in dem wirtschaftlicher Austausch mit jeweils wenigen Beteiligten und unvollständiger Information selbstregulierend funktionieren kann. Marktwirtschaft ist nicht die einzige und auch nicht die letzte Antwort auf die Bedürfnisse von Menschen, aber sie ist eine (Betonung auf ist und eine).

Allerdings wurden schon immer marktfremde Maßnahmen getroffen, die den Lauf der Wirtschaft beschleunigen, Wirtschaftsmacht konzentrieren oder Verantwortung verschieben sollen, und genau das ist das Problem: Je nach Nützlichkeit wird entweder das Modell der reinen Lehre beschworen oder aber „pragmatisch” gehandhabt – und erst diese Ad-hoc-Abweichungen ermöglichen die entfesselte Wettbewerbsgesellschaft. Was hingegen könnte eine konsequente Anwendung des marktwirtschaftlichen Modells heute bedeuten?

Verbrauch von Bodenschätzen 

Der Markt brauchte bis weit ins Mittelalter auf die besondere Stellung der Bodenschätze und Naturgüter wenig Rücksicht zu nehmen, weil der persönliche Leistungsanteil dominant im Vordergrund stand, die Eingriffe in die Natur überschaubar und die Rückstände beherrschbar waren (mit Ausnahmen, beispielsweise massiver Holzverbrauch). Der Rohstoffverbrauch war kaum Bestandteil des wirtschaftlichen Risikos. Heute sind intensiver Raubbau an Bodenschätzen und Naturgütern, ihr unwiederbringlicher Verlust sowie die Hinterlassung von apokalyptischen Landschaften und Rückständen die Regel. Das damit verbundene wirtschaftliche Risiko ist immens – und kaum ein Unternehmer muss es tragen.

Erst absolut nachhaltiges Wirtschaften schafft überhaupt die Voraussetzung dafür, von einer Marktwirtschaft reden zu können. Nur durch eine Produktverantwortung des Herstellers über den gesamten Produktlebenszyklus bis zum Ende, wo der Anfangszustand wieder hergestellt werden müsste, würden sich alle Kosten der Erstellung, Verteilung und Entsorgung im Preis abbilden lassen, wie sich das in einer echten Marktwirtschaft gehört. Daraus kann man eine generelle Rücknahme- und Recyclingpflicht für Produzenten und Handel ableiten.

Beides beruht nicht auf persönlicher Leistung, sondern war schon immer da. Nur die Nutzbarmachung (Land urbar machen, Bodenschätze fördern) wurde von Menschen geleistet, und daher kann man auch nur daran Eigentum erwerben. Alles andere widerspricht dem Leistungsprinzip der Marktwirtschaft. Es gibt eine ganze Reihe von alternativen Modellen, beispielsweise Gemeingüter, Lizenzen, Erbpacht.

Während die Idee der „juristischen Person” mit Marktwirtschaft zumindest kompatibel ist, ist die Haftungsbegrenzung von Kapitalgesellschaften als „Zwangsmitgliedschaft in einem gesamtgesellschaftlichen Versicherungsverein” völlig marktfremd. Kapitalgesellschaften können Risiken eingehen, die in keinem Verhältnis zu ihrer wirtschaftlichen Potenz stehen. Die Idee der „riskanten Unternehmung” ist eine Karikatur des Nachfragegedankens und das Gegenteil von Solidität. Müllbeseitigungsfirmen, die illegal Müll entsorgen, Telefongesellschaften, die sich von ihren Kunden üppige Vorauszahlungen überweisen lassen, obskure Dienstleistungsfirmen, die Arbeitsschutzgesetze verletzen, sind aktuelle Beispiele. Ihre Eigentümer können ganz offiziell verantwortungslos sein. Das Risiko tragen dann Lieferanten, Kunden, Mitarbeiter – und die soziale Gemeinschaft, die die Überreste beseitigen muss.

Drogen für die Wirtschaft

Subventionen sind in der Wirtschaft das, was Doping im Sport ist: Unerlaubte Leistungssteigerungen. Regulierung ist das Gegenteil: Zu große unerwünschte Leistungsfähigkeit wird unter Hinweis auf das Gemeinwohl abgebremst. Beides eröffnet den Großen Basar und lädt ein zum Schachern und Feilschen mit der Politik.

Die Kombination von begrenzten Nationen und globaler Marktwirtschaft wirkt hierbei verheerend, denn in Zeiten der Erpressbarkeit mit dem Drohwort „Arbeitsplätze” kommt es zu einer charakteristischen Schieflage: Unternehmer und Arbeitnehmer verbünden sich mittlerweile zur aggressiven Einforderung von Subventionen, und ebenso aggressiv werden Regulierungen und die Streichung vorhandener Subventionen abgelehnt. Dafür wird der ganze Zauberkasten der „Überzeugungsarbeit” herangezogen: Lobbyismus, Täuschung, Korruption, gesetzeswidrig Fakten schaffen, Ausspielen von Regionen und Nationen gegeneinander.

Diese Liste könnte man noch erheblich verlängern. Alle diese Beispiele sind – mehr oder weniger – gesellschaftlicher Konsens. Es ist nicht verboten, sich darauf zu einigen. Aber es hat nichts mit Marktwirtschaft zu tun. Es ist die Abwälzung von wirtschaftlichen Risiken und Kosten auf wirtschaftlich Schwächere sowie die Gesellschaft – und auf künftige Generationen, die sich dazu glücklicherweise nicht äußern können. Wer also das nächste Mal die Marktwirtschaft verteidigt, sollte sich ernsthaft fragen, was er oder sie da eigentlich verteidigt: Wirklich die Marktwirtschaft? Oder doch nur den Status quo? Oder ist am Ende der Mensch sogar für die Marktwirtschaft zu schlecht?




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