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Artikel von A. Borchardt

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Alexandra Borchardt

Alexandra Borchardt

ist Chefin vom Dienst bei der Süddeutschen Zeitung. Die langjährige Journalistin, arbeitet vorwiegend in den Bereichen Wirtschaft und Politik.

Nicht klein beigeben

von Alexandra Borchardt am 25. Oktober 2012

Wachstum ist plötzlich verboten. Weil es Ressourcen verbraucht. Dabei geht es nicht ohne Wachstum. Es muss nur das richtige sein.


Es ist ein ganz normaler Streit in einem ganz normalen Dorf. Eine Umgehungsstraße soll gebaut werden. Die einen sind dafür, die anderen dagegen, es gibt einen Bürgerentscheid. Details tun hier nichts zur Sache, nur dieses: Eine der gegnerischen Gruppen protestiert mit dem Slogan "Schulden machen arm". Der Reflex sagt: Treffer. Mitten rein in die Diskussion um Rettungspakete, von denen man hofft, dass sie die Haushaltslöcher so gut füllen werden wie das Thema Euro-Krise die Abendnachrichten. Passt also. Aber stimmt es auch?

Es gab Zeiten, da galt Schulden machen als Investition. Der Kredit sei der Schlüssel zu einer besseren Zukunft - so dachten Bürgermeister, Unternehmer, Häuslebauer. Mit Hilfe von Schulden würde man aus Träumen Wirklichkeit entstehen lassen. In der neuen Wirklichkeit, das war Gewissheit, würde man den Kredit zurückzahlen können. Die Umgehungsstraße würde den Ort so lauschig machen, dass man neue Steuerzahler anlocken würde, räsonierte der Bürgermeister. Der Unternehmer glaubte an seine neue Produktlinie, die locker die Kreditkosten hereinspielen würde. Und der Häuslebauer war sich seiner Gehaltserhöhung sicher. Zinsen? Kein Problem, es würde schließlich Wachstum geben. Das war einmal.

Heute regiert Angst. Seitdem Banken die Welt mit waffentauglichen Finanzprodukten terrorisiert haben,gehören Schulden ins "Reich des Bösen", gleich neben Irans Präsident Ahmadinedschad. Und an Wachstum glaubt offenbar nur noch die FDP, der wiederum kaum einer mehr glaubt. Wachstum ist heute total von gestern. Steht für Gier, Prasserei, kaputte Umwelt, Ausbeutung, menschliche Maßlosigkeit. Wer intellektuell auf sich hält, propagiert die Post-Wachstums-Ökonomie.

Kommissionen beraten über Alternativen zum Wirtschaftsmodell des "Immer mehr" und selbst Politiker wie Wolfgang Schäuble sinnieren über Grenzen des Wachstums, wie es früher nur langbärtige Soziologen getan haben. Schon bereiten Philosophen, Ökonomen und Designer Wohlstandsbürger auf ein Less-is-more-Leben vor, Anleitungen zum Aufmöbeln von Sperrmüllfunden inklusive. Und kaum freut man sich über den Boom grüner Technologie, wird schon vor den Schrecken des Rebound-Effekts gewarnt. Also vor dem Zusammenhang von Effizienzsteigerungen und erhöhtem Verbrauch.

Die Enquete-Kommission"Wachstum" beschäftigt sich vor allem mit Unmöglichkeiten

Die Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität des Deutschen Bundestages (17 Mitglieder, 17 Stellvertreter, 17 Sachverständige, bislang 21 Sitzungen) hat jüngst einen Zwischenbericht mit dem Titel "Möglichkeiten und Grenzen der Entkopplung" veröffentlicht, in dem vor allem von Unmöglichkeiten die Rede ist. Produkte mit dem Stempel "umweltschonend" verleiteten zu mehr Konsum, was Spareffekte wieder zunichte mache, warnen die Parlamentarier. Hybrid-Autos und Küchengeräte der Klasse A++ aufwärts sind demnach wie Null-Fett-Kartoffelchips und zucker freie Softdrinks: Für die echte Diät taugen sie nichts.Wie der Basketball, der beim Rebound nach dem missglückten Korbwurf abprallt, schlägt in diesem Fall das gute Gewissen zurück.

Also doch: daheim bleiben, Geld aufs Konto, Licht drosseln und hoffen, dass die Generation danach damit auch noch durchkommt? Zu verhindern gilt es demnach: neue Gewerbegebiete, tiefer gelegte Bahnhöfe, neue Start- und Landebahnen, sportliche Großveranstaltungen, Umgehungsstraßen, neuerdings auch Windparks. Sonst noch etwas? Sind es die derart Ängstlichen, die "unseren Planeten retten" werden, wie sie es gerne formulieren? Ganz bestimmt nicht. Denn es gibt (Achtung, Managerdeutsch!) eine Herausforderung: Neun Milliarden Menschen sollen in ein paar Jahrzehnten ernährt werden. Sie sollen zumindest ein Dach über dem Kopf, fließend Wasser, ausreichend zu essen, einen Arzt in der Nähe und die Möglichkeit haben, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Allein dafür muss Wachstum sein.

Denn anders als die Wissenschaftler des Club of Rome, die vor 40 Jahren erstmals vor den "Grenzen des Wachstums" warnten, würde heute niemand mehr strikte Geburtenkontrolle fordern. Mehr Anmaßung ginge kaum, und die chinesische Ein-Kind-Politik mit Mädchenmord und Frauenmangel als Folge zeigt, dass solche Entwicklungen staatlich kaum steuerbar sind. Üblicherweise sinkt die Kinderzahl zudem gerade dann, wenn die Mittelschicht mit Hilfe von Wirtschaftswachstum erstarkt.

Wachstum muss aber nicht nur sein, es sollte. Denn Wachstum ist großartig. Es folgt direkt aus Phantasie, Kreativität und Forschergeist, Eigenschaften, die immer wieder Grandioses hervorbringen. Menschen können über sich hinaus wachsen. Oder mögen wir nur noch schwäbische Hausfrauen, die streng nach Kehrwoche arbeiten? Dann könnte niemand mehr jenen Staub aufwirbeln, aus dem etwas Neues, ganz und gar Faszinierendes entstehen kann. Sternenstaub, wenn man so will.

Natürlich lässt sich darüber streiten, ob der Flug zum Mond oder Coca-Cola in der Dose die Menschheit bereichert haben. Aber Produkte der Phantasie waren zum Beispiel auch Impfstoffe - mit ihrer Hilfe hat sich die Kindersterblichkeit in den vergangenen 20 Jahren halbiert. Phantasie hat Katalysatoren und Rauchgasentschwefelungsanlagen erschaffen, die Stadtluft vielerorts atembar machen. Sie ist Schöpferin von Windrädern und Solarkollektoren, von kompostierbaren Tüten, dem Internet. Und diese Phantasie gedeiht umso besser, je stärker Forscher und Unternehmer Wachstum wittern.

Man könnte jetzt sagen:Recycelt ruhig eure Klamotten, die Chinesen kümmert's ohnehin nicht. Denn während der Westen über Wachstumsgrenzen diskutiert, entstehen in Asien Millionenstädte in Zeiträumen, die hier zwischen zwei Anhörungen zu einem Planfeststellungsbeschluss vergehen. Aber das würde bedeuten, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Auch aus der Verantwortung für Menschen hierzulande, die vom Wachstum profitieren.

Was passiert, wenn man nur nochspart, kann man derzeit in den südlichen Ländern beobachten

Post-Wachstum: Das lässt sich übrigens betrachten - nicht weit weg von hier. In den europäischen Südländern wird derzeit so kräftig gespart, dass Existenzen im Takt von Dominosteinen fallen und junge Menschen erst gar keine aufbauen können. Geld für Investitionen? Nichts mehr da. Doch wie sollen Schulden je bezahlt werden, wenn es keine Güter und Dienstleistungen gibt, die einem irgendjemand aus den Händen reißt? Das größte Problem in diesen Ländern ist, dass sie außerhalb der Umverteilung von Reich nach Arm zuwenige Einnahmen haben. Wachstum? Keine Idee. "Ihr müsst erfinden und entwickeln", wäre die richtige Ansage.

Die Debatte über die Grenzen des Wachstums hat oft etwas Bevormundendes. Die Satten sagen den Hungrigen, dass jetzt leider Schluss sei mit dem konsumfreudigen Lebensstil der westlichen Mittelschicht. Aus, zu spät, das Buffet ist leer. Meist flammen solche Diskussionen in Zeiten auf, die man mit "Peak growth" umschreiben könnte. So wie der Begriff "Peak Oil" jenen Gipfel markiert, an dem die höchstmögliche Ölfördermenge erreicht ist, wäre "Peak growth" der Moment, an dem eine Generation entdeckt, dass es der ihr nachfolgenden vermutlich nicht mehr besser gehen wird als ihr. Doch es ist fatal, dann in Angst zu erstarren. Zumal Peak growth" schwer zu ermitteln ist. Denn was bedeutet das eigentlich: "besser gehen"? Bedeutet es,dickere Autos zu fahren und in größeren Wohnungen zu leben als die Vorgängergeneration, oder bedeutet es, mehr Zeit für die Familie zu haben und wieder in längst als verseucht abgeschriebenen Flüssen schwimmen zu können? Wie misst man Lebensqualität?

Kein Wunder, dass es auch für diese Frage Kommissionen gibt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP), das nur Mengen misst, ist als Wirtschaftsindikator in die Jahre gekommen. Wissenschaftler der ersten Liga suchen nach Ersatz. Eine Truppe um den Columbia-Professor Joseph Stiglitz hat für Frankreichs Ex-Präsidenten Nicolas Sarkozy auf 300 Seiten erläutert, warum man auch das Wohlergehen einzelner Haushalte und soziale Gerechtigkeit in einem Wirtschaftsindikator abbilden müsste. Schließlich steigerten auch Verkehrsstaus das BIP, weil Autos darin mehr Benzin verblasen, argumentierten die Wissenschaftler.

Andere Ökonomen erforschen, wie "post" das Wachstum eigentlich sein muss, damit die Ökosysteme geschützt werden und dennoch keine Armut ausbricht. Tatsächlich null Prozent? Oder sogar 1,5 Prozent? Einige Länder wären begeistert, hätten sie diese Rate. Allerdings hat noch niemand die Formel dafür gefunden, wie man Wachstum, das aus den Handlungen von Millionen Individuen besteht, genau steuern könnte.

Was diese Individuen alles falsch machen können, weiß auch die deutsche Enquete-Kommission zum Wachstum genau. Und was können sie richtig machen? Dazu gibt es immerhin das Kapitel"Forschungsbedarf", ein Abladeplatz für alle offenen Fragen, auf die man sich eigentlich Antworten erhofft hätte. Vor allem die schlechte "Prognosefähigkeit" macht den Kommissionsmitgliedern zu schaffen. Soll man sagen: zum Glück? Wer hätte vor 20 Jahren die Bedeutung des Internets vorausgeahnt, vor zehn Jahren die Finanzkrise, vor fünf Jahren die Rolle sozialer Netzwerke? Wer kann sich jetzt vorstellen, was Roboter in nicht allzu ferner Zukunft für uns tun werden? Wie viele Probleme von einst sind keine mehr, weil es eine Lösung dafür gibt - und wie viele andere kamen hinzu?

Es ist deshalb Unsinn zu behaupten, die Umwelt vertrage kein Wachstum mehr, im Gegenteil: Der Schutz des natürlichen Lebensraums verlangt danach. Nur durch Innovationen beim effizienteren Einsatz von Energie und Ressourcen wird es möglich sein, die wachsende Weltbevölkerung zu menschenwürdigen Bedingungen zu versorgen.

Es ist vermessen, wenn Menschen für sich beanspruchen, sie könnten "den Planeten retten"

Damit nun aber viele Menschen möglichst wenig Energie verbrauchen, müssen Städte der kurzen Wege und Passivhäuser gebaut, attraktive Mobilitätssysteme jenseits des eigenen Autos entwickelt, und rohstoffsparende Maschinen und Geräte konstruiert werden, optimiert von passgenauer Software - und alles muss wieder über den Haufen geworfen werden, wenn sich Erkenntnisse ändern. All das erfordert Investitionen. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, Unep, setzt aus diesem Bewusstsein heraus auf grünes Wachstum."Eine grüne Wirtschaft kann genauso viel Wachstum und Beschäftigung schaffen wie eine braune Wirtschaft", heißt es im Unep-Bericht Green Economy. Und diese Sichtweise ist keinesfalls überholt.

Es geht vor allem darum, den so lange kostenlos geglaubten Umweltgütern wie sauberer Luft, Trinkwasser,Boden und Ressourcen einen Preis zuzuweisen und damit deren Verbrauch zu zügeln. Das ist Aufgabe der Regierungen und schwierig genug. Ökologische Steuerreform und Emissionshandel setzen dort an. All die anderen Entscheidungen darüber, was entwickelt, verkauft und gekauft wird, müssen aber Unternehmen und Konsumenten überlassen bleiben. Und sie sind dort in gar nicht mal so schlechten Händen. So viel Wertekodex, ökologisches Bewusstsein und Grundsatzdebatte wie heute waren nie. Und wenn ein bisschen Rebound und Greenwashing - also Öko-Gerede zu Marketing-Zwecken - dabei ist, dann sei's drum.

Es ist übrigens eine vermessene Sicht auf den Weltlauf, wenn Menschen für sich beanspruchen, sie könnten"den Planeten retten", als sei er eine Art riesiges Naturschutzgebiet. Der Planet wird uns weiterhin überraschen und schockieren, mit Erdbeben, Vulkanausbrüchen, ungeahnten Wetterphänomenen. Wie in Japan 2011 werden Menschen noch oft schmerzhaft erfahren, wenn das Wachstum die falsche Richtung genommen hat.

Und um das geht es: das richtige Wachstum, also das, was wir im Licht heutiger Erkenntnisse und Werte dafür halten. Bei der großen Finanzkrise konnte jeder sehen, was passiert, wenn selbst für Kenner nahezu undurchschaubare Finanzprodukte Gewinn bringen sollen, die im Kern keine Wachstumsidee enthalten,sondern nur jede Menge gequirlte Luft. Es gibt genügend Vermögen auf der Welt, das geradezu danach dürstet, sinnvoll und mit Wachstumsperspektive investiert zu werden.

Exzesse wird es immer geben, aber Menschen können sich dafür entscheiden, es künftig anders zu machen. Es ist besser, aus Fehlern zu lernen, als sich aus Angst davor in den Winterschlaf zu flüchten. Schulden können vernünftig sein und ein besseres Leben ermöglichen - sofern man mit Verstand investiert. Natürlich ist es Unsinn, ein Haus zu finanzieren, das einen ruiniert. Und natürlich sollte kein Politiker Verbindlichkeiten eingehen, die künftigen Generationen die Luft zum Atmen nehmen, weil neue Schulden nur noch zum Abtragender Zinslast dienen. Aber so wie nur wenige Menschen auf die Idee kommen, Alkohol und Schokolade komplett zu verbieten, weil es Alkoholkranke und Fettsüchtige gibt, darf man das Schulden machen an sich nicht verdammen.

Die Umgehungsstraße in dem Dorf wird übrigens gebaut. Die Angst vor den Schulden hat beim Wähler nicht gezogen.

© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content).




1 Kommentare:

D. Constein

D. Constein am 26. Oktober 2012 um 16:21 Uhr

Werte Frau Borchardt,

erstaunlich: trotz Ihrer Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Wachstumsdebatte kommen Sie zu ähnlichen Schlüssen wie die Kreise der Postwachstumsvertreter: das "richtige" muss wachsen - während das "falsche" schrumpfen muss. Darin besteht kein Zweifel.

Darüber hinaus aber bietet die Wachstumsdebatte noch so viel mehr, worauf Sie nicht eingehen - und damit letztlich der Tiefe der Debatte nicht gerecht werden. Wenn Miegel und Co. uns glaubhaft versichern können, dass die Wachstumsrate jeder Ökonomie mit den Jahrzehnten fällt, unsere Sozialsysteme aber auf ein Mindestwachstum angewiesen sind: wie gehen wir damit um? Wenn das Schuldgeldsystem und die rechtliche Unternehmensverfassung Firmen strukturell zwingt zu expandieren: Welche Schlüsse ziehen wir daraus?

Angesichts der Austeritätspolitik in Grichenland und Co. setzen sie Wachstumskritik mit Schuldenverbot gleich. Ihr Credo für unternehmerische und politische "Phantasie" ist letztlich nur die altbekannte Forderung nach Innovationen. Wenn wir darin übereinstimmen, dass das richtige wachsen muss, bleibt die Frage offen, was das "richtige" ist und wie es erreicht wird. Darin, so scheint mir, liegt Ihre Differenz mit den Wachstumskritikern. Während Sie die Umgehungstraße befürworten, wirkt Ihr Werben für andere Mobiliätssysteme selbst unlogisch. Wenn Sie von neuen Passivhäusern schwärmen, drückt sich "Phantasie" für die andere Seite eher in kreativer Umnutzung und Erneuerung des Bestands aus. Und während Sie ein wenig grün-angestrichenes Marketing für ein vertretbares Übel halten, stellt die Wachstumskritik die Sinnhaftigkeit von kommerzieller Werbung und das unnötige Kreieren von Bedürfnissen selbst in Frage.

Darüber lohnt es sich zu streiten! Aber dafür müssen diese Aspekte auch medial aufgegriffen werden, anstatt bei der Wachstumsfrage in altes Lagerdenken zurück zu fallen: hier die grün-kreativen Innovatoren und dort die armseligen Tonnenphilosophen. Die Offenheit für ein Denken außerhalb der Wachstumsbegriffe wäre tatsächlich phantasievoller, als die ewig gleiche Leier vom Weiter-so-nur-besser.

Herzlichst,
Daniel Constein


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