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Artikel von W. Bernhardt

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Wolfram Bernhardt

Wolfram Bernhardt

Wolfram Bernhardt studierte BWL mit dem Schwerpunkten Finanz- und Kapitalmärkte. Er ist Mitgründer des philosophischen Wirtschaftsmagazins agora42 und engagiert sich in zahlreichen Initiativen für seine Stadt Stuttgart.

Nachhaltigkeit zwischen Zauberformel und Selbstbetrug

von Wolfram Bernhardt am 14. Oktober 2013

In den letzten Jahren schien mit dem Triple-Bottom-Line-Reporting endlich der Durchbruch geschafft: Mittels einer Rechenmethode meinte man, klar und für jedermann nachvollziehbar darlegen zu können, ob sich ein Unternehmen oder eine Gesellschaft nachhaltig verhält.


Wer denkt bei diesem Versuch, alle Handlungen in eine Formel zu packen, einen Strich darunter zu ziehen und dann zu entscheiden, ob die Summe dieser Handlungen positiv oder negativ ist, nicht an den englischen Juristen und Philosophen Jeremy Bentham (1748-1832)? Für Bentham sind pleasure (Glück/Lust/Befriedigung) und pain (Schmerz/Unangenehmes) die Beweggründe allen menschlichen Handelns: "Die Natur hat die Menschen unter die Regierung zweier souveräner Herrscher gestellt - pain und pleasure." Weil das Interesse der Gemeinschaft die Summe der individuellen Interessen ist, muss man folglich bei jeder Entscheidung abwägen, wie das größte Glück für die größte Anzahl von Personen erreicht werden kann. Mit anderen Worten: Der größte Nutzen besteht im größten Glück.

Deshalb gilt Bentham als Begründer des klassischen Utilitarismus (lat. utilitas = Nutzen). Glück definierte Bentham dabei allerdings nicht als isolierte Größe, sondern als etwas, das immer in einem Verhältnis zum Schmerz steht. Entsprechend soll man sich dann zum Handeln entscheiden, wenn unter Berücksichtigung aller Faktoren absehbar ist, dass diese Handlung mehr Glück als Schmerz zur Folge haben wird.

Allerdings - und damit ist man bei den Problemen dieses Verfahrens - ist es schwierig, alle Faktoren, die man bei einer Entscheidung zu berücksichtigen hat, miteinzubeziehen und mit dem, was jeder Einzelne unter Glück versteht, in Einklang zu bringen. Wenn diese Methode sich also schon bei der Glücksbestimmung des Einzelnen (oder für die größte Anzahl von Personen) schwer tut, wie viel unwahrscheinlicher ist es dann, dass man mit dem Triple-Bottom-Line-Reporting (TBL-Reporting) eine Methode gefunden hat, die objektiv beurteilt, ob sich ein Unternehmen oder eine Gesellschaft nachhaltig verhält. Schließlich muss man hier nicht nur persönliche Befindlichkeiten bewerten, sondern auch noch soziale, ökonomische und ökologische Faktoren in die Berechnung miteinbeziehen. Faktoren, die jeweils noch kulturell gewichtet und aufgrund der Vergangenheit anders bewertet werden müssen - siehe beispielsweise die Forderung der Entwicklungsländer, dass sie eigentlich noch mehr die Umwelt belasten dürfen müssen, als die Industrienationen, da diese im Laufe ihrer Geschichte der Umwelt bereits arg zugesetzt haben. Faktoren, die plötzlich eine Hindernis für die internationale Wettbewerbsfähigkeit darstellen und somit - wie beispielsweise bei der EEG-Umlage - für einige gelten und für andere wieder nicht.

Kein Wunder also, dass die Freude über das große Interesse an der Nachhaltigkeit in der öffentlichen Debatte sofort wieder gedämpft wird, wenn man sieht, dass seitens Unternehmen und Politik das Thema zwar leidenschaftlich diskutiert wird, konkrete Maßnahmen zu einem nachhaltigeren Miteinander jedoch nur dann umgesetzt werden, wenn sie der Wirtschaft nicht schaden. Kein Wunder also, dass man in diesen Bereichen Nachhaltigkeit am liebsten als etwas verstehen will, womit die Wirtschaft im besten Falle sogar noch angekurbelt wird - Stichwort grünes Wachstum.

Dass grünes Wachstum jedoch nur eine weitere Taktik ist, die verschleiern soll, dass man am liebsten so weitermachen will wie bisher, hat unter anderem Nico Paech in seiner Postwachstumsökonomie erschöpfend dargelegt.

Man kann sich des Eindrucks also letztlich nicht erwehren, dass wir uns im Zuge der Nachhaltigkeitsdebatte immer mehr in Widersprüche verwickeln. Das ist zum einen nicht besonders zielführend und zum anderen für den Einzelnen auch nicht besonders befriedigend. So wundert es umso mehr, dass in Zeiten aufgedrehter Hektik die Menschen nicht den naheliegensten aller Schritte tun und sich erst einmal darüber klar werden, was man sich vom Leben erhofft. Wie eine Gesellschaft aussehen soll, in der man leben möchte? Und wie sich eine lebenswerte Zukunft gestalten könnte? Wenn jeder sich erst einmal die Zeit nimmt, um eine persönliche Antwort auf diese Fragen zu finden, dann glaube ich fest an die Prophezeiung des deutschen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831): "Ist erst das Reich der Vorstellung revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht aus."

P.S.: Es muss eigentlich nicht gesagt werden, dass man dann nur noch so handeln muss, wie man es für richtig erachtet. Die Tatsache, dass wir leider all zu oft ein Handeln wider besseres Wissen beobachten, zeugt jedoch davon, dass all jene, die für sich beanspruchen erwachsen zu sein, in letzter Konsequenz nicht über ein Verhalten hinaus kommen, das für einen 15-Jährigen noch legitim sein mag, für die Entscheidungsträger der Gesellschaft aber nicht mehr tragbar ist. Denn echte Nachhaltigkeit geschieht nicht auf dem Papier einer Unternehmensbilanz oder durch vollmundige Lippenbekenntnisse, sondern durch verantwortungsbewusstes Verhalten.




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