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Artikel von S. von Hayek

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Stephanie von Hayek

Stephanie von Hayek

arbeitet als freie Journalistin, Moderatorin und Politikberaterin in Potsdam.

Mehr Philosophen, bitte!

von Stephanie von Hayek am 17. November 2011

Wir diskutieren die Kardinalfrage nach einem guten Leben vor allem mit Ökonomen, schreibt Stephanie von Hayek. Dabei brauchen wir Menschen, die sich an die grundlegenden Fragen trauen. Philosophen zum Beispiel.


Es gehört zum Wesen des Menschen, dass er häufig das Gegenteil dessen tut, was er tief in seinem Inneren begehrt. Er tut das, weil er die Fähigkeit hat, sich selbst zu belügen. Diesen Zustand kann er sogar für einen wunderbaren Sonnenuntergang halten. Manchmal aber kratzt es leise, pocht an der Schläfe des Schlafenden und lässt ihn fühlen, dass da noch etwas war, etwas Wichtiges, etwas Wahres. Doch eine Handbewegung und das lästige Gefühl ist weg, wie eine Mücke, die sich ein anderes Opfer sucht. Wir drehen uns um, schlafen weiter. Bis zum nächsten Summen.  

Irgendwann aber, reicht auch der Schlaf nicht mehr, um beiseite zu schieben, was gehört werden will. Dann bewegen wir uns. Und haben Hunger. Dann begehren wir. Und sehnen uns. Nach etwas Anderem, Neuem, Stimulierendem. Dem Abenteuer. Teuer kann es sein, das Neue. Aber das Alte noch viel mehr. Denn Stehenbleiben bezahlen wir mit einem Gefühl von Unbehagen, mit einem Verlust an Lebensqualität.

Finanz-, Umwelt- und Gesundheitskrisen, sie weisen uns darauf hin, dass Wohlstand und Glück vielleicht nicht Geschwister sind. Dass die Suche nach Macht, Ruhm und Besitz nur die subtile Lüge einer Gesellschaft ist, in der der Mensch verlernt hat, zu hören: auf sich, die anderen, die Natur. Deren Suche kapitalisiert und den strengen Kriterien wirtschaftlicher Berechnungen und Evaluierungen unterworfen ist.

Wie sonst kommt es, dass eine Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zum Thema „Wohlstand, Wachstum, Lebensqualität“ überwiegend aus Ökonomen besteht? Dass die Kardinalfrage nach einem glücklichen Leben in der Glücksforschung der Volkswirtschaft gemessen wird? Wenn wir Antworten auf die Fragen nach dem guten Leben finden wollen, warum richten wir die Frage nicht an diejenigen, die sich seit je her damit beschäftigen: die Philosophen.

Grundlegende Fragen zu stellen wie nach dem Sinn menschlichen Strebens erlauben wir uns heute nicht. Unser Denken und Handeln folgt Begriffen wie Effizienz und Zielorientiertheit. In der Antike sprachen die zum platonischen Gastmahl geladenen Gäste über den Eros, über das unersättliche Verlangen nach dem Schönen und der Weisheit, nach Dingen, die Lebendigkeit in uns hervorrufen.

Liegt die Herausforderung der Enquete-Kommission tatsächlich darin, einen Indikator als Ersatz für das Bruttoinlandsprodukt zu ermitteln, einer ganzheitlichen Messgröße, der sich eine Gesellschaft erneut unterwirft? Gilt es nicht vielmehr, Werte neu zu (er)finden? So wie es der Einzelne auf seinem Lebensweg tut, wenn er die Auseinandersetzung mit den Fragen des Lebens und seines Leidens im Gespräch mit jemandem sucht, der anders, klug und beharrlich denkt; jemandem, der ihn aus dem eigenen Gedankengebäude heraus führt; der ihm hilft seinen eigenen Haushalt, seine Libidoökonomie zu verstehen: die komplizierte Balance zwischen Lust und Unlust, zwischen den individuellen Bedürfnissen und denen der Gesellschaft; zwischen Alleinsein und Dazugehören; die Mechanismen, die ihn daran hindern, sein volles Potenzial zu leben und damit seinen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.

Das gesellschaftliche Ziel materiellen Wohlstands und technischen Fortschritts - letzteres vermittelt fortwährend eine scheinbare Perfektion - schlägt sich auch im Wohlbefinden des Einzelnen nieder. Im Streben nach einem nicht zu erreichenden Ideal liegt möglicherweise eine der Gründe für die zunehmende Anzahl ausgebrannter Menschen westlicher Gesellschaften. Dann ginge es darum, das vermeintliche Ideal durch etwas Lohnenswerteres und Erreichbares zu ersetzen.

Doch vermutlich wird die Enquete-Kommission am Ende nur das Echo ihrer eigenen Worte hören. Wie Narziss, der sein eigenes Bild im Wasser sieht und sich darin vertieft. Aber auch Narziss will hören, was vom Anderen kommt. Dort liegt seine Lust- und Schaffenskraft.

Deshalb brauchen wir ein neues Gastmahl zwischen Ökonomie und Philosophie, in der eine Verschiebung des Denkens gelingen und scheinbar Undenkbares gedacht werden kann. Für den Eros und eine weniger narzisstische Gesellschaft.

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Dieser Artikel ist erstmals erschienen in: ad hoc international: Das Streben nach Glück, Ausgabe 9




8 Kommentare:

S. Schlebes

S. Schlebes am 20. November 2011 um 22:14 Uhr

Sehr geehrte Frau von Hayek,
ein ganz wunderbarer Artikel mit einer grandiosen Stoßrichtung. Wobei ich lächeln muss, wenn ich den Ruf nach Philosophen vernehme. Glauben Sie, dass im Reich des Wissens Glück und Zufriedenheit zu finden sind? Die Philosophen, die ich treffen durfte, verschwanden mit jedem Satz Im Nebel der Theorie, bis sie nur noch einsamer Rufer ihrer eigenen Melodie waren - selbst wenn es ein organisiertes Quartett war. Als Christ zum Beispiel fehlen mir alle spirituellen Ansätze bei der Debatte, und als begeisterter Meese-Anhänger alle kreativ Schaffenden. Aber das Glas ist halb voll: Und ich bin begeistert über die erwachende Lebens-Leidenschaft bei den Debattenteilnehmerinnen und Teilnehmern. Und ich liebe Ihr EROS-Bekenntnis. Und um dann doch einem Philosophen die Ehre zu geben. Barthes entdeckte in den Fragmenten einer Sprache der Liebe den Ort der Originalität weder beim Ich noch beim Anderen, sondern auf der Beziehung zwischen Dir und mir. Danke für den Parforceritt!


S. von Hayek

S. von Hayek am 21. November 2011 um 10:07 Uhr

Vielen Dank für die Blumen, lieber Herr Schlebes, und für das Lächeln. Es hängt natürlich davon ab, inwiefern für Sie das Denken erotisch ist, das Wissen ist es vielleicht nicht. Wenn es das Denken ist, und für die meisten Intellektuellen ist es das, dann liegt dort auch ein Teil des Glücksgefühls oder des Gefühls der Erfüllung. Im gemeinsamen Denken liegt ja das Ich und das Du.
Für mich dreht sich die Debatte im Kreis, daher braucht es Menschen, die vom Rand her denken, Fragen stellen, zum Beispiel, warum brauchen wir überall Indikatoren? Dann heißt es als Entscheidungsgrundlage für die Politik. Aber was steckt dahinter, Entscheidungen mit Zahlen zu begründen? Was bleibt von den Fragen der persönlichen Verantwortung, der eigenen Position, dem eigenen Vefehlen? Ich würde die Indikatorensuche einfach gerne hinterfragen. Mal sehen, was dann passiert.


S. Schlebes

S. Schlebes am 21. November 2011 um 11:51 Uhr

Sehr geehrte Frau von Hayek,
eine kurze Antwort sei mir erlaubt: Ja, Denken ist natürlich ein wesentlicher Faktor beim EROS. Aber nach Jahren des Bücher-Lesens und Schreibens und Debattierens habe ich vor allem eines festgestellt: Wir sind zwar durchgeistigte Wesen, aber eben auch leibliche Wesen. Am Anfang war mir die reine Materie zu kalt, aber die Welt des Denkens ist noch viel kälter, finden Sie nicht? Aber der eine erschafft Welten mit Worten, der andere durch Berührung. Wohl dem, der verstanden hat, was er da tut. --- Die Debatte und das Kreiseln: Sollte sie je etwas anderes tun? Ist doch ganz hübsch anzuschauen, so ein Ding, das sich dreht - "man" kann es auch immer wieder schön aufziehen, wenn es an Schwung verloren hat. Zynismus beiseite: Nennen Sie mir eine handvoll Menschen, die wirklich etwas ändern wollen. Vielleicht ist für diejenigen dann aber die Form des Fortschrittsforums nicht richtig geeignet. Wenn ich das richtig verstanden habe, geht es um sachliche Politikberatung: messbar, verlässlich, "richtig". Vielleicht ist unser Ansinnen hier nicht richtig platziert? Wie würden Sie den Prozess aufziehen?


S. von Hayek

S. von Hayek am 23. November 2011 um 10:32 Uhr

Verehrter Herr Schlebes,
nein, das finde ich nicht, da das Denken für mich nicht im geschlossenen Raum stattfindet, sondern in der Begegnung und im Austausch mit anderen. Womit berühren wir einen Menschen als Sprachwesen? Nicht unbedingt mit dem, was wir unter Kommunikation verstehen, sondern mit Worten. Im Französischen gibt es das schöne Wort "la parole". Das ist etwas ganz anderes als die permanente Kommunikation. "La parole" verändert das Denken und kann den Anderen berühren. Aber nicht immer direkt, sondern in Bildern, in der Poesie, im Geheimnisvollen.
Die Worte kommen ja nicht aus einer Maschine, die zugegebenermaßen "kalt" sein kann, sondern von einem Wesen mit Gesicht, Mimik und Gestik.

Vielleicht ist ja gerade das Problem, dass wir meinen immer etwas ändern zu wollen, außen, bei den anderen, viele losmarschieren und sich selbst noch nicht auf die Reise gemacht haben, auf der Couch verweilen und sich nicht erheben (können).
Und: aus dem Kreisen kommt man raus, wenn sich die Menschen und Debatten vermischen, wenn wir zurückkehren zu den grundlegenden Fragen: warum tun wir das alles?
Zu Ihrer letzten Frage: ich würde zum Beispiel die Arbeitsgruppen der Enquete bzw. des Fortschrittsforums vermischen, Philosophen, Psychoanalytiker und Künstler einladen und sehen was passiert. Mehr Experimentieren. Ich würde die Vorsitzenden fragen, warum sie den Vorsitz übernommen haben. Wie in einem guten Drehbuch, sich reingeben, damit es interessant wird. Und Sie, was möchten Sie ändern?


T. Hussain

T. Hussain am 25. November 2011 um 06:20 Uhr

Sehr geehrte Frau von Hayek,
ein ausgezeichneter Artikel. Obwohl (oder gerade weil?) ich als Manager einer amerikanischen Firma wohl eher dem von Ihnen kritisch beurteilten Lager der Oekonomen angehoere, erlaube ich mir die folgeden Kommentare:
1) Ich stimme zu, dass wir Menschen, dass unsere Gesellschaft in Anbetracht des Drangs nach Wohlstand, Macht und Geld - und verbunden mit dem stetigen, danke der Informationstechnologie immer schnelleren Wandels - Gefahr laueft, das Thema Glueck immer oberflaechlicher zu sehen. - und dabei das "auf sich hoeren" verlernt.
2) Ich bin mir nicht sicher, wie nachhaltig das Bilden und Wirken von Kommissionen (und seien sie mit einer perfekten Mischung aus Oekonomen und Philosophen besetzt) diesen Trend beeinflussen kann.
3) Mein persoenliches Rezept fuer Glueck und Wohlbefinden kommt dem von Hr. Schlebes erwaehnten Satz "Das Glas ist halbvoll" sehr nahe. Der Mensch ist nun mal ein Relativtier - daher sollten sich moeglichst viele Bemuehungen darauf konzentrieren, dem Menschen den Vorzug eines absoluten (positiven) Ist-Zustandes vor Augen zu halten.
Danke fuer den tollen Artikel - und Gruesse aus Peking! (PS: hier in Asien arbeiten Regierungen an anderen Formen, um Glueck zu berechnen - sie verbinden quantiative (und von Oekonomen empfohlene?) Werte wie Luftqualitaet und Verkehrsstaus mit dem BIP - ich bin mir nicht sicher, ob der neue Indikator - und Verbesserungen der Werte - die Menschen gluecklicher macht.


S. Schlebes

S. Schlebes am 27. November 2011 um 20:18 Uhr

Sehr geehrte Frau von Hayek,
ich gebe Ihnen in allen Punkten Recht. Obwohl ich hin- und hergerissen bin. Auf der einen Seite ist mir sehr wohl bewusst, dass Bewusstseinswandel von Innen heraus geschehen sollte. Ich habe allerdings selbst erfahren, dass der letztliche "Change" dann doch von Außen gekommen ist, und eben nicht durch Worte, sondern durch reale Berührungen. Die dann jedoch in Kombination mit Worten zusammen die explosive Mischung ergeben haben. Als "Projektleiter" im Job habe ich eines gelernt: Träumen und Denken sind wunderbar - als Grundvoraussetzung. Der Weg in die Materialisierung ist dann aber doch entscheidend - für mich zumindest. Aber wir sind da inhaltlich sehr nahe zusammen.
Was ich verändern würde / möchte? Die Frage fürchte ich. Denn ich weiß es nicht. Ich sehe die Menschen, die Strukturen, die Aufgabe des Fortschrittsforums, die Funktionsweise der Politik - und ich weiß, dass ich nichts weiß. Jeder spielt sein Spiel, und alle wurschteln irgendwie so rum. Und so versuche ich nur eines - zuzuhören, was alle sagen wollen. Zu verstehen. Sie aus der Reserve zu locken. Für alles andere gibt es berufenere Geister. Ihnen einen schönen ersten Advent!


S. von Hayek

S. von Hayek am 01. Dezember 2011 um 15:43 Uhr

Also gut: auf das volle Glas! Und trotzdem scheint uns etwas zu fehlen.


Ich glaube, lieber Herr Schlebes, dass Innen und Außen zusammengehören. Hätten Sie das Innen nicht vorbereitet, wäre diese reale Berührung gar nicht möglich gewesen. Vielleicht hat sie sie ja vorbereitet? Bestimmt sogar. Ich denke es geht darum, die Zusammenhänge zu erkennen. Deshalb ist ja Interdisziplinarität auch so wichtig. Wozu fühlen Sie sich denn berufen?


S. Schlebes

S. Schlebes am 02. Dezember 2011 um 15:27 Uhr

Liebe Frau von Hayek,

das tun sie bestimmt - zusammengehören. Und in der Tat - das Innere hat die Vorarbeit geleistet für den "Change" im Außen. Ich dufte beide Welten durchlaufen und merkte bei beiden, dass die jeweils andere abgelehnt oder vergessen wurde. Aber die Integration - eine echtes Lovebusiness oder eben War - ist nicht einfach. Da sind wir dann am Ende dieses Dialogs im selben Glas: Zum Wohl! Berufen? Da muss ich "nachfühlen". 21, 22, 23 - Jetzt: "Nichts" :-) Und das ist wunderbar. Ihnen eine grandiose Adventszeit.