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Made in Germany 2.0: Klimaschutz für das 21. Jahrhundert

von Max Schön am 18. September 2013

Der Klimawandel schreitet voran. Teile der Wirtschaft machen sich schon auf einen klimafreundlichen Weg. Dennoch gelingt es der Politik bisher nicht, eine schlüssige Antwort auf die Frage zu geben, wie Wachstum und Klimaschutz künftig Hand in Hand gehen können.


In wenigen Wochen wird der Weltklimarat (IPCC) seinen neuen Sachstandsbericht zum Klimawandel vorlegen. Die Methoden der Wissenschaftler sind feiner geworden, auch werden ihre Szenarien komplexer und ihre Erkenntnisse dichter. Doch unterm Strich hat sich ihre Einschätzung nicht verändert: Unser Verhalten steht in drastischem Gegensatz zum Ausmaß der Bedrohung durch den Klimawandel. Zwar ist die Überzeugung, dass man etwas tun muss, inzwischen recht fest in der Bevölkerung verankert. Vor dem Hintergrund anhaltender Finanz- und Wirtschaftskrisen schwindet jedoch zunehmend die Bereitschaft zum Handeln.

Insbesondere fehlt es in der Politik an entschiedener Führung und klaren Perspektiven für einen wirksamen Klimaschutz - in Deutschland, Europa und weltweit. Die Energiewende wird in Deutschland zwischen Länderinteressen sowie Partei- und Lagerdenken zerrieben. Ein verlässlicher Fahrplan ist nicht in Sicht, geschweige denn die häufig erwähnte Vorbildrolle Deutschlands im Klimaschutz. Blockade auch in Brüssel: Ganze Industriezweige, aber auch einzelne Regierungen und sogar EU-Kommissare stellen sich offen gegen dringend nötige Schritte im Klimaschutz. Kein Wunder also, dass auch die Weltgemeinschaft orientierungslos auf der Stelle tritt. Die Verhandlungen über ein globales Klimaabkommen schleppen sich von einer Verhandlungsrunde zur nächsten.

Der Klimawandel wartet nicht

Doch der Klimawandel wartet nicht auf einen politischen Konsens. Er nimmt stattdessen immer mehr an Fahrt auf. Die Stopp-Schilder werden in immer höherem Tempo überfahren. In diesem Jahr war der "Welterschöpfungstag" bereits am 20. August: die Nachfrage nach natürlichen Ressourcen übersteigt ab diesem Tag das Angebot der Erde für das gesamte Jahr. Die Regenerationsfähigkeit unseres Planeten wird völlig überstrapaziert. Das ist weit mehr als ein gefährlicher Stresstest für unser Überleben. Jahr für Jahr findet der "Welterschöpfungstag" früher statt, im Jahr 1993 noch fiel er auf den 21. Oktober - wir sägen weiter an dem Ast auf dem wir sitzen.

Das Ziel der internationalen Klimapolitik, die globale Erderwärmung auf weniger als zwei Grad gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung zu begrenzen, ist massiv gefährdet. Anfang Mai hat die CO2-Konzentration in der Atmosphäre mit 400 ppm (Teilchen pro Million) ihren höchsten Wert seit 25 Millionen Jahren erreicht. Damit steigt auch weiterhin das Risiko, dass die Grenze der durchschnittlichen globalen Erwärmung von 2°C überschritten wird. Dieser Temperaturanstieg würde 20-30% der Spezies mit dem Aussterben bedrohen und könnte durch Dürre, Überflutung und Ressourcenkonflikte massives Elend und Migrationsdruck verursachen. Die notwendige Anpassung würde auch ökonomisch unglaublich teuer werden und für uns alle mit gewaltigen Wohlstandsverlusten in der Zukunft verbunden sein.

Massiv wachsen - aber anders

Die Gewinnung von Energie mittels Verbrennung fossiler Energieträger, die das beispiellose Wachstum von Produktion und Konsum der letzten 150 Jahre ermöglicht hat, ist weltweit die größte Quelle der CO2-Emissionen. Dies wirft die folgenden Fragen auf: Wie kann man Wirtschaftswachstum von CO2-Emissionen entkoppeln? Welche Rolle müssen die Politik und die Wirtschaft in dieser Transformation spielen?

Denn eins ist sicher: Auf Wachstum können wir nicht verzichten. Innerhalb von einer einzigen Generation wird die Weltbevölkerung um 30% zunehmen. Damit diese zusätzlichen 2.5 Milliarden Menschen genügend Wasser und Nahrung haben und unter menschenwürdigen Bedingungen leben können, brauchen wir sogar ein enormes materielles Wachstum. Sicherlich sind Effizienz und vernünftiger Konsum in Industrieländern richtig und wichtig. Angesichts des Ausmaßes der erwarteten Bevölkerungszunahme reicht das aber bei Weitem nicht. Wir müssen das Wirtschaftswachstum von den CO2-Emissionen entkoppeln.

Unternehmen zeigen den Weg
Wir brauchen eine kohlenstoffarme Weltwirtschaft. Hierbei kommt den Unternehmen eine entscheidende Rolle zu. In vielen Branchen zeigen Vorreiter aus Deutschland Initiative und verdienen daran. Denn klimafreundliches Wirtschaften, Energieeffizienz, Prozessoptimierung und klimafreundliche Energiegewinnung bieten nicht nur enorme ökologische, sondern auch ökonomische Potentiale.

Beim norddeutschen Energieversorger EWE ist der Ökostromtarif "Naturwatt" grundsätzlich günstiger als der Grundversorgungstarif. Der Bauzulieferer Schüco hat im Jahr 2012 eine Reduktion seines CO2-Ausstoßes um rund ein Drittel gegenüber dem Vorjahr erreicht, die zum Großteil auf die ausschließliche Nutzung von Grünstrom zurückzuführen ist. Die Stromrechnung des Unternehmens stieg dabei um nur 1,3%. 2013 machte die Deutsche Bahn die "Grüne Bahncard" zur Standard-Bahncard und damit alle Bahncard-Besitzer zu Reisenden, die mit 100 % Ökostrom unterwegs sind. Aber es gibt auch Klimavorreiter aus ganz anderen Branchen: Die Otto Group setzt seit 2007 eine ehrgeizige Klimastrategie um. Dank einer detaillierten Analyse ihrer Lieferkette und entsprechender Optimierungsanstrengungen konnte sie seitdem CO2-Einsparungen von 19 Prozent erreichen. Um CO2-Emissionen bis zum Jahr 2020 im Vergleich mit 2007 zu halbieren, arbeitet das Konzern auch an einer Gebäudeeffizienzstrategie.

In ähnlicher Weise hat die Carlson Rezidor Hotel Group im Rahmen ihres konzernweiten Energie-Effizienz-Programms das Ziel gesetzt, den Stromverbrauch in 330 seiner Hotels um 25 Prozent in fünf Jahren zu senken. So werden beispielsweise im Radisson Blu Hotel, Stansted Airport, beeindruckende 200.000 £ pro Jahr durch Optimierung von bestehenden Anlagen, Sensibilisierung und Kontrolle der Heizungs- Lüftungs- und Klimaanlagen eingespart.

Wann folgt die Politik?

Das Handeln verantwortungsbewusster Unternehmen entbindet die Politik allerdings nicht von ihren gestalterischen Pflichten. Auch eine Wirtschaft, die sich eigenständig auf den Weg macht, benötigt klare Rahmenbedingungen und transparente Regeln. Langfristige und verbindliche CO2-Emissionsziele sind besonders geeignet, um Investitionen in klimafreundliche Technologien zu lenken. In Deutschland haben wir einen solchen Rahmen mit den CO2-Vermeidungszielen von 40% bis 2020 und 80%-95% bis 2050 (gegenüber 1990) geschaffen. Doch müssten wir unsere Ziele dafür auch konsequent umsetzen. Auf EU Ebene würden die Anhebung des 2020-Ziels auf 30% und die Festlegung ambitionierter und verbindlicher Energie- und Klimaziele auch für 2030, 2040 und 2050 die benötigten Rahmenbedingungen bieten.

Einst war Deutschland darauf stolz, den Klimaschutz voranzutreiben. Auf internationalen Konferenzen haben Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel immer wieder den Anspruch auf eine Vorreiterrolle betont. Auch die Energiewende hat international ein enormes Interesse erweckt. Doch zunehmend mehrt sich der Eindruck, dass der ehemalige Vorreiter heute lieber neben dem Pferd läuft.

Ein neues Made in Germany

Deutschland hat als Industriestandort durch den institutionalisierten Klimaschutz viel mehr zu gewinnen als zu verlieren. Durch die Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Kohlenstoffemissionen können wir beweisen, dass Klimaschutz als Triebfeder für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit wirkt und dadurch neue Standards auf internationaler Ebene setzen. Wir haben nicht die niedrigsten Löhne oder die größten Mengenvorteile - aber an technischem Know-How mangelt es sicher nicht für ein neues Made in Germany, das neben Qualität und Langlebigkeit auch für Ressourceneffizienz, Klimaschutz und Innovation steht. Dies muss die Politik endlich erkennen und die Rahmenbedingungen schaffen, die den Klimaschutz zum Exportschlager machen.

Die Stiftung 2° wurde gegründet, um die Politik bei ihren Bemühungen zur Etablierung marktwirtschaftlicher Rahmenbedingungen zu unterstützen und die Lösungskompetenz deutscher Unternehmer für den Klimaschutz zu aktivieren. Benannt ist die Stiftung nach ihrem wichtigsten Ziel: Die globale Erderwärmung auf durchschnittlich 2°C zu beschränken




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