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Gustav A. Horn

Gustav A. Horn

ist Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung

Jetzt mal Klartext

von Gustav A. Horn am 14. November 2011

Ohne klare Begriffe keine gute Debatte. Wachstumskritiker meinen oft etwas anderes als Ökonomen, wenn sie von Wachstum sprechen. Gustav Horn über die Begriffe Wachstum, Wohlstand und ihr schwieriges Verhältnis.


Manche Debatten wiederholen sich. Dazu gehört der Diskurs, ob wir uns weiteres Wachstum überhaupt leisten können und, verschärft, ob Wohlstand ohne Wachstum möglich ist. Die Botschaft ist dann zumeist, bescheidener zu werden, um die Umwelt nicht zu gefährden oder, Wachstum allein mache nicht glücklich. An alldem ist vieles richtig, manches aber auch falsch. Vor allem aber bestehen erhebliche Missverständnisse hinsichtlich der Bedeutung mancher Begriffe. Dies führt dann zu eigentlich überflüssigem Streit. Daher soll hier eine Klärung der Begriffe „Wachstum“ und „Wohlstand“ im Mittelpunkt stehen.

Was ist Wachstum?

Dieser Begriff steht im Zentrum der meisten Missverständnisse. Von Umweltaktivisten wird unter Wachstum zumeist eine volumenmäßige Zunahme von Produktionsmengen verstanden. Das heißt Wachstum sind mehr Autos, mehr Flugzeuge und mehr Heizungen. Mit einer solchen Mehrproduktion sind fast zwangsläufig ein höherer Verbrauch an Ressourcen und erhöhte Emissionen verbunden. Das ist der Grund, warum manche angesichts endlicher Ressourcen und einer gefährlichen Zuname der Umweltbelastungen Grenzen des Wachstums zu erkennen glauben. Es ist das Verdienst von Dennis Meadows, diese Position stringent in seinem Bestseller „The Limits of Growth“ in den siebziger Jahren entwickelt zu haben. Auf den Erkenntnissen dieses Buchs beruhen bis heute fast alle wachstumskritischen Konzepte.

Diese Argumente werden gegen eine Wachstumspolitik ins Feld geführt, die umgekehrt von einer überwiegenden Mehrheit von Ökonomen befürwortet wird. Das erscheint dann als der viel diskutierte Gegensatz zwischen Ökologie und Ökonomie. Und genau hier beginnt das Missverständnis. Denn der von den Ökologen verwendete Wachstumsbegriff entspricht nicht dem in der Ökonomie, der auf dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) beruht. Dieser versteht nämlich Wachstum als die Zunahme der zu Marktpreisen bewerteten gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung. Es handelt sich bei dieser Größe also um eine Wertgröße und nicht um eine Volumengröße. Zudem geht es nicht um die gesamte Produktion einer Volkswirtschaft, sondern nur um das, was wertmäßig über den Einsatz von Vorleistungen hinausgeht.

Es ist a priori völlig unklar, ob hinter einer Zunahme einer so gemessenen Wachstumsgröße auch eine höhere Produktionsmenge steht. Sie besagt lediglich, dass das, was produziert wurde, für die Volkswirtschaft einen höheren Wert besitzt. Es wurde Wert geschöpft. Dahinter kann eine Zunahme der Produktion stehen, muss es aber nicht. Insofern geht die grundsätzliche Wachstumskritik, wenn sie sich denn auf das BIP bezieht, haarscharf am Ziel vorbei. Diese Größe misst, was die Ökonomen denn auch an dieser Größe primär interessiert: letztlich nur Geldströme, nicht aber Produktionsgegebenheiten.

Nicht übersehen werden darf in diesem Zusammenhang, dass es eine enge Verbindung zwischen dem BIP und der Beschäftigung gibt. Nur bei einem merklich wachsenden BIP gibt es auch zusätzliche Beschäftigung. Ist dieses Wachstum schwach oder schrumpft die Wirtschaft sogar, ist mit erhöhter Arbeitslosigkeit zu rechnen. Auch fällt die preisliche Bewertung nicht vom Himmel, sondern ist das Ergebnis von Marktprozessen. Eine Wachstumskritik am BIP sollte all dies berücksichtigen.

Die Kritik allerdings, das BIP sage nichts über die Sinnhaftigkeit und Qualität eines Wachstums aus, ist weitgehend berechtigt. Werden z.B. Umwelt- oder Katastrophenschäden behoben, geht dies positiv ins BIP ein. Auch die Produktion umweltschädigender Güter findet noch einen positiven Niederschlag. Darüber hinaus zeigen Befragungen, dass sich die Menschen trotz eines zunehmenden BIPs ärmer oder schlechter fühlen können. Das kann sowohl auf die Art wie produziert wird, als auch auf die Verteilung der Produktionsergebnisse zurückzuführen sein.

Insofern darf man die Aussagekraft des BIP nicht überschätzen. Insbesondere gilt, dass es nur ein sehr grober Indikator für Wohlstand sein kann, der lediglich die quantitativen Aspekte dieser Größe berücksichtigt. Folglich muss der Wohlstandsbegriff sehr viel weiter interpretiert werden als das BIP.

Was ist Wohlstand?

Ein derartiger Begriff muss neben den quantitativen Wachstumsaspekten dann all jene Faktoren berücksichtigen, die das Leben der Menschen positiv beeinflussen. Der Sachverständigenrat hat hier sinnvolle Vorschläge gemacht. So sollten die Verteilungen von Einkommen und Vermögen, die die wirtschaftliche Zufriedenheit sehr stark tangieren, berücksichtigt werden. Demnach kann der Wohlstand der Bevölkerung deutlich stärker steigen als ein konventionelles Wachstumsmaß anzeigt, wenn dies mit einer als gerechter empfundenen Verteilung von Einkommen und Vermögen einhergeht. Umgekehrt mag die Zufriedenheit trotz kräftigen Wachstums sogar sinken, wenn zugleich die Einkommensverteilung als ungerechter angesehen wird. Dies lässt sich in Deutschland sehr gut an der Entwicklung in den Jahren des Aufschwungs 2006 bis 2008 beobachten.

Darüber hinaus sollte auch die ökologische Nachhaltigkeit der Produktion Eingang in die Wohlstandsrechnung finden. Nur wenn die Produktionsweise auf Dauer ökologisch tragfähig wird, können durch Klimaverwerfungen und Rohstoffknappheit ausgelöste wirtschaftliche Turbulenzen vermieden werden.

Der Wohlstand einer Volkswirtschaft hängt also von wesentlich mehr Faktoren ab als vom Wachstum.

Wachstum gleich Wohlstand?

Die Antwort auf diese Frage ist ein klares Nein. Zum Wohlstand gehört schlicht mehr als Wachstum. Zudem ist Wachstum, anders als es in vielen politischen Argumentationen scheint, kein Selbstzweck. Es hat eine dienende, instrumentelle Funktion. Mehr Wachstum sollte dazu dienen, mehr Beschäftigung, eine bessere soziale Sicherung und eine gerechtere Verteilung zu erreichen. Es wäre daher wünschenswert, wenn in wirtschaftspolitischen Debatten die verengte Sichtweise allein auf Wachstum überwunden werden könnte, und der Wohlstand der Menschen mehr in den Mittelpunkt rückt.




1 Kommentare:

A. Siemoneit

A. Siemoneit am 10. Februar 2012 um 20:52 Uhr

Lieber Herr Horn,

Sie sagen "Nur bei einem merklich wachsenden BIP gibt es auch zusätzliche Beschäftigung", verschweigen jedoch die Voraussetzung dieser Aussage: Sie gehen davon aus, dass die Arbeitsproduktivität in der Wirtschaft weiter gesteigert oder zumindest gehalten wird. Ich glaube aber, dass gerade diese hohe Arbeitsproduktivität eine wesentliche Ursache für den überbordenden Ressourcenverbrauch ist: Mechanisierung, Automatisierung, Computerisierung, Mobilität, Schnelligkeit sind nicht ohne einen steigenden Energieverbrauch und Materialeinsatz zu haben. Nicht einmal Dienstleistungen sind frei davon: Heute fahren Hauswartdienste mit dem Auto durch die Gegend und blasen mit viel Lärm und Energie das Laub vom Hof, wo früher ein Fußweg und ein Besen gereicht haben. Produktivitätssteigerung und Arbeitsteilung haben heute zunehmend ein hässliches Gesicht.

Somit kann es auch bei einem schrumpfenden BIP zusätzliche Beschäftigung geben, sobald man die "Undenkbarkeit" akzeptiert, dass es über eine Senkung der Arbeitsproduktivität zu einem Rückgang der Einkommen kommen könnte. Meines Erachtens wird sich das bei einem rationalen Umgang mit Ressourcen zwangsläufig ergeben. Über eine Renaissance vieler klassischer Berufe könnte sich jedoch eine große Steigerung der Lebensqualität ergeben, denn gute Arbeit macht zufrieden. Eine ökologische Steuerreform, wie sie das FÖS seit Jahren vorschlägt, und eine Reduzierung der Abhängigkeit der Sozialsysteme vom Wachstum wären wichtige Schritte in eine solche Richtung. "Weniger, aber besser" könnte somit in jeder Hinsicht mehr sein, wie Sie ja selbst zum Schluss andeuten.

Herzliche Grüße
Andreas Siemoneit


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