0 +0 +

Artikel als PDF | Artikel drucken

Artikel von F. Creutzig

Archiv: Alle Artikel

Felix Creutzig

Felix Creutzig

unterrichtet räumliche Klimaschutzökonomie an der Technischen Universität Berlin und ist Leitautor des Fünften Sachstandberichts des Intergovernmental Panel on Climate Change.

Ist Entkopplung möglich?

von Felix Creutzig am 19. Dezember 2011

Wissenschaft und Politik versuchen seit Jahren, Wachstum von Ressourcenverbrauch zu entkoppeln. Während heute eine relative Entkopplung bereits stattfindet, argumentiert Felix Creutzig, sind wir von einer absoluten Entkopplung weit entfernt. Diese wäre aber dringend notwendig.


Zwei Positionen polarisieren die Wachstumsdebatte. Die eine Position hält Wirtschaftswachstum für wünschenswert und eine Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch oder Treibhausgasemissionen für möglich. Die andere Position bezweifelt den Sinn von Wirtschaftswachstum und ist skeptisch gegenüber der Möglichkeit, Wachstum und Ressourcenverbrauch zu entkoppeln. Das Wünschenswerte und das Mögliche scheinen in dieser Debatte eng verbunden. Annahmen werden Teil des Arguments.

In diesem Beitrag möchte ich mich auf die eine Hälfte der Debatte beschränken: Ist Entkopplung möglich?

Zunächst: Um welche Entkopplung geht es? Auf der einen Seite stehen die Ressourcen, auf der anderen Seite erneuerbare Ressourcen und die Senken. Nicht-Erneuerbare Ressourcen sind zu einem gewissen Grade weniger problematisch als die Senken (Senken sind in erster Linie die Atmosphäre und die Weltmeere). Wenn etwa Erzsände knapp werden, bedeutet dies, dass bestimmte Produkte teurer werden, eventuell, dass bestimmte Länder oder Weltregionen sich als Monopolisten etablieren können, und schließlich, dass der Druck auf stärkere Ressourceneffizienz steigt, getrieben durch den Marktpreis. Zukünftige Generationen werden sicherlich unglücklich darüber sein, dass ihnen keine günstigen Rohstoffe mehr zur Verfügung stehen. Doch letztendlich ist die entscheidende Frage, so die klassische Ökonomie, ob der Gesamtkapitalstock, also die Möglichkeiten der nächsten Generationen, vermehrt oder vermindert werden. Und eine Erhöhung der Ressourcenpreise muss nicht im Widerspruch zu den Möglichkeiten der nächsten Generationen stehen, wenn ihnen etwa eine exzellente Infrastruktur zur Verfügung steht.

Globale Gemeingüter

Für Ökosysteme wie etwa tropische Regenwälder oder Korallenriffe gilt diese Sichtweise aber kaum – diese haben sowohl einen intrinsischen Wert als auch einen systemischen Wert für das Klima und die Nahrungsmittelversorgung. Auch die Senkenproblematik ist dramatischer.

Senken sind in erster Linie die Atmosphäre (Klimawandel) und die Weltmeere (Absorption von Stickstoffen, CO2, Plastik). Diese Senken werden immer stärker beansprucht. Die Folgen sind in ihrer Kausalität diffus, treffen weniger den Verursacher als andere Personengruppen, betreffen vor allem die Zukunft, und sind potentiell katastrophal. In der kommerziellen Welt besitzen diese Gemeingüter keinen Wert. Governance dieser globalen Gemeingüter findet nicht statt. Dramatische Übernutzung ist die Folge.

Der Klimawandel steht symptomatisch für die Grenzen des Wachstums. Vielleicht weil er sich am besten anhand einer eindimensionalen Größe – der CO2-Konzentration in der Atmosphäre – abbilden lässt, und deswegen von der Wissenschaft systematisch erforscht werden kann. Die konkrete Frage ist also: Lässt sich Wirtschaftswachstum von der Emissionsrate der Treibhausgase abkoppeln?

Eine relative Entkopplung findet statt. Die Treibhausgasemissionen pro Geldeinheit Weltsozialprodukt fielen um etwa 1% pro Jahr zwischen 1980 und 2006. Das reicht allerdings nicht. Die absoluten Emissionen sind seit 1990 um 40% gestiegen. Das Weltsozialprodukt stieg im Durchschnitt um 3%, die Treibhausemissionen um 2% jährlich. Um jedoch das Klimastabilisierungsziel von 450ppm in 2050 zu erreichen, müssten die jährlichen CO2 Emissionen um 5% jährlich sinken, nicht um 2% steigen. Zusammenfassend: eine notwendige absolute Entkopplung findet nicht statt; und zwar nicht knapp – eine ausreichende Entkopplung scheint außerhalb jeder Reichweite.

Es wäre jedoch zu voreilig, aus historischen Daten einen Schluss über die Zukunft zu ziehen. Vielleicht lässt eine ehrgeizigere Klimapolitik ja eine relevante Entkopplung zu. Wie sieht die Sachlage also etwa in Europa aus, dem Vorreiterkontinent des internationalen Klimaschutzes?

Absolute Entkopplung?

In der EU-27 sind die Treibhausgasemissionen von 1990 bis 2008 um knapp 10% gesunken. Das reicht zwar bei weitem nicht aus, bedeutet aber, dass eine absolute Entkopplung stattfindet. Zumindest scheint es so.

Die Vorreiterländer innerhalb der EU sind Großbritannien, Deutschland, Dänemark, Griechenland, Schweden und Frankreich, die alle eine absolute Entkopplung erreichen. Ein wesentlicher Beitrag zur Entkopplung besteht aus einer strukturellen Verschiebung: der CO2-intensive Produktionssektor verliert relativ an Bedeutung, der weniger CO2-intensive Dienstleistungssektor gewinnt dagegen an Prominenz. Ist das die Andeutung einer erfolgreichen Entkopplung? Könnte die weltweite Wirtschaft ihr Wachstum auf die klimafreundlichen Sektoren konzentrieren?

So einfach ist das nicht. Publikationen der letzten Jahre zeigen, dass in Ländern wie Großbritannien zwar die produktionsbedingten Emissionen nach unten gehen, nicht aber die konsumbedingten. In anderen Worten: Die Engländer konsumieren jetzt CO2-intensive Produkte, die in anderen Teilen der Welt hergestellt werden, etwa in China. Eine Emissionsreduktion wäre also nicht möglich gewesen, wenn die Produktion der Konsumgüter in der UK stattgefunden hätte. Die absolute Entkopplung in der UK ist nur Schein, die Gesamtwirkung ist Null.

Ist ein Wechsel zu CO2- oder energieeffizienten Wirtschaftssektoren an sich also nicht erfolgsversprechend? Eine Antwort darauf kann hier nicht gegeben werden. Eine Investition in Bildung statt in Konsumprodukte scheint auf den ersten Blick einen solchen Effekt zu erzielen. Dann wiederum: die Wissensgesellschaft produziert auch eine Menge Interkontinentalflüge, die mit hohen individuellen CO2-Emissionen verbunden sind.

Ein kleiner Lichtschimmer sind vielleicht die relativen Anstiege der erneuerbaren Energien in Ländern wie Dänemark und Deutschland in den letzten beiden Jahrzehnten. Es erscheint plausibel, dass ein weltweiter Wechsel zu erneuerbaren Energien eine stärkere Entkopplung als jetzt bedeutet. Es ist jedoch schwer vorstellbar, dass eine solche Entkopplung ausreicht. Eine Exploration der Alternativen zum Wachstumsparadigma ist sicherlich angebracht.




0 Kommentare:

Bisher keine Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben.