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Artikel von H. Rogall

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Holger Rogall

Holger Rogall

ist Professor für Nachhaltige Ökonomie an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR), Leiter des Instituts für Nachhaltige Ökonomie (INa) und Mitglied in der Arbeitsgruppe Wirtschaft&Wachstum im Fortschrittsforum.

Zwischen Wachstumswahn und Verzicht

von Holger Rogall am 22. Februar 2012

Wenn wir ernst machen wollen mit nachhaltiger Entwicklung, müssen wir unsere Wirtschaft vollständig umbauen. Wie soll das gehen? Holger Rogall beschreibt Bedingungen und Potentiale einer nachhaltigen Ökonomie. Teil 1.


Die Probleme mit dem Wachstum

Wachstumskritiker verweisen auf die ökologischen und sozial-kulturellen Gefahren einer auf wirtschaftliches Wachstum fixierten Gesellschaft. Unter anderem gibt es folgende Gefahren:

  • Ökologische Gefahren: Zunehmende Freisetzung von Treib-hausgasen, mit einer Klimaerwärmung von 2-6°C (zu den Folgen: Stern, IPCC-Report); Zerstörung von Naturräumen und Artensterben; Verbrauch nicht-erneuerbarer Ressourcen; Übernutzung erneuerbarer Ressourcen; Freisetzung von Schadstoffen.
  • Ökonomische Risiken: Wenn natürliche Ressourcen übernutzt werden, schadet das in Folge auch der Wirtschaft: Die Grundbedürfnisse von immer mehr Menschen können nicht mehr befriedigt werden, da beispielsweise die Nahrungsmittelproduktion durch die Klimaerwärmung zurückgeht; Der immer schnellere Verbrauch der natürlichen Ressourcen führt seit der Jahrtausendwende zu drastischen Preissteigerungen, die sich nach Überwindung der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise verstärkt fortsetzen werden.
  • Sozial-kulturelle Gefahren: Eine wachstumsfixierte Gesellschaft kann einem extremen Flexibilisierungszwang entwickeln, Bindungslosigkeit der Gesellschaftsmitglieder inklusive. Der Wachstumszwang kann so dominant werden, dass die gesamte Politik unter dieses Ziel gestellt wird. Die knapper werdenden Ressourcen führen zu Rohstoffsicherungspolitiken, die zu gewaltsamen Konflikten führen können. Weiterhin kann der Wachstumszwang zu einem Innovationszwang werden. Dann wird nicht mehr gefragt, was die Gesellschaft benötigt und wohin sich Technologien entwickeln sollen, sondern es geht nur noch darum, Neues zu produzieren um des neuen Angebots willen.

Was ein hohes stetiges Wachstum für Folgen haben kann, zeigen auch die ökologischen Gefahren in den Entwicklungs- und Schwellenländern. China muss heute zwischen 8 und 15 % seines BIP aufwenden, um Umweltbelastungen zu beseitigen. Umweltrisiken sind also längst zu einer ernsten Bedrohung geworden. Als Zwischenfazit wollen wir festhalten, dass ein ungezügeltes Wachstum unvertretbar hohe sozial-ökologische Kosten mit sich bringt. Diese sind weder ethisch noch ökonomisch akzeptabel.

Mehr Geld gleich mehr Glück gleich längeres Leben?

Früher meinten Ökonomen, dass wirtschaftliches Wachstum, verstanden als Steigerung der Einkommen, die Menschen immer glücklicher macht und ihre Lebenserwartung steigert. Hier muss heute stark differenziert werden. Heute wissen wir: Es gibt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen sehr geringen durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen zur Lebenserwartung und Zufriedenheit der Bevölkerung. Während Länder mit einem Pro-Kopf-Einkommen von weniger als 5.000 US-Dollar pro Jahr eine Lebenserwartung von 38 bis 75 Jahren aufweisen, erreichen Länder mit einem Pro-Kopf-Einkommen über 20.000 US-Dollar eine Lebenserwartung von 75 bis 84 Jahren und eine relativ hohe Zufriedenheit (Dieses und weitere Beispiele finden sich bei Wilkinson&Pickett). Sind die Grundbedürfnisse erfüllt, steigt die Lebenserwartung nur noch langsam, dass Zufriedenheitsgefühl gar nicht mehr. Dann spielt weniger die absolute Höhe der Konsumgüterausstattung eine Rolle, als das Gefühl, dass ihr Einkommen im Vergleich zu anderen gerecht ist. Höheres Wachstum macht hier Menschen also nicht zufriedener.

Schrumpfen als Lösung?

Ein Teil der wachstumskritischen Autoren fordert eine Steady-State-Economy. Damit ist ein Wirtschaftssystem gemeint, das eine „konstante Ausstattung mit materiellen Gütern“ gewährleisten soll (Daly 1999). Das globale Wirtschaftssystem soll so schnell wie möglich zu einer Gleichgewichtsökonomie mit konstantem oder schrumpfendem BIP umgebaut werden. Ein solcher Schrumpfungsprozess kann aber eine Reihe von ökonomischen Problemen mit sich bringen:

  1. Stagnation der Einkommen, Deflation und Arbeitslosigkeit: Schrumpfung kann zu einer negativen Erwartungshaltung der Gesellschaft führen. Deflation mit steigender Arbeitslosigkeit wäre die Folge.
  2. Meritorische Güterausstattung stagniert: Bildungs- und soziale Sicherungssysteme aber auch Wärmesanierungsprogramme, Ausbau des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs können nicht ausreichend finanziert werden. Eine Nachhaltige Entwicklung benötigt aber Mittel für den Umbau der Industriegesellschaft mit ihrem gesamten Kapitalbestand: Gebäude, Produktionsstätten, Infrastruktur und Produkten.
  3. Kapitalkosten werden drückender, Finanzierung des Sozialsystems wird noch schwieriger: Die demografisch zwingenden steigenden Sozialausgaben und Zinszahlungen für öffentliche und private Schulden können nicht mehr aus Zuwächsen finanziert werden.

Als Zwischenfazit lässt sich festhalten: In den vergangenen Jahrzehnten sind nur wenige der dargestellten Probleme durch wirtschaftliches Wachstum gelöst worden. Gleichzeitig ist mehr als fraglich, ob ein kurzfristiger, bewusst herbeigeführter Schrumpfungsprozess des BIP in den Industriestaaten helfen könnte, diese Herausforderungen anzugehen. Vertreter der Steady-State-Ökonomie müssen daher die Frage beantworten, wie ohne eine Steigerung der Einkommen die daraus folgenden ökonomischen Probleme zu lösen wären. Weiterhin, wie die Bevölkerung von Einkommenssenkungen überzeugt werden soll, und schließlich, wie dieser potentiell „systemsprengende“ Transformationsprozess genau aussehen kann. Sollte das in einer kapitalistischen, aber sozial-ökologisch umorientierten Markt- oder Gemischtwirtschaft nicht möglich sein, in welcher Wirtschaftsordnung dann?

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Dieser Beitrag basiert auf Rogall 2011, Nachhaltige Ökonomie

Mehr Material findet sich unter: www.nachhaltige-oekonomie.de




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