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Nina Netzer

Nina Netzer

ist Referentin für internationale Energie- und Klimapolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin. 

Globale Energiewende - Vorbild Deutschland

von Nina Netzer am 28. Juni 2013

Die deutsche Energiewende, die das Doppelziel Atomausstieg und Dekarbonisierung des Energiesystems verfolgt, ist weltweit einzigartig. Dementsprechend erzeugt sie auch in anderen Ländern hohes Interesse, allerdings mit sehr unterschiedlichen Reaktionen.


Die einen Länder sehen Deutschland als Gewinner, da der Beschluss einen wichtigen Schritt hin zu mehr grünen Technologien und erneuerbaren Energieträgern und der Marktführerschaft Deutschlands in diesen Bereichen bedeutet. Die anderen sehen Deutschland als Verlierer, und fürchten, dass die Entscheidung zu steigenden Strompreisen, Abwanderung emissionsintensiver Industrien und Energieknappheiten führt und damit wirtschaftliche Einbußen zur Folge haben wird.

Die deutsche Energiewende ist eng mit internationalen Entwicklungen verknüpft: Sollte das deutsche Projekt erfolgreich sein, kann es einerseits Nachahmer in anderen Ländern und Regionen finden. Andererseits ist es unabdingbar, die deutsche Energiewende auch international einzubetten: Ohne einen Umbau des globalen Energiesystems ist die Umstellung auf Erneuerbare Energieträger in Deutschland nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Eine globale Energietransformation ist möglich - ob das deutsche Beispiel dabei als Modell dienen sollte, ist allerdings mehr als fraglich. Zum einen ist dieses kaum auf andere Länder übertragbar, da die Voraussetzungen zu unterschiedlich sind. Zum anderen ist dies nicht unbedingt wünschenswert, da auch die Energiewende in Deutschland keinen grundlegenden Systemwechsel, sondern eine gegrünte, jedoch weiterhin wachstumsbejahende Antwort auf Wirtschafts- und Energiekrise darstellt.

Warum brauchen wir eine globale Energietransformation?

Die Weltbevölkerung wächst, der Energiehunger steigt, die Ressourcen werden knapper, Umwelt- und Klimaveränderungen nehmen drastisch zu - eine globale Energietransformation ist dringlicher denn je. Verkürzt heißt das: weg von fossilen und nuklearen Energieträgern, hin zu erneuerbarer Energie.

Von diesem Ziel sind wir jedoch noch weit entfernt parallel zum weltweiten Ausbau der erneuerbaren Energien wachsen auch die Investitionen in die fossile Energieinfrastruktur und die Kernenergie.

Was muss also passieren?

Das Ziel einer globalen Energiewende kann unter diesen Vorzeichen theoretisch durch zwei Möglichkeiten erreicht werden:

1. Durch multilaterale Regelungen in Form von CO2-Obergrenzen im Rahmen des Klimaregimes.

Diese Lösung ist höchst unwahrscheinlich. Es lagern noch Kohlestoffvorkommen im Wert von 120 Trillionen US Dollar in der Erde. Es ist nicht zu erwarten, dass sich 194 VN-Mitgliedstaaten im Konsens darauf einigen, diese durch angemessene, verbindliche CO2-Reduktionsziele für alle zu entwerten, d.h. im Boden zu lassen. Deshalb bleibt eine zweite Möglichkeit:

2.Die Kohlevorkommen müssen entwertet werden, indem sie preislich durch Erneuerbare Energien auskonkurrenziert werden. Diese Lösung ist perspektivisch möglich - allerdings setzt dies eine strategische Entscheidung nationaler Regierungen voraus, das Energiesystem auf Erneuerbare Energien umzustellen. Zur Umsetzung sind verschiedene politische Instrumente denkbar, von CO2-Bepreisung bis hin zur Förderung von Erneuerbaren Energien oder der Abschaffung von Subventionen für fossile Energieträger.

Deutschland hat diesen Weg beschritten - doch ist dieser auf andere Länder übertragbar?

Die deutsche Energiewende basiert auf bestimmten Deutschland-spezifischen Voraussetzungen, die sich so in anderen Ländern nicht wiederfinden lassen. Allen voran ist sie in ein komplexes Mehrebenen-System eingebettet, welches ihre Umsetzung bedingt:

1. International:
Das bestimmende Rahmenwerk auf internationaler Ebene sind die Vereinbarungen der Klimarahmenkonvention (UNFCCC), die eine Begrenzung der durchschnittlichen globalen Erwärmung auf unter 2 Grad Celsius und die dazu notwendigen Emissionsreduktionen um 25-40% bis 2020 und 80-95% bis 2050 seitens der Industriestaaten im Vergleich zu 1990 festlegt.

2.   Europäisch:
Auf europäischer Ebene ist ein wichtiger Einflussfaktor die Erneuerbare-Energien-Richtlinie aus dem Jahr 2009, die verbindlich festlegt, dass der Anteil erneuerbarer Energie an der Stromversorgung bis zum Jahr 2020 20% ausmachen soll. Dabei gibt es individuelle Ziele für einzelne Mitgliedstaaten je nach Ausgangslage, d.h. bereits erreichtem   Anteil von Erneuerbaren Energien - für Deutschland ist das Ziel 18%. Zudem macht der EU-weit liberalisierte Elektrizitätsmarkt seinen Einfluss geltend: in diesem gilt Wettbewerbsrecht und die Mitgliedstaaten haben einerseits die Freiheit, national bevorzugte Energiequellen frei zu wählen. Andererseits legt der Vertrag von Lissabon in Artikel 194 die Verpflichtung zur "Förderung der Energieeffizienz, Energieeinsparungen sowie die Entwicklung neuer und Erneuerbarer Energiequellen fest", d.h. deren Begünstigung gegenüber fossilen Brennstoffen und Atomenergie. Da die Betriebskosten physikalischer Quellen wie Windkraft und Photovoltaik gleich Null sind, werden sie die Ertragslage von Atomenergie und fossilen Brennstoffe schmälern und diese langfristig vom Markt drängen.

3. National:
Auf nationaler Ebene gibt es eine Reihe von Einflussfaktoren zur Umsetzung der Energiewende, dazu gehören:
- Ein vergleichsweise großer gesellschaftlichen Konsens gegen Atomenergie und die Vollversorgung durch erneuerbare Energien;
- Politische Rahmenbedingungen und Entscheidungen wie die Einführung des EEG im Jahr 2000, der Atomausstiegsbeschluss und das Erneuerbare-Energien-Ausbauziel der Regierung (bis 2020 35%); - ein historisch gewachsenes und stabiles Stromversorgungssystem und - einen liberalisierten, wettbewerblichen Strommarkt.

4.Kommunal:
Auf lokaler Ebene regt die Energiewende Verteilungskämpfe zwischen den Bundesländern an, die einen möglichst hohen Anteil an Wertschöpfung auf ihrem Territorium anziehen wollen und zusätzlich zum EEG-Rahmen eigene Förderprogramme und Investitionsanreize ausrufen.

Ländergruppen und unterschiedliche Herausforderungen

Für alle Länder bedeutet der Übergang ins post-fossile Zeitalter eine Transition, jedoch in den meisten Fällen eine deutlich andere Herausforderung als für Deutschland (diese Aufteilung geht auf einen Vortrag von Hans-Jochen Luhmann, Wuppertal Institut, zurück):

1. Nicht-OECD-Staaten/Entwicklungsländer: haben häufig großes Interesse am deutschen Weg, aber halten diesen für zu teuer. Deshalb müssen dort Erneuerbare-Energien-Projekte gefördert werden, z.B. im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit. In vielen Ländern gehen wir dabei nicht von einem stabilen, historisch gewachsenen Stromversorgungssystem aus, sondern von einem, das sich im Aufbau befindet - dies kann u.U. eine bessere Ausgangslage für eine dezentrale, auf erneuerbaren Energien basierende Stromversorgung sein, als ein "fertiges" Stromnetz wie beispielsweise in Deutschland.

2. EU-Nachbarstaaten: Die deutsche Energiewende hat einen massiven Einfluss auf EU-Nachbarstaaten in unterschiedlichen Bereichen:
- Im europäischen Stromwettbewerb dominieren Erneuerbare Energien wirtschaftlich, was einen Nachteil für 'Kohlestaaten' wie Polen und einen Vorteil für Erneuerbare Energien aus der Schweiz oder Norwegen darstellt.
- Zum anderen führt der langsame Netzausbau in Deutschland häufig dazu, dass überschüssiger Strom auch in polnische und tschechische Netze abgeleitet wird und dort zu Stromausfällen führt.
- Daher sind dringend gemeinsame europäische Regelungen notwendig - davon wird auch abhängen, ob Nachbarländer versuchen von der Technologieentwicklung im Bereich Erneuerbare Energien zu profitieren und einen ähnlichen Weg einschlagen, oder ob sie versuchen werden, Deutschland auszubremsen.

3. OECD-Kernenergie-Staaten: Bestehen weiterhin auf Kernenergie und lassen sich durch den deutschen Weg nicht irritieren.

4. Staaten mit reichen fossilen Ressourcen: Hier muss zwischen Öl- und Kohleexporteuren unterschieden werden: letztere sehen durch den Ausbau von Erneuerbaren Energien ihr Herrschaftsmodell bedroht, da dies perspektivisch auch ihre Exportchancen verringert. Für erstere kann eine Effizienzstrategie der EU im Transportsektor dazu führen, dass Einnahmen massiv zurückgehen - hinzu kommen die Auswirkungen auf den Ölpreis.

Fazit: Globale Energietransformation ja, aber nicht nach deutschem Vorbild


Eine globale Energietransformation ist dringend geboten. Die nächsten Jahre werden entscheiden, ob Deutschland Nachahmer finden wird, oder ob der deutsche Alleingang scheitern wird. Deutschland kann die Reform des globalen Energiesystems nicht alleine bewältigen. Ausreichende Emissionsminderungen um die globale Erwärmung unter 2 Grad zu halten, können nur gelingen, wenn andere Länder mitziehen. Zudem wäre auch aus ökonomischer Sicht ein nationaler Alleingang teurer - nur eine breitere Nachfrage nach Erneuerbaren Energien wird die Kostenkurve runterbringen.

Dennoch sollte der deutsche Weg kein unmittelbares Vorbild sein. Abgesehen von den deutlich unterschiedlichen Voraussetzungen in anderen Ländern stellt das deutsche Modell keine grundlegende Neuausrichtung dar, sondern eine gegrünte, jedoch weiterhin wachstumsbejahende Antwort auf Wirtschafts- und Energiekrise dar. Anstatt das Modell der deutschen Energiewende zu kopieren, sollte ein echter Systemwechsel angestrebt werden, bei der mehr Wert auf Demokratisierung, d.h. der Energiesektor muss noch stärker dezentralisiert und re-kommunalisiert werden, und Reduzierung, d.h. neben Effizienz und Umstellung auf erneuerbare Energien muss auch Suffizienz, Wachstumskritik und eine absolute Reduktion des Energieverbrauchs eine Rolle spielen.

 




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