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Artikel von A. Hobusch und J. Steffen

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Alexander Hobusch

Alexander Hobusch

ist Vorsitzender der Jusos Wuppertalund studiert Jura an der Heinrich‐Heine‐Universität in Düsseldorf.

Jakob Steffen

Jakob Steffen

ist Diplom‐Volkswirt und wissenschaftlicher Mitarbeiter der SPD‐Landtagsabgeordneten für Wuppertal.

Geld allein macht nicht reich – neue Wege zu Wachstum & Wohlstand

von Alexander Hobusch und Jakob Steffen am 28. Januar 2013

Daniel Todorović ist ebenfalls Autor dieses Beitrags. Das BIP ist längst nicht alles, was den Wohlstand einer Gesellschaft ausmacht - aber ohne eine Definition von wirtschaftlichem Wachstum geht es auch nicht. Der Begriff des Wachstums müsse jedoch neu gedacht werden argumentieren die Verfasser.


Daniel Todorović ist ebenfalls Autor dieses Artikels.

Wachstums‐ und Wohlstandsmessung - Status Quo und Gegenvorschlag

Seit der Finanzkrise von 2008 ist eine Diskussion wieder in Fahrt gekommen, die zum Ziel hat, das klassische Konzept des ökonomischen Wachstums abzuschaffen. Diskutiert wird überwiegend unter dem Schlagwort der "Postwachstumsökonomie". Das klingt griffig; doch was soll das eigentlich heißen? Tatsächlich nimmt der Begriff in unglücklichem Maße das Ergebnis der Diskussion vorweg: Er suggeriert eine Ökonomie nach dem Zeitalter des Wachstums, sprich: eine Ökonomie, die ohne Wachstum auskommt.

Das aber ist nach unserer Auffassung ökonomischer Analphabetismus: Wachstum ist in unserer Geld‐ und Kreditwirtschaft, deren Zahlungsmittel allein auf Vertrauen beruht und mit keinerlei materiellem Wert mehr unterlegt ist, unabdingbar: Der dynamische, expandierende Kreislauf aus Kredit, Investition und Zins kann nicht einfach abgeschafft werden, es sei denn, man kehrte zur Tauschwirtschaft zurück! Die kapitalistische Wirtschaftsweise fußt darauf, zu wachsen: Investitionen haben kein anderes Ziel als die eigene Unternehmung zu vergrößern; die dafür benötigten Finanzmittel werden von Investoren zur Verfügung gestellt, die ihrerseits Zins oder Dividende dafür verlangen; für diese wiederum muss die Unternehmung mehr Gewinn als in der Vorperiode erwirtschaften usw. usf. Diesen Kreislauf stoppen zu wollen, verlangt mit anderen Worten einen Systemwechsel - den man dann auch ehrlich beim Namen nennen sollte!

Der Begriff "Postwachstumsökonomie" ist bei genauer Betrachtung daher schon a priori Unfug. Das Gleiche gilt für die Behauptung, dass das ökonomisch‐materielle Wachstum in unserer Zeit an eine Art 'natürliche Grenze' gestoßen sei: Die nächste evolutorische Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung ist der Markt für Ressourceneffizienz, genauer: für die Entkoppelung von Wachstum bzw. Wohlstand (auch in der hier entwickelten Verbreiterung des Begriffs) vom Ressourcenverbrauch, wie auch von der Enquete‐Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" des Bundestages festgestellt wurde. Dazu kommt, dass wir durch die zunehmende Automatisierung unserer Arbeitsprozesse (die, aufgrund des technischen Fortschritts, in sich bereits ein ewiger Wachstumstreiber ist!) immer mehr Güter mit immer weniger Arbeit erzeugen können. Durch den Zeitgewinn nehmen in der Gesellschaft die Opportunitäten für ehrenamtliche Tätigkeiten zu. Zugleich entstehen neue Möglichkeiten zur Umverteilung der Früchte dieser maschinellen Arbeit. Frank Rieger, einer der Sprecher des Chaos Computer Clubs, hat dies mit dem klugen Begriff der "Automatisierungsdividende" in einem FAZ-Artikel belegt.

Wachstum bleibt nach unserer Überzeugung ein Ziel, und nicht bloß Mittel. Entscheidend ist: Der Wachstumsbegriff muss im Hinblick auf gesellschaftliche Ziele neu definiert und ausgerichtet werden - eine grundsätzliche Feststellung, zu der auch die Enquete‐Kommission gekommen ist. Dabei aber sehen wir - zumal im deutschen Politikbetrieb - eine Gefahr, der es entschieden entgegenzutreten gilt: die Verwechslung oder aber bewusst‐unterschwellige Gleichsetzung eines neuen Wachstumsbegriffs mit allgemeinen Verteilungsaspekten - zwischen Mensch und Mensch ebenso wie zwischen Mensch und Natur. Verteilung aber - gleich wie man sie definiert - kann niemals Wachstum ersetzen. Es gilt das alte Gleichnis vom Kuchen, der durch Wachstum erst gebacken werden muss, bevor man ihn verteilen kann. An dieser simplen Einsicht führt schlechterdings kein Weg vorbei! Insoweit ist also die Gefahr der Neudefinition von qualitativem Wachstum nicht die politische Begrenzung des BIP‐Wachstums - eine völlig absurde Vorstellung, die dennoch in der Diskussion aufgegriffen und vertreten wird; einschlägige Äußerungen lassen sich in den Veröffentlichungen der Enquete-Kommission ebenso wiederfinden wie sie vor allem von Seiten der Umweltschutzbewegung vertreten werden.

Die Gefahr ist vielmehr eine Vernachlässigung des allgemeinem Wachstumsziels: Ab einem gewissen Grad des politischen Motivationsverlustes für Wachstum ist der Traum vom "Wohlstand für alle" nicht mehr zu erfüllen - besonders nicht für nachfolgende Generationen in Entwicklungsländern.

Konkret schlagen wir als Weiterentwicklung des traditionellen, rein quantitativen BIP‐Indikators zur Wachstumsmessung und in Anlehnung an den "Human Development Index" der UN daher einen qualitativen Indikator zur Messung von Wachstum im Sinne gesellschaftlichen Wohlstands vor, der sich aus insgesamt 10 verschiedenen Teilbereichen zusammensetzt. Dessen Ausweisung erachten wir sowohl als einzelnen aggregierten 'Leitindikator' für die Zwecke der medialen Veröffentlichung als auch in Gestalt der einzelnen Teilindikatoren im Sinne eines "Übersichtstableaus" für wissenschaftliche Zwecke für sinnvoll. Im Einzelnen halten wir dabei die folgenden Bereiche für notwendig:

  1. Verteilungsgerechtigkeit 
  2. Bildung(sgerechtigkeit)
  3. Soziale Sicherung, Wohlfahrtssystem
  4. Persönliches Glück
  5. Ökologische Nachhaltigkeit
  6. Gesundheit
  7. Beitrag unentgeltlicher Arbeit, Qualität der Arbeit und Freizeit
  8. Mobilität
  9. Persönliche Freiheiten: Religionsausübung, Meinungsfreiheit etc.
  10. Materieller Wohlstand

Praxis: Neue Wohlstandsmessung & ihre internationale Anwendung


Die Messung von Wohlstandsniveaus im internationalen Kontext würde durch unseren Vorschlag vielfach auf den Kopf gestellt. Vor allem unter Berücksichtigung der von uns vorgeschlagenen Bildungsindikatoren würde sich sodann das bisher manifestierte Weltbild der großen Wirtschaftsmächte als die einzig wahren Wohlstandsgesellschaften grundsätzlich ändern. Je nach Gewichtung des Bildungsaspektes könnten hier volkswirtschaftliche "Zwerge" an den großen Wirtschaftsnationen vorbeiziehen. International ebenso interessant dürfte sich der Indikator des subjektiven Wohlbefindens auswirken. Dies würde insbesondere autoritäre Systeme abwerten ‐ vorausgesetzt, der Einzelne ist mit den Zuständen nicht zufrieden. Je nach der Zufriedenheit der Bürger könnte beispielsweise China durch diesen Indikator einen 'Wohlstands'‐Dämpfer erhalten. Gerade in unserer heutigen, globalisierten Welt ist es daneben von enormer Bedeutung für das persönliche Wohlbefinden, dass auch internationale Mobilitätsmöglichkeiten gegeben sind: Der gestiegene Selbstverwirklichungstrieb, infolgedessen 'man' die Welt erkunden möchte, macht gute internationale Mobilitätsbedingungen erforderlich.

Im Bereich der individuellen Freiheiten ist die Unzulänglichkeit des hergebrachten BIP‐Konzepts als Wohlstandsmaßstab seit jeher Gegenstand der Diskussion, und hat sogar einen Niederschlag in Thesen zur kausalen Verknüpfung von politischen und wirtschaftlichen Systemen nach dem Schema gefunden: Erst kommt der materielle Wohlstand, dann die politische Entwicklung; eine Analyse, die - von der ursprünglich aus der Psychologie stammenden Maslow'schen Bedürfnispyramide abgeleitet - im öffentlichen Diskurs von Laien wie Akademikern gleichermaßen häufig vertreten wird. Würde dies tatsächlich immer zutreffen, wäre das natürlich enorm komfortabel. Und tatsächlich zielt darauf die Argumentation der marktwirtschaftlich orientierten Lesart von Außenpolitik ab: Man sorge nur für eine gesunde Volkswirtschaft, dann kommt die politische Entwicklung hin zu einer liberale Demokratie irgendwann von ganz allein. Doch einmal abgesehen davon, dass die dazugehörigen Entwicklungszeiträume mitunter nicht zu tolerieren sind - ein solcher Zusammenhang ist auch sachlich falsch. Zwar profitiert eine marktwirtschaftliche Ordnung einerseits von einem möglichst wenig korrupten Staatswesen und einer verlässlichen Justiz, die wiederum andererseits automatisch auch bürgerliche Freiheiten schützen - aber eine marktwirtschaftliche Ordnung bringt diesen zivilisatorischen Fortschritt nicht notwendig hervor, und sie funktioniert auch ohne diese begünstigenden Faktoren. Wir setzen an dieser Stelle wirtschaftliches Wachstum mit einer markwirtschaftlichen Ordnung gleich, weil wir der Überzeugung sind, dass die Geschichte die Unzulänglichkeit grundlegend anderer wirtschaftlicher Organisationsformen - insbesondere des Kommunismus in seiner volkswirtschaftlichen Interpretation - hinreichend bewiesen hat.

Fazit

Die Untauglichkeit des traditionellen BIP‐Konzeptes, belastbare Aussagen zum Wohlstandsniveau einer Region, einer Gesellschaft oder eines Landes zu machen, ist sicherlich nicht neu und wird längst breit diskutiert. Doch stehen wir in der öffentlichen Diskussion damit nun vor der Herausforderung, konkret zu benennen, welche Indikatoren für uns eigentlich Wohlstand ausmachen, und wie wir sie gewichten wollen.

Wohlstand ist mehr als die Summe erwirtschafteter Dollar oder Euro, soweit, so gut. Aber dass diese Feststellung auf unzulässige Weise - unter der fehlleitenden und sinnentstellenden Überschrift "Postwachstumsökonomie" - mit der Ausrufung einer Epoche 'nach dem Wirtschaftswachstum' verbunden wird, können wir nicht akzeptieren: Wirtschaftswachstum an sich - vor dem Hintergrund des nie versiegenden Quells menschlichen Erfindungsreichtums, den daraus folgenden technologischen Neuerungen und vor allem angesichts der Herausforderungen in Bezug auf neue, ressourcenschonende Produktions‐ und Lebensweisen - für tot zu erklären, ist volkswirtschaftlicher Unsinn! Der Knackpunkt ist: Welchen Maßstab wollen wir an welchen Beitrag zu diesem Wirtschaftswachstum legen, um ihn als Wohlstand anzusehen - nicht zuletzt, um dadurch auch die Art und Weise des Wachstums politisch zu lenken?!

Gekürzte Version der von den Verfassern vorgelegten Denkschrift "Geld allein macht nicht reich - neue Wege zu Wachstum & Wohlstand", welche Sie hier zum Download finden.




10 Kommentare:

B. Ehlert

B. Ehlert am 03. Februar 2013 um 18:37 Uhr

Ich möchte zunächst einmal an diesem Artikel kritisieren, dass die dort präsentierte Auffassung alternativlos dargestellt wird und andere Auffassungen von vornherein diffamiert werden, etwa mit Aussagen und Begriffen wie: "ökonomischer Analphabetismus", "Wachstum ist in unserer Geld‐ und Kreditwirtschaft [...] unabdingbar", "man kehrte zur Tauschwirtschaft zurück!" sowie "Der Begriff 'Postwachstumsökonomie' ist bei genauer Betrachtung daher schon a priori Unfug."
Gerade vor dem Hintergrund der Finanzkrise, die keine der zuständigen Wissenschaftsdisziplinen vorhergesehen hat, geschweige denn verhindern konnte, sind diese als alternativlos vorgebrachten Auffassungen nicht sehr hilfreich und überzeugend.

Eine andere kritische Nachfrage: Wenn zur Messung von Wachstum der von den Autoren hier vorgeschlagene, sich aus insgesamt 10 verschiedenen Teilbereichen zusammengesetzte qualitative Indikator eingeführt wird, könnte es nicht sein, dass genau dadurch das Wachstum zurückgeht, vielleicht sogar gegen 0?
Mit anderen Worten, ist das heutige Wirtschaftswachstum nicht zu einem großen Teil dadurch bedingt, dass es auf Kosten der Umwelt, anderer (Entwicklungs)Länder, aber in letzter Zeit auch in unserem Land auf Kosten von Menschen geht, die trotz Vollbeschäftigung nicht von ihrem Lohn leben können?

Sollte das der Fall sein, hätte sich die teilweise diffamierende Kritik an dem Begriff "Postwachstumsökonomie" in Luft aufgelöst, bzw. die Einführung und strikte Ausführung des vorgeschlagenen qualitativen Indikators hätte dadurch eine Postwachstumsökonomie faktisch zur Folge. Auch hätte sich dann faktisch erwiesen, dass das "ökonomisch‐materielle Wachstum in unserer Zeit an eine Art 'natürliche Grenze' gestoßen ist".


J. Steffen

J. Steffen am 05. Februar 2013 um 17:09 Uhr

Sehr geehrte Frau oder Herr Ehlert,

wir bedanken uns für Ihren Kommentar, auf den wir gerne eingehen.
Zunächst einmal müssen wir die Darstellung, wir hätten unsere Ansicht als alternativlos präsentiert, zurückweisen: Sie beschreiben im selben Atemzug ja just die Alternative, die wir zu unserer Analyse sehen, die wir aber nicht befürworten, nämlich den Systemwechsel weg von der auf Wachstum angewiesenen Geld- und Kreditwirtschaft hin zur stationären Tauschwirtschaft. Eben diese Ehrlichkeit in der Darstellung der Alternativen wünschen wir uns ja in unserem Beitrag, und es freut uns sehr, dass Sie just diesen wunden Punkt aufgreifen.
Deswegen bleiben wir auch dabei, dass der Begriff einer "Postwachstumsökonomie" a priori Unfug ist: Die Alternative zum Wachstumsmodell wäre - wenn überhaupt - mit dem Partikel "Retro-" zu bezeichnen, was hier nicht wertend, sondern einfach nur chronologisch gemeint ist.
Daneben dürfen wir Ihnen widersprechen in Bezug auf die populäre These, die Wirtschaftswissenschaften hätten vor der Finanzkrise nicht gewarnt: Es ist sicherlich so, dass der Mainstream der makroökonomischen Forschung mit seinen Finanzmarktmodellen die Krise nicht antizipiert hat; wohl aber hat eine Vielzahl von (namhaften) Ökonomen vor der Krise gewarnt, ihre Rufe verhallten jedoch zu den 'goldenen Zeiten' ungehört, wie stets in der Geschichte; beispielhaft seien hier nur Barry Eichengreen, Joseph Stiglitz und Clemens Fuest genannt.

Nun zu Ihrer inhaltlichen Kritik: Sie haben völlig zutreffend erkannt, dass unser alternativer qualitativer Indikator ein Wachstum heutiger Bauart, dass eben nicht die sozialen und ökologischen Folgekosten einpreist, tatsächlich nicht als Wachstum anerkennen würde und damit - jedenfalls momentan - ein Nullwachstum oder sogar einen Rückgang des Wohlstands anzeigen würde; genau das ist ja auch beabsichtigt! Genau deshalb würde er ja auch die Notwendigkeit einer Neuausrichtung unserer Wirtschaft auf qualitatives Wachstum (aber eben bitte: Wachstum!) verdeutlichen. Das ökonomisch-materielle Wachstum jedoch ist und bleibt stets eine Komponente dieses Wachstums, womit die Kritik Ihres letzten Absatzes sich als nicht zutreffend erweist: Eine Wirtschaft, die etwa durch Investitionen in Bildung, Gesundheit und Ressourceneffizienz wächst, muss per definitionem stets auch ein Mehr an Einkommen und Produktion nach sich ziehen - das ist das Wesen der Investition! Nur sind diese dann eben tatsächlich sozial und nachhaltig.


J. Steffen

J. Steffen am 06. Februar 2013 um 11:01 Uhr

Hallo Andreas,
vielen Dank für Deinen Kommentar!
Wenn man mal den Tippfehler am Anfang Deiner Bemerkung überliest (Du meintest sicher "unendliches" Wachstum, oder? ;), bleiben wir immer noch im Widerspruch zu Dir:
Die Begrifflichkeiten "endlich/unendlich" hängen zwingend von der Definition des Wachstums ab - einer der Kernpunkte unserer Denkschrift. Herkömmliches, rein monetär-materielles Wachstum heutigen Verständnisses kann niemals unendlich sein, da geben wir Dir Recht; ein Wachstumsbegriff aber, der Komponenten wie Gesundheitsversorgung, Bildung, Rückgewinnung von Ressourcen etc. im Fokus hat, könnte tatsächlich unendlich sein. Die nächste wirtschaftliche Revolution, wie wir ja auch schreiben, wird es sein, ein Mehr an Produktion entweder auf die Wiedergewinnung von Ressourcen zu richten oder aber auf immaterielle, soziale Dienstleistungen wie v.a. Pflegeberufe etc.


B. Ehlert

B. Ehlert am 06. Februar 2013 um 21:00 Uhr

Hallo Jakob,

vielen Dank für die Antwort.
Zunächst einmal möchte ich erwähnen, aus welcher Perspektive ich die Problematik des Wachstums sehe. Ich versuche auch dieses aktuelle Problem der menschlichen Entwicklung vor dem Hintergrund der Evolutionstheorie zu beurteilen, stark angelehnt an Lehren und Erkenntnisse von Konrad Lorenz.

Vor diesem Hintergrund her zunächst einmal die Feststellung: Wachstum ist grundsätzlich gut. Ganz einfach deswegen, weil die gesamte Evolution darauf fußt und u.a. uns Menschen damit hervorgebracht hat.

Nur ist nicht jedes Wachstum gut. Ein ungehemmtes Wachstum, das dabei seine eigenen Lebensgrundlagen zerstört, wie etwa eine Tier- oder Pflanzenart, die sich aufgrund bestimmter günstiger Umstände stark oder explosionsartig vermehrt, ist wie ein wucherndes Krebsgeschwür innerhalb eines Organismus kein gesundes Wachstum, und das macht sich dann wegen der ökologischen Abhängigkeiten sehr schnell für die zunächst so erfolgreiche Lebensform selbst fatal bemerkbar.

In welcher Situation befindet sich der Mensch vor dem Hintergrund der Evolutionstheorie heute? Dazu möchte ich den Archäologen und Historiker Ian Morris zitieren (aus seinem Buch: „Wer regiert die Welt“, Frankfurt a.M. 2011), der die Entwicklung der menschlichen Gesellschaften seit dem Ende der letzten Eiszeit untersucht und anhand bestimmter Kriterien (Energieausbeute, Organisation/Urbanisierung, Kriegführung und Informationstechniken) bewertet hat. Morris hat diese Bewertung in einer Grafik dargestellt (S. 476), wobei die Kurve dieser Grafik ziemlich exakt der der Bevölkerungsentwicklung gleicht: Während der letzten 15.000 Jahre stieg sie nur ganz langsam an und verlief fast horizontal, mit dem Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert stieg sie jedoch plötzlich exponentiell an und verläuft nun fast senkrecht.

Morris schreibt: „Wir sind dazu verdammt, in interessanten Zeiten zu leben“ (S. 560). Diese momentane, geradezu explosive Entwicklung im Mensch-Sein hat es in dieser Form noch nie vorher gegeben und keiner kann genau sagen, wohin das führt. Morris leitet aus dem bisherigen Verlauf der Kurve aber zumindest ab, dass die gesellschaftliche Entwicklung in den nächsten 50 Jahren doppelt so hoch steigen wird, wie in den vorangegangenen 15.000 Jahren (vgl. S. 566).

Er hält dabei zwei Szenarien für möglich. Entweder steigert sich das Tempo des technischen Wandels so sehr, dass sich die Technik mit unendlicher Geschwindigkeit zu erweitern scheint. Das nennt er in Bezug auf den Erfinder und Futuristen Ray Kurzweil eine Singularität (Vgl. S. 567). Darin würden wir, durch Fortschritte in der Genetik, der Computertechnologie und der künstlichen Intelligenz „die Beschränktheiten unserer biologischen Grundausstattung überwinden und zu neuen Wesen werden, zu Wesen, die Homo sapiens so weit voraus sind, wie ein heutiger Mensch den einzelnen Zellen voraus ist, die sich zu seinem Körper zusammengeschlossen haben“ (S. 568). Mit diesem Fortschritt hätten sich dann auch die heutigen Probleme des Menschen erledigt (inwieweit dadurch aber neue Probleme entstehen, lässt sich schwer vorhersagen).

Das andere Szenario nennt Morris die Weltendämmerung, d.h. den Untergang der Menschheit oder zumindest, dass die gesellschaftliche Entwicklung wieder weit zurückgeworfen wird. Er zitiert hierbei Einstein, der sagte, dass er nicht wüsste, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird. Er könne aber sagen, womit die Menschen im vierten Weltkrieg kämpfen werden: mit Steinen (vgl. S. 582). Weiter schreibt Morris dazu: „Damit wir die Singularität erreichen, müssen wir die Hunde des Kriege an der Leine halten, die Klimasprünge meistern und eine Energierevolution durchziehen. Und das alles muss gleichermaßen klappen. Um die Weltendämmerung gewinnen zu lassen, reicht es aus, dass die Beherrschung nur eines Faktors misslingt. Die Chancen stehen nicht gut (S. 586).

Meine Frage nun an Sie speziell zu dem zweiten Szenario von Morris: Sehen Sie nicht ähnliche Gefahren, besonders was das ungebremste ökonomisch-materielle Wachstum angeht?

Eine zweite Frage: Halten Sie einen anderen, genauer gesagt Ihren, Wachstumsmaßstab überhaupt für durchsetzbar oder effektiv? Denn nehmen wir einmal an, dieser Maßstab würde eingeführt und Deutschland würde anhand dieses Maßstabes viel erreichen (Verteilungsgerechtigkeit, Bildungsgerechtigkeit, Soziale Sicherung, Wohlfahrtssystem, Ökologische Nachhaltigkeit, Gesundheit usw.), andere Länder würden sich aber darum gar nicht scheren. Sie hätten dadurch gemäß dieses neuen Maßstabes oberflächlich ein viel geringes Wirtschafts- bzw. Wohlstandswachstum, würden aber genau deswegen viel billiger und entsprechend mehr produzieren können, d.h. nach dem alten, heutigen Maßstab hätten sie ein viel höheres Wachstum. Dadurch würden die Länder, die nach dem neuen Maßstab vernünftig und nachhaltig wirtschaften, ins Hintertreffen geraten und sich die Verwirklichung dieses Maßstabes bald nicht mehr leisten können oder gar letztlich ganz Pleite gehen.

Dieses Problem ist ja faktisch etwa gegenüber China heute schon so vorhanden und man würde diesem Problem durch Einführung eines neuen Maßstabes daher nur ein anderes Etikett geben, faktisch aber an dem eigentlichen Problem nichts ändern. Mit anderen Worten: Ein neuer Maßstab bzw. ein neues Wirtschaften, das sozial und ökologisch vertretbar ist, macht letztlich nur Sinn, wenn er oder es verbindlich für alle gilt, und zwar global.

Damit wäre man wieder bei dem Grundproblem angelangt, bei dem Morris bezüglich der weiteren Entwicklung des Menschen Einstein mit folgenden Worten zitiert: „Die einzige Rettung der Zivilisation und der menschlichen Gattung liegt in der Schaffung einer Weltregierung“. Weiter schreibt Morris an dieser Stelle: „Natürlich mokierte man sich über den weltfremden Wissenschaftler, darum legte er nach: 'Wenn die Idee einer Weltregierung nicht realistisch ist, dann gibt es nur eine realistische Aussicht für unsere Zukunft: die völlige Vernichtung der Menschen durch Menschen'“ (S. 584).

Im evolutionären Verständnis: Wo immer Menschen interagieren, bedarf es kultureller Regeln, egal ob im Straßenverkehr, im Sport und besonders in der Wirtschaft, in der es um Macht und Reichtum geht. Denn ansonsten gelten die Regeln des archaischen und animalischen Rechts des Stärkeren, das der Mensch als animalisches Erbe genetisch in sich trägt. Das eigentliche Problem besteht somit darin, dass auf der globalen Ebene verbindliche und vernünftige kulturelle Regeln fehlen, nicht so sehr dagegen in einem neuen Wachstumsmaßstab, bzw. ohne das erste Erfordernis ist das letztere wirkungslos.

Mit besten Grüßen
Bernd Ehlert


J. Steffen

J. Steffen am 07. Februar 2013 um 15:51 Uhr

Hallo Bernd,
und wir danken umgekehrt Dir für Deinen neuerlichen, tiefgehend-analytischen Kommentar, der zum Nachdenken anstiftet; sehr gerne gehen wir wieder auf Deine direkten Fragen ein:
1) Zu der Frage, ob wir bei einem unverändertem "Weitermachen-wie-bisher" im ökonomischen Sinne nicht die Gefahr von Morris' "Weltendämmerung" sehen, ein uneingeschränktes Ja - das war eine der Motivationen für unseren Aufsatz ebenso wie für die ganze Debatte rund um Alternativkonzepte zum BIP - denn ein Umdenken hin zu einem qualitativ-nachhaltigen Wachstum muss und kann nur mit einem neuen Maßstab für dieses Wachstum beginnen.
2) Damit wären wir auch schon bei der zweiten Frage: Natürlich kann ein neues Messkonzept letztlich nur dann zum Erfolg führen, wenn es sukzessive globale Anwendung findet. Die Schwierigkeiten, das zu erreichen, sind unbestritten. Dennoch sollten wir uns von der Herausforderung dieser Aufgabe nicht abschrecken lassen; das ist aus unserer Sicht überhaupt die Grundregeln allen politischen Wirkens. Ja, globale Regeln sind und bleiben enorm schwierig umzusetzen; doch man braucht sich bloß den - zugegeben langsamen - Prozess rund um die Entstehung und die wachsenden Einflussmöglichkeiten von supranationalen Staatenbünden wie der UNO oder eine Ebene tiefer der EU anzusehen, um diesbezüglich Mut zu schöpfen.

Mit besten Grüßen,
Alexander Hobusch, Jakob Steffen und Daniel Todorovic


B. Ehlert

B. Ehlert am 08. Februar 2013 um 15:48 Uhr

Hallo Jakob, Alexander und Daniel,

es freut mich, dass wir hier auf einen gemeinsamen Nenner kommen.

Vielleicht kommen wir auch hinsichtlich Eures Standpunktes, dass in einer Gesellschaft zwingend materielles Wachstum vorhanden sein muss, um nicht zu einer Tauschwirtschaft zurückzukehren, auf diesen gemeinsamen Nenner. Ihr habt konkret dazu geschrieben:

„Der dynamische, expandierende Kreislauf aus Kredit, Investition und Zins kann nicht einfach abgeschafft werden, es sei denn, man kehrte zur Tauschwirtschaft zurück! Die kapitalistische Wirtschaftsweise fußt darauf, zu wachsen: Investitionen haben kein anderes Ziel als die eigene Unternehmung zu vergrößern; die dafür benötigten Finanzmittel werden von Investoren zur Verfügung gestellt, die ihrerseits Zins oder Dividende dafür verlangen; für diese wiederum muss die Unternehmung mehr Gewinn als in der Vorperiode erwirtschaften usw. usf. Diesen Kreislauf stoppen zu wollen, verlangt mit anderen Worten einen Systemwechsel - den man dann auch ehrlich beim Namen nennen sollte!“

So ganz kann ich das nicht nachvollziehen, obwohl diese Frage für mich eher theoretischer Natur und nicht so entscheidend ist. Aber muss zwingend materielles Wachstum vorhanden sein, um nicht wieder zur Tauschwirtschaft zurückzukehren? Ich lasse mich durch Argumente gerne belehren.
Ein Beispiel: Jemand will eine Solarfirma gründen und leiht sich von der Bank Geld, um unter anderem ein Gebäude bauen zu lassen. Später macht er einen Gewinn und zahlt das Geld an die Bank zurück. Durch die neue Solarfirma steigt das ökonomisch-materielle Wachstum, aber gleichzeitig wird dadurch ein Kohlekraftwerk überflüssig.

Spielt die Bank nicht grundsätzlich in der Wirtschaft die gleiche Rolle wie die Baufirma, die das Gebäude erstellt, d.h. lässt sich das Wirken der Bank als Verleihen von Geld nicht auch in einem System denken, das keinerlei ökonomisch-materielles Wachstum erwirtschaftet?


J. Steffen

J. Steffen am 10. Februar 2013 um 13:23 Uhr

Hallo Bernd,
wir freuen uns wirklich sehr über Deine steten Kommentare und antworten mit Freude auch auf diese Frage.
Du hast Dir die Antwort tatsächlich schon in Teilen selbst gegeben: Die Solarfirma nimmt einen Kredit auf, um diesen dann später (hoffentlich) mitsamt Zinsen aus den Gewinnen ihrer Investition tilgen zu können; mathematisch ausgedrückt: Sie leiht sich den Betrag 1 GE und muss später 1*(1+x%) GE Tilgung und Zinsen zurückzahlen; wenn es jetzt kein materielles Wachstum gäbe, also auch kein Mehr an Finanzmitteln in der Bilanz der Solarfirma - wie sollte sie dann den Zinsbetrag von 1*x% GE bezahlen?
Tauschwirtschaft bedeutet qua Definition, dass man nur das Vorhandene untereinander tauscht, um seinen Nutzen zu steigern; natürlich ist auch hier ein minimales Wachstum denkbar, das dann allerdings allein an die - extrem schwankende - Ertragskraft des Bodens, also der Landwirtschaft gebunden wäre. Denn alle anderen Wirtschaftssektoren würden ja nur die Ressourcen des Bodens weiterverarbeiten, niemals jedoch vermehren. Natürlich tritt damit der Kern unserer modernen Geld- und Kreditwirtschaft auf der Basis einer reinen Vertrauenswährung offen zu Tage: Der Geldkreislauf "simuliert" reale Güter, die erst in den Folgeperioden produziert werden müssen, er nimmt sie gewissermaßen vorweg; nur so aber kann eine Firma abseits der Landwirtschaft heute mehr investieren, als sie eigentlich an Ressourcen zur Verfügung hat - und der Kreislauf beginnt von Neuem.
Diese Simulation ist an sich nicht verwerflich, sie ist tatsächlich eine der genialsten Erfindungen der Zivilisation, um möglichst rasch möglichst viele Menschen mittels materiellen Wachstums aus der Armut zu heben; verwerflich ist einzig und allein ihr massiver Missbrauch im Finanzgewerbe, wenn ohne jede Rücksicht auf ökonomische Grundregeln ("Risiko und hoher Ertrag gehen nicht zusammen" etc.) Geld aus sich selbst heraus vermehrt wird und damit Instabilitäten in diesem System erzeugt, die hinterher auf die Realwirtschaft durchschlagen können.
Wir hoffen, dass wir Deine Frage, die sicherlich auch viele Andere umtreibt, zufriedenstellend beantworten konnten, und verbleiben

mit besten Grüßen,
Jakob Steffen, Alexander Hobusch und Daniel Todorovic


J. Steffen

J. Steffen am 10. Februar 2013 um 13:31 Uhr

P.S.: Sorry, eine möglichst konkrete Antwort auf Deine beiden Fragen zu Solarkraftwerk vs. Kohlekraftwerk bzw. der Rolle der Bank sind wir Dir noch schuldig:
Zum Solarkraftwerk: Der Tausch gegen das vermutlich ineffizientere Kohlekraftwerk - wobei das nicht unbedingt der Fall sein muss, s. die momentan irrsinnige Förderung des ineffizienten Solarstroms durch das EEG - bedeutet in sich ja wieder Wachstum: Ein Produktionsmittel wird durch ein besseres mittels Investition ersetzt, das dann auch einen höheren Wert hat - voilà, volkswirtschaftliches Wachstum.
Zur Bank: Aber klar könnte es auch eine Bank in einer Tauschwirtschaft geben; es ist aber sehr unwahrscheinlich. Hier kommt eine spannende Frage auf: Warum gibt es überhaupt Banken? Da der Raum hier begrenzt ist, eine knappe Antwort: Weil der Markt bei der Transformation von Spareinlagen auf der einen zu Krediten auf der anderen Seite oftmals versagt! Banken nehmen die - meist mit kurzfristigem Anlagehorizont verbundenen - Spargelder ihrer Kunden an und transformieren sie zu langfristigen Krediten an andere Kunden; direkt untereinander würden beide Kundenkreise kaum Geschäfte abschließen können. Ganz anders in einer Tauschwirtschaft: Hier tauschen beide Wirtschaftssubjekte direkt untereinander, Zinsen gibt es keine, und eine Fristentransformation braucht es auch nicht, weil es ja kaum Kredite (und wenn, dann in winzigem Umfang) gibt. Wozu also eine Bank?


B. Ehlert

B. Ehlert am 12. Februar 2013 um 10:10 Uhr

Hallo Jakob, Alexander und Daniel,

vielen Dank für Eure Antwort. Auch ich freue mich weiter auf einen konstruktiven Dialog.

Ich frage mich allerdings trotzdem noch, ob oder inwieweit, wie in dem folgenden Zitat erwähnt, der „massive Missbrauch“ von der „genialsten Erfindung der Zivilisation“ abhängt, ob es tatsächlich eine Simulation ist und ob es das eigentliche Ziel ist, die Menschen aus ihrer Armut zu heben:
"Diese Simulation ist an sich nicht verwerflich, sie ist tatsächlich eine der genialsten Erfindungen der Zivilisation, um möglichst rasch möglichst viele Menschen mittels materiellen Wachstums aus der Armut zu heben; verwerflich ist einzig und allein ihr massiver Missbrauch im Finanzgewerbe"

Zunächst dazu die Frage nach Zinsen und Wachstum (und nebenbei auch die nach dem religiösen Zinsverbot). Ist es verwerflich oder bedeutet es schon Wachstum, wenn für die zeitlich befristete Zur-Verfügung-Stellung eines Wertes ein Ausgleich oder Zuschlag genommen wird? Beispiel: Einem Hirten werden von Wölfen die Kühe gerissen. Um eine neue Herde aufzubauen, leiht er sich von einem Nachbarn mehrere Tiere, die er in ein paar Jahren zurück gibt. Ist es nicht gerecht und sinnvoll, wenn der Nachbar dafür als „Zinsen“ einen angemessenen Zuschlag erhält, etwa ein oder zwei Tiere mehr, da er für diese Zeit ja keinen Nutzen von diesen verliehenen Tieren hatte und gilt dasselbe dann nicht auch für verliehenes Geld? Das ist auch kein Wachstum, weil wie beim heutigen Verleih etwa von Maschinen oder Autos es ganz selbstverständlich ist, dafür eine Gebühr oder einen Ausgleich zu verlangen.

Auch bei der Tauschwirtschaft kann Missbrauch betrieben werden, indem wie in dem Beispiel der Nachbar die Notlage ausnutzt und einen unangemessen hohen „Zins“ verlangt, bei dem der geschädigte Hirte nie mehr von seinem Nachbarn unabhängig wird. Auch könnte etwa in Hungerzeiten ein Bauer für seine Früchte Wucherpreise verlangen, d.h. auch in der Tauschwirtschaft ist Missbrauch jederzeit möglich.

Dazu noch einige Gedanken zur „genialsten Erfindung der Zivilisation“. In einer Tauschwirtschaft sind natürlich ebenfalls die Werte von höchstem Interesse, d.h. zu welchen Verhältnissen getauscht wird. Dazu muss jede Ware oder Dienstleistung zu jeder anderen in einen Bezug gesetzt werden, wobei sich diese Bezüge durch die Änderungen von Angebot und Nachfrage zusätzlich laufend ändern. Bei kleineren Warenumfängen mag das noch übersichtlich sein, doch je zahlreicher die Waren werden, um so unübersichtlicher wird es. Bei 10 Waren sind es 45 Bezüge, bei 100 Waren schon rund 5000 und bei 1000 Waren rund eine halbe Million. Wenn so etwa 1000 verschiedene Waren existieren und es kommt nur eine einzige neue dazu, muss diese neue Ware zu jeder der 1000 vorhandenen in einen Wertbezug gesetzt werden, wobei wie gesagt sich diese Wertbezüge durch Angebot und Nachfrage der einzelnen Waren auch noch laufend ändern. Bei wachsendem Warenangebot wird so die einfache Tauschwirtschaft sehr schnell gänzlich unübersichtlich und nicht mehr praktikabel und durchführbar.

Das eigentlich Geniale ist dann der Trick oder die Technik, eine einheitliche Bezugs- oder Verrechnungseinheit einzuführen, die allein zur Wertbestimmung maßgeblich ist und zu der dann eine neue Ware nur noch einmal in Bezug gesetzt werden muss und nicht wie vorher zu jeder der vorhandenen Waren. Grundsätzlich kann dabei jede Ware als Bezugseinheit bestimmt werden. Ein einzelnes Tauschgeschäft wird dadurch zwar etwas komplizierter, da erst über die Bezugseinheit umgerechnet werden muss, aber das hat sich mit der Zeit auch erledigt, wenn wie heute nur noch in der Bezugseinheit gerechnet und gedacht wird, was zudem den Vorteil hat, dass die Tauschgeschäfte entkoppelt werden können, d.h. ich tausche etwa den Lohn der Arbeit räumlich und zeitlich getrennt von dem Erwerb von Lebensmitteln. Insgesamt werden die Verhältnisse der Warenwerte untereinander auf diese Weise nicht nur sehr viel übersichtlicher und damit auch die Bestimmung des Wertverhältnisses eines einzelnen Tauschgeschäftes, sondern die Tauschgeschäfte an sich werden auch sehr viel flexibler. Ist das mit diesen „Trick“ noch eine Tauschwirtschaft? Ja, natürlich, denn es liegt nur eine andere Technik des Tausches vor.

Es ist dann sinnvoll, eine möglichst stabile Bezugsware zu bestimmen, da sich ansonsten allein durch die Schwankungen der Bezugsware laufend alle Werte ändern würden. Also wählt man am besten eine Bezugsware, die sich in ihrer Anzahl als Angebot und Nachfrage wenig verändert, möglichst klein und gut zu transportieren ist, gut lagerfähig ist und nicht verdirbt, also etwa Goldstücke. Oder man wählt eine beliebige künstliche Bezugsware wie besonders gestaltete Papierscheine oder Metallstücke. Das Wichtigste ist, dass die Bezugsware in dem ihr zugewiesenen Wert möglichst stabil ist und selbst nicht schwankt, um so einerseits als Maßstab die Schwankungen der einzelnen Waren wie etwa das Fisch- oder Früchteangebot besser erkennen und berücksichtigen zu können, andererseits aber natürlich auch, damit der Besitz und die Ansammlung der Bezugsware abgesichert ist.

Besitzen wir heute von dieser Betrachtung her nicht immer noch eine Tauschwirtschaft, denn wenn ich in den Laden gehe und mir ein Brot kaufe, dann tausche ich das ja auch gegen eine zugegebenermaßen künstliche Ware, nämlich das Geld? Die wichtigste Funktion des Geldes ist dabei aber nicht sein künstlicher Wert als handelbare Ware (das hat auch bestimmte Vorteile), sondern seine Funktion als Bezugs- und Verrechnungseinheit, und die kann theoretisch auch von einem beliebigen anderen ganz natürlichen Produkt übernommen werden, oder im bargeldlosen Verkehr von einer nur noch theoretischen Bezugseinheit.

Worauf ich eigentlich hinaus will: Ein Missbrauch liegt nicht im Geld- oder Zinssystem, sondern in der Absicht der Menschen. Natürlich lässt sich mit dem modernen Geld- und Zinssystem auch der Missbrauch effektiver und in einem ganz anderen Maßstab betreiben, doch um den Missbrauch zu bekämpfen, ist es keine wirkliche Lösung, das Geld- oder Zinssystem abzuschaffen oder dort die Ursache des Missbrauchs zu suchen. Das gilt auch für andere Erfindungen. So kann mit einem Beil gezimmert werden, es können damit aber auch Menschen erschlagen werden, mit Sprengstoff können Bodenschätze abgebaut aber auch Geschosse abgefeuert werden usw.

Insofern hat ein unangepasstes oder schädliches Wirtschaften oder Wirtschaftswachstum nichts mit dem Geld- oder Zinssystem an sich zu tun, d.h. die Misswirtschaft ist in einer ursprünglichen Tauschwirtschaft im Grunde genauso möglich. So bietet auch das moderne Wirtschaftssystem genügend Regeln oder Stellschrauben dazu, es vernünftig und gerecht zu handhaben. Die entscheidende Frage dabei ist vielmehr, ob das von einigen Wenigen überhaupt gewünscht wird, und zwar von denen, die von einer unvernünftigen Handhabung profitieren.

Ich stelle in diesem Zusammenhang auch Euren Ansatz in Frage, dass nur über immer mehr Wachstum den Menschen aus der Armut geholfen werden kann. Es war schon im neuzeitlichen Kolonialismus so, dass die Kolonien nicht deswegen gegründet wurden, um den Menschen dort aus der Armut zu helfen. Man hat sie vielmehr schlicht und einfach ausgebeutet, um die eigene Entwicklung und Wirtschaft voranzubringen. Und wenn heute etwa hoch technisierte und hoch subventionierte westliche Flotten vor Afrika die Fischgründe leerfischen, so dass den Menschen dort auch diese Lebensgrundlage genommen wird, so wird klar, dass es auch bei der gegenwärtigen Wirtschaftsweise nicht vorrangig darum geht, allgemein die Menschen von der Armut zu befreien. Das zeigt sich etwa auch in dem Zustand der Gesellschaft des an Bodenschätzen so reichen Nigeria.

Das moderne Wirtschaftssystem führte seit den Kolonialzeiten vielmehr dazu, dass viele zwar arme aber sozial und kulturell gewachsene und stabile Gesellschaften von der Armut ins Elend gestürzt wurden. Zuletzt hat diese Wirtschaftsweise sogar dazu geführt, dass in jüngster Zeit selbst in den europäischen Gesellschaften viele Menschen nicht mehr von einer Vollbeschäftigung leben können.

Zur Argumentation dafür, dass diese gerade unter den heutigen Bedingungen nicht vernünftige Wirtschaftsweise nicht von dem Geld- und Zinssystem oder irgendeinem anderen »äußeren« Aspekt abhängig ist, sondern nur von der »inneren« Natur des Menschen, möchte ich auf die sozialen Probleme im Römischen Reich hinweisen, die ich in einem Kommentar zu dem Beitrag „(K)ein Silberstreif am Horizont? - Wirtschaften als Haushalten“ von Elisabeth Stiefel geschrieben habe. Trotzdem es eine ganz andere Zeit war, gleichen sich die durch einen plötzlichen Reichtum hervorgerufenen sozialen Probleme frappierend.

Man sollte daher auch in den Wirtschaftswissenschaften oder in der Politik die (evolutionäre) Natur des Menschen berücksichtigen. Diese zeigt sich selbst in so stark regulierten Bereichen wie dem Sport, wenn etwa so gut wie der gesamte Profi-Radsport durch das Dopen verseucht ist. Die Fahrer riskieren dort wissentlich Ihr Leben und ihre Gesundheit, nur um einmal als Sieger dazustehen. Wenn schon hier der faire und vernünftige Wettbewerb nicht funktioniert, wie soll er dann in dem ungeregelten Bereich des globalen Wirtschaftens funktionieren, bei dem es in noch viel stärkerem Maße um Reichtum und Macht geht? Eine Deregulierung ist dabei der kontraproduktive Weg. Denn sie nutzt zwar kurzfristig einigen Wenigen in einem völlig unverhältnismäßigen und völlig unvernünftigen Maße, fährt aber langfristig wie im Radsport das gesamte System an die Wand. Die Finanzkrise ist ein Musterbeispiel dafür.

Darin zeigt sich so die Natur des Menschen, die in einem gewissen Maße zur Entwicklung notwendig und gut war, die aber in einem begrenzten und überbevölkerten Lebensraum langfristig heute ganz fatale Folgen hat. Mit bloßem materiellen Wachstum wie bisher lassen sich diese Probleme nicht lösen, sie verschärfen sich in dem bisherigen Weiter-so vielmehr zunehmend.


J. Steffen

J. Steffen am 12. Februar 2013 um 12:21 Uhr

Hallo Bernd,
Du wirst es uns hoffentlich nachsehen, wenn wir nicht auf alle, zum Teil fachübergreifenden Aspekte Deines letzten Kommentars eingehen können, weil das hier endgültig den Rahmen sprengen würde.

Ich persönlich will allerdings noch unbedingt zu Deiner Kritik unserer unterstellten, aber nicht gewünschten Alternative Tauschwirtschaft und ihr Gegenstück der modernen Kreditwirtschaft Stellung nehmen, weil das mein Fachgebiet Geldtheorie unmittelbar berührt und ich Deine Anmerkungen leider so nicht stehen lassen kann.

Konkret hast Du geschrieben: "Die wichtigste Funktion des Geldes ist dabei aber nicht sein künstlicher Wert als handelbare Ware (das hat auch bestimmte Vorteile), sondern seine Funktion als Bezugs- und Verrechnungseinheit, und die kann theoretisch auch von einem beliebigen anderen ganz natürlichen Produkt übernommen werden, oder im bargeldlosen Verkehr von einer nur noch theoretischen Bezugseinheit."
Mal abgesehen davon, dass Wertbegriffe wie "wichtig" hier nicht sehr hilfreich sind, weil sie den objektiven, theoretischen Blick auf die 'Erfindung' Geld verschleiern, trifft diese Wertung an sich auch schon nicht zu: Denn dem "Geld" (gleich, ob das Goldmünzen, Kakaobohnen oder Zigaretten sind) wohnt im Gegensatz zu einer reinen Tauschwirtschaft ein wesentlicher Unterschied inne - und das ist die WERTAUFBEWAHRUNGSFUNKTION, die alles, was im Rahmen einer Tauschwirtschaft gilt, durcheinanderbringt. Durch die plötzliche Möglichkeit, Kaufkraft in Form von Geld aufbewahren zu können (allerdings unter Inkaufnahme des Wertverlustes durch Inflation, ein weiteres, nur durch Geld entstehendes Phänomen, das wesentlich zur der Entstehung von Krisen beitragen kann!), sind die Wirtschaftssubjekte in der Lage, Konsum und Investition zwischen verschiedenen Zeitpunkten beliebig zu verteilen: Ein Spar- und Kreditsystem entsteht von ganz alleine und bringt schon bald die ersten Banken hervor (denn hier machen sie Sinn, s. unseren Kommentar oben).

Jetzt aber kommen wir zum Kern: Nur ein solches System, in dem Geld Wert an sich darstellt, der dadurch akkumuliert werden kann, entsteht die Wachstumsabhängigkeit zur Bedienung von Zins und Kredit, und damit ist und bleibt es - im Unterschied zur Tauschwirtschaft - unabdingbarer Bestandteil dieser Wirtschaftsordnung. Ich weiß nicht, wie ich es noch transparenter machen soll.

Deine Anmerkungen in Richtung auf eine bessere Beachtung der evolutorischen Entwicklung des Menschen sind zutreffend - genau deswegen wollen wir ja ab vom REINEN materiellen Wachstum (was in Deinem letzten Absatz schon wieder etwas anders klingt), und wollen solche Aspekte wie persönliches Glück, (Meinungs-)freiheit, Altruismus etc. bewertet wissen.

Ich hoffe, dass ich Deinen Kommentar damit soweit zufriedenstellend beantworten konnte; worüber sich, noch einmal, diskutieren lässt, ist in der Tat die Ausgestaltung des Wachstums. Solange wir aber an unserem auf Geld basierendem Kredit- und Zinssystem festhalten, führt am wie auch immer definierten Wachstum rein mathematisch schlechterdings kein Weg vorbei.


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