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Artikel von E. von Weizsäcker

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Ernst Ulrich von Weizsäcker

Ernst Ulrich von Weizsäcker

ist Wissenschaftler und ehemaliger Bundestagsabgeordneter der SPD.

Es gibt noch viel zu tun

von Ernst Ulrich von Weizsäcker am 16. Oktober 2011

Das Fortschrittsforum hat mit seiner Besetzung und Themenwahl gute Chancen, die Enquete-Kommission sinnvoll zu ergänzen. Es muss, so Ernst Ulrich von Weizsäcker, Ökologie, Soziales und Geschlechtergerechtigkeit verbinden. Keine leichte Aufgabe.


Die Enquete-Kommission des Bundestags „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ hat ihre Arbeit zügig aufgenommen und – teilweise mit beachtlichen Anhörungen von Expertinnen und Experten – die wichtigsten Themen ihres Mandats aufgegriffen. Zwei Aspekte, so empfinde ich das, bleiben ein Stück weit defizient: die Sichtweise von Frauen und die ökologische Seite. Das Fortschrittsforum der Friedrich-Ebert-Stiftung kann ergänzend arbeiten und der Enquete-Kommission damit hilfreich zur Seite zu stehen.

Die Leitung des Fortschrittsforums liegt in der Hand zweier sehr kompetenter Frauen und eines Mannes. Und die Zusammensetzung des Forums ist deutlich ausgewogener als die der Bundestagskommission.

Die Sache mit der Umwelt

Was die ökologische Seite angeht, haben wir es mit einem generellen gesellschaftlichen Problem zu tun. Das Thema Umwelt hat zur Zeit weltweit keinerlei Konjunktur. Die Aufmerksamkeit der Medien und der Politik gilt fast nur noch den ökonomischen Krisenerscheinungen und der gravierenden sozialen Schieflage. Der Finanzkollaps von 2008, die nachfolgende dramatische Staatsverschuldung, die dadurch ans Licht getretene Euro-Krise (die in Wirklichkeit nicht größer ist als die Dollar-Krise) nehmen die Energien der Regierungen und Parlamente in Beschlag. Und wer es sich leisten kann, jenseits der Finanzmarktstabilisierung politisch kreativ zu denken, der empört sich über die seit 30 Jahren wachsende Schere zwischen Reich und Arm.

Mit anderen Worten: Die Politik ist wieder total anthropozentrisch geworden. Die Klimadiplomatie liegt in Scherben; der Raubbau an Bodenschätzen und biologischer Vielfalt hat rasant zugenommen; und die Länder, von denen hierbei die hauptsächliche Dynamik ausgeht, China und Brasilien, sonnen sich in ihren wirtschaftlichen Erfolgen. Die USA sind innerlich paralysiert; Japan laboriert an dem katastrophalen Tsunami-Schock (in Deutschland nur als „Fukushima“ in Erinnerung); der fröhliche Aufbruch in der arabischen Welt ist längst nicht mehr fröhlich, und ökologisch war er zu keinem Zeitpunkt. Indien ist zum Stahl-Imperator aufgestiegen und plant Atomkraftwerke in Erdbebenzonen. Und Europa verkrampft sich in der Euro-Rettung.

Dabei ist die Lage der Umwelt so dramatisch wie noch nie. Die Summe der „ökologischen Fußabdrücke“ der sieben Milliarden Menschen hat das Anderthalbfache der dauerhaften Tragfähigkeit der Erde erreicht. Die Klimaveränderung schreitet sichtbar voran, zur Zeit der Verabschiedung des Kyoto-Protokolls war sie noch weitgehend unsichtbar. „Fortschritt“ im bisherigen Sinn der Expansion in die Natur hinein ist längst zum Albtraum geworden. Und dennoch schrumpft die Zahl derer, die sich noch für die Umwelt einsetzen. Ein psychologisch nachvollziehbarer Grund lautet, dass bei Leuten mit Veränderungswillen die Verärgerung über die immer krasser gewordene soziale Ungerechtigkeit alles andere verdrängt.

Sozial und ökologisch

Wenn das Fortschrittsforum Wirkung zeigen will, muss es dazu beitragen, einen ökologisch tragfähigen Fortschritt zu formulieren und gleichzeitig die Ursachen für die wachsende Ungerechtigkeit zwischen Menschen und die fortgesetzte Schlechterstellung von Frauen adressieren.

Das ist nicht unmöglich. Technologisch ist mindestens eine Verfünffachung der Ressourcenproduktivität machbar. Das heißt: bei gleichem materiellem Wohlstand nur noch ein Fünftel der Naturbelastung. Politisch kann man Wege bezeichnen, die das ökonomisch auch rentabel machen. Ungerechtigkeit zu adressieren bedeutet, die seit dem Amtsantritt von Maggie Thatcher und Ronald Reagan wachsende Unwucht zwischen der Macht der Märkte und der des Rechts und des Staates wieder zu korrigieren. 95 Prozent der Menschen auf der Welt wollen das, aber die restlichen 5 Prozent, die Profiteure der puren Marktwirtschaft, verhindern immer noch jede Reform.

Die technologischen und politischen Korrekturen in Richtung Ökoeffizienz und Gerechtigkeit müssen zügig angepackt werden. Das Fortschrittsforum kann hier hilfreiche Aufklärungs- und Katalysatorarbeit leisten. Aber das wird für die Entwicklung und Sicherung eines neuen, natur- und sozialverträglichen Fortschritts noch nicht reichen. Zugleich müssen Konzepte der Genügsamkeit formuliert werden, die auch in der Enquete-Kommission eine bedeutende Rolle spielen. Die Fixierung des Fortschritts auf das Bruttosozialprodukt war und ist ein Fehler. Qualitatives Wachstum und Wohlergehen im immateriellen Bereich müssen erkannt, formuliert und im gesellschaftlichen Ansehen deutlich aufgewertet werden. Die Arbeitswelt muss so umgestaltet werden, dass Frauen und Männer, Jüngere und Ältere, und Menschen unterschiedlicher kultureller Prägungen faire Chancen haben. Und die Arbeit außerhalb der klassischen Erwerbsarbeit sollte durch materielle und immaterielle Gratifikationen gestärkt werden.

So ein Anspruch kann nicht in ein paar Monaten eingelöst werden. Die Mitglieder des Fortschrittsforums und die Friedrich-Ebert-Stiftung als Trägerorganisation werden sich über die Gestaltung und Machbarkeit des riesigen Fragenkomplexes verständigen müssen.




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