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Hilmar Höhn

Hilmar Höhn

leitet die Verbindungsstelle der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie in der Bundeshauptstadt Berlin und ist Mitglied des Fortschrittsforums.

Erneuern, nicht verzichten

von Hilmar Höhn am 15. Februar 2012

Seit Jahren veraltet die Basis unserer Wirtschaft. Neue Investitionen sind heute so notwendig wie strategisch klug. Hilmar Höhn über einen zeitgemäßen Produktionskonsens zwischen Kapital, Arbeit, Natur und Gesellschaft.


In der gegenwärtigen Debatte über die Frage, was Wohlstand ist und wie dieser wohl zu messen wäre, gibt es eine parteiübergreifende Bewegung, die meint, dass weiteres Wachstum der Wirtschaftsleistung nicht mehr wünschenswert sei, ja geradezu dem Versuch, die Erde vor einer möglichen Überhitzung zu retten, diametral entgegen stünde. Es brauche nicht Wachstum an materiellen Gütern, sondern Entwicklung von Gesellschaft, so der Tenor. Mehr noch als die ewige Aufgabe der Effizienz zu meistern bestehe die Herausforderung im Weniger, im Weglassen. Der reiche, ressourcenverschlingende Norden der Welt sei kein Vorbild für wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung, so die Grundlinie dieser Argumentation. Es wird behauptet, dass das Schrumpfen von Wirtschaftsleistung Ziel ökonomischen Handelns und von gesellschaftlicher Entwicklung sein könne.

Das ist eine eigenwillige Sicht auf die Welt. Ich bin überzeugt: Eine wirtschaftliche Ordnung, die darauf versessen ist, Wachstum positiv oder negativ steuern zu wollen, setzt sich falsche Ziele. Denn: Ob die Leistung einer Wirtschaft wächst oder ob sie schrumpft ist nicht das Ziel menschlichen Handelns, sondern sein Ergebnis. Die Frage lautet also: Was tut der Mensch? Unter welchen Bedingungen? Mit welchem Bestreben?

Statt einen ertraglosen Streit über das Für und Wider von Wachstum zu führen, lohnt sich vielmehr die Frage: Was treibt Wirtschaft an? Welchen Wohlstand wollen wir? Und wie wollen wir ihn erwirtschaften? Wie soll seine ökonomische, seine soziale und seine ökologische Basis aussehen?

Wir können schlecht Menschen in der Welt vorschreiben, welche Entwicklung sie für ihre Gesellschaften wollen. Dass sich Milliarden Menschen nach einem Leben in materiellem Wohlstand sehnen, scheint nachvollziehbar. Also kommt es darauf an, unser Wohlstandsmodell zu erneuern.

Wir zehren an der Substanz 

Dazu braucht es zunächst nicht Wachstum, sondern eine grundlegende Erneuerung des produktiven Kapitalstocks. Allein für Deutschland steht diese Aufgabe ganz unabhängig von Projekten wie Energiewende oder einer Schließung von Rohstoff- und Ressourcenkreisläufen an. Wir leben heute von der Substanz, seit Jahren veraltet die ökonomische Basis unserer Wirtschaft. Der Modernitätsgrad der Maschinen und Anlagen, mit deren Hilfe Wert geschaffen wird, verfällt pro Jahr um rund ein Prozent. Das gilt für den industriellen Sektor ebenso wie für Dienstleistungen.

Die Gelegenheit zur Erneuerung ist nicht nur günstig. Wollen wir auch künftig in Wohlstand leben, sind Innovationen und neue Investitionen geradezu erforderlich: Zum einen setzt künftiger materieller Wohlstand, zumal in einer Gesellschaft mit immer weniger Fachkräften, einen hochproduktiven Kapitalstock voraus. Zum anderen bedarf es der ökologischen wie sozialen Erneuerung der Produktion. Die Energiewende ist dabei nur ein Beispiel.

Die Sache ist nicht aussichtslos. In der deutschen Industrie gibt es nicht nur eine außerordentlich hohe Konzentration weltweit vernetzter Fachkräfte – von gelernten Arbeitern über Techniker, Meister, Ingenieure bis hin zu exzellenten Wissenschaftlern. Es kommt hinzu, dass diese nicht erst von den ökologischen Zielen des Wirtschaftens überzeugt werden müssen. Von Ausnahmen abgesehen wird wohl kaum bestritten, dass Umwelt- und Klimaschutz in den deutschen Laboren und Werkstätten gelernt wird. Und auch Kapital könnte reichlich vorhanden sein. Hierfür müsste es Europas Regierungen gelingen, die Derivatemärkte so trockenzulegen, dass Investitionen in die Realwirtschaft wieder attraktiver sind als Spekulationen.

Ein erneuerter Produktionskonsens

Wer Ökologie, Ökonomie und ein demokratisches Wohlfahrtsverständnis zu einem spannungsreichen aber doch produktiven Dreieck verbinden will, braucht eine kluge Innovations- und Investitionsstrategie. Das wären dann auch die Zutaten für eine fortschrittliche Welt. Eine Welt, in der ein erneuerter Produktionskonsens – an dem künftig neben Kapital und Arbeit auch Natur und Gesellschaft zu beteiligen sind – die Basis bildet, um Verteilungskonflikte auszuhalten, die die Interessenvielfalt nun einmal so mit sich bringt.

Das ist Fortschritt. Es ist Begeisterung für das Neue, das technologisch, ökologisch und sozial Mögliche, weil das Bessere das vermeintlich Gute ablöst. Jeder, der sein Mobilfunkverhalten im Wandel der vergangenen zehn Jahre überdenkt, kann ahnen, was ich meine.

Wenn wir – weil wir einen aufgeklärten Fortschritt wollen – Menschen und Wirtschaft für Innovationen und vor allem Investitionen begeistern wollen, dann meint Wachstum ganz einfach: das Ergebnis des Bemühens, die ökonomische Basis beständig zu erneuern.

Wachstum muss eben nicht das Ziel schon an der Hochschule erkalteter Technokraten und Controller bleiben. Wenn man den Ingenieuren, den Meistern, den Sozial- und Naturwissenschaftlern den Fortschritt zurück gibt, dann wird Wachstum wieder das, was es vernünftigerweise nur sein kann: nicht ein Ziel, auch kein Mittel, sondern das Ergebnis einer Gesellschaft, die Werte schafft, die einen Rahmen vorgibt für ein gutes und gelingendes Leben in einer besseren Welt. Das scheint mir die Antwort auf die Frage zu sein, ob wir wirklich noch Wachstum brauchen.

Das sei noch angemerkt: Wir hatten eine Phase, da galt der Traum vom Wachstum in Deutschland als ausgeträumt. Das waren die schrecklichen Jahre von 2000 bis 2005. Die Produktivitätsentwicklung vernichtete hunderttausende Arbeitsplätze, die Sozialversicherungen rutschten in Milliardendefizite, das Parlament erklärte sich zunächst handlungsunfähig, die Regierung beschloss daraufhin ein Griechenland-light-Paket. Der Arbeitsmarkt stürzte ins Chaos. Das möchte ich nie mehr erleben.




1 Kommentare:

A. Siemoneit

A. Siemoneit am 15. Februar 2012 um 22:17 Uhr

Oh weh – so will ich nicht leben.

Lieber Herr Höhn,

so sieht Fortschritt für mich nicht aus. Vermutlich bin ich einer jener Eigenwilligen, die Sie belächeln. Was mein Mobilfunkverhalten angeht, so habe ich es abgeschafft. Es folgt damit dem Fernsehen, dem Auto, den Flugreisen, den Fertiggerichten und der Vollzeitstelle, um nur einige Bereiche des privaten „Verzichts“ zu nennen. Hier finden Sie die Begründung, warum ich das nicht als Verzicht empfinde:

http://www.futur-iii.de/b6_alternative/zufrieden/f.html

Diese Position empfindet nur der als eigenwillig, der die Konsumentwicklung der Vergangenheit linear fortschreibt und dabei Ursache und Wirkung vertauscht. Ich zumindest halte den Konsum für angebotsgetrieben, nicht nachfragegetrieben, forciert von einer Wirtschaft, die sich aufgrund diverser Weichenstellungen in die Sackgasse eines Wachstums zwanges begeben hat. Sie ignorieren die grandiose ökonomische, ökologische und soziale Selbsttäuschung, die diese Entwicklung begleitet hat. Entkoppelung ist eine Schimäre – der Sieg der Hoffnung über die Erfahrung gerade auch der jüngsten Vergangenheit. Und wer das Wettrennen als gesellschaftliches Prinzip akzeptiert, kann sich natürlich nicht vorstellen, den Schritt zu verlangsamen oder gar zurückzugehen.

Herzliche Grüße
Andreas Siemoneit


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