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Artikel von A. Wehofsits

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Anna Wehofsits

Anna Wehofsits

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie der Freien Universität Berlin.

Ein Fonds, der es richten könnte

von Anna Wehofsits am 25. November 2011

Heute fehlt es vielen Menschen an lebensnotwendigen Medikamenten. Das muss nicht sein, so Anna Wehofsits. Der „Health Impact Fund“ könnte durch neue Anreize eine effizientere und gerechtere Versorgung erreichen. Weltweit.


Gesundheit ist ein öffentliches Gut. Der Beitrag der Pharmaindustrie zu diesem öffentlichen Gut besteht idealerweise in der effizienten Entwicklung kostengünstiger Medikamente mit möglichst großer Gesundheitswirkung. Die Arzneimittelforschung ist aber heute so organisiert, dass gesundheitlicher Nutzen eines Medikaments und Gewinnmöglichkeiten der Pharmaindustrie zueinander in einem  problematischen Verhältnis stehen: Die Erforschung und Entwicklung neuer Medikamente wird hauptsächlich über hohe Verkaufspreise refinanziert, die weit über den Herstellungs- und Vertriebskosten liegen. Alle Mitgliedsstaaten der Welthandelsorganisation (WTO) sind verpflichtet, den Pharmaunternehmen Produktpatente mit einer Laufzeit von zwanzig Jahren zu gewähren. Nach der Zulassung eines neuen Medikaments wird so für viele Jahre die Herstellung generischer Versionen und damit ein Absinken der Preise verhindert.

Dieses Finanzierungsmodell hat zwei schwerwiegende Nachteile: Erstens sind weltweit Millionen Menschen von bereits existierenden Behandlungsmöglichkeiten etwa gegen Krebs oder Diabetes ausgeschlossen. Hohe Medikamentenpreise sind dafür nicht der einzige, aber ein entscheidender Grund. Sehr viele Menschen – vor allem in ärmeren, zunehmend aber auch in reicheren Ländern – können sich dringend benötigte Medikamente nicht leisten. Zweitens sind viele der Medikamente, die den größten gesundheitlichen Nutzen versprechen, für die Pharmaindustrie nicht interessant: Krankheiten, die wie Tuberkulose oder Dengue-Fieber hauptsächlich Menschen in ärmeren Ländern betreffen, werden aufgrund mangelnder Gewinnmöglichkeiten kaum erforscht. Das Global Forum for Health Research hat errechnet, dass weltweit nur etwa zehn Prozent der Forschungsmittel in die Bekämpfung von ungefähr neunzig Prozent der weltweiten Krankheitslast investiert werden. Von 1556 neuen Medikamenten, die zwischen 1975 und 2004 auf den Markt kamen, dienen nur achtzehn der Bekämpfung von Tropenkrankheiten und drei der Bekämpfung von Tuberkulose.

Der Health Impact Fund

Der Philosoph Thomas Pogge und der Ökonom Aidan Hollis haben gemeinsam mit einigen anderen Wissenschaftlern ein Konzept entwickelt, wie sich die Arzneimittelforschung bedarfsgerechter gestalten lässt. Sie schlagen vor, ein neues Anreiz- und Vergütungs-System zu etablieren: den Health Impact Fund (HIF). Dieser soll die Entwicklung wichtiger Medikamente befördern und zugleich weltweiten Zugang zu ihnen ermöglichen. Ziel der HIF-Initiative ist, die ökonomischen Anreize für die Pharmaindustrie stärker auf den tatsächlichen Gesundheitsnutzen neuer Medikamente hin auszurichten und die Kosten für Forschung und Entwicklung nicht mehr über den Verkaufspreis zu refinanzieren.

Der HIF ist ein Modell für einen überwiegend von Staaten finanzierten Fonds, bei dem Pharmaunternehmen neue Medikamente und auch neue Anwendungen bereits existierender Medikamente freiwillig melden können. Das Unternehmen verpflichtet sich, das gemeldete Medikament zehn Jahre lang weltweit zum niedrigstmöglichen Preis zu verkaufen. Um einen solchen Niedrigpreis zu gewährleisten, wird die Herstellung des Medikaments alle drei Jahre neu ausgeschrieben und die beiden günstigsten Hersteller erhalten den Zuschlag. Nach Ablauf der zehn Jahre muss das Unternehmen kostenfrei die Produktion und den Vertrieb generischer Versionen erlauben. Im Gegenzug erhält das Unternehmen zehn Jahre lang Ausschüttungen aus dem Fonds, deren Höhe sich nach dem gesundheitlichen Mehrnutzen (health impact) des gemeldeten Medikaments gegenüber der Situation vor Behandlungsbeginn bemisst. Ein solcher Mehrnutzen kann durch bessere Medikamente, aber auch durch verbesserte Zugangsmöglichkeiten oder durch neue Anwendungen erzielt werden. Entscheidend ist, ob das gemeldete Produkt die weltweite Gesundheitssituation tatsächlich verbessert.

Die jährlichen Ausschüttungen werden dabei proportional zu den jeweils ermittelten Gesundheitsauswirkungen auf alle beim HIF gemeldeten Medikamente verteilt. Angedacht ist eine anfängliche Summe von 4,5 Milliarden Euro pro Jahr, was ungefähr 0,7 Prozent der weltweiten Arzneimittel-Ausgaben entspricht. Eine zentrale Herausforderung stellt natürlich die Messung und Überprüfung von Gesundheitswirkungen dar. Der Vorschlag sieht eine Verwendung von zehn Prozent des jährlichen HIF-Budgets und eine Zusammenarbeit mit dem Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) für diese Aufgabe vor.

Der HIF bindet also die Gewinnmöglichkeiten der Pharmaunternehmen direkt an die Gesundheitswirkungen der Medikamente, die sie produzieren:  Ausschüttungen sind an messbare Präventions- bzw. Behandlungserfolge gekoppelt. Der Vorschlag ist realistisch und ethisch überzeugend zugleich. Er zeigt, dass sich die massive Benachteiligung armer Patienten unter dem gegenwärtigen Patentsystem durch eine vergleichsweise kleine Reform beenden ließe, die gesundheitlichen und ökonomischen Interessen gleichermaßen dient.

Ökonomisch und gesundheitlich sinnvoll

Wie Pogge und Hollis darlegen, würde der HIF innovativen Pharmaunternehmen neue profitable Forschungsprojekte und Märkte eröffnen. Besonders die Entwicklung solcher Medikamente würde sich lohnen, die einen hohen therapeutischen Nutzen versprechen, aber unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen nicht oder wenig lukrativ sind. Dazu gehören Medikamente zur Bekämpfung von Tropenkrankheiten,  pharmazeutische Erfindungen, die nur eingeschränkt oder gar nicht patentiert werden können und Medikamente, die Krankheiten vorbeugen. Gegenwärtig sind Medikamente, die Symptome lindern, tendenziell profitabler als etwa Impfstoffe. Diese werden in der Regel von verhandlungsstarken Großkunden gekauft.

Die gesundheitlichen Vorteile des HIF für die Einwohner armer und reicher Länder liegen auf der Hand: Sie würden von besseren Medikamenten profitieren, die so gesundheitsfördernd wie nur möglich entwickelt würden. Zudem würden wichtige Medikamente von Anfang an günstig zur Verfügung stehen, was die Zugangsmöglichkeiten und somit die Chancen auf ein gesundes Leben für sehr viele Menschen maßgeblich verbessern würde.

Der HIF wäre mit Kosten verbunden, die wir als Steuerzahler mittragen müssten – diesen Kosten stehen jedoch neben dem gesundheitlichen Nutzen reale Einsparmöglichkeiten gegenüber:  Der niedrige Verkaufspreis und enorme Effizienzgewinne, die bei den Ausgaben für Medikamente zu erwarten sind, würden die nationalen Gesundheitssysteme deutlich entlasten. Kostengünstige Präventions- und Therapiemöglichkeiten würden dafür sorgen, dass aufwändige Therapien in fortgeschrittenen Krankheitsstadien und teure Krankenhausaufenthalte seltener erforderlich wären.

Ziel der HIF-Initiative ist nicht, die Ausgaben für Medikamente zu erhöhen. Ziel ist, sie so zu reorganisieren, dass weltweit eine effizientere, gerechtere und somit bessere Versorgung mit Medikamenten erreicht wird.

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Thomas Pogge bei der FES-Gerechtigkeitswoche

Thomas Pogge bei TED




2 Kommentare:

S. Richter

S. Richter am 29. November 2011 um 11:18 Uhr

Sehr geehrte Frau Wehofsits,

in Ihrem Diskussionsbeitrag sprechen Sie ein ganz wichtiges Thema an: eine gerechtere gesundheitliche Versorgung der Weltbevölkerung. Es ist beschämend für unsere hochentwickelten Kulturen, wenn auf unserer Erde jedes Jahr Millionen von Menschen sterben, nur weil sie keinen Zugang zu vorhandenen Medikamenten haben!

Auf der anderen Seite ist es auch nachvollziehbar, dass Unternehmen ihre hohen Kosten für Forschung und Entwicklung in irgend einer Form ersetzt bekommen müssen. Sonst würden die meisten Unternehmen nur abwarten, bis ein neues Produkt auf dem Markt ist und dann ohne eigene Entwicklungskosten allein vom Ergebnis profitieren. Dies würde letztendlich zum Erliegen einer jeglichen Forschungs- und Entwicklungsarbeit im Unternehmensbereich führen. Denn über eines sollten wir uns im Klaren sein: Produzenten billiger Generika handeln ja nicht völlig selbstlos. Der günstige Produktpreis ergibt sich allein aus der Tatsache, dass eben keine Forschung und Entwicklung betrieben wird. Gewinne erzielen auch solche Unternehmen.

Dass die Pharmaindustrie allerdings ihre monopolistische Patentstellung nutzt, um weit überhöhte Preise zu fordern, zeigt, dass das Finanzierungsinstrument "Patent" in diesem hochsensiblen Bereich offensichtlich nicht das geeignete Mittel ist. Denn wenn ein Unternehmen z.B. im Konsumbereich einen überhöhten Preis fordert, kann der Kunde den Kauf verweigern, ein kranker Patient kann dies nicht tun.

Die Idee mit dem Health Impact Fund (HIF) halte ich für sehr interessant. Neben der Finanzierungsfunktion enthält dieser Fund offensichtlich auch eine Steuerungsfunktion im Hinblick auf eine größtmögliche Versorgungsqualität, da seine Zahlungen an dem gesundheitlichen Mehrnutzen ausrichtet sind. Etwas skeptisch bin ich allerdings hinsichtlich der Messbarkeit eines solchen Nutzens sowie der Zuordenbarkeit zum einzelnen Medikament. Insbesondere wird es hier große Abgrenzungsprobleme geben. Wäre es da u.U. einfacher, wenn der HIF sich direkt an den Forschungs- und Entwicklungskosten beteiligte? Der gesundheitliche Nutzen könnte dann in einem Förderverfahren vorab geprüft werden und würde auch die Forschung im Bereich seltener Krankheiten mit erfassen, deren weltweiter Gesundheitsnutzen nicht all zu hoch ist.

Sigrid Richter


A. Wehofsits

A. Wehofsits am 01. Dezember 2011 um 18:20 Uhr

Sehr geehrte Frau Richter,

ich freue mich sehr über Ihr Interesse am Health Impact Fund und danke Ihnen für Ihre wichtigen Fragen.

Sie haben recht, die Messbarkeit des gesundheitlichen Mehrnutzens ist die zentrale technische Herausforderung, die der Health Impact Fund meistern muss. Zahlreiche, teils regional spezifische Faktoren können die realen Gesundheitswirkungen eines Medikaments beeinflussen. Es muss daher untersucht werden, welche dieser zusätzlichen Faktoren eine Rolle spielen und wie sie sich auswirken. Diese Aufgabe wird jedoch dadurch erleichtert, dass die Gesundheitswirkungen der einzelnen Medikamente und ihre Wechselwirkungen mit anderen Faktoren nicht ganz genau gemessen werden müssen. Sie müssen nur hinreichend genau abgeschätzt werden, um Pharmaunternehmen dazu anzureizen, Medikamente mit möglichst großer Gesundheitswirkung zu entwickeln.
Derzeit wird an ersten Pilotprojekten gearbeitet, die zeigen sollen, dass eine hinreichend genaue, zuverlässige Messung von Gesundheitswirkungen möglich ist.

Zu Ihrer Frage, ob es nicht einfacher wäre, wenn der HIF sich direkt an Forschungs- und Entwicklungskosten beteiligen und der Gesundheitsnutzen vorab geprüft würde: Öffentliche und private Projektförderungen sind ohne Zweifel sehr wichtige Förderungs- und Steuerungsinstrumente, um vernachlässigte und auch seltene Krankheiten wirksam zu bekämpfen. Der HIF könnte „Push“-Mechanismen wie etwa Produktentwicklungspartnerschaften (PDPs) sehr wirkungsvoll ergänzen (genauere Informationen dazu finden Sie unter: http://www.yale.edu/macmillan/igh/files/DP9_Hollis-Pogge_PDPs.pdf).
Diese wichtige Ergänzungsfunktion kann der HIF aber gerade deshalb erfüllen, weil er sich nicht darauf beschränkt, den gesundheitlichen Nutzen vorab zu prüfen. Er ist ein „Pull“-Mechanismus, der durch die direkte, proportionale Kopplung der Ausschüttungen an den realen Gesundheitsnutzen eines Medikaments finanzielle Anreize setzt, 1) Entwicklungsprojekte erfolgreich zu Ende zu führen, 2) Neuentwicklungen zu sehr niedrigen Preisen anzubieten und 3) auch solche Zugangsschwierigkeiten abzubauen, die nicht preisbedingt sind (das beginnt bereits bei Beipackzetteln in den jeweiligen Landessprachen).