1 +1 +

Artikel als PDF | Artikel drucken

Artikel von U. Thielemann

Archiv: Alle Artikel

Ulrich Thielemann

Ulrich Thielemann

ist Direktor des MeM - Denkfabrik für Wirtschaftsethik und Associate Professor of Business Ethics der Graduate School of Management der Universität Educatis, Altdorf, Schweiz. 

Das Betriebsgeheimnis des Wachstums

von Ulrich Thielemann am 08. Oktober 2012

Die Finanzmärkte sind nicht Diener der Realwirtschaft – sondern deren Treiber. Ulrich Thielemann über den Prozess schöpferischer Zerstörung und darüber was passiert wenn Kapital tatsächlich in die reale Wirtschaft investiert wird.


Die große Finanzkrise beschäftigt uns schon seit langem. Doch hat sie die Marktgläubigkeit und vor allem die Kapitalmarktgläubigkeit nicht erschüttern können. Die Rolle, die das Kapital bzw. die Finanzmärkte - es sind ja nicht einfach "die Banken" - im wettbewerblichen Marktprozess spielen, ist immer noch unverstanden.

Der große Konsens: Das Kapital soll "Diener der Realwirtschaft" sein

Alle Welt, Neoliberale wie Keynesianer, Gewerkschafter wie Banker, Parteien praktisch aller Lager, sind sich heute einig: Das Kapital soll endlich wieder zu einem "Diener der Realwirtschaft" werden. Dies finden etwa SPD-Chef Sigmar Gabriel ebenso wie Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), die Grünen Sven Giegold und Reinhard Bütikofer ebenso wie Chinas Premier Wen Jiabao. Auch Joseph Ackermann gelobt Besserung: "Wir müssen nach meiner Überzeugung unsere gesamte Tätigkeit in allen Bereichen noch einmal gründlich daraufhin überprüfen, ob wir damit unseren genuinen Aufgaben als Diener der realen Wirtschaft gerecht werden." Und auch Peer Steinbrück möchte mit seinen jüngsten Vorschlägen zur Bankenregulierung nicht nur einen "neuen Anlauf zur Bändigung der Finanzmärkte" starten, sondern auch dafür sorgen, dass diese wieder ihre "Dienstleistungsrolle gegenüber der Realwirtschaft" wahrnehmen - was doch irgendwie nach einem Widerspruch klingt. Ein Vertreter der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände meint, wenn die Banken "wieder in die Lage versetzt werden, ihrer dienenden Funktion für die Realwirtschaft gerecht zu werden, dann kommt das insbesondere den Arbeitnehmern und auch der Wirtschaft insgesamt zugute."

Statt die Finanzmittel den Unternehmen zu geben, damit diese "die Wirtschaft ankurbeln" und die gewünschten Arbeitsplätze schaffen, hätten die Banken das Kapital "im Finanzkasino verspielt", verspekuliert und damit verschwendet. Mehr noch: Da sich die Investitionen in Finanzprodukte und der Handel mit diesen als illusionär erwiesen hat und nun massenhaft toxische Papiere in den Büchern der Banken schlummern, diese aber, so wird gesagt, nicht pleitegehen dürfen, haben die Banken ein ebenso gigantisches "Erpressungspotential" (Peer Steinbrück) aufgebaut und auch genutzt. Was dazu führte, dass die EU-Mitgliedstaaten bzw. deren Steuerzahler "dem Finanzsektor Finanzhilfen und Bürgschaften in Höhe von 4,6 Billionen EUR zur Verfügung gestellt" haben, wie es mit einiger Bitterkeit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso festhielt. Die Folge war, dass die Staatsverschuldungen um etwa 20 Prozent nach oben schnellten - was zur aktuellen Krise führte, die Eurokrise oder Staatsverschuldungskrise genannt wird.

Die große Vermögensblase

Nachdem sie ihre Eigenkapitalbasis deutlich aufstocken konnten, seien die Banken, wie der Präsident der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde, Andrea Enria, frohlockt, heute "in einer besseren Verfassung, die Realwirtschaft mit Geld zu versorgen". Doch was wäre, wenn die Banken tatsächlich daran gingen, ihre angebliche Dienstleistungsfunktion für die Realwirtschaft wahrzunehmen? Was wenn sie dies in vollem Umfang täten, wie jüngst gefordert? All diejenigen, die ihr Leben nicht vollständig dem Geldverdienen opfern möchten, müsste diese Forderung in helle Aufregung versetzen. "In vollem Umfang", dies müsste wohl heißen, dass all die gigantisch angewachsenen Vermögensbestände nicht weiter in irgendwelchen Spekulationsdepots versauern, sondern tatsächlich "in die Realwirtschaft" gepumpt würden. Das klingt wie eine Drohung, eine massive Bedrohung für die soziale Lebenswelt und die natürliche Umwelt. Wuchs das Weltsozialprodukt seit 1980 um den Faktor 6,3, so stieg der Gesamtbestand der nominellen Kapitalbestände (Derivate ausgenommen) um den Faktor 17,7. Die globale Finanzschuld, also der Schuldendienst der realwirtschaftlichen Akteure gegenüber dem Kapital, stieg von 109% des Welt-BIP im Jahre 1980 über 261% im Jahre 1990 auf 356% im Jahre 2010. Wer soll dies alles erwirtschaften?

Mehr als ein Erpressungsproblem

Die gegenwärtige Diskussion krankt daran, dass sie nur die eine Seite der problematischen Rolle sieht, die das Kapital in einer Marktwirtschaft spielt. Es sollen nur die spekulativen, die bloß kurzfristigen Gewinne, die "im Casino der Handelsräume" erzielt werden (Steinbrück), eingedämmt werden. Damit ist allein die zweite Form der Erzielung von Kapitaleinkommen angesprochen. Hierbei fließen die Gewinne nicht aus den Umsätzen der Realwirtschaft, die definitionsgemäß Beschäftigte generieren, sondern stammen von anderen Anlegern. Sie entspringen dem Wertpapierhandel, der an sich ein Nullsummenspiel sich wechselseitig abzockender Anleger ist. Der Witz dieses Spiels besteht allerdings darin, dass sich die Nominalwerte dieser Papiere dabei hochschaukeln. Man denke an eine Börsenrallye. Damit werden aber auch die Bilanzen der Banken aufgebläht. Und wenn die Blase platzt, rufen diese: "Wenn wir fallen, reißen wir Euch alle in den Abgrund." Allein auf dieses Problem der Erpressung sind die gegenwärtigen Vorschläge zur Bändigung der Finanzmärkte zugeschnitten.

Ein Zerstörungsproblem

So wichtig eine Lösung hierfür auch ist, das eigentliche Problem ist der Druck, den das Kapital im realwirtschaftlichen Wettbewerbsprozess spielt. Dieser ist bekanntlich ein "Prozess schöpferischer Zerstörung" (Joseph Schumpeter). "Schöpfung" und "Zerstörung", das sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Es gibt nicht das eine ohne das andere.

Allerdings sieht man nur die Schöpfung - etwa in Form von geschaffenen Arbeitsplätzen - nicht die korrespondierende Zerstörung. Man denke nur an den billigen Slogan "Vorfahrt für Arbeit" (Horst Köhler). Jedes Kind weiß ja, was damit gemeint war, nämlich "Vorfahrt fürs Kapital." Denn das Kapital vertreten durch die Arbeitgeber, schafft ja die gewünschten Arbeitsplätze. Dies ist der Kern all der neoliberalen Reformen, die zum Abbau bzw. zur Ökonomisierung des Sozialstaates führten. Es war eine Politik der "Hofierung des Unternehmerkapitals" (Hans-Werner Sinn). Darum wurden Kapitaleinkommen steuerlich privilegiert. Ganz so, wie es der Mainstream der Volkswirte, der am liebsten gar keine Kapitalbesteuerung hätte, seit langem fordert. Kapital ist dieser Ansicht nach eine kostbare Frucht. Zu viel kann es davon eigentlich nicht geben. Denn es dient ja der Realwirtschaft.

Allerdings hat man nicht nur das Unternehmerkapital hofiert, sondern auch das Spekulationskapital. Etwa indem man "den Finanzsektor" von allen "überflüssigen Regulierungen" befreite und den "Ausbau des Verbriefungsmarktes" vorantrieb (Koalitionsvertrag 2005). Denn dies sorge ja für eine "gute sowie kostengünstige Kapitalversorgung der Wirtschaft", was dem "Nutzen aller Marktteilnehmer, Verbraucher wie Unternehmen", gereiche. Dies sieht man heute noch ganz genau so. "Neue Möglichkeiten für Geldanlagen, Investitionen oder Finanzierungen für Bürger und Unternehmen führten zu sinkenden Kreditzinsen" und diese dann zu einer "Stärkung von Wachstum und Beschäftigung." (Steinbrück) Der einzige Unterschied zu damals ist: Es ist dafür Sorge zu tragen, dass das Kapital "den Bezug zur Realwirtschaft" nicht verliert.

Das Betriebsgeheimnis des Wachstums

Was passiert, wenn Kapital in die Realwirtschaft investiert wird? Ein Unternehmen schafft Arbeitsplätze. Es generiert einen neuen Einkommensstrom, für sich, seine Beschäftigten, für Zulieferer. Übrigens auch für die Leute, bei denen die Beschäftigten dann ihr Geld ausgeben. Doch wächst dadurch allein die Wirtschaft um keinen Cent. Den Schöpfern gelingt der Einkommenszuwachs nämlich nur, indem sie diesen von anderen Anbietern auf sich umleiten. Das ist der Wettbewerb. Er ist zunächst ein Nullsummenspiel. Was die Schöpfer gewinnen, verlieren diejenigen, die unter Druck geraten, indem ihr bisheriger Einkommensstrom auf die Gewinner umgeleitet wird.

Darum ist es schlechterdings nicht möglich, neue Arbeitsplätze zu schaffen, ohne Arbeitsplätze an anderen Orten, sei es im In- oder Ausland, zu zerstören oder jedenfalls unter Druck zu setzen. Erst wenn es denjenigen, die unter Druck geraten, gelingt, einen neuen Einkommensstrom zu generieren, wächst die Wirtschaft. Dazu müssen sie natürlich etwas tun, sich nämlich wettbewerbsfähig halten, sich die nötigen "Skills" aneignen, um im wettbewerblichen Marktkampf wieder mitspielen zu können. Darum wird ja Bildung immer "wichtiger". Gemeint ist damit ja die Ausbildung von Humankapital. Die Folge ist die Ökonomisierung der Lebensverhältnisse.

Dieser Zusammenhang zwischen "Schöpfung" und "Zerstörung" wird darum nicht erkannt, weil er sich weitgehend unsichtbar vollzieht. Natürlich ist damit auf die berühmte "unsichtbare Hand" des Marktes abgestellt. Besser würde man wohl von der verbergenden Hand des wettbewerblichen Marktes sprechen: Im komplexen Marktgeschehen lässt sich kaum sagen, wer einen arbeitslos gemacht hat. In dieser "herrenlosen Sklaverei" (Max Weber) gerinnt Verantwortung darum zur schieren Eigenverantwortung. So naturalisiert man den Gesamtzusammenhang und versteht etwa nicht, dass die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit des einen zum Verlust der Wettbewerbsfähigkeit des anderen führt - etwa der Restbestände der griechischen Industrie, die von der deutschen und der chinesischen Exportindustrie platt gewalzt wurden.

Das Kapital als "Peitsche" der Realwirtschaft

Das Kapital spielt dabei die Rolle eines wesentlichen Treibers. Es gibt den besonders fitten Marktteilnehmern einen Überbrückungskredit, auf dass diese schwächeren Marktteilnehmern das Leben schwer machen. Es "dient" nicht etwa "der Realwirtschaft", sondern denjenigen Beschäftigten, die besonders gut darin sind, andere Wettbewerber zu verdrängen. Für diese Teile der Realwirtschaft ist es eine Bedrohung. Es schädigt sie. Es ist ihre Peitsche, weil sie sich nun gezwungen sehen, ihrerseits nach neuen Einkommenspositionen Ausschau zu halten, neue oder irgendwie bessere Produkte zu entwickeln und anzubieten. Dies mag ihnen gelingen, oder auch nicht. Dann führt der "ewige Sturm der schöpferischen Zerstörung" zu "sinnlosen Katastrophen" (Schumpeter). Kein Ökonom thematisiert dies, weil den Ökonomen die Kategorie der Überforderung fremd ist und weil sie in der Aufgabe versagen, diese unsichtbaren Verhältnisse in ethisch reflektierter Weise, statt von vorn herein apologetisch, sichtbar und diskutierbar zu machen.

Dies alles war immer schon so, seitdem es Markt und Wettbewerb gibt. Es ist die Quelle des Güterwohlstandes, der allerdings immer weniger ein Wohlstand für alle ist. Doch hat die Wohlstandserzeugung offenbar auch Kosten. Sie führt nämlich, vor allem heute, in Zeiten eines gigantischen Güterwohlstandes, vor allem nur noch zur Ökonomisierung der Lebensverhältnisse. Wer in tumber Kapitalmarktgläubigkeit zugunsten des Kapitals Partei ergreift, der ergreift Partei für ein marktkonformes Leben, für ein Leben, das sich im Ganzen dem Leitstern der Wettbewerbsfähigkeit verschrieben hat.

Für eine neue Weltinnenpolitik

 

Sattdessen müssten wir uns in Freiheit fragen: Wollen wir das? Wollen wir ein zunehmend ökonomisches Leben führen? Ein Leben, in dem schon Kleinkinder auf die "Überholspur" gesetzt werden (FasTracKids), schon früh lernen sollen, was Marketing ist, um später im Wettbewerb die Nase vorn haben? Ein Leben im Dauerranking? Letztlich ist allerdings zu fragen, ob es den treibenden Kräften dieses Spiels, vor allem dem Kapital, im beliebigem Ausmaß erlaubt sein soll, alle übrigen zu einem zunehmend "marktkonformen" Leben zu zwingen. Das ist die Gerechtigkeitsfrage, die auch mit Blick auf die wachsenden Einkommens- und Vermögensdisparitäten zu stellen ist, die kaum mehr als leistungsgerecht zu beurteilen sind.

Diese Fragen wären natürlich politisch anzugehen, letztlich weltinnenpolitisch. Doch ist die nationalstaatliche Politik, seitdem sie sich auf "Standortpolitik" reduzieren ließ, selbst "marktkonform" geworden. Sie bemerkt gar nicht, dass sie sich im Rattenrennen der Hofierung des Kapitals verfangen hat, weil sie nur auf die sichtbare "Schöpfung" starrt, die in ihren globalen Wirkungszusammenhängen weitgehend unsichtbare "Zerstörung" aber aus den Augen verloren hat. Aus diesem Rennen gelangt die Politik erst, wenn sie eine weltinnenpolitische Perspektive ergreift. Es ginge dabei nicht etwa um eine Weltregierung, sondern um eine Art globalen wettbewerblichen Waffenstillstand, um dem derzeit unbegrenzten Ausspielen der zu Standorten degradierten Nationen durch die Kräfte vor allem des Kapitals ein Ende zu setzen. Erst dann ließe sich von einer "Bändigung der Finanzmärkte" sprechen.

Der Schlüssel dazu ist der Abbau der gigantisch angewachsenen Vermögensbestände. Die Welt ist offenbar darin überfordert, die korrespondierenden Renditen zu erwirtschaften. Darum ist es ja eine Blase. Wie dieser Abbau verantwortungsvoll - auch für die Rentiers, die bei weitem nicht alle Milliardäre sind - und ohne katastrophale Rückwirkungen zu vollziehen wäre, dies ist die Schlüsselfrage unserer Zeit. Um diese Frage allerdings überhaupt erst zu erkennen, bräuchten wir eine andere Ökonomie - eine solche, die sich nicht von vorn herein der "Fürsprache des Marktes" und der Mächte, die in ihm wirken, verschrieben hat.

 

 

 

 




1 Kommentare:

O. S.

O. S. am 11. Oktober 2012 um 22:56 Uhr

Das Betriebsgeheimnis des Wachstums - das ist der Titel dieses Artikels.

Ich sehe diese Frage jedoch nicht korrekt beantwortet, zumindest nicht vollständig. Für eine vollständige Antwort - Kommentierung zu meinen Thesen ausdrücklich erwünscht - muss es eine Ökonomie-Theorie geben, die anhand von realwirtschaftlichen Eigenschaften messbar ist - und eine Antwort bereithalten, was wie warum innerhalb der letzten 250 Jahre der Industrialisierung passiert ist.

Das sehe ich jedoch hier noch nicht. Aber diese Antwort ist möglich - sowohl die reale Messbarkeit von Wirtschaft, als auch eine Erklärung, was der realwirtschaftlich wirksame Mechanismus ist/war, wie dieser wirkte und warum, der diese Industrialisierung antreibt.
Es fehlt hier in diesem Artikel eine stringente Erklärung, was die unsichtbare Hand des Marktes ist, und wie sie wirkt, wie sie real beschreibbar ist, um die Auswirkungen in der Realität quantifizieren zu können.

Ich sage, diese unsichtbare Hand des Marktes existiert, und es ist realwirtschaftlich und mathematisch darstellbar, wie sie wirkt, und die warum. aber sie wirkt nur noch in Maßen, und vor allem nicht immer zum Wohle aller. Ich sage weiterhin, dass die reale Messbarkeit von Wirtschaft gegeben ist. Ich sage ebenso, dass es eine Maßeinheit gibt, in der eine gegebene, abgeschlossene Volkswirtschaft messbar ist, und zwar dimensionsstabil sowohl über die Zeit als auch absolut.
Darüber hinaus ist mit dieser Messbarkeit auch ein Mittel gegeben, verschiedene Formen von Wirtschaftssystemen in ihrer Effektivität vergleichbar zu machen. Und dazu kann aus diesem Vergleich der Effektivität in Kombination mit beschreibenden Indikatoren ein Maß für die Güte und Qualität einer Volkswirtschaft entwickelt werden.

Fehlt nur noch eine Antwort: Wie messe ich "Wirtschaft"? Daran arbeite ich gerade.


Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben.