1 +0 +

Artikel als PDF | Artikel drucken

Artikel von S. Consiglio und C. Leschinski

Archiv: Alle Artikel

Stefano Consiglio

Stefano Consiglio

studiert im Master Marketing- und Distributionsmanagement an der Georg-August-Universität Göttingen.

Christian Leschinski

Christian Leschinski

studiert Finance and Econometrics an der Queen Mary University of London.

Alt und arm?

von Stefano Consiglio und Christian Leschinski am 24. April 2012

Was ist die sozialdemokratische Antwort auf den demographischen Wandel? Christian Leschinski, Stefano Consiglio und Adam Bock plädieren für ein umfassendes Konzpet, das Bildungsinvestitionen mit einer vorausschauenden Industrie- und Stabilitätsspolitik verbindet.


Was demographischer Wandel bedeutet, veranschaulicht der sogenannte Altenkoeffizient. Dieser gibt an, wie viele über 65-Jährige es im Verhältnis zu je einhundert 20- bis 65-Jährigen gibt. Er wird von 34 im Jahr 2008 auf voraussichtlich 62 im Jahr 2040 steigen – sich also nahezu verdoppeln. Welche Folgen haben diese Verschiebungen im Altersaufbau für die Entwicklung unserer Volkswirtschaft?

Entscheidend für unseren Wohlstand ist nicht die Outputmenge unserer Volkswirtschaft insgesamt, sondern der Output pro Kopf. Wenn der Anteil der Bevölkerung, der dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht abnimmt, muss der von den noch Arbeitenden erzeugte Output auf mehr Köpfe verteilt werden. Daraus ergibt sich ein negativer Effekt auf unser Wohlstandsniveau.

Glücklicherweise ist das nicht das Ende der Geschichte. Normalerweise wächst die deutsche Volkswirtschaft aufgrund von Produktivitätsfortschritten um etwa 1,4 Prozent pro Jahr. Dieses Wachstum wird voraussichtlich zu etwa einem Drittel von dem eben beschriebenen demographischen Effekt aufgezehrt – aber eben nur zu einem Drittel. Das bedeutet: Wir werden nicht ärmer, sondern nur langsamer reicher.

Nimmt die Zahl der Arbeitskräfte in einer Volkswirtschaft ab, so sinkt die Grenzproduktivität des Kapitals, während die Grenzproduktivität der Arbeit steigt. Das führt zu niedrigeren Realzinsen, höheren Bruttolöhnen und damit verbunden zu einem anhaltenden Kapitalexport sowie sinkender Wettbewerbsfähigkeit. Gleichzeitig ist zu erwarten, dass die Nettolöhne aufgrund der zunehmenden Belastung der Sozialsysteme nicht gemeinsam mit den Bruttolöhnen steigen.

Und die Politik?

Was heißt das für die Politik? Wenn das Wachstum durch den Rückgang der Zahl der Arbeitskräfte vermindert wird, kann eine Steigerung des Produktivitätsfortschritts dazu führen, dass die Wachstumsrate insgesamt konstant bleibt.

In den Modellen der endogenen Wachstumstheorie ist die Produktivität an den Humankapitalbestand gebunden. Je besser also die Ausbildung der Arbeitskräfte, desto produktiver sind sie und ihre Kollegen, weil sie bessere Ideen haben. In diesen Modellen wirkt sich auch der demographische Wandel deutlich weniger dramatisch aus, da bei abnehmenden Kapitalerträgen Investitionen in Humankapital relativ attraktiver werden. Damit kommt es zu einem stärkeren Produktivitätsfortschritt, der die negativen Auswirkungen des demographischen Wandels deutlich abschwächt.

Unter dem Strich lässt sich festhalten, dass Bildung entscheidend ist, um den Auswirkungen des demographischen Wandels zu begegnen. Ein umfassendes Konzept für eine sozialdemokratische Wachstumspolitik ist das jedoch noch nicht. Um eine Idee davon zu entwickeln, was man unter sozialdemokratischer Wachstumspolitik verstehen kann, hilft es, typische Elemente sozialdemokratischer Wirtschaftspolitik zu identifizieren, die positive Auswirkungen auf das Wachstum und das Wohlstandsniveau haben.

Instabile Märkte 

Dazu gehört zunächst einmal die Ordnungspolitik. Der Grundsatz „Wettbewerb so weit wie möglich – Planung soweit wie nötig“, findet sich seit Godesberg im Grundsatzprogramm der SPD. Die Frage ist, wie die richtige Balance zwischen Markt und Staat in der Praxis bestimmt wird. Die Wohlfahrtsökonomik sagt uns, dass perfekte Märkte das bestmögliche Ergebnis liefern. Sie sagt uns aber auch, dass perfekte Märkte eine ganze Reihe von Voraussetzungen haben: vollständige Informationen, keine Monopole oder Oligopole, es darf keine öffentlichen Güter und auch keine Externalitäten geben.

Diese Voraussetzungen sind in der Realität häufig nicht erfüllt. Dem klassischen Ordoliberalismus zufolge sollte deshalb der Staat dafür Sorge tragen, dass sie erfüllt werden. Wenn das nicht möglich ist, können auch direkte Eingriffe – wie etwa die Bereitstellung öffentlicher Güter wie Grundlagenforschung oder Landesverteidigung – notwendig sein. Das Gleichgewicht von Markt und Staat muss demnach kein reines Werturteil sein, sondern wird ganz wesentlich durch das Ausmaß an Marktimperfektionen bestimmt.

Darüber hinaus ist es klar im Interesse sozialdemokratischer Politik,  die Menschen vor den Auswirkungen instabiler Märkte und damit verbundener Krisen zu schützen.  Als Sozialdemokrat assoziiert man damit als erstes keynesianische Konjunkturpolitik. Es gibt jedoch in der Forschung eine Reihe von Ergebnissen, die zeigen, dass die Wirkung von Fiskalpolitik häufig beschränkt ist. Die Maßnahmen werden oft durch Schulden finanziert, die nicht wieder abgebaut werden oder sie kommen zu spät, weil sie in der Umsetzung zu lange brauchen.

In der Finanzkrise 2008 hat sich aber gezeigt, dass Konjunkturpolitik bei Ereignissen dieser Größenordnung durchaus helfen kann. Die vielfältigen Probleme bei der Umsetzung keynesianischer Fiskalpolitik sollten jedoch als Ermahnung verstanden werden, vorsichtig mit ihr umzugehen. All diese Maßnahmen beziehen sich auf das Hinterher. Hinterher – in einer Rezession – soll diese abgemildert und verkürzt werden. Wir wollen deshalb betonen, dass Stabilitätspolitik auch präventiv sein muss. Also versuchen sollte, die Entstehung von Krisen durch Prävention zu verhindern.

Industriepolitik 

Der Staat kann durch industriepolitische Impulse und Investitionen in Infrastruktur positiv zur wirtschaftlichen Entwicklung beitragen. Diese Überzeugung gehört ebenso zu sozialdemokratischer Politik. Solche Eingriffe in das Marktgeschehen lassen sich deshalb rechtfertigen, weil sie Spillover- und Skaleneffekte sowie andere positive Externalitäten hervorrufen können, die durch die räumliche Konzentration ökonomischer Aktivitäten entstehen. Genau diese Effekte werden aber in den klassischen ökonomischen Theorien nicht ausreichend berücksichtigt.

Nicht nur auf räumlicher, sondern auch auf funktionaler Ebene kann eine vorausschauende Strukturpolitik – z.B. die Förderung bestimmter Industrien – wachstumsfördernd sein. Ökonomisch sinnvoll ist dies vor allem bei so genannten Infant Industries. Infant Industries nennt man junge Industriezweige, die noch nicht hinreichend wettbewerbsfähig sind. Es kann sinnvoll sein, diese für einige Zeit zu fördern und sie temporär vor der internationalen Konkurrenz zu schützen. Beispielsweise dann, wenn diese jungen Industriezweige entweder Skaleneffekte oder Lerneffekte aufweisen. Skaleneffekte liegen vor, wenn ein Industriezweig günstiger oder besser produzieren kann, je größer er wird. Lerneffekte bestehen, wenn ein Industriezweig durch seine eigene Tätigkeit immer effizienter und produktiver wird, weil er dazulernt.

Eine Förderung ist solange notwendig, bis durch die Produktivitätsfortschritte komparative Vorteile entstehen. Dann können Infant Industries aus eigener Kraft im Wettbewerb auf internationalen Märkten bestehen. Gezielter Infrastrukturausbau sowie die Förderung erfolgversprechender Jungindustrien können somit im Sinne einer vorausschauenden Strukturpolitik nachhaltige Impulse für die ökonomische Entwicklung setzen.

Versucht man also ein Gesamtkonzept sozialdemokratischer Wachstumspolitik zu entwickeln, hat man damit drei Ansatzpunkte: Die Ordnungspolitik schafft die Voraussetzungen für funktionierende Märkte und versucht, Wachstumshemmnisse zu beseitigen. Die Stabilitätspolitik beugt Krisen vor und verhindert damit Einbrüche im Wohlstandsniveau. Und die Strukturpolitik setzt Impulse, die zu höheren Wachstumsraten führen. Neben Bildungsinvestitionen haben wir mit diesen Mitteln die richtigen Instrumente in der Hand, um den Auswirkungen des demographischen Wandels zu begegnen.

---

Dieser Text basiert auf den Ergebnissen eines Forschungspapiers, dass auf der FES-Konferenz "Wohlstand, Wachstum, Investitionen" vorgestellt und diskutiert wurde. An diesem Papier hat auch Adam Bock mitgearbeitet. 




1 Kommentare:

A. Siemoneit

A. Siemoneit am 26. Mai 2012 um 15:38 Uhr

Meine Herren,
hier ist das ganze Neusprech der Ökonomen versammelt ...
Die klassischen ökonomischen Theorien berücksichtigen einige Effekte nicht ausreichend, vor allem den Zusammenhang zwischen Wachstum und Umweltkatastrophe nicht. Ich glaube, bevor Sie hier mit Überlegungen zu Marktimperfektionen brillieren, sollten Sie sich in ganz normaler Sprache Gedanken darüber machen, woran es liegt, dass die Ökonomie den Kontakt zur Realität verloren hat. Ich glaube, es liegt auch an Ökonomen wie Ihnen.
Kopfschüttelnd,
Andreas Siemoneit


Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben.