0 +0 +

Artikel als PDF | Artikel drucken

Artikel von S. Schlebes

Archiv: Alle Artikel

Sven Schlebes

Sven Schlebes

ist Geschäftsführender Gesellschafter der kulturellen Unternehmens­beratung Goldene Zeiten Berlin und Mitglied des Fortschrittsforums.

Traue Deinem inneren Buchhalter nicht!

von Sven Schlebes am 05. Februar 2013

Schuld sein. Schulden machen: Wer in Tagen wie diesen gerne Neues schaffen möchte, sieht sich konfrontiert mit der Last der Vergangenheit. Schluss damit, fordert unser Kolumnist und empfiehlt einen ganzheitlichen Schuldenschnitt.


Buchhalter sind im allgemeinen nicht sonderlich beliebt. Sie sind korrekt, detailversessen und vor allem nachtragend - mindestens 10 Jahre bei geschäftlichen Unterlagen. Jedoch hält dieser Berufsstand unser gesamtes Kultursystem aufrecht und sorgt dafür, dass nichts verloren geht. Seine Doppelte Buchführung schafft Ausgleich, Transparenz und sorgt für Klarheit. Bis auf die letzte Stelle hinter dem Komma. Frist- und formgerecht.

Durch gewissenhafte Buchführung weiß die Schuldenuhr des Steuerzahlerbunds immer genau, wie tief wir als Gemeinschaft in der Kreide stehen. Oder das Finanzamt, wo und wie es jeden einzelnen von uns zum Solidarbeitrag für unser Gemeinwesen bitten darf. Eigentlich nur ein neutrales Werkzeug, dass einfach nur Hilft die eigene Arbeit korrekt zu verrichten. Und doch nervt sie uns mit dem insistieren auf Belegabheftung und Genauigkeit.

Vor allem, wenn es sich dabei nicht um finanzielle Dinge handelt, sondern um zwischenmenschliche Tatbestände. Verkorkste Beziehungen. Fehlentscheidungen. Enttäuschungen. Diese werden von unseren inneren Buchhalter erfasst. Seitenweise. Literarisch aufbereitet und in Stein gemeißelt. Doch wo bei den Finanzbuchhaltern die Doppelte Buchführung heilig ist, sind die Karmabuchhalter auf einem Auge blind: Das Schöne ist keinen Eintrag wert.

Die Konsequenz: Die Schulden steigen unaufhörlich. Ein großer Berg aus unbezahlten Rechnung, von denen wir alle eine ganze Menge herum tragen. Das Schreckliche daran: Die meisten Rechnungen haben in der Tat ihre Berechtigung. Der Umgang einer empfundenen Mehrheitsgesellschaft mit Minderheiten zeigt: Jeder fühlt sich im Unrecht und schreibt früher oder später seine Abrechnung: Menschen mit Migrationshintergrund, sozial Schwächere, Frauen, oder Alleinerziehende. Doch selbst diejenige, die als gesellschaftliche Elite hochstilisierten werden, sind nicht zufrieden: Banker, Manager, Politiker, Ärzte, Versicherungsmakler, Priester. Alle fühlen sich im Unrecht. Als Opfer der Umstände. Nicht genügend wertgeschätzt.

Es gibt nur wenige Menschen, die von sich selbst behaupten, sie hätten immer im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. In der Konsequenz sind sie weder fähig noch bereit, die an sie gestellte Zeche zu bezahlen und ihre eigene Rechnung vielleicht sogar nicht einzufordern. Diejenigen die ihren inneren Karmabuchhalter von der Einseitigkeit befreien können sind die sogenannten Verantwortungsträger in unserer Gesellschaft. Leider schnell vergriffene Exemplare, vor allem in einer Gesellschaft, die aus transaktionsanalytischer Sicht immer noch gerne asymmetrisch diskutiert und damit nie wirklich erwachsen geworden ist. Ein Mittelmaß zwischen trotzigem Kind oder allesbeherrschendes Eltern-Ich scheint nicht zu existieren. Ein Leben auf Augenhöhe findet deshalb nur selten statt. Vielleicht ist es nicht gewollt. Vielleicht kommt daher auf uns eine große Welle des aggressiven Kulturkampfes zu: "Jetzt sind wir dran. Ruhe und Platz da!"

Wären wir in einem Hollywood-Streifen, ginge es um die Erhebung des Geknechteten gegenüber den Unterdrückern. Eine Braveheart-Nummer auf mitteleurorpäisch. Nur kann sich hier niemand in seine Highlands zurückziehen und seine eigene Freiheit total ausleben. Wir sind zum "Mit-Mensch-Sein" verdammt. In jeglicher Hinsicht. Lange Zeit hatten wir Deutschen das ja auch immer alles unter Kontrolle. "Et läuft!"was hier jedoch immer heißt, dass man eben nicht miteinander lebt, sondern nebeneinander. Weil man - zum Glück - so wenig wie möglich miteinander in Kontakt gerät. Alles automatisiert. Und weil wir den echten Kontakt verlernt haben, artet jede Berührung in einen mehr oder minder großen Crash aus.

Da sind wir alle schuldbeladen schuldlos. Vielleicht geht das nicht anders. Vielleicht führt der Weg in ein gemeinsames WIR in der Tat nur über ein selbst erkämpftes und daher selbstbewusstes Ich, dass sich dann freiwillig mit anderen wiederum nach erfolgreichem Ringen in ein stärkeres WIR begibt.

So zumindest erzählen es die Geschichten unserer abendländischen Kultur. Durch Krieg zur Gemeinschaft. Alle Nationalstaaten wurden so geboren. In einem Bad aus Schweiß, Blut und Tränen.

Doch es gibt auch Erzählungen die das Gegenteil veranschaulichen. Die vom altindischem Krieger Ashoka zum Beispiel, der verstand, dass Krieg eben keine Lösung ist und Gemeinschaft in Frieden, Mitgefühl und Freiwilligkeit geboren wird. Oder die von Jesus Christus. Der gleich für einen großen Schuldenschnitt der Seele warb.

Diese Geschichten sind leider für die meisten von uns eben bloß Geschichten. Buchhalter wollen Zahlen, Daten und Fakten. Doch jede noch so genaue Rechnung wird nicht aufgehen, wenn wir keine Geschichten zu erzählen haben die letztlich auf mehr basieren als auf Formeln und mathematischen Gleichungen.

Aber dazu müssten wir Menschen erst mal den Mut haben, erwachsen zu werden und uns der Größe des Lebens zu stellen. Mit all' seinen Unbekannten. Das schulden wir uns selbst, unseren Kindern, dem Planeten und dem Leben.




0 Kommentare:

Bisher keine Kommentare zu diesem Artikel.