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Artikel von S. Schlebes

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Sven Schlebes

Sven Schlebes

ist Geschäftsführender Gesellschafter der kulturellen Unternehmens­beratung Goldene Zeiten Berlin und Mitglied des Fortschrittsforums.

Liebe(r) konkret: Wirkliches Leben

von Sven Schlebes am 13. November 2013

Ein Streit spaltet Parteien, Milieus, Gesellschaften: Wer weiß Bescheid um das „wirkliche Leben“? Die virtuelle Bohéme oder vielleicht doch die erfahrenen Realpragmatikter mit Mutterbodenhaftung? Das Wir entscheidet nicht nur, findet unser Kolumnist, es ist auch entscheidend für die reale Größe der Wirklichkeit. Ein dringender Appell wider die Zersplitterung unserer Gesellschaft.


Es ist, als wäre es gestern gewesen. Meine Eltern brachten mich zum ersten Tag im Kindergarten. Die Tür ging auf und mein Vater sagte: „Jetzt beginnt das wirkliche Leben.“ Es folgte ein Jahr mit Morgenkreis, Ligakeksen und Basteln am Gruppentisch. 12 Monate später wurde ich eingeschult. „Jetzt wird es ernst. Jetzt beginnt das wirkliche Leben“, hieß es erneut. Vier Jahre begleitete mich Uli, der Fehlerteufel, kopierte Liederzettel und das Aufstellen in Zweierreihen zum Pausenklingeln. Dann kam der Weg in die weiterführende Schule in der nächstgelegenen Kleinstadt. Mit dem Bus. Bei der Unterschrift unter den Schulvertrag war es diesmal der Schulrektor, der den Beginn des „wirklichen Lebens“ beschwor. Neun Jahre später tat es sein Nachfolger nochmal. Während der Abiturfeier. Daraufhin mein Spieß bei der Bundeswehr. Ein Betreuungsdozent am Lehrstuhl bei der Zurückgabe einer Hausarbeit und dann noch einmal die Sekretärin während der Austeilung eines schlicht gehaltenen Praktikumzertifikates. Sie mochte mich nicht. „Schau nicht so. Das hier ist nicht die Uni. Das hier ist das wirkliche Leben.“ Merke: Vorher war alles unwirklich. Ab sofort beginnt das wirkliche Leben. Und das ist auf jeden Fall schrecklicher und gemeiner als das Leben, wie ich es vorher gekannt hatte. Das Begegnung mit dem wirklichen Leben – eine permanente Ernüchterung. So zumindest die Botschaft der Wirklichkeits-Schwellenhüter.

Eigentlich wähnte ich mich nun seit Jahren im wirklichen Leben. Doch letzte Woche poppte es wieder auf, die Frage nach dem wirklichen Leben. Eine Parteigenossin der SPD warf öffentlichkeitswirksam das Handtuch. Angeblich, nachdem der große Chef, Sigmar Gabriel, ihr vorgeworfen haben, als Netzaktivistin nichts vom „wirklichen Leben“ zu wissen. Da war sie wieder, die ewige Frage nach dem „wirklichen, richtigen, echten Leben“. Das anscheinend immer irgendwo anders ist, nur nicht bei mir. Die ganze Welt scheint zu wissen, wie das wirkliche Leben so ist. Aber wir allem streiten dem anderen das Wissen darum energisch ab. Zum Glück begegnet der Andere ja dann aber uns. Dem Lebenschecker höchst persönlich. Und wir gewähren – oh Wunder – natürlich sofort Einlass in die wirklichen Tiefen der Wirklichkeit. Damit er oder sie mal weiß, wie es wirklich ist. Da draußen.

Dabei geben mittlerweile selbst die alles wissenden Wissenschaftler zu, dass auch ihr Verständnis vom wirklichen Leben eben mehr oder weniger theoretische Annäherungen an die Wirklichkeit darstellen. Die Quantenphysik lässt grüßen: Der Beobachter und sein Akt der Beobachtungen beeinflussen das Spiel der Wirklichkeit. Absolute Wahrheit und die totale Wirklichkeit sind damit für den Menschen an sich endgültig unerreichbar geworden und kein wirklich lohnendes Ziel. Subjektivität und Relativität machen die Wirklichkeit zu einer äußerst fragilen Angelegenheit.

Weil sich jedoch auf fragilem Boden nicht wirklich gut politisch handeln lässt, ist wirklich, was meine Leute für wirklich halten: Gefühlte Wahrheiten mit Universalanspruch. Bis zur Widerlegung. Vorher versichern wir uns in der Familie gegenseitig die Evidenz unserer Wirklichkeit.  Das ist wenigstens mehr Wirklichkeit, als wenn es nur meine eigene kleine Wirklichkeit wäre.

Aber was ist denn nun die große Wirklichkeit? Die reale, von mir aus auch die ursprünglich natürliche, oder die angeblich künstlich diskursorische oder virtuelle? Gibt es irgendwann auch für mich ein wirkliches Leben in der großen Unwirklichkeit? Ich wäre ja schon für einen kleinen Splitter dankbar. Zusammen mit anderen käme vielleicht irgendwann so etwas wie ein Gefäß heraus. Ein Spiegel der Wirklichkeit. Grundvoraussetzung wäre jedoch, dass jeder Splitter wirklich wäre. Und nicht unwirklich. Fernab der Realität. Das wäre das Ende des Gefäßes. In diesem kreativen Akt der gemeinsamen Kreation von Wirklichkeit bedingt also die Akzeptanz meiner eigenen Wirklichkeit die Evidenz der anderen Wirklichkeit. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Die Grundvoraussetzung für Leben in Gemeinschaft: in Demut vor den eigenen Grenzen. In Dankbarkeit für die Ergänzung durch den und das Andere.  Keine schwere Sache. Aber eine radikaldemokratische: Wir sind alle Splitterwirklichkeiten.

Nicht mehr. Aber auch nicht weniger. 

Zusammen könnte ein wirklich großes Ding daraus werden. 

Eben der Beginn einer größeren Wirklichkeit. 




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