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Sven Schlebes

Sven Schlebes

ist Geschäftsführender Gesellschafter der kulturellen Unternehmens­beratung Goldene Zeiten Berlin und Mitglied des Fortschrittsforums.

Liebe(r) konkret: Mensch, Mensch.

von Sven Schlebes am 20. Dezember 2013

Es war einmal der Mensch. Sollte etwas geschehen in seiner Welt: Es musste durch seine Hand. Heute übernehmen immer mehr Computer und Maschinen seine Tätigkeiten und stellen sogar ihn selbst in Frage: Der Mensch, ein Auslaufmodell?


In seinem neuesten Essay rät der Onlineaktivist Ian Mackanzie uns Bewohnern des Anthopozäns, Frieden mit dem Tod zu schließen. Nicht nur unsere eigene individuelle Endlichkeit sei abgemachte Sache. Nein, auch das Ende unserer Kulturen und unserer Spezies insgesamt sei in der DNA eingelagert. Für ihn und seine Community ein notwendiger essayistischer Schritt, um sich selbst als Changemaker vom Albdruck der unabwindbaren Natur- und Systemkatastrophen des 21. Jahrhunderts zu befreien. Denn der Blick in den Abgrund macht zugleich das Geschenk der Existenz deutlich. Und verleiht Flügel. Manchmal angstgetrieben. Manchmal ermächtigt zum neuen Leben.

Doch der Techie-Rückblick auf das Jahr 2013 verrät, dass die Beschleunigung der Kulturevolution des Menschen und damit auch unserer Spezies an sich durch die technischen Möglichkeiten einen nicht abzusehenden Boost erfahren haben.

Was in der industriellen Revolution als ökonomischer Traum der Vermassung von Produkten im Stampfen der Dampfmaschinentakt begann, hat in den letzten hundert Jahren jeden Lebensbereich von uns Menschen erfasst und unter Strom gesetzt. Angetrieben von leistungsfähigen Computern verrichten mittlerweile überall Maschinen leise surrend ihren Dienst. Mal ist der Mensch als Kontrolleur gefragt, mal läuft die Sache komplett ohne uns ab. Zu komplex sind die Systeme geworden, zu groß die Fehleranfälligkeit von uns Menschen. Egal ob im Krankenhaus, im Auto oder ob bei der Teilnahme am Aktienhandel: Wer sicher gehen will, setzt auf sogenannte künstliche Unterstützung mit garantiertes Materialhaltbarkeit und einem fehlerlos arbeitenden Algorithmus. Warum auf Logistarbeiter setzen, die krank werden und bei der nächsten Gelegenheit streiken, wenn auch Drohnen oder mit dem allumfassenden Wissen der Google-Big-Data-Datenbank gespeisten Roboter die Arbeit viel effizienter und reibungsloser erledigen können?

Dank Technik steht der grundsätzlichen Optimierung unseres Lebens nun endgültig nichts mehr im Wege: Es kocht der 3D-Replikator, das lernende Klassenzimmer optimiert den Bildungsprozess unserer Heranwachsenden und selbstfahrende Autos arbeiten am besten direkt mit einem Verkehrsleitzentrum zusammen.

Wer auf Nummer sicher gehen will, macht auch vor der Begrenzung und Fehlerhaftigkeit seines eigenen biologischen Trägersystems nicht halt und verwirklicht den großen Transhumanistischen Traum: DNA-Design und Verschmelzung von Mensch und Technik. Dauerhaftes Empowerment im großen Stil. Von Anfang an. Bis zu einem möglichst fernen Ende.

Nicht nur alle Lust will Ewigkeit (Nietzsche), auch der Mensch wäre gerne ewig ein 6-Millionen-Dollar-Mann. Der Modernisierungstraum von uns Menschen war immer ein Entmühungstraum mit Gerechtigkeits-, Wohlfühl- und Omnipotenzgarantie.

Und nicht nur Kulturwissenschaftler wissen. Was einmal geträumt werden kann, hat große Chancen auf materielle Verwirklichung.

Selbst das Wissen und Fertigkeiten scheinen keine Hürden für die menschliche. Selbstverwirklichung mehr aufzustellen: Glaubt man den Prognosen der Open Culture - Bewegung, stehen in 20 Jahren Baupläne von Verträgen, Häusern und Maschinen in Open Libraries zur universellen Nutzung. Und mit Hilfe der technischen Helferlein muss der Mensch noch nicht einmal mehr die körperliche oder kulturelle Fähigkeit aufbringen, die materielle Realisation in Gang zu setzen. Entscheidend ist lediglich der Zugang zum Wissen und den maschinellen Ressourcen. In das Angesicht unserer Endlichkeit zu schauen, heißt am Ende dieses Jahres, den Frieden mit dem alten, modernen zersplitterten Menschen zu machen und ihn dann sofort zu beerdigen. Um in 2014 das Zepter des Anthropozäns selbstbewusst in die Hand zu nehmen und das Wunder der Evolution nicht als gigantische Entmündigungsmaschinerie über sich entgehen zu lassen, sondern als Ermächtigungsprogramm.

Wir überschreiten jeden Tag Grenzen. Jeden Tag stirbt unsere alte Welt und eine neue wird möglich. Gefragt ist nicht der Mensch als Ausfüller einer selbstgeschaffenen Idealwelt, sondern als ständiger Kreateur neuer Welten. In Partnerschaft mit sich selbst und den anderen: seinen Mitmenschen, der Natur, seinen selbsterschaffenen künstlichen Kreaturen und kulturellen Welten. Und dem, was er nicht versteht: der Dunkelheit weit draußen und tief in ihm drinnen. Sie ist größer als unsere systemische und biologische Endlichkeit. Sie war vor uns, ist in uns und wird sein, wenn wir nicht mehr sind. Wer das einmal begriffen hat, verliert seinen Verstand. Und wird zum bewussten Mitspieler in einer Welt, die aus den Fugen gerät.

Die Technik hat ihre Hausaufgaben gemacht und stürmt von Update zu Update. Nun ist es an der Zeit, dass auch wir Menschen selbst ein Update erfahren. Wollen wir hoffen, dass es nicht nur ein biologisch-artifizielles ist. Sondern ein Update unseres Bewusstsein. Sonst zerreissen die schönen neuen Trägersysteme und die durchoptimierte Welt bald das alte Bewusstein vollständig und machen sich eigenständig auf die Suche nach einem neuen eigenen Bewusstsein.

Weiß Gott, woher das dann kommen mag.
Mensch, mach dich auf Socken. Du bist nicht immer weniger, sondern wieder einmal ganz gefordert.
Das haben wir so gewollt. Und: Wir werden es lieben.
Oder daran zu Grunde gehen.




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