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Artikel von S. Schlebes

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Sven Schlebes

Sven Schlebes

ist Geschäftsführender Gesellschafter der kulturellen Unternehmens­beratung Goldene Zeiten Berlin und Mitglied des Fortschrittsforums.

Liebe(r) konkret: Fishing for wisdom

von Sven Schlebes am 20. November 2013

An Expertengremien mangelt es nicht: Vom Bioökonomierat bis zum Normenkontrollrat stehen Deutschlands Beste der Politik zur Seite. Doch vor allem ein diskursives Alphatier beherrscht die Debatte: die Wirtschaftsweisen. Zu Unrecht, findet unser Kolumnist und findet immer mehr Vergnügen am Weisen-TV.


Das Dschungel-Camp ist das Enfant Terrible unseres noch verbliebenen Bildungsbürgertum: Mit Verachtung werden nicht nur die Konsumenten des Königs aller Sozial-TV-Produkte gestraft. Nein, auch den Kontrahenten wird gerne schon mal ein intellektuelles Defizit bescheinigt.

Doch mittlerweile lieben nicht nur Fernsehzuschauer, Produzenten und die Journaille das Privatsenderformat. Auch Politiker entdecken die diskursive Kraft von sogenanntem Trash-TV. In Großbritannien zum Beispiel ging 2012 die Tories-Abgeordnete Nadine Dorries in den existenzialistischen Ring der Lebensbanalitäten: ins Dschungelcamp. Das sorgte selbst im Monty-Phyton-Land für große Aufregung. Eine Zwangsbeurlaubung von der Parteispitze war die Strafe der Polit-Community.

In Deutschland ist man spätesten seit Gerhard Schröders Volkskanzlerauftritten bei Wetten-Dass kein Fan von Politikern, die sich in boulevaresker Manier die Nähe des Politedutainments suchen. Zumindest was das Fernsehen und die neuen Medien betrifft. Zu groß ist die Angst, das Ansehen der eh schon angeschlagenen Politik noch weiter zu ramponieren und sich selbst der populistischen Kasparei verdächtig zu machen. Große Geister und PR-Berater haben längst den medialen Direktkontakt zur Seichtigkeitssphäre als No Man's Land deklariert. In der Sicherheit der Printwelt dagegen scheut sich niemand, großartig inszeniert 180-Grad-Kehrtwendungen öffentlichkeitswirksam mit Machgestus und Denkerpose zu verkaufen. Und neben dran lachen die Gartenkralle, der All-Inklusiv-Ballermann-Urlaub oder der tiefergelegte Spoiler-GTI.

Die Debatten rund um die Koalitionsverhandlungen und die anvisierte Abstimmung der Parteibasis über den Vertrag zeigen: Das "Fußvolk" will nun endlich auch in den altehrwürdigen Parteien mitreden über die große Politik. Und sucht dafür dringend nach geeigneten Diskursplattformen, um sich auch in aller epischen Tiefe über komplexe Sachverhalte auszutauschen.

Angstvoll blickten die Auguren auf das Mumble-Fass der Piraten, in dem Perlentaucher zu Beginn zunächst eine Jaucheschicht erwartet, bis der Schatz geborgen werden konnte. Und auch das Bleistiftklirren im Blätterwald längst eher Massaker erwarten als neue Höhenflüge der partizipativen Gesellschaftsgestaltung.

Doch es wird Zeit, dass allen Ängsten und schlechten Erfahrungen zum Trotz neue, skalierbare Diskursformate ausprobiert werden, in denen die zum Teil diamentralen Weltsichten von Experten thematisiert und auseinander genommen werden. Dabei ist noch nicht einmal die Tiefe der Auseinandersetzungen von Wichtigkeit, sondern die temporär und lokal fokussierte Darstellung von sektoralen Wirklichkeitswahrnehmungen, die für sich genommen logische Stimmigkeiten aufweisen können, diese aber im Wettbewerb mit anderen bewähren müssen. So gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Expertengremien im Dunstkreis der Bundesregierung und ihrer Ministerien, die das aktuelle Politikgeschäft um die Metaweisheit der Sektorexperten ergänzen soll.

Werkzeuge hierfür sind Gutachten, Studien und Prüfberichte, in wunderschöner Fachsprache auf unendlich geduldigem Papier gedruckt. Besondere Aufmerksamkeit erhält der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (BMWi), besser bekannt als "Die Wirtschaftsweisen". Was sie sagen, hat besonderes Gewicht: Bei den Journalisten, den Politikern und damit auch in der öffentlichen Meinung. Ungerechtfertigter Weise. Denn Weisheit ist eben nicht nur in der Wirtschaft zuhause. Sondern auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Und alle sollten die Chance zu erhalten, Stellung zur wirtschaftsorientierten Empfehlungsliste zu beziehen. Nicht jeder für sich. Sondern medial zentriert.

Warum also nicht ein mediales Dschungelcamp für fragwürdig zusammengesetzten, demokratisch unlegitimierten Expertengremien unserer Republik, um öffentlich Zeugnis für ihre Welt, ihre Logik und ihre Empfehlungen abzugeben und mit den anderen Weisen unserer Nation über den Gehalt ihrer Gedenken zu streiten?

Ich weiß. Wir Deutschen als passiv-aggressives Volk mögen vordergründig keinen Streit, sondern bunkern ihn für anonyme Hinterzimmerstamtischgespräche in der Kneipe oder im realen Raum. Und Weisheit entfaltet nur in entsprechender Verkündigungsinszenierung ihren Wahrheitsgehalt. Doch in Zeiten gefühlter und somit inkorporierter Wahrheiten ist die Immunitätshaltung von Erleuchtungsträgern partizipationshemmend.

Gemäß Fish Bowl - Logik müsste es eine Trollfalltür geben: Derjenige, der am lautesten im Publikum schreit, wird auf die Teilnehmerbühne gebeamt und befreit einen Experten von seiner medialen Verteidigungsarbeit.

Und es müsste noch nicht mal laut zugehen im Camp der Superhirne. Eine Angelshow mit anschließendem Wettgrillen schenkt elegische Bilder mit Entspannung und Tiefenweisheit bei Weisheitsfischen auf dem Trüben.

Also, ich freue mich auf die neuen Dr. Best - Patenrezepte.
Sie auch?




1 Kommentare:

L. Braun

L. Braun am 12. Februar 2014 um 16:28 Uhr

Lieber Herr Schlebes,

ich finde Ihre Denkansätze sehr interessant und ich stimme Ihnen völlig zu. Eine Frage bleibt dennoch: Wie ist es praktisch realisierbar? Haben Sie konkrete Vorstellungen, Vorschläge?

Sie schreiben: "Also, ich freue mich auf die neuen Dr. Best - Patenrezepte.
Sie auch?" Eigentlich ja. Ich freue mich. Fast. Es ist mir aber nicht klar: Wie kommt man dahin? Kennen Sie den Weg?

Mit freundlichen Grüßen

Lara Braun