4 +0 +

Artikel als PDF | Artikel drucken

Artikel von S. Schlebes

Archiv: Alle Artikel

Sven Schlebes

Sven Schlebes

ist Geschäftsführender Gesellschafter der kulturellen Unternehmens­beratung Goldene Zeiten Berlin und Mitglied des Fortschrittsforums.

Liebe(r) konkret. 02. Liebe trifft Familie

von Sven Schlebes am 16. Februar 2012

Die Reise geht weiter. Die der Liebe. Nach dem Geld sucht sie diesmal den Ort auf, an dem alles begann: die Familie. Ein Heimspiel für die Liebe? Unser Kolumnist hat sich eine Woche einwechseln lassen in den Liebessturm auf dem Spielfeld Vater, Mutter, Kind. Denn entscheidend ist auf’m (Spiel)Platz.


Ach du liebe Güte!

 

Wer in Sachen Liebe reist, nimmt in der Holzklasse Platz. Ohne Komfortzone. Mit Vollkontakt und Schweißfüßen. Und so machte es für mich nach dem sechsten Interviewtelefonat in Sachen „Liebe trifft Familie“ keinen Sinn mehr, andere auszufragen. Ich musste selber ran. Auch wenn es mir schwerfiel. Denn meine Frau und ich sind ja nicht ohne Grund aus dem heimischen Westen der Republik in die Hauptstadt gezogen. Große Gefühle brauchen viel Platz. Sonst wirst du erdrückt. So habe ich es zumindest immer empfunden. Anfang Februar war es dann soweit. Eine Woche Familienfront inklusive Geburtstage, Kaffeetafeln, Altenheimbesuchen und Schnittchen vorm Fernsehen. Eine ganze Woche. Länger als Weihnachten. Mit Wohnen im alten Kinderzimmer. Der Wahnsinn. Ein echtes Experiment.

 

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Meine Frau und ich sind zwei echte Landeier, groß geworden in einer Welt mit Geschwistern, Vater und Mutter, Großeltern, einem freistehenden Einfamilienhaus mit Blick aufs Grüne. Das Traumlebensmodell der alten Bundesrepublik und der bürgerlichen Mitte. Durchschnittsspießer – wie wir früher häufiger genannt wurden. Eben ohne all’ das, was andere hatten: Großeltern, die gegen Nazis gekämpft haben, Eltern mit Kommuneerfahren und akademischen Weihen, einem Old-Boys-Network auf’m Golfplatz, echten Parteifreunden, Aufsteigermythen und Weltreisenmitbringselsammlungen.

Aber unsere Eltern waren für uns da, wir hatten drei gemeinsame Familienmahlzeiten, das gemeinsame Wochenende, fuhren zusammen in den Urlaub. Und ja, wir haben immer über alles geredet. Für mich war das früher normal. Mit Liebe habe ich das damals nicht in Verbindung gebracht. Eher mit Selbstverständlichkeit. Heute weiß ich: Dieser bedingungslose Raum des Daseins, des Vertrauens und des Sich-Kümmerns. Das ist die Basis und Ausdrucksform einer tiefen, echten Liebe, die dich wie ein Leitstrahl durch das Weltall tragen kann.

Aber das Merkwürdige bei Elternliebe ist, dass sie vor allem an das Kind gerichtet ist. Das Kind der Eltern. Einmal Kind. Immer Kind. Und deine Geschwister bleiben deine Geschwister. Das kann wunderschön sein. Hat aber etwas Feudales an sich. Unangreifbar. Nicht durch Leistung erreichbar. Von Gottes Gnaden. Familie ist. Und genau das ist das Problem. Aus der Nummer kommst du nie raus. Sind unsere Eltern auch nicht. Bis heute nicht. Das wird bei Festen wie dem Geburtstag der Großmutter deutlich. 50 Leute im Raum.Und sofort schnappen die Rollenmuster zu. Wie Spiderman werden selbst Menschen im Rentenalter von einer dunklen Macht eingefangen und ferngesteuert: Die Macht der Rollenzuweisung. „Du hattest doch schon immer zwei linke Hände. Na, viel vertragen konntest du auch noch nie. Ja ja, dem lagen die Frauen schon immer zu Füßen.“

Vor dem Essen wird gebetet. Wir sind im Grenzgebiet zwischen dem Rheinland und Westfalen. Gottes Land. Das ist halt so. Immer noch. Ein Ritual. Es schenkt Verbundenheit. Sicherheit. Tradition. Denn Familie, das ist auch ein Zeitraum-Kontinuum. Die Vorfahren sind immer mit dabei. Und du trägst ihre Geschichte mit dir herum. Bewusst oder unbewusst. Denn du bist einer von ihnen. Du sprichst ihre Sprache. Hast ihre Körperhaltung. Denselben Humor. Die Geheimratsecken. Da kannst du weglaufen soweit du willst. Um der Macht der Kindzuweisung zu entgehen. Und den Erwartungen. Den strukturellen, emotionalen, kognitiven und materiellen Folgen des gelebten Lebens deiner Vorgänger. Inkorporiert und externalisiert. Die Bänder, die unsichtbaren, sind stark. Fast so stark wie die Liebe. Du bist: die Familie. Die kleine, biologische. Aber auch die große – deine Sozialgruppe, deine Religionsgruppe, die Gemeinschaft deiner Nation. Später dann auch deine Wahlgemeinschaften wie das Unternehmen, deine Lifestylegruppe. Aber eben nur fast. Du bist auch du.

Die metaphysischen Bänder zu lösen, immer wieder zu brechen, damit die echte Liebe darunter deutlich wird, die nur will, dass du (und deine Familie) groß und stark wirst und durch dich das Potenzial deiner Familie vollkommen neu zur Ausgestaltung kommt, das ist eine ständige Aufgabe. Für mich ist es harte Arbeit. Kernerarbeit. Denn Familie hasst Veränderung. Sie will Beständigkeit. Denn sie weiß schon immer alles. „War schon immer so.“ Und sie braucht beständige Vergewisserung von Zugehörigkeit und Zuneigung. Familie: Das ist gebende Quelle und saugender Vampir zugleich. Doch Familie ist wie Liebe. Sie ist. Ohne sie wäre ich nicht. Also mache ich besser meinen Frieden mit ihr. Und beginne sie zu lieben.

Vielleicht ändert sich dann ja doch was bei ihr.

Vielleicht auch was bei mir.

Love on.

Zur Aktualität der Debatte vgl. auch: Zukunftsdialog




4 Kommentare:

E. Stiefel

E. Stiefel am 23. Februar 2012 um 13:00 Uhr

Lieber Herr Schlebes

Gleich bei mir um die Ecke hängt an einer Backsteinwand das Riesenbild einer strahlenden jungen Frau. Sie konkretisiert das Weltprojekt http://www.loveprototo.com (frei übersetzt: Alles ist Liebe) von Volker Hildebrandt und erinnert mich an Shirley, eine Studienfreundin aus den fünfziger Jahren in den Rocky Mountains.

Shirley verliebte sich mit 22, hängte ihr Studium an den Nagel und zog beseligt mit ihrem Bob von dannen. Alsbald ward sie schwanger, Bob machte Karriere, und wenn Bob nicht gestorben ist, liebt sie ihn heute noch.

Wenn Sie oder Ihr Vater oder Ihr Patenonkel oder Volker Hildebrandt in aller Liebe den Lebensweg von Shirley in das Hoheitsgebiet der Wirtschaft verlegen würden, hätte Bob wahrscheinlich nichts dagegen. Männer und die Wirtschaft von heute haben noch viel zu oft sich selbst und die Familie von gestern vor Augen, wenn sie sich eine Welt voller Liebe und die Frauen von morgen vorstellen.

Ihr Konkretomat wirkt in vielen Facetten auf mich wie eine Rückblende in Vergangenes. Lassen Sie mich hoffen, lieber Herr Schlebes, dass Shirley, wäre sie heute jung, ihr eigenes Welt- und Familienbild dagegen hielte. Wie weiland Sigrid Rüger, die ihre 68er-Genossen mit Tomaten bewarf.

68... – da gab es Sie noch gar nicht? Sprechen Sie mit Ihrer Patentante.

Ihre Elisabeth Stiefel


S. Schlebes

S. Schlebes am 23. Februar 2012 um 21:26 Uhr

Sehr geehrte Frau Dr. Stiefel,

erst mal. Toll, dass Sie sich nicht entnerven lassen, einen Kommentar zu schreiben!

Die schlechte Nachricht: Bilder gehen in der Kommentarzeile nicht.

Ich finde es großartig, dass sich überhaupt mal jemand meldet. Volker Hildebrandt - kannte ich nicht. Und musste ich mir erst mal "diskursiv" erarbeiten. Ist immer wieder interessant, mit wem ich verglichen werde - bzw. in eine Reihe gestellt werde.

Vor allem auch, dass Sie mich und meinen Vater und meinen Patenonkel in
der Vorstellung vom Leben in eine Reihe stellen. Natürlich sind diese Personen in mir sehr stark. Aber ich versuche, alle inkorporierten und erlernten Vorstellungen von was auch immer anzugehen, auseinanderzunehmen und neu zusammenzusetzen.

Auch wenn mir letzten Endes meine eigene Rekonstruktion nicht gelingt, da ich immer derselbe Künstler bleibe und bin. Es gibt große Gemeinsamkeiten und große Unterschiede.

Und ja: Meine Patentante ist eine sehr wichtige Person für mich. Und sie hat mir immer eines gesagt: "Liebe dein Leben und tue, was du liebst." Also eigentlich die Botschaft, der ich hier folge. Ist Ihre Studienfreundin nicht auch ihrem Herzen gefolgt? Ich verstehe Ihre Kritik leider nicht ganz. Vor allem, weil ich ja noch nicht mal in Ansätzen etwas zum Rollenverständnis von Mann und Frau gesagt habe. Aber vielleicht bin ich da zu unsensibel. Als Mann.

Zudem erlaube ich mir mal das zu sagen, was meine Dozentinnen an
meiner Universität zu mir immer gesagt haben, als ich mein
feministisches Abschlussthema geschrieben habe: "Als Frau können Sie sich, glaube ich, nicht vorstellen, was es heißt, Sohn und Neffe sein."
Vorstellungen von Liebe und Frauen. Das habe ich gar nicht mehr. Seit meiner Magisterarbeit über die ersten Studentinnen an den Hochschulen in Deutschland habe ich mich sehr lange mit Frauen, weiblichen Räumen, einer weiblichen Wirklichkeitskonstruktion usw. auseinandergesetzt. Und es beileibe nie verstanden. Und habe mich damit
abgefunden. Weil mir im Gegensatz dazu sogar häufig von Frauen geraten wurde, ich solle mich doch mal um mich selbst kümmern, anstatt um sie und ihre Welt.
Ok: Und so habe ich auch gar keine Vorstellung von dem, was moderne Frauen
auszeichnen könnte. Weil es mich letzten Ende diskursiv auch nicht mehr interessiert. Denn es ist nicht mein Job, mich um Feuchtgebiete und Körperwahrnehmungen und Super-Mummy-Syndrome zu kümmern. Weil ich es nicht kann.
Da ich mit dem eigenen "Mann-Werden" genug zu tun habe. Weil ich von Frauen und meine eigenen Geschlechtsgenossen allein schon bei der diskursiven Annäherung permanent beschossen werde.

Übrigens: Ich arbeite fast nur mit Frauen zusammen, alle machen einen guten Job, wir verdienen alle wenig. Zusammen. Und meine Frau, die verdient mehr als ich. Und wer damit ein Problem hat, ist meine Frau. Nicht ich.
Lange Rede, kurzer Sinn: Toll, dass Sie eine der wenigen sind, die sich reiben. denn das ist der Sinn.

Und wenn ihre Enkelin als "unschuldig" angesehen wird, ist es aus meiner
Sicht mittlerweile das Beste, was ihr passieren kann. Denn dann haben wir unseren Punkt erreicht. Alle alten Zöpfe abschneiden. Eben auch den der Feministen, Denn der Ballast der Vergangenheit ist Ihr Ballast. Der Ballast Ihrer Generation, Nicht unserer. Wir haben ganz andere Aufmerksamkeitspunkte. Für uns ist es grandios - auch wenn es pubertär klingen mag - uns von den Schlachten Ihrer Generation zu
befreien und uns zu gestatten, alles neu und selbst zu erfahren. Denn - die 50er und Ihre Studentinfreundin - das ist tote Geschichte und hat keine Kraft, uns aktuell weiterzuhelfen. Ihre Geschichte, ihre Verantwortung, ihre Zeit. Wir hören es uns an. Verstehen. Ahnen. Ziehen unsere Schlüsse draus und widmen uns der Zukunft. Denn
geliehene Brillen. Das haben wir weiß Gott wie lange gemacht.

In meinen Arbeitsgruppen und in meiner Agentur habe ich mit lauter
Frauen und Männern zu tun, die alle unterschiedliche Modelle leben. Und
alle fangen zum Glück an, die Vorstellung über sich zu verändern, Bilder
generell in Frage zu stellen und niemandem anderes Vorschläge zu machen.
Denn, das eint uns alle: Wir sind mit uns selbst schon überfordert
genug. Was soll ich den anderen da vorschreiben? Sie können doch machen,
was sie wollen. Wenn es sie glücklich macht. Perfekt.
Aber die meisten von uns scheitern am Super-Mummy-and-Daddy-Effekt.

Für mich persönlich gilt: Ich habe lange auf die Frauen geschaut und
ihre Entwicklung. Und ich habe ihre Kreationskraft und Emazipation als
enorm befreiend erlebt.
Für mich persönlich sind die Antworten aus der Frauenrichtung für meine eigene Entwicklung als Sven Schlebes aktuell jedoch erschöpft. Für andere mag das anders sein.
Wissen Sie, dass wir in der Medienbranche festgestellt haben, dass
Frauen nur auf Frauen in der Werbung und auf Bildern reagieren? Was wir
Männer machen, ist vollkommen egal. Weil wir für ihr Leben aktuell keine Rolle mehr spielen. Das finde ich extremst befreiend. Wir können uns eigenständig neu organisieren. Auch wenn es immer wechselseitg bleibt.
Aber gut.

So kann ich unter dem Radar leben. Und sehe mit gemischten Gefühlen das
zerfleischende Spiel, das sich Frauen selbst antun. Und das verweigernde, das wir Männer uns da antun.

Aber wie gesagt: Ich habe eingesehen - nicht mein Spielfeld. Und irgendwie doch. Aber halt auch nur noch irgendwie.

Ich bin froh, wenn ich meine Schritte sauber hinbekomme. Langsam. Alles andere kommt dazu. Und ja: Ich "liebe" meine Familie. Meinen Vater. Meinen Patenonkel. Und weil ich das tue, kann ich mich mit ihnen streiten. Richtig hart. Weil ich sie in Gänze nicht in Frage stelle. Und erst da wird Entwicklung richtig möglich.

Und dafür lasse ich mich super gerne mit Tomaten beschmeißen. Denn ich
liebe zudem mein Leben. Denn es ist meines. Eigens konstruiert.
Und das zählt für mich. Inwiefern das anschlussfähig ist, sei dahingestellt.
Aber meine Hausaufgaben mache ich und habe sie gemacht. Sehr radikal.

Und die Liebe, ja die Liebe - ich weiß gar nicht, was das ist - die ist halt mein Leitfaden.
Kann sich als Illusion herausstellen. Muss es aber nicht. Aber ich habe mich dafür entschieden. Und das ist schon viel.

Liebe Frau Stiefel: Ich hoffe, wir können uns auch virtuell auf der Plattform die Klingen geben.

Erst mal die besten Grüße in den Westen und: Danke für Ihren Einsatz!

Love on!
Sven Schlebes


E. Stiefel

E. Stiefel am 27. Februar 2012 um 22:07 Uhr

Lieber Herr Schlebes,

Finde ich gut, dass Sie mich herausfordern, auch wenn nicht die Liebe, sondern die Ökonomie mein Spielfeld ist. Auf so’ner virtuellen Plattform kann man Klingen kreuzen, ohne dass man es gleich klirren hört und Blut sehen muss. Trotzdem sollte man sich hüten, jemand treffen zu wollen.

Also, ich meinte nicht Sie persönlich mit meinem Kommentar, sondern all die Fachleute, die von Wirtschaftswachstum reden und dabei vergessen haben, dass sich richtiges Leben nicht auf der Leine zwischen Produktion und Konsum zum Trocknen aufhängen lässt. Menschen – Frauen, Männer, Kinder – wollen nicht nur Geld verdienen und es wieder ausgeben für Sachen, mit denen sie substituieren, was sich nicht kaufen lässt.

Ehe ich von Wachstum spreche, würde ich erstmal gern klären, was Wirtschaft ist. Das Ökonomieverständnis des Industriezeitalters fußt auf der Erkenntnis seiner Gründerväter, dass sich die Produktivität herstellender Arbeit steigern und Produktionsprozesse beschleunigen lassen.

Als Einführung empfehle ich Ihnen die Lektüre von ‚Wohlstand für alle’ von Ludwig Ehrhard. Danach wissen Sie schon viel über das, was in der Enquete-Kommission und dem Fortschrittsforum zur Debatte steht. Damals, in der Gründerzeit der Sozialen Marktwirtschaft, waren es Nylonstrümpfe, Schuhe, Kühlschränke, Autos. Das Sortiment hat sich inzwischen bis ins Virtuelle ausgefächert.

Jeden Tag kommt was Neues hinzu. Der Kölner Stadtanzeiger berichtete gerade, dass junge Leute keine Kartoffeln mehr kaufen, weil sie glauben, keine Zeit zum Kartoffelschälen zu haben. Pommes vom Imbiss nebenan geht schneller. Gottseidank gibt es die Occupy-Bewegung, die dafür kämpft, dass zwischen all dem Krempel auch noch ein bisschen Platz für Leute bleibt.

Jetzt wird es schwieriger für mich. Wie kommt’s, dass gerade Ihre Beiträge mich angetörnt haben, einen Kommentar zu schreiben? Wo es Ihnen doch um Liebe geht und um Selbstfindung in einer veränderten Wirklichkeit? Um Befreiung aus den Zwängen veralteter Rollenbilder und den Widerständen der (Familien)Männer gegenüber Wegen, für die es keinen Navigator gibt? Was hat das alles mit Feministischer Ökonomie, der Klimakrise, der Sozialen Marktwirtschaft und mit dem Geschlechterverhältnis zu tun?

Für ein neues Konzept von Wirtschaften brauchen wir Anschlussfähigkeit an das Bestehende, d.h. Brücken zwischen den verschiedenen Spielfeldern. Lesen Sie – z.B. – auf dieser Plattform <a href="http://www.fortschrittsforum.de/debattieren/arbeit-leben/artikel/article/eine-frage-der-perspektive.html>meinen Text</a> zum Thema ‚Eine Frage der Perspektive’. Nehmen wir daraus das Stichwort Familie und konsultieren beispielsweise John Kenneth Galbraith, einen der wenigen renommierten Ökonomen, die sich in sehr unorthodoxer Weise mit dem Verhältnis zwischen industriellem Wirtschaften und dem Missverhältnis zwischen Frauen und Männern befasst haben.

Galbraith beklagt die Instrumentalisierung von Frauen und Familien für die grenzenlose Aufblähung von Konsum im Dienste einer Wirtschaft, die abhängig ist von den Anforderungen technisch definierter Produktionsprozesse (J.K. Galbraith, Wirtschaft für Staat und Gesellschaft, S. 213 ff., Knaur 1976) Für den Untergang der Eigenständigkeit des weiblichen Geschlechts zugunsten der Produzenten von Waren macht er das Ökonomie-Konzept des Haushalts verantwortlich, das die lebendige und umfassende Versorgung der Familie zur Konsumverwaltung destilliert. In einer auf Herstellung und Verbrauch von materiellen Gütern fokussierten Wirtschaft ist der private Haushalt Niemandsland.

Wer wollte beurteilen, wann, wo und mit welcher Begründung Dienstleistungen für Angehörige ihren Arbeitscharakter verloren haben? Ökonomen machen es sich leicht: Fragen, auf die sie keine Antwort wissen, stellen sie erst gar nicht. Sicher ist nur, dass die fehlende Bezahlung für Familienarbeit keine hinlängliche Erklärung bietet. Das, was inzwischen unter dem Begriff Caring Labor den Diskurs unter Feministischen ÖkonomInnen beflügelt, gab 1995 den Auftakt zur viel beachteten Zeitschrift Feminist Economics. (Empfehlung für LeserInnen: Aufsatz „Holding Hands at Midnight“: The Paradox of Caring Labor, gleich in der ersten Nummer, von Nancy Folbre)

Lassen Sie mich an dieser Stelle zurückkehren zu Ihrem Text. Ich finde es schön, was Sie so aus Ihrer Kindheit erzählen, auch wenn es vielleicht tatsächlich durchschnittsspießig war. Was uns heute fehlt, ist Verlässlichkeit, Uneigennützigkeit, Fürsorglichkeit, ein Geben und Nehmen auf der Basis gegenseitigen Vertrauens und gemeinschaftlicher Verantwortung. Das, was die Leute meinen, wenn sie sagen, wir brauchen ein neues Verständnis von Wirtschaften.

Was also tun? Ein Zurück in die Idylle Ihrer Kindheit gibt es ebenso wenig wie die Rückkehr zu den Denkmustern von Ludwig Erhards Sozialer Marktwirtschaft. In einem Aufsatz zum Thema Caring Labor für die österreichische Zeitschrift Kurswechsel hat Nancy Folbre soziale Phantasie eingefordert. Wir ÖkonomInnen, so meint sie, seien eine Art TechnikerInnen für die Utopien, die nicht zuletzt von KünstlerInnen und SchriftstellerInnen kommen müssen, damit wir sehen, wohin wir eigentlich wollen (www.kurswechsel.at, Heft 1/2005, S. 21-25).

Sie sehen, niemand wird Sie daran hindern wollen, Ihr eigenes Leben zu leben und zu lieben. Doch noch einmal kurz zu Galbraith. Im Lobpreis familialer Tugenden sieht er das Instrument zur Konditionierung von Frauen für Aufgaben, die ihnen in unseren Gesellschaften zum persönlichen Nachteil gereichen.

Alles Gute wünscht Ihnen
Elisabeth Stiefel


S. Schlebes

S. Schlebes am 29. Februar 2012 um 22:20 Uhr

Liebe Frau Dr. Stiefel,

vielen Dank für Ihren erneuten Kommentar. Ein befreundeter Organisationsentwickler meinte mal zu mir: "Sven, es ist vollkommen egal, mit welchem Thema du in eine Session gehst. Wenn es eine offene Session ist, dann kommt sowieso das, was den Teilnehmern aktuell auf der Seele liegt, ans Tageslicht und wird die Richtung der Diskussion vorgeben."
Sie rennen bei mir offene Türen ein mit Ihrer Forderung nach mehr Vertrauen und Uneigennützigkeit und vor allem dem "Mehr" an sozialer Phantasie. Aber, wenn Sie sich die Beiträge auf dieser Plattform durchlesen: Wenn das schon das Maximum an Fortschrittsphantasie ist, die unsere Gesellschaft zu bieten hat. Dann ist der Fortschritt an der nächsten Trinkhalle am Ende. Ein Lehrer aus Australien riet solchen verträumten Sozialspinnern wie mir (und vielleicht auch wie Ihnen), sich schnellstens von Plätzen webzubewegen, die vor allem Struktur und Kontrolle in den Mittelpunkt rückten, und hinzugehen zu Gemeinschaften, bei denen Leidenschaft und Missionsgetriebenheit der Motor seien. Denn nur hier könne man wirklich voran kommen. Dann frage ich mich natürlich: Ist die schöne Fortschritts-Geschichte unseres Landes jetzt schon am Ende? Was meinen Sie denn? Ich bin nach sechs Monaten Fortschrittsforum und zwei Monaten Zukunftsdialog ernüchterter den je.
Herzlichst: Sven Schlebes