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Artikel von S. Schlebes

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Sven Schlebes

Sven Schlebes

ist Geschäftsführender Gesellschafter der kulturellen Unternehmens­beratung Goldene Zeiten Berlin und Mitglied des Fortschrittsforums.

Liebe(r) konkret. 01. Geld und Liebe.

von Sven Schlebes am 24. Januar 2012

Unser Kolumnist Sven Schlebes hat mit Freunden und Fremden über Geld und Liebe gesprochen. Heute gilt: Geld ist überall. Liebe bloßer Schall. Ohne Geld geht auf Dauer eben gar nichts. Ende der Liebesrevolution?


Unchain your heart with LOVE3.

Liebe hoch 3: Dich selbst, dein Gegenüber und die Gemeinschaft, die ihr gemeinsam bildet.

 

„Bei aller Liebe, ohne Geld geht auf Dauer gar nichts!“

Um es direkt vorweg zu sagen: Den berühmten Geldpapst habe ich nicht
getroffen. Also einen, der entweder richtig viel Geld auf dem privaten
Konto hat, einer Bank vorsteht (am besten gleich der Europäischen
Zentralbank) oder Kapitän eines Geschäftsimperiums ist und Unsummen
bewegt. Wobei ich sie schon am Telefon hatte. Aber sagen wollten sie
lieber nichts zum Thema. Aus Angst vor Stigmatisierung: „Wer Geld hat,
muss es unrechtmäßig erworben haben und daher ein moralisch zweifelhafter
Mensch sein.“ Oder: Weil sie die Frage einfach nicht verstanden haben.
„Liebe und Geld. Was wollen Sie denn von mir?“

Damit waren sie allerdings nicht alleine. Denn alle Probanden meiner
Love-Revolution-Testreihe 2012 konnten zwar immer etwas über Geld sagen.
Zu Liebe hingegen wenig bis gar nichts. Und das hat mich wirklich
überrascht.

Ok, bei den Juristen und VWL'ern aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis war eine ermüdende Definitionsdiskussion zu erwarten: „Besitzt das Konzept Liebe über den affektiven Bereich hinaus überhaupt Gültigkeit?“ Aber dass auch alle anderen Gesprächspartner zunächst rational die Gedankenhoheit über das irrationale Thema Liebe herstellen wollten, dabei mit ihrem I-Phone auf Wikipedia zurückgriffen und sich damit zufrieden gaben, Liebe als stärkstes zwischenmenschliches Gefühl diskursiv nutzbar zu machen, hat mich sehr verwundert. Liebe – ein kleiner H2H-Affekt. Human to Human. Die Welt und das Leben hatten da keinen Platz in dieser determinierten Zweierkiste, die ganz im Sinne unserer Zeit dazu noch einem Diktum gehorcht: „Was bringt mir das?“

„Hast du Geld, hast du Frauen, bist du geil.“

Keine Rede vom unsinnigen und allumfassenden Gesamtzustand der freien
Verbundenheit. Sondern vielmehr der vergebliche Versuch, Liebe als
Privatiers-Angelegenheit in Sicherheit zu bringen. Oder sich vor ihr in Sicherheit zu begeben. Denn auch das blitzte bei dem einen oder anderen
zwischen den Zeilen durch: Liebe kann viel werden und macht Angst.
Weil sie dich radikal in Frage stellt und zur Weiterentwicklung anhält. Wen wundert's, dass im Gegenzug alle ganz wunderbar darüber Bescheid
wussten, was gerade eine Feinunze Gold kostet. Die kann ja auch praktisch
in der Hosentasche versteckt werden. Ein Handschmeichler halt. Vor allem meine studentischen Gesprächspartner zuckten nervös bei der Frage zusammen. „Politisch korrekt“ wollten natürlich alle lieber für einen guten Job gelobt werden als entlohnt. Und die große Liebe stand ganz oben auf dem Wunschzettel. Off the records wollten alle alles, möglichst günstig, ohne großen Aufwand, ohne Verbindlichkeiten und mit einem Maxium an Return on Investment.

Ich habe noch nicht einmal einen getroffen, der zugab, Geld von Herzen zu
lieben. So einen wie Dagobert Duck, der allein vom Geruch des Geldes geil
wird und tagelang im Geldspeicher schwimmt. Was alle dagegen erregt –
neben der Sicherheit – ist die Macht, die Geld verleiht, oder freundlicher
ausgedrückt: kreative Gestaltungsmöglichkeit mit Chika-Garantie. Bestens
zu sehen bei mir im Kiezdönerladen mit angrenzender Spielhölle.
Tarnlackierter SLK, zwei Bunnies unterm Arm und die Geldrolle in der Hand:
„Hast du Geld, hast du Frauen, bist du geil.“

Mangel an Liebe?

Vor allem meine älteren Gesprächspartner schienen geradezu allergisch auf
den Begriff Liebe zu reagieren und insistierten fast flehentlich, abzukehren vom eingeschlagenen Pfad der Liebesrevolution: „Sven, bei aller Liebe, ohne Geld geht auf Dauer gar nichts.“ Wo er Recht hat, mein Patenonkel, hat er Recht. Schließlich leben wir in Deutschland, und wir haben uns auf Geld als universelles Bewertungs- und Austauschmittel unserer Gesellschaft geeinigt. Schließlich hat alles seinen Preis, und die Wut-Bürger-Diskussionen der Zukunft werden vor allem um ein Thema kreisen: „Was bin ich und meine Tätigkeit wert? Und warum du soviel?“ Denn Geld, und soviel bin ich mir nach unzähligen Gesprächen sicher, bestimmt aktuell unser aller Denken. Die, die viel Geld haben, machen sich Sorgen, wie man es halten und mehren kann. Oder sie werden nicht müde zu betonen, dass Geld nicht alles sei. Immer wieder. Und die, die wenig oder gar nichts haben, spüren den Schmerz der Leere und des Neides und wollen es umverteilen. Geld ist überall. Liebe bloßer Schall. Sollte damit meine Liebesrevolution schon im Anfang zum Scheitern verurteilt sein? Aus Mangel an Liebe?

Ich drohte zu verzweifeln. Da bekam ich eine Geburtstags-Email zur
Kenntnisnahme weitergeleitet. Adressiert war sie an einen Onkel. Mein
Vater, ein Kaufmann mit Leib und Seele, hatte sie geschrieben. Im Namen
unserer gesamten Familie: „Zum 80. wünschen wir dir alles Gute. Deine
Schlebes-GbR!“

Zunächst klang es wie ein Hohn. „Wenn du mein Sohn, meinst, meine Welt der Wirtschaft mit Liebe durchtränken zu wollen, erkläre ich unsere Welt der Familie zum Hoheitsgebiet der Wirtschaft.“

Doch dann musste ich lachen. Und weinen zugleich. Dieser Brief war eine
ernstgemeinte Liebesklärung an die Familie. Aber in seiner Sprache. Der
Sprache der Wirtschaft und des Geldes. Und da wusste ich: Es geht doch
zusammen. Geld und Liebe.

Weitere Diskussion auch auf dem Blog des Autors.




2 Kommentare:

C. Ebert-Libeskind

C. Ebert-Libeskind am 26. Januar 2012 um 11:04 Uhr

Lieber Sven, ich glaube nicht, dass nur die Menschen, die nichts haben, Geld umverteilen wollen. Wessen Geld überhaupt? Das Geld aller. Über Steuern an den Staat geflossen, damit Sinnvolles damit gemacht wird, damit es im Interesse aller eingesetzt wird. Und ist es nicht im Interesse aller, der Reichen und der Armen und auch der Mittelreichen/armen, dass es einen Ausgleich gibt, dass alle die Chance haben, das Beste aus sich zu machen? So verstehe ich Umverteilung. Und ganz nach John Rawls: Wir müssen eine Gesellschaft schaffen, die alle befürworten, auch wenn sie vorher nicht wüssten, wo sie landen - oben oder unten. Und dann kommt die Liebe von ganz allein....Heißt es nicht, liebe deinen nächsten wie dich selbst. Gruß, Cilia


S. Schlebes

S. Schlebes am 26. Januar 2012 um 17:17 Uhr

Liebe Cilia,
besten Dank für den Kommentar. Na, in Sachen Umverteilung bin ich ja blutiger Laie. Weil es nie mein Thema war. Und auch nie das Thema meines Umfeldes. Und wenn, dann immer als ein Thema im Spannungsfeld zwischen Freiwilligkeit und Zwang. Ohne letzte Weisheit. Für uns war immer wichtig, dass wir es möglichst aus eigener Kraft schaffen. Was auch immer das heißen mag. Und ja, wir waren immer priviligiert in dem Sinne, dass unsere Eltern auf eine gute Bildung achteten und uns bei allem unterstützen, was wir machten. Sie liebten uns bedingungslos. Auch wenn wir letztens noch die Debatte hatten, was wir Kinder sie insgesamt alles gekostet haben. An Geld, Nerven, Zeit usw. Eine offene Debatte. Ehrlich. Abgründig. Aber erhellend. Weiterhin werden meine unternehmerischen Tätigkeiten ja auch unterstützt. Das ist dann eher eine Frage des Vertrauens als der Liebe. Irgendwie. Und vielleicht auch der Umverteilung. Von "Sicher auf dem Konto bei 2,5 % Zinsen" zu "Kamikaze-Investment in der Goethe 17" (Vielleicht sollte man die von dir erwähnten Steuern auch eher als Investment kommunizieren und nicht als Zwangsabgabe mit Strafandrohung). Die Aussage im Text bezog sich explizit auf Aussagen aus meinen "Umfragen" zum Thema "Geld und Liebe". Und da war - aus meiner Wahrnehmung - immer dort das Thema "Umverteilung" ein Thema, wo das Gefühl des Zu-Kurz-Gekommen-Seins (metaphysisch betrachtet) vorherrschte (mit den Götz Werners dieser Welt habe ich leider nicht gesprochen. Aber ich weiß, dass auch sie von Umverteilung reden. Mit sehr sehr interessanten Ansätzen). Gemischt mit einem tiefen Gefühl von Ungerechtigkeit, Wut, manchmal auch von Bestrafung. Und das jetzt ohne jede Wertung von meiner Seite aus. Denn ich wüsste ebenfalls nicht, was umverteilt werden soll. Und wohin. Und woher das Geld kommen soll, das umverteilt werden soll, wo es denn sich gerade eigentlich aufhält und wer sich anmaßt zu sagen: "Gib's mir. Ich weiß es besser als du." Ich wüsste es nicht. Und ich wollte es auch gar nicht. Aber ich kenne genug, die sagen, dass sie es wüssten. Und diesen Menschen gegenüber bin ich immer sehr skeptisch. Was ist ihre eigentliche Intention? Woraus handeln sie wirklich? Ist es das Wohl von irgendwem, oder doch ihr eigenes? Handel sie im Sinne der Nächstenliebe? Und im Gegensatz zu Rawls glaube ich nicht, dass "man" (im Wulffschen Sinne) eine Gesellschaft "schaffen" kann, so dass die Liebe von alleine kommt. Zuerst kommt die eigene Liebe, dann kokreiere ich mein nächstes Umfeld und die Gesellschaft ist das Folgeprodukt, das ja eh schon da ist. Alle Ansätze, die hauptsächlich auf "von oben" zählen, sind zum Scheitern verurteilt. Glaube ich. Ich würde keinen Cent darauf wetten. Ich setze - wenn ich nur einen Schuss hätte - eben nur auf's Herz - denn Herz ist Trumpf und verbindet sich dann mit der Zahl / dem Geld. wenn die Theorie aufgeht. Ja, wenn. Vielleicht kann "man" das dann umverteilen? Das Herz? Was glaubst du? Vielleicht ist das mit der Liebe der Luxus des W-LAN-Bürgertums, das die 68'er-Werte kapert und mit einem gepuderten "Arxxx" sonst im Oberholz keine Probleme hat. Das kann alles sein. Wer weiß schon, wohin die Reise führt? "Liebe" Grüße aus dem "frei-räuberischen Markt" in die "Struktur" ;-)- Sven