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Sven Schlebes

Sven Schlebes

ist Geschäftsführender Gesellschafter der kulturellen Unternehmens­beratung Goldene Zeiten Berlin und Mitglied des Fortschrittsforums.

Das Private ist politisch - Wieder einmal

von Sven Schlebes am 09. Juli 2013

Geschichte wiederholt sich. Nur unter veränderten Vorzeichen. Heute wird das private auf andere Art politisch – gewollt oder nicht. Doch was der Atomkraft ihr Fukushima war, ist dem Datenschutz sein PRISM. Da hilft nur noch Abschalten meint unser Kolumnist Sven Schlebes.


Wer hätte das gedacht: Da gehen in aller Welt seit Monaten hunderttausende auf die Straße und rufen nach Veränderung: politisch, sozial, ökologisch, strukturell und systemisch. Doch das global so vernetzte und vom Export abhängige Deutschland bleibt gelassen. In aller Seelenruhe nickt man zufrieden in den Vorstandesetagen über Außenhandelsbilanzen und fühlt sich mit dem eigenen Erfolgsmodell der letzten Jahre auch als "Early Mover" des kommenden Jahrzehnts. Streng nach dem Motto "konsequent effizient" wird die Geschichte von gestern perpetuiert. Was gestern gut für uns war, wird morgen für alle der Leitstern sein. Unser Vorteil: Wir brauchen uns nicht zu verändern. Das letzte Kapitel endet nie.

Doch wie in jedem Märchen erwächst der größte Gegenspieler nicht auf der anderen Seite der Kampflinie, sondern entspringt dem eigenen Geschlecht: In unserem Fall dem staatstragenden, arbeitenden und Ordnung liebenden (männlichen) Bürgers. Snowden in den USA hat den Anfang gemacht, hier in Deutschland hat er "hidden friends" - nicht die Piraten in Orange - ondern den Rasenkanten schneidenden Bausparer. Auch wenn der noch nicht wutentbrannt über die Natursteinkante seine Zengartens gesprungen ist, hat er aber längst den Schlüssel für den eigentlich vergessenen Atombunker wieder ausgekramt und für nächste Woche die Wiederauffrischung seiner Lagervorräte vorgesehen. Natürlich nach der Solaranlagenreinigung und Hausbrunnenreparatur. Medial ist davon nichts zu hören. Trügerische Ruhe umweht die bürgerlichen Truppen. Doch das alles geschieht - die Geheimdienste lassen grüßen - unsichtbar.

Mühevoll hat er sich durch die Krisen aller Art gekämpft. Auf die Sparpolitik im Bankenskandal sowie dem Markenversprechen "Made in Germany" und der Verwaltungspolitik seiner Frau vertraut. Global agieren, um vor allem selbst lokal zu profitieren. Für Win-Loose-Denker die perfekte Überlebensstrategie auch im 21. Jahrhundert. Noch halten die Schutzwälle: emotional, materiell und geistig dringt nichts in seine heimelige Puppenstube Deutschland. Erhardts Erben eben. Wäre da nicht dieses verfluchte #Neuland, Rückgrat und Nervengeflecht einer globalen Wissensgesellschaft und industriellen Spitzenmacht. Widerwillig hat er sich in den letzten Jahren auf dieses Glatteis begeben wie damals beim Boom der Volksaktien aufs Börsenparkett. Guten Mutes sind alle den Verlockungen der Apologeten gefolgt ohne wirklich zu wissen, was da eigentlich so abgeht auf dem neuen Spielfeld.

Heute wie damals muss er jedoch feststellen: Das schön ausgemalte Neuland ist in Wirklichkeit ein Holodeck (Star Trek) geheimer Dienste und das Leben ein Übungsprogramm mit Entblößungsgarantie. Google, Facebook und Microsoft - gut, das waren und sind große Imperien. Im Zweifel eh dem Reich des Dunklen zuzuordnen. Hier halfen einst Virenscanner, Firewalls und Anonymisierungstools -dachte man. Aber die eigenen Aktentaschenträger im System? So hatte man sich das mit dem "Wenn-alle-Hülle-fallen-Sommer" nicht vorgestellt.

Auch wenn das Vorzeigebürgertum auf einmal gelassen die Lust an der neuen Transparenz als Staatsbürger zelebriert (vgl. Dr. Wolfgang Schäuble, Der Tagesspiegel vom 07.07.2013): Dem Mann mit der Currywurst reichts endgültig. Fremder, teuer Euro - war schon immer so. Fremd im eigenen Land - was willste machen. Aber der Fremde im Handy und im Computer - das ist noch intimer als der Fremde mit der eigenen Frau. Und hier hört der Spaß nun wirklich auf. Da hilft kein Staaträsonlamentieren. Keine erneute Terrorgefahr. Der emotionale Jägerzaun ist durchbrochen und die Fernsehbedienung ferngesteuert.

Da hilft nur noch abschalten. So schwer es dem Bürger auch fallen mag. Was der Atomkraft ihr Fukushima ist dem Datenschutz sein PRISM. Am letzten Seewochende hatte doch tatsächlich nur eine Freundin ihr Smartphone mit dabei. Aus Sicherheitsgründen. Für ihren Sohn. Wir anderen haben anstatt Sonnenspiegelbilder im See lieber Dosenbier geschossen.

In Erinnerung an die guten alten Zeiten voller Love, Peace and Happiness. Ein Anfang. Immerhin.

Wenn das Private gezwungener Maßen politisch wird, stehen echte Männer zusammen. Und aus der Politik der ersten Person Singular wird eine Bewegung der ersten Person Plural. Glauben Sie nicht? Die sieben Leute für einen Verein haben wir bereits zusammen.

Typisch deutsch eben.




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