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Sven Schlebes

Sven Schlebes

ist Geschäftsführender Gesellschafter der kulturellen Unternehmens­beratung Goldene Zeiten Berlin und Mitglied des Fortschrittsforums.

Children of the King

von Sven Schlebes am 09. Januar 2013

Statt auf Riesterrentenpapiere und naturwissenschaftliche Abschlüsse zu setzen, fordert unser Kolumnist Sven Schlebes das Kindermachen nicht zu vergessen. Denn vor allem in Windeln liegt die Zukunft einer Gesellschaft, welcher der drohenden Überalterung etwas entgegensetzen will.


Es geschieht an Tagen wie diesen, wenn es früh dunkel wird. Kerzen brennen. Die Familie zusammen ist. Dann flackern Erinnerungen auf. Und Träume. Eines meiner ersten Was-ist-Was-Bücher lag einst unter dem Tannenbaum: Geschichten von neuen Ländern standen drin. Manchmal sogar menschenleer. Es war pure Verheißung. Auf ein anderes Leben. Ein neues Leben. In einer neuen Gemeinschaft. Mit neuen Regeln. In Freiheit.

Diese Geschichte traf ich später wieder. Im Musikunterricht. Sujet: Filmmusik. Zwei Monate schauten wir "Spiel mir das Lied vom Tod". Glänzende Musik, tolle Schauspieler, grandioses Storyboard: Rache, Verfolgung, Gier, und: Das Wissen um eine neue Stadt in der Wüste rund um eine Süßwasserquelle: Sweet Water.

Es ist diese Sehnsucht nach einem anderen Leben, einem besseren, an einem anderen Ort, die Menschen seit jeher bewogen haben, aufzubrechen, ihre Familien zu verlassen und neu anzufangen. Manchmal ist es pure Not, manchmal Abenteuerlust, manchmal eine innere Notwendigkeit. Die USA sind unter anderem so entstanden. Und sie waren lange Zeit der Verheißungsort für eine neue Zukunft, gerade für uns Alteuropäer. Das Versprechen, in weiße Landflecken vorzudringen, sein Glück zu finden und zu machen. Aus eigener Kraft. Befreit von der Vergangenheit.

Das Was-ist-Was-Buch habe ich immer noch. Es steht bei mir im Regal, direkt neben dem Fernseher, in dem die Neujahrsansprache läuft. Schwierige Zeiten für einen geschichtsträchtigen Kontinent. Der dazu noch immer älter wird. Und für viele junge Menschen gerade aus Südeuropa nur wenig Jobmöglichkeiten bietet. Zukunftsszenario: Klappe halten, einreihen in den Produktionsmechanismus, um die überalterte Gesellschaft auf vollen Touren zu halten. Erwachsen werden, nennen sie das. Die Funktionsträger unserer Gesellschaft. Kompromisse machen. Von Träumen Abschied nehmen, die nicht in den konventionellen Karrierewegen vorgesehen sind. Nützlich werden. Öffentliche Kassen füllen. Weitermachen. Generationenverträge erfüllen, die wir nie bei vollem Bewusstsein ausgehandelt und unterschrieben haben. Und die nur funktionieren, weil alle mit drin hängen: Mitgefangen. Mitgehangen.

Machen wir uns nichts vor: Wenn es sie wirklich noch gäbe, diese neue Welt, rein und unbefleckt von den gewachsenen Kultursystemen mit ihren Wahrheiten, Regeln, Kämpfen und Aufteilungen, dann wäre ein nicht unbeträchtlicher Teil unserer Generation schon da. Wir hätten das nächste Schiff genommen und wären aufgebrochen in wirklich weiße Flecken, um in Wüsten Sweet Water-Städte aufzubauen. Natürlich würden mit uns die Depardieus und Bardots dieser Welt reisen. Das ließe sich nicht verhindern. Wir würden wieder Fehler machen. Wir sind Menschen und Kinder unserer Eltern und Teil dieses Kultursystems. Aber wir hätten wenigstens die begeisterte Hoffnung der sogenannten "Early Birds", dass der neue Tag uns genügend Freiheit und Zeit schenken würde, um etwas anderes auszuprobieren. Etwas Neues.

Doch die materielle Welt, wie wir sie kennen, ist entdeckt und vermessen und global gesehen eingemeindet. Wohin wir auch kommen, alles ist schon da. Vor allem: Wir sind schon da. Als alte Menschen. Mit unseren alten Konditionierungen. Der Igel war und er wird sein. Denkt sich der Hase und bricht zusammen.

Dann wird es still, an Tagen wie diesen. Weil sich niemand mehr über solche Visionen in Neujahrsansprachen aufregt, sondern alle müde lächeln: "Same procedure as every year."

Eigentlich ist es ein Glücksfall für das alte Europa, dass die Jugend nicht mehr massenhaft in neue Welten aufbricht, sondern sein eigenes Glück im Kulturgeflecht der Altvorderen finden muss. Denn so sind genug da, um auch den dunkelsten Emotionalkeller und den verstaubtesten Ideologiedachboden aufzuräumen.

Wenn wir Jungen endlich anfangen, dieses Land, diesen Kontinent, diese Gesellschaft und dieses Leben zu dem unsrigen zu machen, werden wir nicht nur durch Forschung neue Entdeckungen machen wie von der Politik gefordert, sondern auch mehr Kinder. Überforderung hin, Job und Geldmangel her. Denn sie (die biologischen als auch die inneren Kinder) sind in Wahrheit unsere neuen, weißen Flecken. Länder von unendlicher Weite in großer Ursprünglichkeit und mit Größe und einer Unschuld, die uns und unseren Vorgängern längst abhanden gekommen ist. Sie wissen noch, dass sie aus einer Quelle kommen, die größer ist als das, was in ihrer Ausbildungs-Begutachtungsakte über sie aufgeschrieben steht. Sie sind reine, ungefähre Verheißung.

Auch wenn alle Zahlen gegen ein junges Europa sprechen: Die Vision von einem überalterten Kontinent ist keine, die es wert wäre, gelebt zu werden. Zum Glück erkennen dies immer mehr Menschen. Egal welchen Alters. Sie ahnen, dass wir uns in einem Übergang befinden. Er wird gelingen, wenn die Generation Y sich als Brückengeneration verstehen wird, die Altes nutzbar macht, um Neues zu erschaffen. Und dabei nicht in erster Linie daran denkt, die Früchte zu ernten. Sondern aus der Kreation ihre Befriedigung bezieht. Es ist das "Auskommen mit den Dingen, die da sind" (Marga Biebeler), um zusammen neu zu werden. Ein entschiedener Verzicht. Und eine Konzentration auf das Wesentliche.

Wissenschaftler und Politiker würden uns Brückenkinder nennen. Im Christentum hießen wir Königskinder. In Erinnerung an das Erbe, das es in Würde, Freiheit und Freude anzutreten gilt.

Mögen es nur sieben Brücken sein auf dem Weg zur Krone.

Aber wer weiß das schon, an Tagen wie diesen.




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