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Sven Schlebes

Sven Schlebes

ist Geschäftsführender Gesellschafter der kulturellen Unternehmens­beratung Goldene Zeiten Berlin und Mitglied des Fortschrittsforums.

Art attack!

von Sven Schlebes am 22. Juli 2013

Lange Zeit galt die Kunst als hübsches Beiwerk, wenn es um die Kreation einer neuen Gesellschaft im 21. Jahrhundert ging. Doch mit Erdem Gündüz „Stehender Mann“ findet die Kunst den Weg zurück zum Ursprung und zeigt, was neben Geldverdienen der große Dienst für den Menschen sein kann.


Es war Sommer. Keine Wolke trübte den Himmel über dem Brandenburger Tor, als Barack Obama und Angela Merkel sich gegenseitig ihre Freundschaft versicherten. Und dann zur Lage der Welt vortrugen, was Ghostwriter vorgeschrieben hatten, ohne wirklich etwas zu sagen und verstanden zu werden. Draußen, abseits des Hochsicherheitstraktes, war die Welt in Bewegung: Türkei, Ägypten, Brasilien, Spanien, Portugal. Und die Botschaft war laut und deutlich: "It's not about 20 Cents. It's about the system.

Der Weg ins 21. Jahrhundert zerreißt Gesellschaften. Der einstige Konsens ist marginalisiert, die Regeln für die Kreation eines neuen werden radikal in Frage gestellt. Frau Merkel und Herr Obama lobten das vertrauensvolle Miteinander und verloren sich in Themen von gestern: Es sollte ein weiterer Versuch sein, sich vor dem Brandenburger Tor als systemischen Sieger der Vergangenheit darzustellen und das Ende aller Geschichten zu beschwören.

Ohne Erbarmen brannte die Sonne vom Himmel und spiegelte sich in der zentimeterdicken Panzerglasscheibe, die das Rednerpult umgab und die beiden Demokratierepräsentanten vor der Welt und ihre Unwägbarkeiten schützen sollte. Großes Theater der Unberührbaren mit noch größerem Symbolcharakter. Aber leider künstlich, wie genmodifiziertes Saatgut. Und damit lediglich eine Saison fruchtbar. Wenn überhaupt.

Das, was sie sagten, erreichte kaum jemanden. Die Nachrichtensendungen blieben merkwürdig still. Nur ein Bild ging um die Welt. Zwei Menschen vor dem Brandenburger Tor. Der eine ohne Jacket, die andere mit. Auf dem Weg ins Neuland, das zum Glück von den eigenen Truppen schon in Altland verwandelt worden ist. Sprachlos.

Diejenigen die nicht zu den auserwählten Livegästen des Schauspiels gehörten, waren dann doch die Glücklicheren. Denn statt in der prallen Sonne einer (fast) inhaltsleeren Show beizuwohnen, konnte man über die sozialen Medien den tatsächlichen Lauf der Geschichte verfolgen. Dieser fand nicht auf dem Pariser Platz in Berlin, sondern auf dem Taksim-Platz in Istanbul statt. Im Taksim-Twitterstream hatte ich das Gefühl mitzuerleben, wie wirklich Neues zu Welt kommt, das frei nach Pina Bausch aus einem inneren Sehnen geboren wird und nicht aus Angst.

Wirklich verstanden habe ich bis heute nicht, was da passiert ist mitten in Istanbul. Zu fern ist mir die türkische Gesellschaft mit ihren verschiedensten Milieus und Modernisierungsbewegungen. Doch man konnte greifen, wie Menschen sich zu Wehr setzten, nach Ausdrucksformaten für ihr Empfinden suchten und Hoffnung fanden bei einem Menschen, der die Ruhe als stehender Mann inszenierte und wegen Gefährdung der inneren Ruhe inhaftiert wurde. Sein Bild ging um die Welt, und das seiner Nachahmer. Eine Geste, so unendlich einfach. Und doch so mächtig. Ein paar Tage später war es eine Frau im roten Kleid vor Polizisten, die der Bewegung ihr Gesicht verlieh. Und heute sind es diverse Formen von Improvisationstheater und öffentlicher Abendessen im Format des "Dinner en blanch", die den Gemeinschaftsgeist kultivieren und ein neues Miteinander erlebbar machen.

Die Menschen entdecken die Macht der Kreation und des Spielerischen. Manches funktioniert, manches nicht. Vieles ist banal. Aber immer gibt die Kreation den Menschen das Gefühl für ihre eigene Selbstwirksamkeit zurück und damit ihre Würde, Freiheit und Lebenslust. Kunst - nicht für den Sammlermarkt. Sondern als Sauerstoff für das Leben. Notwendig. Absolut. Befreiend. Alles kommt wieder, mögen sich da viele Alt-68er denken. Beuys und Petra Kelly lassen grüßen. Schön. Naiv. Überbewertet.

Und doch nicht zu unterschätzen. Letzte Woche erst nannte dies ein Angehöriger der strukturiert-organisierten Politkaste die "Kraft der Zivilgesellschaft", an die man "Anschluss finden müsse, denn hier werde das neue Jahrhundert geboren."

Ein langer Weg für die im Panzerglasaquarium. Ob Politiker oder Künstler. Aber ein lohnender. Eben echte Lebenskunst.




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