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Artikel von E. von Weizsäcker

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Ernst Ulrich von Weizsäcker

Ernst Ulrich von Weizsäcker

ist Wissenschaftler und ehemaliger Bundestagsabgeordneter der SPD.

Zwanzigmal so gut wäre besser

von Ernst Ulrich von Weizsäcker am 26. Juli 2012

Nachhaltiges Wachstum ist auf Dauer nur möglich, wenn Rohstoffe und Energie optimal ausgenutzt werden. Dazu müssen die Preise steigen.


Plötzlich reden alle von Wachstum

Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität sind die Themen der gleichnamigen Bundestags-Enquetekommission. Die Idee war auch, die landläufigen und mit Fußangeln behafteten Begriffe von Wachstum und Wohlstand neu zu beleuchten und wenn möglich in Einklang mit der imperativen Forderung der Nachhaltigkeit zu bringen. Warum imperativ? Weil nicht nachhaltige Formen des Wirtschaftens definitionsgemäß in den Ruin führen, in die Aufzehrung der Ressourcen, das Abrutschen des Klimas, die Zerstörung der Lebensgrundlagen alles Wirtschaftens auf der Erde.

Die heutige Form von Wachstum steht in keiner Weise im Einklang mit der Nachhaltigkeit. Trotzdem reden plötzlich alle von Wachstum. In Deutschland war es die FDP, die nach dem Absturz ihrer Popularität den Instinkt hatte, sich mit dem Wort Wachstum zu schmücken und auch in der Enquetekommission keine Kritik mehr an dem neuen Heiligtum zu dulden. In Frankreich war es der Sozialist François Hollande, der mit dem Wort Wachstum auf den Lippen die Präsidentschaftswahl gewann. Die USA tolerieren eine tägliche Zusatzverschuldung von 5 Milliarden Dollar in ihrem hoch verschuldeten Staat, um des Wachstums willen. Und bei der UN-Konferenz "Rio+20" im Juni, die eigentlich über Nachhaltigkeit gehen sollte, ging es den meisten nur um Wachstum. Kaschiert wurde das durch die Vokabel "sustainable growth", wörtlich nachhaltiges Wachstum, aber mit der Wunschbedeutung "immerwährendes Wachstum".

Jeder, der wenigstens eine umrisshafte Ahnung von Klima, Ölvorräten, anderen Bodenschätzen sowie Biodiversität hat, weiß, dass das eine tragische Illusion ist. Warum stellen sich alle blind? Der Grund ist relativ einfach: Wachstum steht heute für zwei politisch sehr wichtige Ziele: Beschäftigung und gutes Steueraufkommen. Und diese Ziel interessieren heute. Klima und Ressourcen sind morgen oder übermorgen oder gar nicht von Interesse, jedenfalls in den Vierteljahresabschlüssen der Unternehmen und in den Wählerumfragen.

Was gar nicht gefragt wird ist, ob man diese Ziele nicht auch mit weniger oder anderem Wachstum erreichen kann. Genau diese Frage stellen wir uns im Fortschrittsforum. Lassen sich Beschäftigung und gesunde Staatsfinanzen nicht von der Zunahme der Natur­zerstörung entkoppeln?

Entkopplung als Antwort

Meine Behauptung ist: Natürlich geht das, aber es passiert nicht von alleine. Die Märkte und die heutige Anbetung des Wachstums verschütten die Pfade, die man für die Entkopplung gehen muss.

Wie kann eine hohe Beschäftigungsquote mit weniger Naturzerstörung zusammen gehen? Was ist zu tun, damit die Entkopplung voran kommt? Eigentlich ist die Antwort ganz einfach: Wir müssen die Ressourcenproduktivität rasant steigern und die Arbeitsproduktivität dafür langsamer wachsen lassen. In einer Welt grassierender Arbeitslosigkeit ist ja das Hochpeitschen der Arbeitsproduktivität volkswirtschaftlich die falsche Strategie. Die richtige Strategie wäre das Hochpeitschen der Ressourcenproduktivität. Seit die Ressourcenkosten in Deutschland die Arbeitskosten überholt haben, ist das auch für die Mehrzahl der Betriebe vernünftig, - aber für viele Betriebsleiter und Unternehmensberater ist es noch Neuland.

Volkwirtschaftlich ist die Ressourcenstrategie sogar noch vernünftiger als einzelbetrieblich. Sie macht uns unabhängiger vom Import von Öl, Kohle, Gas und Mineralien. Sie erhöht in einer Welt knapper Ressourcen unsere Wettbewerbsfähigkeit und sichert damit Arbeitsplätze. Auch für solide Staatsfinanzen ist es daher eine gute Strategie, nicht nur weil weniger für Arbeitslosenunter­stützung auszugeben ist.

Vielfach wird der Energie- und Ressourcenbedarf als technologisch unvermeidlich, als schicksalhaft angesehen. Genau dies muss überwunden werden. Wir können nachweisen, dass mit der Zeit so etwas wie eine Verfünffachung der Ressourcenproduktivität abgreifbar ist. Der allenthalben beschworene "Energiebedarf" ist meistenteils eine Funktion der Trägheit, zum Beispiel der Festlegung auf einen physikalisch eng definierten Prozess und das daraus gewonnene Produkt. Man schaut sich etwa die Chloralkalielektrolyse an und beweist dann ganz rasch, dass sich da der Energiebedarf nicht mehr absenken kann. Nach Alternativen zu diesem extrem energiefressendenden Verfahren wird besser nicht gefragt, sonst könnte es ja passieren, dass man als Hersteller die Strompreisprivilegien einbüßt.

Wie ist diese Trägheit zu überwinden? Der sicherste Weckruf sind steigende Preise für Energie und andere Ressourcen. Auch für die energieintensive Industrie. Roland Berger hat in einer beachtlichen Studie vor einem Jahr gezeigt, wie vier energieintensive Branchen 100 Milliarden Euro investieren und 400 Milliarden durch Effizienzverbesserung gewinnen könnten. Das bleibt aber meistenteils liegen, weil vielleicht die Amortisationszeit nicht ganz kurz genug erscheint. Der seit etwa dem Jahr 2000 von den Märkten ausgelöste Preisauftrieb bei Öl und einigen anderen Rohstoffen hat bereits eine gewisse Tendenz zu effizienterer Ressourcennutzung ausgelöst. Aber seit in Amerika die Gaspreise purzeln, wegen der Ausbreitung des grundwassergefährdenden "Fracking", ist der Elan der Effizienz vielerorts schon wieder erlahmt.

Das 'Pingpong' der Industriellen Revolution verstehen und kopieren

Um was für eine Größenordnung der Erhöhung der Ressourcenproduktivität muss es uns gehen? Wenn wir für (bald) neun Milliarden Menschen einen angenehmen Wohlstand erreichen wollen und gleichzeitig das Abrutschen des Klimas verhindern und die Begrenztheit biotischer und mineralischer Rohstoffe berücksichtigen wollen, dann müssen wir eine absolut dramatische Erhöhung der Ressourcen­produktivität anstreben. Technisch sollte eine Verzwanzigfachung der Ressourcenproduktivität machbar sein, mittelfristig jedenfalls die genannte Verfünffachung.

Das ist dann eine "Kopie" der Industriellen Revolution. Die bestand ja in einer ungefähren Verzwanzig­fachung der Arbeitsproduktivität. Aber wie ist diese eigentlich zustande gekommen? Nun, durch tausende, ja Millionen von technischen Verbesserungen und Erfindungen. Und was war die Antriebskraft hierfür? Nun, das war die ständige Verteuerung des Faktors Arbeit. Die Tarifvertragsparteien wissen, dass die Arbeitsproduktivität in der Regel von einer gleich großen Erhöhung der Bruttolöhne begleitet wurde. Es war eine Art 'Pingpong' zwischen den beiden. Gewiss hat es bei dem Prozess auch Verlierer gegeben. Aber alles in allem hat eine Verzwanzigfachung des Wohlstands stattgefunden.

Heute, wo der Faktor Arbeit überhaupt nicht knapp ist, wo aber Energie und Ressourcen knapp werden, sollte man die Fortschrittsrichtung umlenken, eben in Richtung Ressourcenproduktivität. Und hierfür inszeniert man am beste wieder so ein Pingpong, diesmal eines, das zur Entkopplung des Wohlergehens vom Ressourcenverbrauch führt. Wir sollten die Preise jährlich um so viel Prozent wachsen lassen wie die Ressourcenproduktivität im Vorjahr zugenommen hat. Dann bleiben monatlichen Ausgaben für Ressourcen würden im Durchschnitt konstant.

Die durch Bergbaukosten, Transporte, Oligopole, Spekulation und Nachfrageschwankungen determinierten Tagespreise würden im wesentlichen ignoriert, in dem Bewusstsein, dass die geologische Reichweite in jedem Fall endlich ist. Um die Nachjustierung nicht zu bürokratisch und nicht zu häufig zu machen, sollte ein Korridor der Preissteigerung angepeilt werden, innerhalb dessen Marktschwankungen möglich sind. Der Staat kann dämpfend oder anhebend eingreifen, wenn die Märkte den Korridor nach oben bzw. nach unten verlassen; natürlich braucht eine effektive Kartellaufsicht!

So ein System wäre geeignet, Firmen, Staaten, Konsumenten und Investoren zu veranlassen, sich auf Ressourcenproduktivität als zentrale Zielgröße des Wirtschaftens und der Infrastrukturen einzustellen. Vor allem würden endlich langfristige Projekte angepackt, insbesondere in den Bereichen Infrastruktur, Systementwicklung und Basistechnologien.

Für sozial schwächere Familien sollte ein Sozialtarif vereinbart werden. Und für die Industrie könnte man das abgeschöpfte Fiskaleinkommen aus Energie und Rohstoffen vollständig an die Branche zurück geben, allerdings nicht pro Ressourcenverbrauch (das wäre ja sinnlos), sondern pro Arbeitsplatz.




2 Kommentare:

R. Priese

R. Priese am 27. Juli 2012 um 11:20 Uhr

Ich schlage vor, in den weiteren Debatten die Worte "Markt" oder "Märkte" genauer zu differenzieren. Wir sollten mindestens das Wort "Finanzmärkte" von Märkten realer Produkte sprachlich sauber voneinander unterscheiden.
Ich würde dazu neigen, sogar von "Zockermärkten" zu sprechen, um die Realität der virtuellen Zockerei, von der unsere Vorstellungen ständig vernebelt werden, in jedem Text ganz deutlich zu machen. Für Hintergrundinformationen empfehle ich Texte oder Darbietungen von z. B. Franz Hörmann, Andreas Popp oder auch Rico Albrecht zu lesen oder sich anzusehen.


A. Siemoneit

A. Siemoneit am 05. August 2013 um 10:34 Uhr

Lieber Herr von Weizsäcker,

Ihr Engagement in allen Ehren - aber ich finde das deutlich zu kurz gedacht. Solange Sie das Grundprinzip der Wirtschaft (Wettbewerbsgesellschaft) nicht in Frage stellen, wird es immer Einzelne, Gruppen oder ganze Staaten geben, die sich durch höheren Ressourcenverbrauch einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Und genau aus diesem Grund weigern sich auch praktisch alle Staaten, mitzumachen oder sogar voranzugehen: Sie wollen nicht im Wettbewerb untergehen.

Wie begrenzt man Wettbewerb auf ein menschliches Maß? Man begrenzt die Anreize. Wir müssen keine Anreize für nachhaltiges Wirtschaften setzen, sondern die Anreize für Nicht-Nachhaltigkeit abschaffen. Dazu gehört vor allem die strikte Begrenzung persönlichen Reichtums, aber auch absolute Verbrauchsobergrenzen (Caps). Und ohne eine wirksame Populationskontrolle wird man mit allen Maßnahmevorschlägen auch bestenfalls nur eins erreichen: Die Voraussetzungen für weiteres Bevölkerungswachstum.

Das sind meines Erachtens die drei großen "humanistischen Variablen", die wir in einer weltweiten Kooperation unter Kontrolle bringen müssen:
- Zu große Ungleichheit
- Bevölkerungswachstum
- Ressourcenverbrauch

Und genau dies ist auch die Reihenfolge, in der die Punkte angegangen werden müssen. Nicht mit dem Ressourcenverbrauch anfangen, das hat in einer ungleichen und weiter wachsenden Welt wenig Wert. Und schon gar nicht auf den Ressourcenverbrauch beschränken. Sie müssen alle "Antreiber" unter Kontrolle bringen.

Herzliche Grüße
Andreas Siemoneit