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Artikel von J. Schadendorf

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Jens Schadendorf

Jens Schadendorf

politischer Ökonom, Betriebswirt und lange Buchverleger, arbeitet als selbständiger Berater für große und mittelständische Unternehmen und ist spezialisiert auf die Themen Management, Lernen, Kultur und Wirtschaftsbücher.

Was kommt nach dem Dornröschenschlaf?

von Jens Schadendorf am 20. Juni 2012

Im ersten Teil der Reihe „Neue Visionen für moderne Bildung“ gibt Jens Schadendorf einen Abriss der deutschen Bildungspolitik. Und macht deutlich: Es gibt großen Denk- und Handlungsbedarf.


Wir sind lernerfahren und leiderprobt. Wir sind zur Schule gegangen, hatten gute und schlechte Lehrer, später gute und schlechte Chefs, Dozenten oder Weiterbildungstrainer. Bildung: Wir wissen, wie es geht oder nicht gehen darf. Keiner kann uns etwas vormachen. Oder doch?

Vielleicht berührt uns das Thema Bildung auch deshalb sehr, weil wir selbst Eltern oder Großeltern sind und uns sorgen um Kinder und Enkel. Oder es lässt uns hochfahren, weil wir uns Gedanken machen um unser materielles Wohlergehen. Die globale Wohlstands- und Machtverschiebung zulasten des alten Westens ist schließlich auch unabhängig von Finanzmarkt- und Eurokrisen nicht mehr zu übersehen. Wir beginnen zu begreifen: Dieser Trend ist so schnell nicht umzukehren. Ohne veränderte Bildung, auch das dämmert uns, ohne permanentes gesellschaftliches und individuelles Lernen gibt es bald weniger Wohlstand, weniger Wachstum, weniger Lebensqualität - was immer damit im Einzelnen gemeint ist. Aber was genau sollen unsere Kinder und wir heute und in Zukunft lernen? Und wie? Und wer ist verantwortlich? Der Staat, die Unternehmen, wir selbst?

Bildung lässt uns nicht kalt. Und das ist gut so. Allerdings: Das war nicht immer so. Zumindest nicht so wie derzeit.

Rechnet sich nicht

Vor mehr als zwölf Jahren ging ich, damals noch als Programmchef des auf professionelle Aus- und Weiterbildung spezialisierten Wiesbadener Gabler Verlags, mit einem hochrangigen Vertreter einer renommierten Unternehmensberatung Mittagessen. Er wollte etwas von mir. Zuerst ein paar Höflichkeiten, aber noch während der Vorsuppe kam seine Frage: „What’s next?“ Übersetzt: Was ist das nächste große Thema in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik? Unternehmensberater wollen so etwas wissen, weil sie damit viel Geld verdienen.

Ich dachte nach und rief spontan: „Bildung!“ Vielleicht, weil ich mir das als spezialisierter Verleger wünschte. Vielleicht auch, weil ich - nach zuvor einigen Jahren im Ausland - in der Schweiz und Südostasien bessere Bildungsinstitutionen kennengelernt hatte als in Deutschland. Um ehrlich zu sein: Ich weiß nicht mehr wirklich, warum ich „Bildung“ sagte. Aber erinnere ich mich an das Gefühl, Richtiges benannt zu haben.

Wir diskutierten lange und intensiv, das Essen wurde kalt. Ich hatte keinen leichten Stand, denn mein Gegenüber führte gute Gegenargumente ins Feld. Die wichtigsten: Damit seien keine Wahlen zu gewinnen, die möglichen Erträge aus verbesserter Bildung lägen zu weit in der Zukunft. Außerdem brauche man für verbesserte Bildung in Schulen und Universitäten Ressourcen, und das Geld sei knapp. In den siebziger Jahren sei das anders gewesen. Frühkindliche Bildung und KITAs spielten übrigens gar keine Rolle in unserem Gespräch; die Kohl-Zeit war zwar vorbei, aber noch nahe. Außerdem würde die Globalisierung mehr Kosten- und Outsourcing-Druck für deutsche Unternehmen bringen, auch mehr Druck auf Frühverrentung, Weiterbildungsbudgets würden so eher heruntergefahren. Preisgünstige Chinesen, Inder etc. würden – da flexibler, billiger und mobiler – bald bereitstehen und nachgefragt.

All das leuchtete ein. Und in der Tat gab es damals keine wirkliche Bildungsdebatte. Dennoch blieb ich widerständig.

Dornröschens hektisches Erwachen

Seit diesem Gespräch ist viel passiert. Es fing harmlos an: Die immer neuen Rechtschreibreformen ließen Schüler, Lehrer und Eltern verzweifeln – und die Unternehmen gleich mit, müssen sie doch his heute mit den Konsequenzen dieses Desasters umgehen.

Dann überstürzten sich die Dinge: PISA stieß die Deutschen in Paranoia. Das überlegen geglaubte humanistisch inspirierte Humboldtsche Bildungsideal schien mit einem Mal muffig zu sein. Große Aufregung in Wissenschaft, Unternehmen, Elternschaft, Politik, Medien – bis hin zu den Boulevardmedien. Das Thema Bildung erwachte jäh aus seinem Dornröschenschlaf. Weniger geküsst, als vielmehr gerüttelt. Zahlen konnten nicht lügen (oder doch?): Sogar Finnen und Koreaner waren besser als unsere Schulen, als unsere Kinder, als ... wir. Die Chinesen und andere standen erkennbar ante portas, und dann das. Was jetzt? Aktionismus setzte ein. Sündenböcke wurden gesucht und gefunden: Die Lehrer sind schuld, nichts einfacher. Kürzlich auch noch nichtintegrationswillige Immigranten. Der „Kapitulation“ andeutende Begriff „bildungsferne Schichten“ wurde zum Alltagswort. Und: Die Schulsysteme wurden reformiert, gegenreformiert, dann gegengegenreformiert - von wechselnden Regierungen in fast allen Bundesländern, mit immer neuen, oft missverstandenen Forschern und Studien als Kronzeugen, manchmal gegen die (bürgerlichen) Eltern, mal mit ihnen.

Bei den Universitäten verstörte die Bologna-Reform die hehre Wissenschaft, genauso der geforderte vermehrte Praxisbezug an den Hochschulen. Studienqualität und Studiengebühren trieben die Studenten auf die Straße. Die CSU verlor vor allem wegen einer Schulreform (und ein bisschen wegen der Studiengebühren) ihre Alleinherrschaft in Bayern; Ole von Beusts Niederlage beim Volksbegehren zur dezenten Hamburger Schulreform mutet dagegen wie eine Fußnote an. Dass die sozialdemokratisch-grün (mit)regierten Länder bei vielen nationalen und internationalen Lerntests - so begrenzt aussagekräftig sie sein mögen - nicht gerade auf den Medaillenrängen zu finden sind, darf nicht vergessen werden. Politische Quittungen dafür könnten irgendwann kommen.

Wachrütteln überall – und weiterrütteln

Heinrich Heine würde heute texten: „Denk ich an deutsche Bildung in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht!“ Denn die Liste lässt sich endlos verlängern. Man denke an die durch jahrelange Selbstlähmung begründete Hilflosigkeit, mit der Staat und Unternehmen auf den sich demographisch verschärfenden Ingenieur- und Fachkräftemangel reagieren. Aufregung und Frustration rund um die Forderung nach „mehr Frauen in Top-Positionen“ - so unbedingt berechtigt sie ist - verweisen auf Ähnliches. Das gleiche gilt für die Frage des lebenslangen Lernens, wo die Praxis, etwa bei der Förderung Älterer, modernen Erkenntnissen etwa der modernen Neurowissenschaft weit hinterherhinkt - zulasten von Gesellschaft, Unternehmen und Betroffenen.

Oder man denke an die wenig erfolgreiche Reintegration von schwer vermittelbaren Langzeitarbeitslosen in die Arbeitswelt - die nicht nur Teilhabe bedeutet, sondern vor allem auch Lern- und Weiterentwicklungschance ist. Was läuft hier falsch? Das kleine Dänemark etwa, in dem für deutsche Verhältnisse schwindelerregend hohe Einkommenssteuern bezahlt werden, hat einerseits einen faktisch nicht existenten Kündigungsschutz - von Gewerkschaften und Unternehmen gleichermaßen gestützt. Zugleich übt der gut ausgestattete dänische Wohlfahrtsstaat bei Arbeitslosigkeit nach ersten großzügigen Hilfen schnell massiven Druck auf Arbeitslose aus. Und das mit Erfolg, wie stabil niedrige Arbeitslosigkeit, stetig wachsender Wohlstand und recht gleichmäßige Einkommensverteilung seit langem illustrieren. Man will keinen zurücklassen - und man tut es nicht. Als kleine offene Volkswirtschaft kann sich Dänemark diesen Luxus auch nicht leisten. Ökonomie und Gerechtigkeit - wenn man die laufende Teilhabe am produktiven Arbeitsleben so fassen will - fallen wie wunderbar zusammen. Das Resultat: Regelmäßig räumen unsere Nachbarn Spitzenplätze bei internationalen Glücks- und Zufriedenheitsvergleichen  ab. Modern gedachter sozialer Fortschritt kann schön aussehen. Warum schauen wir hier nicht einmal genauer hin, um von den Dänen zu lernen? (Studie der FES aus dem Jahr 2009: „Das Dänische Modell“)

Dornröschen muss weiter gerüttelt und wach gehalten werden. Denn es gibt nicht nur in allen Bildungsbereichen akuten, sondern andauernden Denk- und Handlungsbedarf. Dies umso mehr, als ökonomische und politische Machtverschiebungen die Welt weiter laufend verändern und unseren Wohlstand und unsere Lebensqualität, wie wir sie bislang verstehen, bedrohen.

Was also brauchen wir? Vermeintlich alte Fragen müssen neu gestellt werden. Neue Fragen müssen her. Ebenso wie neue Antworten und Ideen. Auch das Lernen von anderen Ländern tut not. Und wir müssen weg von ideologisch gefärbten Denkverboten. Vor allem aber brauchen wir rationale Debatten über Partei-, Kultusminister-, Unternehmens- und Disziplingrenzen der Wissenschaft hinweg. Natürlich ist das schwierig. Doch es gibt keine Alternative.  

Frische Gedanken und Debattenlinien könnten zum Beispiel bei neuen Visionen und Ansätzen für deren praktische Umsetzung beginnen.

Weiter zum nächsten Teil: Humboldt aktualisieren

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Neue Visionen für moderne Bildung 02: Humboldt aktualisieren

Neue Visionen für moderne Bildung 03: Ein deutscher Traum 




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