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Artikel von N. Laws

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Norman Laws

Norman Laws

arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Leuphana Universität Lüneburg und forscht im Bereich Nachhaltigkeit und Politik .

Führungsverantwortung für Nachhaltigkeit gesucht!

von Norman Laws am 18. Juli 2012

Nachhaltigkeit benötigt konkrete Umsetzung in allen Teilen der Gesellschaft. Als eine Lösung wird eine „Green Economy“ propagiert. Aber taugt sie wirklich als Lösung? Lehren aus dem Rio+20 Corporate Sustainability Forum.


Nachhaltigkeit ist mittlerweile als gesellschaftliches Ziel in Zivilgesellschaft, Wirtschaft und den Regierungen anerkannt. Dennoch kam eine Studie der Leuphana Universität Lüneburg im Auftrag des WWF im Juni 2012 zu der Schlussfolgerung, dass Nachhaltigkeitspolitik auf Bundesebene noch nicht den Stellenwert besitzt, der ihr aufgrund der Bedeutung des Themas und auch der Rhetorik der Bundesregierung eigentlich zukommen müsste.

Um dieses Mittelmaß zu beenden, lautete eine Handlungsempfehlung: "Führungsverantwortung übernehmen - Nachhaltigkeit ist Chefsache". Auf der UN Conference on Sustainable Development in Rio de Janeiro hätten viele Staats- und Regierungschefs diese Führungsverantwortung übernehmen können. Die Resultate sind allerdings enttäuschend. Bis auf die Integration der nachhaltigen Entwicklungsziele in die Millennium Development Goals bis 2015 wurden weder verbindliche noch ambitionierte Nachhaltigkeitsziele oder bindende Zeitpläne vereinbart. Und am Abschlusstag - dem 22. Juni 2012 - saß die deutsche Bundeskanzlerin auch lieber auf der Tribüne in Danzig, um sich die deutsche Fußballnationalmannschaft anzuschauen, anstatt Führungsverantwortung im Bereich der nachhaltigen Entwicklung zu demonstrieren.

Führungsverantwortung und Vorbildfunktion für nachhaltige Entwicklung wollte in Rio eine Gruppe demonstrieren, die für jede Art von gesellschaftlicher Entwicklung wichtig ist: die Unternehmen. Drei Tage lang fand im Rahmen von Rio+20 das Corporate Sustainability Forum des UN Global Compact statt. Gerade dort, wo sich Unternehmen präsentierten, die sich selbst eine Vorreiterstellung attestierten, konnte sich zeigen, wie groß der "Green Economy"-Beitrag für "The Future We Want" (so der Titel des Abschlussdokuments von Rio+20) tatsächlich sein kann.

Die Funktionsebene der Teilnehmer aus dem mittleren und gehobenen Management verwies auf die Bedeutung, die dem Thema "Green Economy" beigemessen wird. Vorstandsvorsitzende und Vize Präsidenten, referierten zu Nachhaltigkeitsaktivitäten und Zielen bei der Energieeffizienz oder dem Schutz von Biodiversität. Die Liste der Unternehmen reichte von AXA, Fujitsu, Pepsico und Siemens bis hin zur Santander Consumer Bank oder Wyndham.

Die zahlreichen Best-Practice-Beispiele ermöglichten, die Gründe der Teilnahme von Unternehmen am grünen Kapitalismus zu kategorisieren: Führungskräfte steuern Unternehmen aus persönlichem Engagement heraus in eine entsprechende Richtung; eine Verbesserung der Außendarstellung durch die Kommunikation mit Kunden und anderen Anspruchsgruppen macht es möglich, sich präventiv mit Kritik auseinanderzusetzen; verringerte Ressourcenverbräuche sparen Geld. Ein Unternehmen mit einem grünen Anstrich ist auch ein Unternehmen, mit dem sich Kunden besser identifizieren können. Die Kundenbindung und damit die potentiellen Verkäufe - so die Hoffnung - nehmen zu. Und da ist man dabei, worum es eigentlich geht.

Interesse an Gewinnen und der Ausweitung des eigenen Geschäftsfelds ist die Triebfeder - wenn man dabei auch noch Gutes tun kann, umso besser. Nicht umsonst lautete eine Veranstaltung ganz programmatisch: "Green Gold: Financing the Green Economy". Hier können Segmente von "Wirtschaft" also tatsächlich Triebkraft in eine bestimmte Richtung sein.

Aber es sind gerade die Dinge, über die nicht gesprochen wurde, die Auskunft über Prioritätensetzung "grüner" Unternehmen und ihr Schrittmacher-Potential geben. Der Zusammenhang von Nachhaltigkeit und Wachstumsparadigma des Kapitalismus wurde ebenso nicht diskutiert, wie eine Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld zwischen Kapitalismus und Nachhaltigkeit unterblieb. Verkaufen und Geld verdienen. Möglichst viel davon. Das ist Sinn und Zweck von Unternehmungen. Aber ist dieses "möglichst viel" an verkauften Produkten auch nachhaltig? Wenn ein Unternehmen zwar seinen ökologischen Fußabdruck reduzieren möchte, aber gleichzeitig seine Geschäftsaktivitäten und die Verkaufszahlen ausweitet, dann ist in der Summe unter Umständen nichts gewonnen und der erste positive Effekt des verminderten Ressourcenverbrauchs verpufft.

Dass (exponentielles) Wachstum und der Drang nach größerem Umsatz zwei der Triebfedern des kapitalistischen Wirtschaftssystems sind, bringt die Problematik mit sich, dass den Unternehmen ein Wort nicht in den Sinn kommt: Beschränkung. Das gilt gerade auch für die Finanzmärkte. Barbara Krumsiek (CEO von Calvert Investment, ein auf nachhaltige Investitionen spezialisiertes Investmentunternehmen, das 11,5 Mrd. US-$ an Anlagen verwaltet), die als eine der führenden Persönlichkeiten im Bereich der nachhaltigen Anlagen gilt, stellte klar: "An investor will not invest because it's nice and friendly, his only rationale is return on investment. It should be as high as possible." Und gerade an der möglichst hohen Return-on-Investment-Quote (RoI) zeigt sich, welche Rolle Finanzmärkte für das Wachstumsparadigma spielen. Und zwar ganz unabhängig davon, ob es um eher "grüne" oder konventionelle Investments geht. Die Forderung nach einem hohen RoI ist immer die Forderung nach höchsten Erträgen. Und hohe Erträge ergeben sich nicht aus Nicht-Verkäufen, sondern nur aus Verkäufen.

Eng damit verbunden ist die Frage der Zinsen und des Zinseszins. Das Aufsummieren von Zinsen bringt auch die Notwendigkeit, dass jemand sie "erarbeiten" muss, sie werden nicht im luftleeren Raum bedient. Es ist also zusätzliche wirtschaftliche Aktivität notwendig. Wenn man davon absieht, dass es auch eine politische Frage ist, wenn derjenige der Kapital verleiht, Macht über denjenigen gewinnt, der es leiht oder leihen muss, dann sind Zins und Zinseszins, ebenso wie der Fetisch der möglichst hohen Rendite, in ihrer grundsätzlichen Ausrichtung wenig nachhaltig. Sollte eine CO2- und auch sonst umweltverschmutzungsneutrale Wirtschaft mit einer 100%igen Recyclingquote und der Nichtüberschreitung der Biokapazität der Erde möglich sein, würde sich die Situation vielleicht anders darstellen. Aber solange wirtschaftliche Aktivität stoffliche Nutzung und Stoffeinträge in die Natur bedeuten, die über diese Grenzen hinausgehen, solange ist Fixierung auf Wachstum ein Problem. Das gilt erst recht, wenn man bedenkt, dass in den nächsten Jahrzehnten bis zu 3 Mrd. zusätzliche Menschen in die "Mittelschicht" mit den entsprechenden Konsumgewohnheiten aufsteigen könnten. Das Problem lässt sich daran illustrieren, dass bei einer verglobalisierten Lebensweise der Europäer bereits heute drei und bei einer der US-Amerikaner fünf Planeten benötigt würden, um die genutzte Biokapazität auszugleichen.

Diese entscheidenden Fragen werden also selbst in den Wirtschafts- und Finanzkreisen, die sich mit Nachhaltigkeit intensiv auseinandersetzen, nicht diskutiert. Ein Dialog mit der Wirtschaft zur Wachstumsfrage existiert nicht. Stattdessen geht es nur um Profit in einem neuen Sektor. Wenn aber erst die Logik des "Höher-Schneller-Weiter" die sozialen und ökologischen Probleme geschaffen hat, die sie nun plötzlich beheben soll, dann ist zumindest ein intensives Hinterfragen dieser Logik notwendig. Da allerdings versagt "Wirtschaft" bisher.

Hier ist unter anderem Politik als Initiator gefragt. Aber die sitzt manchmal scheinbar lieber auf der Tribüne und schaut zu.




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