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Artikel von K. Niewiedzial

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Katarina Niewiedzial

Katarina Niewiedzial

ist Politikwissenschaftlerin und war viele Jahre Geschäftsführerin des Berliner Think Tanks "Das Progressive Zentrum". 

Schlechte Zeiten für Wachstumskritiker?

von Katarina Niewiedzial am 14. Mai 2012


Derzeit gibt es zwei Wachstumsdiskurse in Deutschland und Europa, die nebeneinander existieren, ohne sich zu berühren. Die erste Debatte führen wir auch hier im Fortschrittsforum, dem Begleitprozess zur Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“. Es geht um ein neues, umfassendes Wachstumsverständnis, das sich nicht mehr ausschließlich am Bruttoinlandsprodukt orientiert: Wie können wir wirtschaftliche Effizienz, gerechte Lebenschancen und ökologische Nachhaltigkeit in Einklang bringen?

Die zweite Wachstumsdebatte ist ein Produkt der europäischen Krise. Die strikte Sparpolitik hat in vielen Ländern der Eurozone eine wirtschaftliche Abwärtsspirale ausgelöst – Firmenpleiten, extreme Arbeitslosigkeit und wachsende Wut auf die Politik sind die dramatischen Folgen. Wenig verwunderlich, dass in dieser Situation Rufe nach mehr Wachstum immer lauter werden, und zwar nicht nur aus Spanien oder Griechenland, sondern auch aus anderen europäischen Ländern. Mit der Wahl Francois Hollandes zum französischen Präsidenten ist es wahrscheinlich geworden, dass der Fiskalpakt, der die europäischen Länder zur Haushaltsdisziplin zwingen soll, um einen „Wachstumspakt“ ergänzt wird. Offen ist nur, wie dieser genau aussehen wird.

Angesichts der Rezession in Südeuropa ging die Veröffentlichung des neusten Berichtes vom Club of Rom Anfang Mai fast unter. Seine Autoren zeigen einmal mehr auf, wie zerstörerisch eine permanent wachsende Wirtschaft für Natur und Menschen sein kann. Aber anscheinend finden Wachstumskritiker nur in guten Zeiten Gehör. Wenn es ernst wird, richtet sich der Fokus sofort darauf, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Genau deshalb gehören politische Forderungen nach Wachstumsverzicht, um Ressourcen und Umwelt zu schonen, (noch) ins Reich der Utopie. 

Das Forschrittsforum leistet einen Beitrag dazu, die beiden Diskussionsstränge zusammenzubringen. Denn gerade in der Krise werden die Weichen gestellt für künftige Wachstumspfade. Wann, wenn nicht jetzt, sind Impulse für „qualitatives Wachstum“ möglich? Gute Konzepte liegen längst vor. Hochinteressant sind etwa Michael Dauderstädts Thesen dazu, unter welchen Bedingungen staatliche Umverteilung zu mehr Wachstum und Beschäftigung führen kann. Nicht weniger anregend ist Carlo C. Jaegers neues Buch „Wachstum  - wohin?“. Der Soziologe vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zeigt auf, dass durch die Energiewende nachhaltiges Wachstum entstehen und dieser Wachstumsschub zu einer gerechteren Gesellschaft führen kann. Von solchen Ansätzen sollten sich die EU-Mitgliedsstaaten inspirieren lassen, wenn es um die Ausarbeitung einer Wachstumsstrategie geht. Unbedingt zu vermeiden ist hingegen der Rückfall in alte Reflexe wie in Deutschland 2008: Damals versuchte die Große Koalition die Wirtschaft anzukurbeln, indem sie – unter anderem – den Kauf neuer Autos subventionierte.

„Nachhaltige Wirtschaft folgt der Grundidee, dass bleiben soll, was gut ist. Der Rest soll sich ändern. Den Rest müssen wir verändern.“ So beschreibt Günther Bachmann, Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung, die vor uns liegende Aufgabe. Dies ist ein gutes Credo auch für anstehende europäische Wachstumsinitiativen.

Herzlich,

Ihre Katarina Niewiedzial




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