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Artikel von B. Bielmeier

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Bernd Bielmeier

Bernd Bielmeier

verantwortet bei der Intel GmbH in Feldkirchen bei München die strategischen Initiativen im Geschäftsbereich EDUCATION.

Wissensarbeiter sind die Zukunft

von Bernd Bielmeier am 15. August 2012

Schule muss zum Ziel haben, die Nachhaltigkeit in der Wissensvermittlung zu steigern, hin zu „Wissenskompetenz“. Denn nur so sind Schüler fit für die Wissensgesellschaft von heute und kompetent für die Anforderungen von Morgen.


Heute lernen Schüler meist nur für die nächste Klassenarbeit mehr oder weniger auswendig und hinterher wird ein Großteil des Stoffes wieder vergessen; auch genannt "bulimisches Lernen". Gerade beim Übergang von der Grundschule zur Sekundarstufe I, aber auch beim Übergang zur Sekundarstufe II, hat das aktuelle Schulsystem so nur noch die Chance beim Schüler "träges Wissen" zu erzeugen. Durch eine Reihe neuer Fächer steigt die Anzahl der Leistungserhebungen und Tests innerhalb kurzer Zeiträume. Das Ergebnis: Die Schüler erleben ein Anreizsystem, in dem kurzfristiges Lernen für die nächste Prüfung belohnt wird. Viele haben keine Motivation, keine Zeit oder keine Möglichkeit, sich eigenes, anwendungsbereites Wissen zu erarbeiten.

Für das Lernen entscheidend sind aber Interesse und Leidenschaft. Wenn diese Grundvoraussetzungen nicht erfüllt sind, bleibt das angeeignete Wissen träge. Es ist zwar abrufbar bei der nächsten Prüfung und wird dort gegebenenfalls auch mit einer guten Note belohnt. Es ist aber nicht nachhaltig in den Köpfen verankert; es ist nicht anwendungsbereit.

Und anders als beim Erfolgsmodell Grundschule kommt erschwerend hinzu, dass die Lehrer für die neuen Fächer nur wenige Wochenstunden mit den Schülern verbringen. Daher können Sie diese in ihrer Individualität der Lernbedürfnisse gar nicht hinreichend kennenlernen und entsprechend darauf eingehen.

Der kompetente und kreative Umgang mit Wissen wird aber zunehmend zu einer wichtigen persönlichen Ressource. Um als Wissensarbeiter erfolgreich zu sein und an gesellschaftlichen Prozessen überhaupt teilhaben zu können, muss diese Ressource lebenslang ausgebaut werden. Die Grundlage dafür muss die Schule schaffen. Alle entwickelten Länder befinden sich auf dem Weg in die Wissensgesellschaft. Hier entscheidet die Zukunftsfähigkeit des Bildungswesens darüber, in welchem Maße Wertschöpfungspotentiale genutzt werden.

Die OECD zieht daher mit PISA die Konsequenzen: "Wissensarbeiter, das ist die Zukunft. ... Informationen analysieren, vergleichen, bewerten. Kreativ mit Informationen umgehen. Wissen in realitätsnahen Bezügen anwenden. Gedanken und Ideen wirkungsvoll mitteilen. Das ist in aller Kürze das 'Literacy'-Konzept, das hinter PISA steht." [A. Schleicher, PISA-Koordinator der OECD, Vortrag NRW 3/2003] Für die kommende PISA-Runde hat die OECD angekündigt, "Wissenskompetenz" zu testen.

 Die Modernisierung der schulischen Bildungssysteme muss daher folgende Ziele verfolgen:

Erstens - ein erweiterter Umgang mit Wissen. Das heißt zunehmend die Vermittlung von Kompetenzen zum aktiven Erwerb von nachhaltigem und anschlussfähigem Wissen. Zweitens - schülerzentriertes Lernen durch Individualisierung des Unterrichts.

Kompetenzen zum aktiven und nachhaltigen Wissenserwerb

Wissenskompetenz bedeutet, Schülerinnen und Schüler lernen, wie sie sich eigenverantwortlich, selbstorganisiert und vor allem verständnisvoll (also aktiv und strukturiert) Wissen aneignen können.

Was heißt hierbei eigenverantwortlich? Schüler fühlen sich bisher in der Schule überwiegend fremdbestimmt. Der Lehrer gibt vor, was und wie gelernt wird. Nachhaltiges Lernen über die nächste Prüfung hinaus - also nicht "auswendiglernen" - ist aber ein höchst individueller Prozess. Das heißt: jeder Schüler lernt nach seinen eigenen Lern- und Denkmustern. Daher brauchen wir individuelle Lernumgebungen um alle Potentiale zu entfalten.

Es spricht Vieles dafür, dass schon ab der Sekundarstufe II das selbstbestimmte Lernen im Vordergrund stehen muss. Der Lernende entscheidet weitgehend selbst, was er wann und auf welche Weise lernt. Er entwickelt Interessen und folgt diesen aus eigenem Antrieb. Diese Autonomie verlangt eine innere Motivation zum Lernen. Nur so gelingt es, den Schülern Lernstoff bedeutsam zu machen und damit Nachhaltigkeit zu erreichen. Dabei spielt auch die Selbstorganisation eine wesentliche Rolle. Denn individuell lernt man am besten im Team. Wir selbst wissen aus unserem ständigen Tun, dass wir Wissen und Erfahrungen gern teilen und diskutieren. Begeisterung entsteht in der heterogenen Gruppe, in der jeder gebraucht wird und jeder beteiligt ist. So wird Wissen geformt und gefestigt. Für den Lernenden wird das erarbeitete Wissen zum "eigenen Wissen" wenn man ihm die Chance gibt, seine eigene Struktur zu finden.

Wissenskompetenz ist die Schlüsselqualifikation für schulisches und lebenslanges Lernen. Schüler sollten daher, wenn sie die "Schule" verlassen mit einer wertvollen Sammlung anschlussfähigen Wissens und einem umfangreichen Werkzeugkasten an Kompetenzen ausgestattet sein.

Individualisierung des Unterrichts

Die Wertschöpfung, die aus Lernprozessen entsteht, wird durch die Qualität des individuellen Wissenserwerbs bestimmt. Das heißt: Je nachhaltiger die Lernergebnisse sein sollen, desto besser muss die Qualität des individuellen Lernprozesses sein.

Die Lehrer müssen also stärker auf die einzelnen Schüler eingehen können. Denn nur so können sie genau denjenigen Schülern mehr Aufmerksamkeit widmen, die ihre Hilfe in dem jeweiligen Moment brauchen. Schwache Schüler würden somit besser unterstützt und gute Schüler sich nicht mehr langweilen, sondern eigene, weiterführende Aufgaben erhalten. Zur erfolgreichen Umsetzung individualisierten Unterrichts sind heute bereits entscheidende Voraussetzungen erfüllt: Es liegen ausgereifte pädagogische Konzepte für die Individualisierung des Unterrichts vor. Für die Umsetzung bedarf es geeigneter Werkzeuge in Schülerhand: neben Buch, Heft und Stift sind das "digitale Lernwerkzeuge", also das eigene Notebook oder der TabletPC ausgestattet mit geeignete Lern- und Lehrprogrammen. Entsprechende Lernarrangements sind in der Praxis mit Erfolg erprobt und können nun in der Fläche umgesetzt werden. Auch bildungspolitisch wird dies weitestgehend unterstützt, eben weil man realisiert hat, dass die Motivation des Einzelnen nachhaltig steigt einhergehend mit besseren Lern- und Lehrergebnissen. Letztendlich steht mit zunehmend kostengünstigeren Notebooks und TabletPCs heute eine geeignete Hardware für die 1:1-Ausstattung aller Schülerinnen und Schüler in der Sekundarstufe zur Verfügung, die zum einen für die Lernenden attraktiv und zum anderen für den Schulträger und die Eltern finanzierbar ist.

Aber pädagogische Konzepte und digitale Unterrichtsmittel allein reichen nicht aus. Neben dem Werkzeugkasten für die Wissensarbeit der Schüler müssen auch die Lehrer entsprechend geschult werden und sich auf diesen Prozess einlassen. Denn nur so können wir den Schülern die notwendigen Kompetenzen vermitteln, die sie befähigen, sich auch in kurzer Zeit langfristig abrufbares Wissen individuell zu erarbeiten.

So können sie auch nach der nächsten Prüfung dieses Wissen abrufen und bei neuen Aufgabenstellungen anwenden und ausbauen; letztendlich ist das die Grundlage für Innovation und Kreativität, die wir so dringend benötigen im "Land der Ingenieure", in dem wir mangels anderer Bodenschätze mehr denn je angewiesen sind auf die klugen Köpfe unserer Kinder.




1 Kommentare:

M. Gamisch

M. Gamisch am 27. Oktober 2012 um 15:46 Uhr

Lieber Herr Bielmeier,

dass PCTablets und Notebooks in die Hand eines jeden Schülers/einer jeden Schülerin gehören sollen, mag Intel zu kommerziellen Erfolgen verhelfen, ob das essenziell für die Erlangung von sog. Wissenskompetenz ist, mag mir nicht einleuchten.

Wenn Sie schon derart auf selbstbestimmtes Lernen insistieren, dann sollten sie eines nicht vergessen: Selbstbestimmung ist an anspruchsvolle kulturelle wie kognitive Voraussetzungen gebunden. Das Vermögen, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, wie Kant es nannte, bedarf eines Reifungsprozesses, an dessen Ende die Entwicklung einer eigenen Identität unabhängig von der widerspruchslosen Unterordnung unter bestehende Autoritäten steht. Analog zum westlichen Zivilisationsprozess durchlaufen Schüler im besten Fall diesen Prozess. Wichtiger als PCTablets sind engagierte Pädagogen und Eltern sowie gesellschaftliche Gruppen, die die Herausbildung ich-starker Persönlichkeiten schützen.

Daraus folgt eine klare Prioritätensetzung in Hinsicht auf die Ausbildung von Lehrern und die Nachrangigkeit von PCTablets und Notebooks.

Letztere können im Gegenteil dazu führen, dass Schüler viel zu früh denkfaul wird, weil man ja schließlich alles bei wikipedia oder google sofort nachschauen kann, anstatt selbst zu denken. D.h. Ihre angespriesenen Tools haben auch ihre Tücken. Tücken, die nicht gleichermaßen auf Schulhefte oder Ähnliches zutreffen und ich habe hier nur einen wesentlichen Punkt genannt.

Entsprechend braucht ein Schüler auch erstmal eine gewisse Medienkompetenz, die mit der Benutzung solcher Tools einher gehen sollte.

Umgekehrt kann ich mir sehr wohl vorstellen, dass Menschen ohne Notebooks etc. zu dieser grundlegenden Wissenskompetenz gelangen können (sonst könnte man wohl sowas wie Notebooks auch gar nicht erzeugen).

Nichtsdestotrotz wird der Umgang mit digitalen Medien und Anwendungen immer wichtiger und daher ist die Benutzung von Notebooks etc. sinnvoll. Nicht aber mit dem Argument, dass ein notwendiges tool zur Erzeugung von Wissenskompetenz sei. Wenn Sie schon derart auf Individualisierung pochen, dann kann es ja durchaus sein, dass so mancher Schüler über andere Zugänge viel besser lernen kann, hm?