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Artikel von K. Niewiedzial und S. Schlebes

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Katarina Niewiedzial

Katarina Niewiedzial

ist Politikwissenschaftlerin und war viele Jahre Geschäftsführerin des Berliner Think Tanks "Das Progressive Zentrum". 

Sven Schlebes

Sven Schlebes

ist Geschäftsführender Gesellschafter der kulturellen Unternehmens­beratung Goldene Zeiten Berlin und Mitglied des Fortschrittsforums.

Was ist der deutsche Traum?

von Katarina Niewiedzial und Sven Schlebes am 21. März 2012

Auf der Suche nach dem deutschen Traum geht es um die Frage was nach dem Projekt: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot: Unterm Strich zähl eben ich!“ kommt. Wer hat Ideen?


Die Mehrheit der Deutschen wünscht sich ein gesichertes Leben mit allen Netzen und Systemen. Und das Milieuübergreifend. Noch siegt die maschinelle Vorstellung vom Leben, von der eigenen Biografie. Alles perfekt aufeinander abgestimmt. Das ist das Erbe der Vergangenheit: Alles unter Kontrolle. Keine Überraschung. Keine Störungen. Keine Ausschläge. Immer schön eine Stufe nach der anderen nach oben. Hauptsache: Die Kohle stimmt. Und die Ruhe im Lande.Und das Rentenprojekt.

Doch die Polkappen unseres Weltbildes schmelzen und der Golfstrom verändert seine Richtung. Langsam. Zu Beginn unsichtbar. Aber: Unaufhaltbar. Die Natur zeigt deutlich ihre eigenen Grenzen. Und damit die Grenzen der menschlichen Lebenswelt, der Kultur: Klimakrise. Rohstoffkrise. Energiekrise. Nahrungsmittelkrise. Artenvielfaltkrise. Und die Frage nach Sinn und Zweck unseres Handelns und Lebens kommt zurück: über die Sinnkrise.

Auf der Suche nach dem deutschen Traum geht es uns weniger um neue technische Errungenschaften, sondern um die Frage was nach dem Projekt: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot: Unterm Strich zähl eben ich!“ kommt.

Vielleicht geht es um eine Neudefinition des Beziehungsgeflechts des Menschen: neue Sozialtechniken, um miteinander in Berührung zu kommen; um den Kontakt zwischen Generationen, verschiedenen Milieus und den Geschlechtern nicht zu verlieren. Und um das Leben möglichst zutrauend, unterstützend, gerecht, mitnehmend und kollaborativ zu gestalten.

Wer hat Ideen? Wir veröffentlichen gerne Eure Kommentare dazu.




5 Kommentare:

W. Kemmler

W. Kemmler am 27. Mrz 2012 um 16:18 Uhr

Sicher ist die Mehrheit zunehmend mit dem privaten "Ich" beschäftigt, Familie, Arbeit, den Alltag bewältigen und gestalten, schon das erfordert Tatkraft jeden Morgen.
Die Beteiligungskultur (nicht nur bei Stuttgart 21), die auch beim Ehrenamt in Vereinen, Initiativen, sichtbar wird, beweist aber auch, dass es durchaus viele Menschen gibt, denen nicht nur die "eigene Kohle" das höchste Gut ist. Hier ist "Sinn" im eigenen Umfeld erlebbar. Was ich vermisse ist bei all dem Krisengerede: die visionäre (nationale ?) Perspektive über die "Krise" hinaus, durch die lokale Initiativen befördert werden (z.B. beim Thema Bildung & Generationenverständnis)


A. Siemoneit

A. Siemoneit am 31. Mrz 2012 um 19:40 Uhr

Ui, das ist aber schwierig. Das ist in etwa so, als wenn Sie Soldaten mitten auf dem Schlachtfeld nach ihren persönlichen Zukunftsplänen befragen ...
Könnte es sein, dass bereits die Frage nach dem "Sinn" das Problem umreißt? Ich habe das Gefühl, dass das Bestreben von Millionen von modernen Menschen, ihrem Leben einen "tieferen" Sinn zu geben, etwas "aufzubauen" und - schlimmer noch - der Nachwelt, den Kindern, den Nachfolgern ... etwas zu "hinterlassen", eine der Ursachen der heutigen Misere ist. Reine Egopflege.
Der Sinn des Lebens ist - "Leben". Einfach so. Für sich und mit anderen, wenig Aufhebens, noch weniger hinterlassen. Wenn schon vervollkommnen, dann den eigenen Geist und den eigenen Körper, lesen, kochen, singen, lachen, tanzen - und alles andere möglichst (ver)schonen. Klingt für den Mainstream sicherlich zu mönchisch und ist für den Kapitalismus nicht konsumfreudig genug. Aber ich habe mittlerweile viel vom Glauben an die Zukunftsfähigkeit der Moderne verloren.
Herzliche Grüße
Andreas Siemoneit


W. Hörner

W. Hörner am 02. April 2012 um 18:19 Uhr

Naja, eigentlich sind es mehrere Themen, wiewohl alles irgendwie miteinander verknüpft ist.
Daß das Umweltbewußtsein mal ausgeprägter gewesen ist, ist nicht zu leugnen. Schon 1973
gab es Proteste gegen das AKW in Wyhl. Und danach viel Literatur, wie etwa "Das Prinzip Veranwortung" (Hans Jonas), "Ende oder Wende" (Erhard Eppler), "Vor uns die Sintflut" (Hans Pestalozzi) oder auch Erich Fromms "Haben oder Sein", womit wir dann beim Sinn wären. Fromm empfahl Verbot von Werbung, was dann auch im Parteiprogramm der neuen Partei "Die Grünen" zu lesen war. Denn Werbung erzieht zum Konsum, der ja auch süchtig machen kann. Desweiteren wäre vielleicht eine Entschleunigung unseres Alltags, mehr Achtsamkeit auf die Umwelt vonnöten und vor allen Dingen Lebenssicherheit für die Menschen. Wenn sie diese nicht haben, sitzt ihnen das Hemd näher als der Rock und sie müssen erstmal daran denken, wie sie aus ihrem Dilemma rauskommen. Können sie ein von Existenzängsten befreites Leben führen, kommt dann vielleicht das ökologische Bewußtsein wieder stärker zum Vorschein.


S. Schlebes

S. Schlebes am 03. April 2012 um 19:04 Uhr

Guten Abend, zusammen. Vielen Dank für Ihre Rückmeldungen. Die Frage nach dem sogenannten "deutschen Traum", die wir da gestellt haben, versteht sich in der Tat als "kollektiver Traum" der in Deutschland lebenden Menschen. Analog zum amerikanischen Traum: "Vom Tellerwäscher zum Millionär." Wir fragen seit Beginn des Fortschrittforums viele Menschen. Jeder reagiert auf diese Frage ganz anders. Die meisten lehnen sie kollektiv ab oder weichen aus. So wird es schwer, einen verbindenden Traum dieser "Familie" zu finden. Da ich vom Lebensstil Herrn Simoneidt sehr gut verstehen kann, möchte ich vor allem eines hinzufügen. So habe ich lange Zeit auch gedacht. Bis dann unsere Tochter zur Welt kam. Und klar: Ich bin aktuell noch ihr Vorbild - singen, tanzen, lachen, kochen. Alles gut. Aber: Mir wird schlagartig klar, dass ich selbst auch sehr gut gebildet worden bin. Und das sind Webfäden, die älter sind als 2.500 Jahre. Ich bin auf ein Klostergymnasium gegangen. Erbaut von Menschen, gelebt von Menschen. Ebenso die Universität. Alles Produkte von Generationen über Generationen. Selbst mein Rechner, mit dem ich gerade diesen Text tippe: Alles das Ergebnis von Generationenarbeit. Die Nahrungskette. Die Infrastruktur. Das Krankenhaus. Die Polizei. Ich selbst bin Teil dieses Bandes. Und auf einmal erscheint mir das "bloße Kochen usw." dann auf einmal als reines Egospiel. Auf hohem Niveau. Weil viele Menschen und Lebewesen, tod und lebendig, dafür gesorgt haben, dass ich heute so leben kann. Und so ist der Sinn an sich auf einmal eine berechtigte Frage. Und er kann nicht nur individuell beantwortet werden. Das greift viel zu kurz. Denn ich bin immer noch Teil eines größeren Organismus, und das eben auch auf der Zeitachse. Die Frage ist doch aus meiner Sicht, warum in den meisten Menschen die Frage laut wird. Was ruft denn da? Meiner Meinung nach ist es die Leere, hervorgerufen durch das Verlorensein im Irgendwas. Eine fehlende Anbindung. Das Ergebnis des totalen Auf-Sich-Geworfen-Seins ohne links und rechts, vorher und nachher. Und da entdecken sie: In der Tat sich selbst. Als jämmerliche Kreatur. Wer macht schon Frieden mit sich? So dass er mit Freuden anderen ein guter Freund werden kann für die Freundschaft an sich und eben sich selbst und den nächsten? Es ist die fehlende Verbundenheit in alle Richtungen, die die Sinnfrage hervorruft. Interessant: Alle Migranten, die wir fragten, sehnten sich vordergründig nach "Einheit" (hintergründig nach wertschätzter Eigenständigkeit: "Be proud of yourself and: Respect!"). Und auch die "urdeutschen" Milieus betonen immer wieder das Zusammengehörigkeitsgefühl. Bis hin zu uns sog. "digital natives" (so bezeichnen wir uns selbst übrigens nie...) Aber es ist gar nicht da. Dieses Wir. Das ist die größte Selbstlüge. Ich sehe nirgendwo ein Wir. Immer nur ein ICH. Aber ein falsches ICH. Ängstlich. Und die zweite Kernerkenntnis unserer Umfragen: Die in Deutschland lebenden Menschen sehen sich nach einem abgesichterten Leben. Ohne Schwankungen, ohne Risiken. Leben safe, dahinplätschernd und light. Aber mit maximalen Fun und Respekt und Anerkennung usw. Da frage ich mich ganz ehrlich: "Was soll daraus für eine Kraft kommen?" Wir hoffen, dass dem nicht so ist und haben daher diese Frage gestellt. Und wir hoffen auf viele Widerworte. Schöne Grüße in den Abend: Sven Schlebes


W. Hörner

W. Hörner am 05. April 2012 um 13:48 Uhr

Da hatte ich wohl das Thema verfehlt, denn ich bezog mich bei meinem Kommentar auf den besitzorientierten Egoismus einerseits und der Umweltzerstörung andererseits.

Der amerikanische Traum "vom Tellerwäscher zum Millionär" suggeriert, daß jeder, wenn er nur wolle, nach oben kommen könnte. Ob die typische amerikanische Mittelschicht diesem Traum nachhängt, bezweifle ich. In den USA ist das Sicherheitsdenken wahrscheinlich nicht so ausgeprägt und wer einmal scheitert, dem wird wieder eine Chance gegeben.
Ich meine, daß überall auf der Welt die große Mehrzahl der Menschen finanziell abgesichert sein möchte.
Ob es einen "kollektiven Traum" geben kann? Jeder Mensch ist sowohl Individuum als auch Sozialwesen.
Ein "Wir" als eine Einheit von einer großen Anzahl von Menschen kann es m.E. nicht geben.
In Deutschland wurde das "Wir"-Gefühl in den letzten Jahren aufgrund der sozialen Spaltung künstlich erzeugt, um eine Identifikation zu stiften, was bei den letzten Fußball-Weltmeisterschaften ganz deutlich wurde. Plötzlich sprachen Reporter oder auch Co-Kommentatoren in der ersten statt in der dritten Person.
Ob eine Kraft, die durch den Selbsterhaltungstrieb kommt, stärker ist als eine solche, die aufgrund sozialer Sicherheit entsteht? Ich weiß es nicht.
Viele Grüße
W. Hörner