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Artikel von J. Schadendorf

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Jens Schadendorf

Jens Schadendorf

politischer Ökonom, Betriebswirt und lange Buchverleger, arbeitet als selbständiger Berater für große und mittelständische Unternehmen und ist spezialisiert auf die Themen Management, Lernen, Kultur und Wirtschaftsbücher.

Humboldt aktualisieren

von Jens Schadendorf am 07. Dezember 2011

Jens Schadendorf präsentiert im zweiten Teil seine Vision für moderne Bildung und Bildungspolitik. Es geht um die Erfindung eines post-humboldtschen Ideals und die Idee eines lernenden Bildungsgemeinwesens.


Das an den Werten der Aufklärung orientierte humboldtsche Bildungsideal gab hierzulande seit Anfang des 19. Jahrhunderts erst zart und dann stärker die grundlegenden Impulse für Organisation und Inhalte von Schule, Lehre und Forschung. Wilhelm von Humboldt selbst fasste die seinem Ideal zugrundeliegende Logik so zusammen: „Es gibt schlechterdings gewisse Kenntnisse, die allgemein sein müssen, und noch mehr eine gewisse Bildung der Gesinnungen und des Charakters, die keinem fehlen darf. Jeder ist offenbar nur dann guter Handwerker, Kaufmann, Soldat und Geschäftsmann, wenn er an sich und ohne Hinsicht auf seinen besonderen Beruf ein guter, anständiger, seinem Stande nach aufgeklärter Mensch und Bürger ist.“ Seine Prinzipien wirkten nach dem Zweiten Weltkrieg lange mit großem Gewinn in die aufstrebende Wirtschaft und eine sich demokratisierende Gesellschaft hinein.

Doch genügen diese Prinzipien heute? Globalisierung, Wohlstandsbedrohung und größer werdende Einkommensdisparitäten zeigen: Humboldt muss überdacht und weiterentwickelt werden.

Viele Formen von Begabungen und Fähigkeiten

Wie aber könnte ein modernes Bildungsideal aussehen? Es müsste das Bewährte im Auge behalten, etwa mit Blick auf die weiterhin zu fördernde Entwicklung von reflektierten, selbständig denkenden und handelnden Persönlichkeiten. Daneben aber müsste es neue, zeitgemäße Orientierungspunkte bieten – zum Beispiel mit Blick auf das Erkennen und die Förderung von vielgestaltigen, d. h. nicht nur klassisch geistigen, sondern auch praktischen und anderen Begabungen und Fähigkeiten. Und warum sollte man ein modernes Lehr- und Lernideal nicht gleich auf alle relevanten Bereiche beziehen, von der frühkindlichen über die schulische und universitäre bis hin zur Erwachsenen- und betrieblichen Bildung?

Die Weiterentwicklung der Forschung, etwa bei Howard Gardner mit seiner Theorie der multiplen Intelligenzen, liefert hier interessante Anregungen. Gardner sieht dabei  nicht nur die vertraute „logisch-mathematische“ Intelligenz als relevant für Förderung, Entwicklung und Lebenserfolg an, sondern beschreibt sieben weitere Begabungen: die sprachlich-linguistische, die bildlich-räumliche, die musikalisch-rhythmische, die körperlich-kinästhetische, die naturalistische, die intrapersonale und die interpersonale oder soziale Intelligenz. Erfolgreicher Unternehmer beispielsweise kann man ohne interpersonale Begabungen und dort ansetzende Lernprozesse und Weiterentwicklungen kaum werden. Auch erfolgreiche Handwerkerkarrieren – etwa als Koch, Bäcker oder Schreiner – sind ohne bestimmte körperliche Intelligenzen und dort ansetzende Förderung schwer vorstellbar.

Später ergänzt Gardner als neunte Begabungsform die existentielle oder spirituelle Intelligenz. In Gesellschaften wie der unseren mit ihrem vermehrtem „Sinn-Bedarf“ über alle Generationen hinweg und ihrem vermehrtem Bedarf an professioneller Begleitung älterer, auch schwerkranker Menschen könnten spirituell begabte Menschen eine wertvolle zugleich moralische und ökonomische Ressource darstellen.

Die Implikationen einer via Gardner veränderten Begabungs- und Förderungslinse für Ideal, Lernorganisation und Inhalte in allen Bildungsbereichen, von der kindlichen bis hin zur betrieblichen und Erwachsenenbildung, dürften weitreichend sein. Vor allem aber könnten sie gesellschaftlich und für den Einzelnen fruchtbar sein.

Lernen von anderen

Wie genau aber könnte ein neues, post-humboldtsches Bildungsideal entwickelt werden? Von wem und in welcher Form könnte dabei gelernt werden? Eben nicht nur von der Wissenschaft, sondern auch von der praktischen Erfahrung in anderen Ländern, etwa in Nordeuropa oder Ostasien.

Im seit PISA gepriesenen Lernwunderland Finnland zum Beispiel steht der Lehrerberuf in der sozialen Statushierarchie weit oben, trotz nicht gerade großzügiger Bezahlung. Nachhaltig gedachtes Lehren und Lernen ist dort gesellschaftlich offenkundig wichtiger als schnelles Geld auf Kosten langfristiger Chancen. Leben und geben wir das „Falsche“ vor? Warum tun wir das und in welche Richtung könnte man das wie ändern? Wie können wir es schaffen, dass die Besten im Sinne der Geeignetsten Erzieher, Lehrer, Dozenten oder Weiterbildner werden? Wie müssten wir gesellschaftliche Diskurse und konkrete Lerninhalte ändern, wie könnte der Staat nachhaltig wirksame Anreize setzen?

Permanente Weiterbildungen zu modernen Lehr- und Lernmethoden, auch im Ausland, oder Experimentierfreudigkeit sind in Finnland oder auch in Dänemark ebenso Selbstverständlichkeiten wie der Anspruch, jeden Schüler - aus moralischen und zugleich aus ökonomischen  Gründen - mitzunehmen und zu fördern. Was auch bei uns so ähnlich auf dem Papier stehen könnte, wird bei den nördlichen Nachbarn offenkundig praktisch gelebt. Wie erklärt sich diese Differenz, und wie lässt sie sich überwinden?

Ein anderes Beispiel: Das südkoreanische Bildungsministerium steckt bis 2015 1,4 Milliarden Euro in die Digitalisierung der Schulen. Zunächst sollen herkömmliche und digitale Schulbücher parallel zum Einsatz kommen, um nach und nach nur noch mithilfe von E-Books zu unterrichten. Kinder aus ärmeren  Familien sollen dafür kostenlos Tablet-PCs erhalten. Neben den Inhalten der bisherigen Schulbücher sollen auch andere Inhalte integriert werden, etwa Multimedia-Dateien und so genannte FAQs („Frequently Asked Questions“). Für den erleichterten Zugang will die Regierung in Seoul ein Cloud-Computing-System schaffen, und sie will die Schulen mit WLAN ausstatten.

Sind wir mutig genug, moderne Informations- und Kommunikationstechnologien für neue Lernformen zu nutzen? Wäre so etwas wie in Südkorea auch bei uns möglich, unter welchen Bedingungen, und wie könnten wir diese Idee couragiert und zugleich verantwortungsbewusst weiterentwickeln? Könnte man bei der Nutzung moderner Informations- und Kommunikationstechnologie in Lehre und Lernen, in Wissenschaft, Verwaltung und Unternehmen gar internationales Vorbild  werden? Warum eigentlich nicht, denn internationales Vorbild war das Humboldtsche Bildungsideal früher auch einmal.

Doch auch von kleinen „Bildungsunternehmern“ hierzulande ist zu lernen – bei den Hochschulen zum Beispiel von der interdisziplinär, erfahrungsorientiert und nicht-Mathematik-fixiert Wirtschaftswissenschaft lehrenden Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Viele dieser „Kleinen am Rande“ sind heute deutlich weiter als das Bildungsestablishment. Wie gelingt es, diese erkennbar erfolgreichen Randideen in die Mitte zu holen? Und was können wir von ihnen für ein breit wirkendes zeitgemäßes Bildungsideal lernen?

Unternehmen zuhören

Damit nicht genug. Wir müssen auch diskutieren, welche Rolle die Wirtschaft in diesem Prozess spielen kann. Keine Frage: Unternehmensbedürfnisse sind zu berücksichtigen, ohne das gleich als kruden Ökonomismus zu verteufeln. Das Wissen ist auf viele verteilt, auch auf Unternehmen. Wer weiß, wie sich gerade etwa mittelständische Unternehmer für ihr lokales, regionales und nationales Gemeinwesen interessieren und engagieren, wie sie zuhören und lernwillig sind, wie sie neue Wege gehen, um nachhaltig zu erfolgreich zu sein, wie sie fairen Ausgleich mit ihren Arbeitnehmern suchen und ihnen Lernmöglichkeiten eröffnen, der wird auch bei ihnen eine wertvolle Ressource für ein neues Denken und Handeln in Sachen Bildung entdecken. Mehr noch: Wer das und Ähnliches nicht sehen und hören will, wird die Bildungs- und Wohlstandsprobleme verschärfen.

Wie schließlich könnte ein Prozess stimuliert werden, um die praktischen Lernstrukturen, -prozesse und -inhalte in allen Bildungsbereichen dem neuen post-humboldtschen Bildungsideal allmählich anzunähern? Vermutlich sollte man bei dieser Frage angesichts permanenten rasanten Wandels nicht (mehr) in Großentwürfen denken. Es empfiehlt sich eher eine Orientierung an den Zielkategorien eines kontinuierlich lernenden Gemeinwesens der kleinen Schritte. Warum könnten wir nicht anfangen, Lernen als einen unseren höchsten Werte und die Gesellschaft von dorther betrachtet neu als Lern- und Bildungsgemeinwesen zu begreifen?

Da technologische, ökonomische und soziale Innovationen, die Wohlstand und Lebensqualität mitentscheidend prägen, von schnellen und anhaltenden Lernprozessen abhängen, ist es kein Kann, sondern ein Muss, die sozialen Leitbilder und Ziele auch mit Blick auf das Bildungsthema neu zu diskutieren.

Weiter zum nächsten Teil: Ein deutscher Traum

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Neue Visionen für moderne Bildung 01: Was kommt nach dem Dornröschenschlaf?

Neue Visionen für moderne Bildung 03: Ein deutscher Traum 




3 Kommentare:

S. Schlebes

S. Schlebes am 08. Dezember 2011 um 21:40 Uhr

Sehr geehrter Herr Schadendorf,
ein wunderbarer Aufschlag. Für mich ist eine Frage zentral: Was mache ich mit der alten "Mitte-Elite"?
Die neue Lernkultur ist geprägt von einem Miteinander, einer ständigen Cokreation und einem sehr wachen Aufmerksamskeitsgeist. Das sind aber Techniken bzw. Anteile eines Selbstverständnisses, das mal nicht soeben gelernt werden kann. Wir sprechen doch schon seit vielen Jahren über diese Themen. Die lernende Organisation ist seit 20 Jahren Dauerthema von umherwandernden Powerpointpropheten in Unternehmen. Ändert sich etwas? Langsam, sehr langsam.
Menschen, die einmal anders aufgewachsen sind, ändern sich nicht so einfach mit. Und schon gar nicht, wenn sie "in Position" sind. Wer will schon von den "Rand-Eliten" lernen? Wer tritt freiwillig zurück und gibt zu: "Ich habe noch viel zu lernen?" Das neue "Lernen" wird kommen. Meine jungen Kolleginnen und Kollegen sind mir in vielen Lerndingen meilenweit voraus. Eines allerdings können wir noch weitergeben: Das dauerhafte Dranbleiben an einer Sache. Also: Wir können für die Beständigkeit sorgen, aber die Richtung müssten die Jüngeren vorlegen, die schon von ihrer Wirklichkeitswahrnehmung verändert aufgewachsen sind.

Frage: Wie bekomme ich den Elitenswitch hin? Und wann beginnen wir endlich über diese Frage zu diskutieren? Denn genau darum geht es. Für die einen ist die Zeit vorne für eine unbestimmte Zeit abgelaufen. Und für die anderen hat sie begonnen.


J. Schadendorf

J. Schadendorf am 10. Dezember 2011 um 19:06 Uhr

Danke sehr, lieber Sven Schlepes, für diesen Kommentar.
Mehrere Punkte, ich muss etwas ausholen:
1) Soziale Phänomene in modernen Gesellschaften wie den unseren sind immer komplex - in Unternehmen, in Organisationen, im öffentlichen Raum, auch das Lernen dort, ob von Eliten oder Nicht-Eliten.
2) Diese Komplexität wird oft übersehen, und wenn sie benannt wird, wird nicht verstanden, was sie bedeutet und wie damit umzugehen ist.
3) U.a. bedeutet sie, dass wir in den seltensten Fällen klare Ursache-Wirkungsbeziehungen haben. Noch dazu sind einfache Wirkungsbeziehungen nicht übertragbar, weil kontextuell gebunden. Und diese Kontexte wiederum können sehr unterschiedlich aussehen. Wenn wir also von Lernen und moderner Bildung sprechen, heißt das für mich zunächst, dass wir diese Komplexität anerkennen und verstehen müssen. Was trivial klingt, ist es in Wirklichkeit und bezogen auf konkrete Situationen - etwa in Unternehmen oder in der politischen Öffentlichkeit - keinesfalls. Denn es bedeutet, dass auch Lernen anders stattfinden und auf anderes als bislang ausgerichtet sein muss (Post-Humboldt). So könnten die Fähigkeit gefördert werden, mit komplexen komplexen Situationen auch wirklich umzugehen und damit der Versuchung widerstanden werden, sie etwa auf eindimensionale, im Zweifel verführerisch klare Powerpointpräsentationen (von der Sie sprechen) zu reduzieren. Geschieht nämlich das, werden zwar durch die scheinbaren Ursache-Wirkungsklarheiten kurzfristig Ängste besänftigt, aber es werden zugleich kurzfristig Problemlösungsmöglichkeiten ermordet - die langfristig von großem Nutzen sein könnten.
4) Ein Problem dabei ist, dass unser Denken sich dahingehend entwickelt hat, dass wir Klarheit wünschen, ohne in der Lage zu sein, auch die Komplexität in vielem zu sehen, die eben auch zu einer Situation gehört. Das Ergebnis ist ein sich selbst verstärkender Prozess: Weil sich die Betroffenen - Manager, Mitarbeiter, Bürger - Klarheit wünschen, kriegen sie sie auch. Und weil sie sie kriegen und nur noch die, sehen sie auch nichts mehr anderes. Oder wenn sie noch etwas anderes sehen, trauen sie sich nicht, etwas anderes anzustoßen ... weil die dann zum Randgeschöpf werden.
5) Aber es gibt, denke ich, begründete Hoffnung. Allerdings kommt auch ein neues Lernen und eine moderne Bildung nicht über Revolutionen, sondern braucht reden, überzeugen, diskutieren. Und man muss der Vereinfachung wiederstehen - weil gerade in der Komplexität die guten Lösungen verborgen sind.
6) Im Gegensatz zu zu Ihnen denke ich auch, dass sich Menschen beim Umgang mit wichtigen Themen nachhaltig ändern können. Mehr und schneller als man denkt. Ich habe lange in der Schweiz gelebt, studiert und gearbeitet. Dieser vermeintlich konservative kleine Land - erst 1971 übrigens wurde dort das Wahlrecht für Frauen auf Bundesebene eingeführt - hat sich in den letzten fünfzehn Jahren bei aller Kontinuität gesellschaftlich, ökonomisch und politisch dramatisch verändert. Zum Guten, wie ich finde. Das Element der Volksabstimmung ist bei all dem nicht hoch genug zu rühmen. Partizipation und Lernprozesse, je so organisiert, dass sie festgemacht werden am konkreten Erfahrungen - z.B. in der Schweiz beim Thema Europa, wo individiuelle Nutzendiskussionen ab 1992 zu einer immensen Liberalisierung geführt haben - sind meiner Ansicht nach eng miteinander verknüpft.
Oder schauen Sie sich Dänemark an. Vor zwanzig Jahren hat niemand vom dänischen Modell gesprochen.
7) Es geht nicht nur um "Eliten" - was auch immer das im Einzelnen ist -, sondern auch um uns selbst. Klar, die in Ämtern sind, wollen sie oft nicht hergeben. Die Beharungskräfte sind stark - übrigens sind sie nicht immer schlecht.
Aber - immer sind modernisierende Änderungen möglich, bei uns gab es sie seit dem 2. Weltkrieg auch zuhauf. Viele dieser Änderungen sind von "Eliten" angestoßen worden sein. Sie taten es nur, weil sie sich auch Wählerstimmen versprachen. Was war zuerst da: Der Druck der Wähler, oder der elitäre Genius?
Und: Die Eliten haben sich geändert ... siehe Atomausstieg u.v.a. - und das gar nicht mal so langsam.
Also: mehr Hoffnung bitte! Sie ist begründet.
8) Schließlich: Das Lernen Ihrer jüngeren Kollegen ist nicht zu unterschätzen, aber: Ihre, unsere Sicht ist eine andere, vermutlich eine, die - zumindest potentiell - über langjähriges soziales Lernen auch Komplexitäten zu erfassen in der Lage ist.

Noch Fragen? Oder Antworten?


S. Schlebes

S. Schlebes am 11. Dezember 2011 um 00:42 Uhr

Keine weiteren Fragen, euer Ehren.
Ihnen einen schönen dritten Advent!