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Artikel von S. Neiman

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Bequemlichkeit ist was für Realisten

von Susan Neiman am 17. April 2012

Wer heute über Fortschritt spricht, wird oft nur belächelt. Dabei geht es nicht um Wunschdenken, sondern um Mut zur Hoffnung und den Glaube an die menschliche Vernunft. Um erwachsenen Idealismus also.


Vieles spricht dafür, das Werk Immanuel Kants als Quelle fortschrittlicher Politik zu betrachten. Er vermittelt uns einen Vorgeschmack auf internationales Recht, auf die Vereinten Nationen wie auch auf die Sozialdemokratie. Doch keine dieser Ideen ist so bedeutend wie seine Idee von der Idee selbst, denn ohne diese grundlegende Metaphysik lässt sich jede Forderung nach Veränderung als utopische Fantasie abtun. Solange Ideen über das Mögliche von Ideen über das Wirkliche begrenzt werden, hat keine andere Idee eine Chance. Jeder Vorschlag für eine Veränderung wird sich dem konservativen Kopfschütteln ausgesetzt sehen.

Manchmal hört man folgenden Satz: Freiheit und Gleichheit mögen ja theoretisch ganz nett sein, doch die harten Tatsachen der Erfahrung zeigen, dass sie nicht praktikabel sind. Schon 1793 spießte Kant dieses Klischee auf, nämlich in dem Aufsatz: „Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis.“ Damit stellt er die Behauptungen der Empiristen auf den Kopf. Natürlich widerstreiten Vernunftideen den Behauptungen der Erfahrung. Dazu sind Ideen ja da. Ideale sind nicht daran messbar, ob sie der Realität entsprechen; die Realität wird danach beurteilt, inwieweit sie den Idealen gerecht wird. Aufgabe der Vernunft ist es sicherzustellen, dass die Erfahrung nicht das letzte Wort hat – und sie soll uns dazu antreiben, den Horizont unserer Erfahrung zu erweitern, indem sie uns Ideen liefert, denen die Erfahrung gehorchen soll. Wenn viele von uns es tun, wird es auch so sein.

Der erwachsene Idealismus verlangt, dass wir unsere Zerrissenheit erkennen: Die Kluft zwischen dem, wie die Dinge sind, und dem, wie sie sein sollen, wird nie ganz verschwinden. Ich gebe zu: Diese Haltung garantiert lebenslängliche Unzufriedenheit. Es kostet viel weniger Kraft, sich ganz von Idealen zu verabschieden. Wenn man meint, eine Welt ohne Ungerechtigkeit sei ein kindischer Wunschtraum, dann ist man nicht verpflichtet, sich dafür einzusetzen. So gesehen ist Realismus eine Form der Trägheit – und wer sehnt sich manchmal nicht danach?

Es gibt aber auch eine andere Art und Weise, dem erwachsenen Idealismus zu entfliehen, unter anderem eine kindische: starr an Ideen festzuhalten, unbekümmert darum, was in der Welt als gegeben vorgeht. (Die Tragödie des Kommunismus liefert dafür genügend Beispiele.)

Die Aufklärung verteidigen 

Es geht hier nicht um Nuancen: Die Aufklärung ist nicht nur komplexer als die Karikaturen, die heute von ihr in Umlauf sind, sie ist ihnen zumeist diametral entgegengesetzt. Wir brauchen nicht einmal Gelehrte, um die Karikaturen infrage zu stellen: Eine Taschenbuchausgabe von Voltaires Candide genügt, um zu sehen, dass die wichtigsten Einwände gegen die Aufklärung aus dem Herzen der Aufklärung selbst stammen. Hier wird jedem Leser klar, dass die Aufklärung gegen die Klischees angeht: Sie hielt weder die menschliche Natur für vollkommen noch den Fortschritt für zwangsläufig, weder die Vernunft für unbegrenzt, noch die Wissenschaft für unfehlbar und sah in der Technik nicht die Lösung für alle zukünftigen Probleme. Warum man trotzdem auf den Karikaturen beharrt, ist eine wichtige Frage, auf die ich hier nicht eingehen kann. Aber: Wenn die Aufklärung nicht derart schwache Grundsätze aufstellt, woran liegt ihr dann?

Die Aufklärung verteidigen heißt die Moderne verteidigen – samt ihren Möglichkeiten zur Selbstkritik und Veränderung. Solche Möglichkeiten bieten uns weder einen Rückfall in die vormoderne Nostalgie (früher war ja alles besser, heute sind wir dekadent), noch das Achselzucken der Postmoderne (auch Dekadenz sei eine Kategorie wie jede andere, die wir schon demaskiert haben). Der Vormoderne nachtrauern, die Postmoderne gähnend begrüßen, die Moderne fortführen: Sollte es eine vierte Möglichkeit geben, bin ich gern bereit, darüber nachzudenken. Bis jetzt bekam ich keinen Vorschlag.

Einer der zentralen Werte der Aufklärung ist die Hoffnung – nicht zu verwechseln mit dem Optimismus, der so deutlich im Candide verworfen wurde. Optimismus ist eine Verkennung der Tatsachen; Hoffnung zielt darauf, Tatsachen zu ändern. Um festzustellen, ob es in irgendeiner Richtung Fortschritte gegeben hat, müssen wir den Ausgangspunkt im Blick halten. Dies versuchten die Philosophen der Moderne mit Spekulationen über den Naturzustand des Menschen. Zwei Möglichkeiten werden zwei Philosophen zugeschrieben: Hobbes steht für die Meinung, der Naturzustand sei ein permanenter Krieg aller gegen alle, Rousseau für die Meinung, im Naturzustand sei alles bestens zugegangen. Dass keiner der beiden Philosophen eine so simple Position vertritt, ist weniger wichtig als die Tatsache, dass die Alternative bis heute so dargestellt wird, meist mit der Bemerkung, Hobbes’ Weltbild sei realistisch, Rousseaus’ utopisch. Noch wichtiger ist die Tatsache, dass kein Glied der Alternative beweisbar ist, allen Versuchen der Evolutionsbiologen zum Trotz. Lange bevor Levi-Strauss vergeblich versuchte, Rousseaus Weltbild im Amazonas-Gebiet zu bestätigen, hatte Rousseau schon erkannt: Unsere Spekulationen über den Naturzustand sind Projektionen und Propaganda. Möchte man eine autoritäre Regierungsform durchsetzen, überzeugt man am besten seine Mitbürger davon, dass die Menschen sich natürlich abschlachten würden, wenn kein starker Führer das verhindert. Möchte man eine soziale Demokratie an die Macht bringen, wird man auf jedes Beispiel für natürliche Kooperation hinweisen. Belege dafür, dass uns die Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden, angeboren ist, liefern inzwischen Disziplinen wie die Primatenforschung, aber auch die Kinderpsychologie und die Neurowissenschaften. Wir haben das Zeug dazu, uns anständig zu verhalten. Dass wir auch Unheil anrichten können, steht in jeder Zeitung. Statt vergebliche Versuche anzustellen, die Wahrheit über den Naturzustand herauszufinden, schlägt Rousseau radikale Aufrichtigkeit vor: Unsere Vorstellungen vom Naturzustand sind Werkzeuge, mit denen wir die Zukunft gestalten. An welcher Zukunft wollen wir arbeiten?

Fortschritt wird gemacht 

Und nun kommt die Frage, die interessanter ist, als alle Fragen, die nicht zu beantworten sind: Wenn die Fähigkeit zum Guten so klar ist wie die Fähigkeit zum Bösen, warum zieht uns dann letztere mehr an? Pessimismus ist Mode. Früher waren es die Konservativen, die die Armut der Welt und die Schlechtigkeit der Menschen betonten, und das war nur konsequent. Heute sind auch Menschen, die zum sogenannten fortschrittlichen politischen Lager gehören, nicht mehr bereit, das Wort Fortschritt in den Mund zu nehmen – jedenfalls nicht ohne Gänsefüßchen. Kurioserweise ist der Begriff von Fortschritt, der in vielen Köpfen spukt, von den Neoliberalen übernommen, für die Fortschritt uneingeschränktes ökonomisches und technologisches Wachstum ist. Wenn das unter Fortschritt verstanden wird, wen wundert es dann, dass Fortschritt als etwas Schlechtes betrachtet wird. Der Aufklärung ging es vornehmlich um moralischen Fortschritt. Wirtschaftliches und technisches Wachstum können als Mittel zur Bekämpfung von Armut und Krankheit dazu beitragen, galten aber nie als Ziele an sich. Dass angeblicher Fortschritt nicht immer echten Fortschritt brachte, ist unbestreitbar, aber kein Argument dafür, dass Fortschritt unmöglich ist. Die moralischen Fortschritte, die die Aufklärung brachte, von der Abschaffung der Folter und der Sklaverei bis hin zur Einführung der Ideen von Bürger- und Menschenrechten, sind offensichtlich. Und die Tatsache, dass es heute möglich ist, Menschenrechte zu verletzen und Folter wieder einzuführen, beweist nur eins: Fortschritt ist nicht unvermeidlich, sondern liegt in Menschenhänden. Warum wehren wir uns dagegen?

Wenn wir weder das Wesen der Menschen noch ihre Zukunft kennen können, sollten wir jene Auffassung wählen, die sie mit größerer Wahrscheinlichkeit besser gestalten wird. Die Erbsünde eröffnet keine Aussichten außer Verzweiflung oder Gnade. Wenn wir handeln sollen, müssen wir wenigstens glauben, dass die Menschheit imstande ist, sich selbst zu verbessern. Das ist kein Wunschdenken, denn es geht um die Bedingung der Möglichkeit von Moral selbst. Dies nennt Kant Vernunftglauben. Doch selbst Kant wusste, dass die schlichte Überzeugung, Fortschritt sei möglich, nicht immer ausreicht, um uns daran festzuhalten. Irgendwann braucht man ein Zeichen, das uns zeigt, dass Fortschritt nicht nur möglich ist, sondern ab und zu auch geschieht. Sein Zeichen war so minimalistisch, dass es jeden Vorwurf von Fortschrittsglauben Lügen straft – nicht die Französische Revolution selbst, sondern die Hoffnung, die unbeteiligte Beobachter angesichts der Revolution schöpften, war ihm ein Zeichen dafür, dass die Menschheit fähig ist, sich zu verbessern. Das ist ziemlich wenig, aber Kant hat sich ja selber als Melancholiker bezeichnet.

Mut zum Fortschritt

Hoffnung als Wert zu verstehen bedeutet, dass sie nicht einfach gegeben ist, sondern errungen werden muss. Wie die Welt vor zwei Jahren auf die Wahl Obamas reagiert hat, erinnert mich an Kants Darstellung, wie die Französische Revolution aufgenommen wurde: Was immer am Ende herauskommen wird, die Hoffnung, mit der die Menschen auf der ganzen Welt das Ereignis begrüßten, war ein Beleg dafür, dass wir zu moralischem Fortschritt imstande sind. Heute, zwei Jahre später, scheinen uns die Habgier der Großkonzerne, die Dummheit und ein Hauch von Rassismus schließlich doch auf die schlimmsten Seiten der menschlichen Natur zu stoßen. Ich verhehle mir keineswegs, dass Hoffnung einem nicht in den Schoß fällt – so wenig wie ich mir verhehle, dass Resignation uns nur Rückschritte einbringen wird. Diese Wahlen sollten uns daran erinnern, welch ein Wunder die Präsidentschaft Obamas ist: Als ich schon sehr früh begann, mich in seiner Wahlkampagne zu engagieren, sagte mir jeder meiner Bekannten, Amerika würde niemals einen Schwarzen wählen – oder ihn ermorden, bevor er sein Amt antreten könnte. Wenn wir unsere Strategien überdenken wollen, damit dieses Versprechen nicht leer bleibt, müssen wir anerkennen, dass wir bereits etwas erreicht haben, was die Welt vor zwei Jahren noch für undenkbar hielt.

Denn Zeichen des Fortschrittes sind nicht zum Ausruhen, sondern zum Anfeuern da – die schlechten Nachrichten kennen wir ohnehin. Warum fühlen wir uns so wohl, wenn wir sie aufzählen? Ohne Zweifel ist das eine Art von Selbstschutz: Idealisten werden ihr Leben lang enttäuscht werden, Pessimisten dagegen nur erfreulich überrascht. Idealisten wird Bequemlichkeit und Schönfärberei vorgeworfen, in Wahrheit ist die Haltung alles andere als leicht. Die Trägheit der selbsternannten Realisten lässt den Verdacht aufkommen, dass sie es eigentlich sind, die auf Bequemlichkeit abzielen.

Wenn ich Diskussionen erlebe, bei denen gebildete Menschen herumnuscheln, wenn nach Idealen oder nach Fortschritt gefragt wird, fällt mir ihre Ängstlichkeit auf – nicht die Angst vor der Vereinfachung oder vor dem Missbrauch solcher Begriffe, denn davor sind gebildete Menschen ja geschützt. Die Angst ist primitiver – man fürchtet sich eher davor, ausgelacht zu werden. Die Angst vor Peinlichkeit sollte uns eigentlich selbst peinlich sein – zumal sie am häufigsten bei Jugendlichen zu finden ist, die nichts mehr fürchten, als von ihren Kumpels als naiv bezeichnet zu werden. 

Es ist ein Geist der Angst, aber auch der Enttäuschung – doch muss noch wirklich betont werden, dass sich moralische Erklärungen, wie alles, was wir wirklich brauchen, auf jede erdenkliche Weise missbrauchen lassen? Dies zu lernen, gehört zum Erwachsenwerden. Aber ohne die Sprache der Moral sind wir nicht einmal in der Lage, die Welt zu verstehen – geschweige denn, sie zu verändern.

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Dieser Text ist zunächst erschienen in: Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte, 5/2011. 




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