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Artikel von U. Schneidewind

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Uwe Schneidewind

Uwe Schneidewind

ist Präsident und wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie und Sachverständiger der Enquete-Kommission

Auf dem Weg in die resiliente Gesellschaft

von Uwe Schneidewind am 04. Januar 2012

Resilienz meint die Fähigkeit von Gesellschaften, sich Wandel anzupassen. Soziale und kulturelle Innovationen werden hierbei die entscheidende Rolle spielen. Denn sie ermöglichen Teilhabe und fördern globales Lernen. Ein Plädoyer für ein neues Leitbild.


Ob „Occupy Wall Street“ oder der Widerstand gegen Stuttgart 21: Im Grundtenor ähneln sich die Protestbewegungen dieser Tage. „So wie bisher kann es nicht einfach weitergehen“, lautet die gemeinsame Botschaft. In der Tat: Die alten Fortschrittsversprechen laufen ins Leere. Neue Technologien und neue Infrastruktur vermitteln nicht mehr die Gewissheit, dass sie die Gesellschaft wirklich voranbringen. In Umfragen verneint weit über die Hälfte der Bevölkerung die Aussage, das eigene Leben verbessere sich, wenn die Wirtschaft floriert. Der Protest gegen die Banken ist da nur die Spitze des Eisbergs einer Unzufriedenheit, die in der Mitte der Gesellschaft anzutreffen ist.



Jedoch: Bei aller Skepsis gegenüber bisherigen Fortschrittskonzepten ist man schnell ziemlich hilflos, wenn es darum geht, Alternativen zu beschreiben. Genau deshalb gerät eine solche Haltung leicht unter den Verdacht der „Fortschrittsfeindlichkeit“. In Wirklichkeit öffnen die aktuellen Debatten um Wachstum, Wohlstand und nachhaltige Entwicklung erste Türen für eine Fortschrittskonzeption, die die technologische Verengung hinter sich lässt. 



Im ersten Moment erfüllt einen die Vorstellung mit Sorge, dass die wirtschaftliche Entwicklung nicht mehr so linear voranschreiten kann wie in den vergangenen fünfzig Jahren. Erst auf den zweiten Blick führt sie zu interessanten Fragen: Wie muss eine Gesellschaft aussehen, die in der Lage ist, genauso produktiv zu schrumpfen wie zu wachsen? Lässt sich auf Gesellschaften übertragen, was wir individuell als äußerst wertvoll erfahren, nämlich Phasen der Expansion und der Begrenzung, die eine Persönlichkeit im Laufe der Zeit reifen lassen? Wo liegen die Vorteile einer kleiner, älter und damit auch langsamer werdenden Gesellschaft? Verbinden sich mit alldem nicht hoch interessante neue Lösungsstrategien im Hinblick auf die aktuellen Klagen über Überlastung und unproduktive Beschleunigung?



Angesichts dieser Leitfragen ergibt sich das Bild einer „resilienten Gesellschaft“, das heißt einer Gesellschaft, die auch in immer turbulenteren Zeiten über genügend Pufferungs- und Anpassungsfähigkeit verfügt und dabei ihr soziales Kapital stärkt. Eine solche Vision hat eine entscheidende Implikation: Die Antworten auf die skizzierten Fragen sind nur selten technologische, sondern häufig kulturelle, soziale und institutionelle Innovationen.



Lernen von Indien und Kopenhagen



Gerade soziale und institutionelle Innovationen besitzen gegenüber technologischen Neuerungen einige handfeste Vorteile: Erstens sind sie weit weniger kapitalintensiv als technologische Innovationen. Die Veränderungen von Lebensgewohnheiten oder neue Organisationsformen des sozialen Zusammenlebens können auch in Gesellschaften organisiert werden, die nicht über unbegrenzt wachsendes Kapital verfügen.



Zweitens ermöglichen soziale Innovationen breite Teilhabe. Technologische Innovationen sind meistens auf kapitalkräftige Unternehmen und ein hoch spezialisiertes Forschungssystem angewiesen. Damit steht dieser Innovationspfad nur bestimmten Teilen der Welt offen. Hinzu kommt, dass ein kleiner Kreis von Akteuren die Innovationsrichtung bestimmt. Hingegen können soziale Innovationen in der gesamten Gesellschaft ausgelöst und in die Tat umgesetzt werden. Nachbarschaftsinitiativen oder das Engagement in einer „Erneuerbare-Energie-Region“ stehen der Ärztin genauso offen wie dem pensionierten Schreinermeister oder der engagierten Schülerin. Auf diese Weise lässt sich das kreative Potenzial einer Gesellschaft noch sehr viel effektiver nutzen als heute. 



Drittens eröffnen soziale Innovationen eine neue Perspektive globalen Lernens auf gleicher Augenhöhe. Wir können von der vegetarischen Kultur Indiens ebenso lernen wie von der Mobilitätskultur im fahrradfreundlichen Kopenhagen. Während heutige Hightech-Strategien häufig einer engen nationalen Wettbewerbslogik unterliegen und das Gefälle zwischen technologisch fortgeschrittenen Regionen und dem Rest der Welt zusätzlich verstärken, ist der Austausch von Kulturen und Lebensstilen eine Frage der Offenheit und Neugierde.



Das Plädoyer für mehr soziale und institutionelle Innovationen ist keine Kampfansage an technologische Neuerungen. Vielmehr geht es um das richtige Gleichgewicht sowie geeignete Formen der „Einbettung“ technologischer Innovationen. Beispiele wie der Aufbau von Erneuerbare-Energie-Regionen oder das Car-Sharing veranschaulichen diesen Punkt: In beiden Fällen spielen technologische Entwicklungen durchaus eine Rolle, etwa bei der dezentralen regenerativen, gut gesteuerten Energieversorgung oder beim ausgeklügelten, internet-basierten Car-Sharing-System. Das Entscheidende aber ist die Einbettung der Technologien in neue Nutzungsmuster und soziale Zusammenhänge. Dazu gehört die Motivation, in einer Kommune, die ihre Energie vollständig aus erneuerbaren Energieträgern beziehen will, dem Selbstversorgungsziel durch konsequente Energieeinsparungen schneller näher zu kommen. Oder der Anreiz, sich beim Car-Sharing sehr genau zu überlegen, wann ein Weg mit dem Auto zurückgelegt wird.



Auch soziale Innovationen müssen ausprobiert und kontinuierlich weiterentwickelt werden, damit erfolgreiche Ansätze identifiziert werden können. So wie neue Technologien in Laboren und Werkstätten entstehen, bedarf es für soziale Innovationen „Reallabore“, etwa in Form von Stadtteilen oder ganzen Städten. Andere soziale Innovationen müssen auf Länder- und Bundesebene initiiert werden, zum Beispiel wenn es um neue institutionelle Lösungen geht. Man denke nur an den deutschen Exportschlager des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). 



Wie schaffen wir fahrradfreundliche Kommunen? Wie nehmen wir die Bevölkerung mit auf dem Weg hin zu einer hundertprozentig erneuerbaren Energieversorgung? Wie tragen wir dazu bei, dass sich innovative Ansätze für mehr vegetarische Ernährung verbreiten? Wie organisieren wir das Mehr-Generationen-Wohnen in unserer Stadt? Für all diese Felder existieren zwar viele interessante Einzelbeispiele, aber wir sind weit davon entfernt, diese Innovationen in der notwendigen Weise systematisch weiterzuentwickeln und wissenschaftlich voranzutreiben. 



Das fünfte Handy macht nicht glücklich



Dieses Problem zeigt sich auch in der aktuellen Forschungspolitik. Das gerade verabschiedete Energieforschungsprogramm bis zum Jahr 2014 sieht Forschungsgelder in Höhe von mehr als vier Milliarden Euro vor. Gerade einmal ein Prozent (!) davon fließt in soziale und gesellschaftsbezogene Forschung, der Rest ist ausschließlich für technologische Forschung reserviert. Zwecks Gestaltung einer resilienten Gesellschaft braucht es auch in dieser Hinsicht eine Umorientierung.



Wer glaubt, eine „wachstums-resiliente“ Gesellschaft – also eine Gesellschaft, die kein Wirtschaftswachstum mehr braucht – sei eine erstarrende Gesellschaft, der irrt. Wir wachsen nicht am dritten Fernsehapparat und am fünften Handy. Wir wachsen an Kreativität und Teilhabe, wie sie in sozialen und kulturellen Innovationen zum Ausdruck kommen. Das zeigen auch die jüngsten Umfragen der OECD: Bildung macht glücklich und erhöht das soziale Kapital – unabhängig von den damit verbundenen materiellen Effekten. Nun kommt es darauf an, die Chancen für eine soziale, kulturelle und institutionelle Innovationsoffensive jenseits allen Technologieoptimismus stärker zu nutzen.

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Dieser Text ist zuerst erschienen in: Berliner Republik, das Debattenmagazin, 5/2011.




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