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Artikel von J. Behringer

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Jeannette Behringer

Jeannette Behringer

leitet das Ressort Gesellschaftsethik des Evangelischen Tagungs- und Studienzentrums in Boldern und ist Mitglied des Fortschrittsforums. 

Abschied vom Standardlebenslauf

von Jeannette Behringer am 11. Januar 2012

Welche Ziele verfolgt Bildung? Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt? Jeannette Behringer schlägt vor, unseren Blick weg von Standardlebensläufen auf tatsächliche Mündigkeit zu richten. Als Grundlage für Teilhabe und sozialen Wohlstand.


Die Frage, welche Ziele „Bildung“ heute verfolgen soll, was sie „leisten“ soll, ist eine politische Frage. Deren Beantwortung hängt ab von der Vorstellung eines oft „hinterlegten“ Menschenbildes und einer ebenso wenig, oft wenig sichtbaren, Vorstellung von einer idealen Gesellschaft. Soll Bildung die Menschen „fit“ machen für den Arbeitsmarkt? Soll sie sie unabhängig machen in ihrer Meinungsbildung, in ihrem Entscheiden? Soll sie sie dazu befähigen, an gesellschaftlichen Bewegungen und Prozessen teilzunehmen, diese gar zu gestalten? Oder sollen Menschen heute als wandelnde Lexika durch die Welt gehen?

Der Schlüssel zur Beantwortung dieser Fragen scheint mir in miteinander zusammenhängen Dingen zu liegen: Wenn Menschen sich willkommen, gebraucht und ermutigt fühlen, sei es in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz oder in der Gemeinde, mit ihren je eigenen Fähigkeiten, ihren Ideen und Möglichkeiten, Verhältnisse mit zu gestalten, werden sie dies in hohem Maße tun. Eine Bildung, die Menschen in ihrer Individualität fördert, ist eine Bildung, die Zeit und Ressourcen zur Verfügung stellt: für die Entdeckung eigener Stärken und Schwächen und auch der Akzeptanz dieser. Sie bedeutet einen Abschied von zu sehr einengenden Normen und „Standardlebensläufen“. Sie stellt Zeit und Ressourcen zur Verfügung für das Erlernen fairer Auseinandersetzungen mit Anderen, mit anderen Positionen und Werten. Sie ermutigt, sich einzumischen. Sie verlangt das friedliche Auseinandersetzen mit Anforderungen, mit Wissensbeständen, mit unbequemen Wahrheiten und ungerechten Erlebnissen. Diese Mündigkeit gilt nicht nur für Schülerinnen und Schüler, sondern für alle, seien es Bürgerinnen und Bürger, Manager, oder Hausmänner. Sie muss ein Leben lang gelernt und immer wieder neu erprobt werden können. Räume des Lernens müssen daher von Beginn an für alle zugänglich sein – dezentral, mit sozial fairen Kosten versehen, mit einem anspruchsvollen, aber an den Menschen orientierten Zielen, aber vor allem mit genügend und einem entsprechend ausgebildeten Personal.

Wer an sich glauben darf, stellt sich den Herausforderungen des Lebens – im eigenen Haus, in der Gemeinde, am Arbeitsplatz und in der Auseinandersetzung mit dieser globalen Welt. So entsteht Wohlstand nicht nur monetär – sondern auch sozial und politisch.




1 Kommentare:

S. Schlebes

S. Schlebes am 11. Januar 2012 um 15:57 Uhr

Liebe Frau Dr. Behringer,
super - genau auf den Punkt getroffen. Aber werden sich die Menschen von der Vergleichbarkeit verabschieden? Den Normen? Es geht den meisten Menschen doch wirklich nur um Rankings - und dafür müssen wir vergleichbar sein. Sonst macht das keinen Sinn. Wobei das sowieso ja keinen Sinn macht. Das Vergleichen - wie die Glücksforschung sagt. Ihr Vorschlag macht Mut für eine wirkliche, weil innere Individualisierung. Ich kenne aber kaum Menschen, die den Mut dafür aufbringen. Viele bleiben bei der sozial zugesichterten Individualität stehen. Meistens ausdifferenziert über kaufbare Insignien.
Mut zur Freiheit - keine wirkliche Tugend der Deutschen. Denn Freiheit ist in unserem Fall (Europa) aktuell eine innere Freiheit und keine sozial systemisch zugesicherte. Denn dann wäre ich ja wieder nicht stark. Sondern systemisch gedulded. Der Elternkind-Status geht weiter. Und der Reifeprozess bleibt stehen.