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Artikel von J. Strasser

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Johano Strasser

Johano Strasser

ist Präsident des deutschen P.E.N.-Zentrums und Mitglied im Fortschrittsforum.

Zur „Neuen Kultur der Arbeit“ - Teil II

von Johano Strasser am 08. Dezember 2011

Im zweiten Teil seiner Thesen skizziert Johano Strasser die Zukunft der Arbeit. Erwerbsarbeit könnte gerechter verteilt werden und sie könnte weniger Lebenszeit einnehmen. Diese neue Humanisierung der Arbeitswelt schafft Räume der Selbsttätigkeit. Für alle.


5. Auch bezüglich der These, dass Bildung der Schlüssel zur Vollbeschäftigung sei, ist Skepsis angebracht. Zwar ist es aus vielerlei Gründen sinnvoll, mehr in Bildung zu investieren, vor allem Kinder aus bildungsfernen Milieus in Ganztagsschulen und durch längeres gemeinsames Lernen zu fördern. Zwar wäre es wünschenswert, wenn endlich begriffen würde, dass Bildung und Qualifikation nicht dasselbe sind und eine möglichst breite Grundbildung unter Einschluss der geisteswissenschaftlichen und musischen Fächer (inkl. Sport)  die beste Lebensvorbereitung darstellt. Aber da die ständige Ausweitung des gesellschaftlichen Erwerbsarbeitsvolumens nicht gelingen kann, kann auch Bildung nicht der Schlüssel zur Vollbeschäftigung sein. Eine isolierte Strategie der Bildungsförderung würde allenfalls zu einer Höherqualifizierung der Arbeitslosen führen. Auch hier zwingt sich die Erkenntnis auf: Es geht nicht ohne Arbeitszeitverkürzung.

6. Ein Blick in die fernere Zukunft kann helfen zu verstehen, warum die alten und neuen Patentantworten nicht mehr stimmen: Welche Arbeit bleibt übrig, wenn Rationalisierung und Automation fortschreiten? Vermutlich werden auf lange Sicht – jedenfalls im Marktsektor - alle Arbeiten automatisiert, in denen die Arbeitsvollzüge vollständig definiert und berechnet werden können. Übrig bleibt dann als von Menschen zu verrichtende Arbeit vor allem das, was nicht automatisiert werden kann; und das ist nicht wenig: leitende und beratende Tätigkeiten in Wirtschaft und Verwaltung, Marketing und Werbung, ein Teil der handwerklichen und bäuerlichen Arbeiten, künstlerische Produktion, Erfinden, Planen, Entwickeln, Warten, personenbezogene Dienstleistungen, Kommunizieren, Motivieren, Lernprozesse organisieren, schöpferisch sein, mit Menschen umgehen, sich kümmern, trösten, pflegen - alles das, was Maschinen nun einmal nicht können.

Alle diese Tätigkeiten sind ihrer Natur nach personalintensiv, nicht geeignet für Rationalisierung und Automation. Daher gelten sie heute als übermäßig kostspielig. Aber die üblichen Einsparstrategien führen hier nicht zu mehr Effizienz, sondern zur Minderung oder zur Pervertierung der Leistung. Die Ersetzung des Lehrers durch den Computer, die Ersetzung der Pflegerin durch den Monitor, die Ersetzung des Gemeindepfarrers durch das Wort zum Sonntag im Fernsehen pervertiert die betreffende Dienstleistung, statt sie effektiver zu machen.

In unserem System der sozialen Sicherung tragen die personenbezogenen und anderen nichtrationalisierbaren Dienstleistungen, eben weil sie personalintensiv sind, proportional weitaus mehr zur Finanzierung der Sozialleistungen bei als der hochrationalisierte Sektor. Denn die Sozialabgaben berechnen sich nach der Zahl der Beschäftigten, bzw. nach der Lohnsumme. Das führt dazu, dass der Teil der Arbeit, der auch in Zukunft von Menschen zu verrichten sein wird,  heute schlicht nicht wettbewerbsfähig ist, wenn es darum geht, wer sich durch Steigerung der Arbeits- und Kapitalproduktivität welchen Anteil an den gesellschaftlich erarbeiteten Finanzmitteln sichert. Rationalisierung und Automation im Maschinensektor, und wachsender Kostendruck im Sektor menschlicher Arbeit lassen - wenn alles so bleibt, wie es ist, trotz der trügerischen Entspannung, die uns vom Arbeitsmarkt gemeldet wurde und auch ohne weitere Finanzkrisen - die Arbeitslosigkeit weiter steigen.

Es gibt nur einen Ausweg: Die steuer- und finanzpolitische Privilegierung des Maschinensektors muss beendet, die Wertschöpfung in diesem Sektor stärker als bisher zur Finanzierung jener Aufgaben herangezogen werden, die nur mit menschlicher Arbeit geleistet werden können. Nur so kann auch durch Investitionen in Gesundheit, Pflege, Bildung und Forschung der große und wachsende Bedarf an personenbezogenen Dienstleistungen gedeckt werden; nur so kann auch die wachsende Binnennachfrage entstehen, die auch der Maschinensektor braucht, um seine Produkte abzusetzen. Denn auch das wissen wir: Maschinen kaufen keine maschinengefertigten Produkte!

7. Wer nach der Zukunft der Arbeit fragt, muß also zunächst die Frage nach der Arbeit der Zukunft beantworten. Statt weiter den kruden Fortschrittsvorstellungen des 19. Jahrhunderts zu folgen und an der Privilegierung der Maschinenarbeit festzuhalten,  sollten wir die geradezu utopischen Möglichkeiten nutzen, die Rationalisierung und Automation eröffnen, zumal wenn sie, wie das heute zumeist der Fall ist, mit einer effektiveren Nutzung von Energie und Stoffen einhergehen. Einmal ergeben sich bisher nicht für möglich gehaltene Chancen der Entlastung von fremdbestimmter und belastender Arbeit und der Mehrung frei verfügbarer Zeit für alle und damit zugleich wachsende Chancen der demokratischen Beteiligung in allen gesellschaftlichen Bereichen; zum anderen ist der Typus der Arbeit, der lebensnotwendig ist und nicht wegrationalisiert werden kann, in der Regel menschlich anspruchsvoller: er eröffnet zumeist größere Möglichkeiten der Sinnstiftung und bietet intrinsische Gratifikationen, die weit über das hinausgehen, was die klassische Industrie- und Büroarbeit gemeinhin zu bieten hatte. Eine wirklich moderne, an den Bedürfnissen der Menschen und nicht an der Kapitalverwertung orientierte Dienstleistungsgesellschaft könnte befriedigende und humane Arbeitsmöglichkeiten für alle bieten, und zwar auch für die, die nicht die höheren Weihen des Bildungssystems erhalten haben.

Eine solche Vision schließt an die Vorstellungen der Befreiung der Arbeit an, die die Marxschen Frühschriften durchzieht. Sie geht über die bloße Befreiung von der Arbeit, die freilich dazu gehört, hinaus. Es wäre zu wünschen, dass die Gewerkschaften und die SPD, das was in den 70er Jahren unter der Überschrift Humanisierung der Arbeit und in den 80ern in der Perspektive einer arbeitnehmerorientierten Zeitsouveränität diskutiert wurde, bezogen auf die Bedingungen der postfordistischen und postindustriellen Arbeitswelt heute weiterentwickelten und dieses Feld nicht denen überlassen, die nur die Verwertungsinteressen des Kapitals im Auge haben. Neue kommunikations-, organisations- und produktionstechnische Verfahren eröffnen heute – jedenfalls im Prinzip - ungeahnte Möglichkeiten, die Arbeitswelt nach den Lebensansprüchen der Arbeitenden zu gestalten. Sie können freilich nur realisiert werden, wenn die einseitige Macht des Kapitals durch eine Weiterentwicklung der Mitbestimmung der Arbeitenden und durch gesetzliche Initiativen gebrochen wird.

8. Wir stehen in der Mitte Europas an der Schwelle zu einer neuen Arbeitsgesellschaft, in der die Erwerbsarbeit gerechter verteilt und humaner gestaltet werden kann, in der sie aber insgesamt einen geringeren Teil der Lebenszeit einnimmt. Die Moderne, die bisher in imponierender Weise das menschliche Können gesteigert und damit den Raum der Handlungs- und Genussmöglichkeiten erweitert hat, ist jetzt an dem Punkt angelangt, wo die Frage in den Vordergrund tritt, was die Menschen mit ihren erweiterten Möglichkeiten anfangen sollen. Selektiver Konsum nach Maßgabe eines frei gewählten Selbstbildes und zivilgesellschaftliche Eigentätigkeit können bei weiterer Reduzierung der Erwerbsarbeitszeiten einen größeren Raum einnehmen, die Lasten der Familienarbeit können gerechter verteilt und der Eigenarbeit neue Chancen eröffnet werden.

Gleichzeitig treten durch die Krise der herkömmlichen Wachstumsstrategie Verteilungsfragen wieder in den Vordergrund. Eine Gesellschaft der reifen Moderne wird nur dann eine humane und demokratische Gesellschaft sein können, wenn sie die Arbeit und die Genussmöglichkeiten gerechter verteilt,  wenn sie beide Ziele, die Befreiung von der Arbeit und die Befreiung der Arbeit verfolgt und die Räume der Selbsttätigkeit für alle erweitert.

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Teil I: Die ersten vier Thesen zur „Neuen Kultur der Arbeit“




1 Kommentare:

A. Siemoneit

A. Siemoneit am 01. Februar 2012 um 14:13 Uhr

Lieber Herr Strasser,

in schönen, klaren Worten beschreiben Sie die Sinnkrise der Arbeit und des Konsums sowie die „Privilegierung des Maschinensektors“ durch ein strukturell veraltetes Sozialsystem. Da stimme ich Ihnen voll und ganz zu. Allerdings habe ich den Eindruck, dass Sie einige „moderne Entwicklungen“ gewissermaßen als gottgegeben hinnehmen und darauf Ihre Argumentation aufbauen:

- Arbeit ist meistens eine Last, und Befreiung von Arbeit ein wünschenswertes Ziel.
- Rationalisierung und Automation schreiten ungebremst fort, eröffnen aber auch „utopische“ Möglichkeiten (insbesondere über das Internet).

Beide Punkte möchte ich gerne hinterfragen.

Die Last der Arbeit ist hier und heute selten eine körperliche, sondern eher die „Last des geringen Sinns“:

- Die Ausrichtung an den langweiligen (Kapital-)Interessen der Arbeitgeber und Auftraggeber.
- Eine hochkomplexe Arbeitsteilung, so dass der Prozess nicht mehr greifbar ist, Anfang und Ende nicht mehr sichtbar sind. Die immer feinere Spezialisierung führt zu Monotonie und ist obendrein eine der Ursachen für immer längere Fahrten zum passenden Arbeitsplatz, was viele Menschen stark belastet.
- Eine Entsinnlichung durch die Entfernung von „Natürlichem“: Manuelle Geschicklichkeit, Materialgefühl, Erfahrung, soziales Gespür, vielseitige körperliche Bewegungen, Gerüche, Geräusche haben Seltenheitswert. Büro, Maschine und Computer werden zum Standardarbeitsplatz.
- Das Eindringen von Marketing und Werbung, also fast gewaltsamer Überredung der Konsumenten, in jeden Winkel des Erwerbslebens zwingt immer mehr Arbeitende zur Unaufrichtigkeit.

Die Liste ließe sich fortführen. Es gibt sehr viele Arbeiten, die keine Last sind, sondern sehr zufrieden machen (sogenannte „Berufe“), nur haben sie in der Welt der Rationalisierung und Automation an Bedeutung verloren, und damit sind wir beim zweiten Punkt: Wodurch wird der Maschinensektor (und insbesondere das Internet) noch privilegiert? Durch eine völlig aus dem Ruder gelaufene Energie- und Materialschlacht. Praktisch jede moderne Produktivitätssteigerung, jede Produktinnovation, die gesamte Mobilität basieren auf neuem Energie- und Materialverbrauch, und sowohl die Gewinnung als auch die Rückstände sind eine gigantische Hypothek auf die Zukunft.

Die Überwindung der Krise der Arbeit lässt sich somit gar nicht trennen von der Frage der ökologischen Nachhaltigkeit. In einem nachhaltigen System fallen meines Erachtens die Voraussetzungen weg, die Sie derzeit stillschweigend akzeptieren. Daher ist die erste Frage nicht „Was wollen wir?“, sondern „Was ist überhaupt langfristig nachhaltig möglich?“ Die sich daraus ergebende Arbeitswelt wird möglicherweise nicht das Paradies des Vier-Stunden-Tages sein. Aber sie könnte wieder zufrieden machen.

Herzliche Grüße
Andreas Siemoneit


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